Es ist schon wieder eine ganze lange Zeit lang her seit meinem letzten Bericht. Dieser kleine Beitrag soll darüber Aufschluss geben, warum dem so war. Enthalten sind auch einige andere Aspekte, die nicht viel weniger mit meinem vorübergehenden Fernbleiben zu tun haben.
Letzten Samstag um 9:00 Uhr morgens hatte ich mein Examen für den kommerziellen Führerschein in den USA. Die sogenannte "Commercial Driver License" - die zu der Zeit als ich das Deutsche Equivalent 1984 gemacht hatte "Klasse Zwei" hieß. Ein Lastwagenführerschein. Mit dem darf ich jetzt alles über 26,001.00 Pounds (11.793,86 Kg) fahren - ausgenommen gefährliche Güter, Tanklastwagen und viele Leute in grossen Bussen. Diese "Endorsements" ("Ergänzungen") sind aber mit wesentlich weniger Aufwand zu erhalten. Im Moment ist die Personenbeförderung jedoch die einzige Ergänzung an der ich Interesse habe.
Obwohl ich den deutschen Führerschein der Klasse Zwei seit 1984 hatte, musste ich ihn hier neu erwerben. Wofür ich aber auch Verständnis habe. Viele Dinge und Technologien haben sich in den letzten 41 Jahren verändert. Manche sind auch Amerika spezifisch. Zu meiner deutschen Zeit gab es auch keine Lastwagen mit automatischem Getriebe. Die sind hier nun aber schon fast Standard. Meine CDL ist deswegen auch auf "automatisches Getriebe" limitiert. Durch sechzehn Gänge zu schalten ist aber auch nicht so erstrebenswert. Automatisch hat schon was, gerade bei Lastwagen.
Die CDL Schule bestand aus 160 Stunden - eine Woche Theorie und drei Wochen Praxis. Theorie wurde an der Südwest Florida Hochschule und die Praxis auf dem Gelände des kommunalen Verkehrsbetriebes unterrichtet - beides in Fort Myers. Das bedeutete jeden Tag eine Stunde Hinfahrt und eine Stunde Rückfahrt. Der gesamte Lehrplan fand von 7:00 Uhr morgens bis 16:00 Uhr nachmittags statt. Dafür musste ich um 4:45 Uhr raus aus der Koje und kam nicht vor 17:00 Uhr zurück. Hierzu sei zu bemerken das ich immer noch auf einem Pferdegestüt arbeite. Das mache ich seit Dezember 2023. Ich wohne in einem Wohnwagen und dafür muss ich eine bestimmte Anzahl an Stunden arbeiten. Wenn das geschehen ist, bekomme ich Geld für diese Stunden ausgezahlt. Was gerade so reicht für Essen, Telefon und Dinge des täglichen Bedarfs.
Die Schule wurde durch ein staatliches Programm finanziert. Es gibt in den U.S.A. eine Versorgungskrise durch einen akuten Mangel an Lastwagenfahrern. In der vorherigen Regierung wurden illegalen Migranten kommerzielle Führerscheine ausgestellt - ohne das diese Leute English sprechen konnten. Oder auch wirklich einen Lastwagen fahren. Die Zahl der Unfälle mit tödlichem Ausgang ist drastisch gestiegen in den letzten Jahren. In der Mehrheit der Fälle waren illegale Einwanderer ohne Kenntnisse der Englischen Sprache, oder Lastwagen spezifischen Verkehrsschildern für die Unfälle verantwortlich. Aus diesem Grund hatte die neue Regierung strikte Kontrollen eingeführt ("English Language Proficiency Test" - "Prüfung der Englischen Sprachkenntnis") und führt diese auch seit Anfang des Jahres landesweit durch. Mit der Folge, daß ein maßgeblicher Teil an Lastwagenfahrern aus dem Verkehr gezogen wurden. Was wiederum den akuten Mangel an Fahrern nur verschärfte. Als Folge darauf sind die Stundenlöhne und Gehälter für kommerzielle Lastwagenfahrer drastisch gestiegen. Was auch ein Grund für mich war mit 65 Jahren diesen Schritt zu machen. Im Durchschnitt kann man als Lastwagenfahrer jetzt zwischen fünftausend für lokale Transporte und achttausend für Fernverkehr im Monat verdienen.
