In meinem Beitrag zur Schwefelquelle hatte ich auf ein seltsames Kartenzeichen hingewiesen und Aufklärung versprochen. Hier noch mal in einem anderen Ausschnitt:
Daten von OSM unter OBdL
So sieht es in Böhmen im Winter aus.
Jeder, der schon mal über die deutsch - tschechische Grenze in Richtung Landesinneres gefahren ist, ist mit einiger Sicherheit an solchen Bauten vorbeigekommen. Meist wird er sie nicht wahrgenommen haben. Bei den Grenzbewohnern gibt es unterschiedliche Interprataionen, um was es