Obwohl die Schule subventioniert wurde, musste ich für alle anderen Kosten aufkommen. Das waren in erster Linie Benzin, Autoversicherung, Lebensmittel und so weiter. So gut es ging, habe ich nach der Schule noch auf dem Gestüt gearbeitet. Mehr als zwei bis zweieinhalb Stunden waren aber nicht zu machen. Also habe ich mir Geld geliehen um die Schule zu Ende bringen zu können. Das arbeite ich jetzt auch ab. Aufgrund meiner Lebensgeschichte sieht es bei mir mit Rente finster aus. Ich habe in Deutschland nur wenige Jahre auf Lohnsteuerkarte gearbeitet. Meistens war ich entweder freiberuflich tätig, oder selbständig. Ich bin auch noch nicht in der Lage gewesen nach Miami zu fahren um auf der Deutschen Botschaft in meiner Rentenangelegenheit vorzusprechen. Obwohl ich auch weiss, daß sich Deutschland ja jetzt gar keinen Luxus leisten kann - wie Grundrente an Baby-Boomers auszuzahlen die nicht genügend eingezahlte Jahre nachweisen können. Was aber in meinem Falle sowieso nie möglich war. Als autistischer Mensch bin ich nur da gelandet wo ich jetzt bin. Mit lebenslang als Beamter, oder Angestellter war da nix. Ist aber jetzt auch egal, weil mittlerweile keiner mehr von seiner Rente mehr leben kann. Oder eben nur Politiker und Beamte. Der gewöhnliche Mensch hat ja heutzutage überall Schwierigkeiten mit der Inflation mitzuhalten.
Da sind dann die $ 5.000,-- auch relativ. Nach Steuern bleiben da vielleicht noch $ 3.000,-- übrig. Wohnraum ist ja auch hier unbezahlbar geworden. Heute habe ich da mal nachgeschaut wo der Hase im Pfeffer sitzt. Das ist jetzt nicht repräsentativ für meine ganze Region hier in Südwest Florida, aber für Naples, wo die gesteckten ihren Alterssitz haben.
Alles in allem ist alles einfach nur noch verrückt. Auf der einen Seite gibt es die Idee mit 65 in Rente zu gehen und sich denn dem Lebensabend zu widmen. Da habe ich zwar nie dran geglaubt, aber für die Generation meiner Eltern klappte das noch. Meine Mutter, die jetzt auch noch Witwenrente durch meinen Vater bezieht, kann damit die Unterbringung in einem Pflegeheim für demenzkranke begleichen. Obwohl sie das ja auch nicht mehr selber regeln kann. Sie ist ja seit zwei Jahren entmündigt und Vater Staat hat sich ihrer angenommen. Meine älteren Geschwister sehen auch keine Notwendigkeit da etwas zu unternehmen. Was wiederum Einblick gibt in den Umstand, daß man gar nicht wissen kann wie sich die Zeit vor dem Abgang gestaltet. Man verdrängt das ja gerne und meint man hätte ja noch Zeit sich darum zu kümmern. Das sehe ich aber heute auch ganz anders. Mit 65 kommt man dem Ende schon sehr nahe. Da gibt es welche die sagen: "Ach ja, aber Du kannst doch noch zehn schöne Jahre haben, oder nicht?" "Oder nicht?" wären dann ja noch weniger. Aber auch mit zehn Jahren kann ich nur sagen "Was sind denn zehn Jahre bitte"? Die sind doch ruckzuck weg. Die kann man fast schon an zwei Händen abzählen - wie oft man da noch ins Bett geht und morgens wieder aufsteht. Und dann kommt ja auch noch diese völlig durchgeknallte Welt hinzu. Was da jetzt alles so vonstatten geht dreht einem den Magen um. Bei mir ist es ja eher der Schlaf um den ich mich beraubt fühle jeden morgen. Gepaart mit der morgendlichen Einsicht, daß ein normales Leben ja überhaupt nicht mehr möglich ist. Auch wenn ich viele dieser gutgemeinten Aufmunterweisheiten in meinem Email Posteingang sehe. Ich kann damit immer weniger anfangen wenn ich das mit den Nachrichten abgleiche. Zu wissen, daß unschuldige Menschen ausgelöscht werden, mit töten Geld verdient wird, die Entvölkerungsnummer auf Hochtouren läuft - ist dem Wohlbefinden wie Salz auf die Wunde.
Was sind schon zehn Jahre? Lass es zwanzig sein. Die sind auch ganz schnell vorbei. Das ist wie von 2005 zu "jetzt". Auf meinem Substack arbeite ich gerade an einer Hommage über die letzten zehn Jahre - in denen mehr passiert ist als in den fünfzig Jahren davor. Subjektiv betrachtet. Eins steht aber fest: von 2015 bis heute war wirklich wie der Hauch eines Bisons auf der winterlichen Steppe in Nord Dakota. Flüchtig. Wie eine Sternschnuppe ohne Wunsch. Weg ist sie. Ich bin aber immer noch hier und krebse immer noch herum. Seit vorletzten Samstag nun auch mit kommerziellem Führerschein. Mit dem ich mich morgen beim Bezirksschulamt um eine Stelle als Schulbusfahrer bewerben werde. Das ist gleich um die Ecke. Mit Kindern und Tieren konnte ich schon immer gut. Die mögen mich, weil ich nichts von ihnen erwarte. Und sie so akzeptiere wie sie sind. Was im Bus natürlich nicht so gut geht - aber Geschichten aus der Lava werden immer gerne genommen. Abenteuer in Hawai'i. In Südamerika. Tolle Zeiten in Berlin. Mit der Rente wird es wohl nicht so toll klappen, aber Lebensgeschichten habe ich wie wenige andere. Die habe ich auch vor zu erzählen. Schreiben ist ja mein Ding schon immer gewesen. Und als Schulbusfahrer geht das besser als auf dem Gestüt, wo man eigentlich Eigentum der Besitzer ist wenn man da im Wohnwagen wohnt.
Gottseidank habe ich aber jetzt wieder einen fahrbaren Untersatz. Diesen habe ich auf einer Auktion erstanden. Es ist meine erste Katze auf vier Rädern und ausser mir wollte sie niemand haben. Natürlich ist sie nicht ohne Spuren und Eigenheiten. Sie ist ja auch schon einundzwanzig Jahre unterwegs. Und beim Kilometerstand muss ich mir auch immer erst noch klarmachen das es Meilen sind und nicht Kilometer. Da nähere ich mich der sechsten Erdumrundung. Unfassbar, wirklich. Aber sie schnurrt wie meine lebendigen Wohnwagentiger. Speziell Tiger ist ja sehr vokal - vor allem in den frühen Morgenstunden. Was mich auch fast um den Verstand gebracht hätte als ich um viertel vor fünf aufstehen musste. Bemerkenswert finde ich jetzt auch, daß ich intensive Träume habe - von der Lastwagenschule und darüber das ich schon überall herumfahre im Traum. Und zwar photorealistisch. Ganz ohne KI.
Hoffentlich erreicht meine Aktualisierung - die ja alles andere als vollständig ist, aber noch werden kann - in bester Verfassung. Die Zeiten in Deutschland sind ja auch nicht mehr so berauschend wie sie einmal waren als "jung" noch ein passendes Attribut für meinereiner war. Also alles Gute und bis bald mit Neuigkeiten aus Südwest Florida, wo die Wirbelsturm Saison gerade auf Hochtouren kommt.
Ich nenne sie Sheeba - Nach meiner ersten Katze
Autor mit ungiftiger Schlange von Tiger gefangen
Schlangenfänger "Tiger" (vorne) "Melange" und "Milou - One Eye Brown, One Eye Blue"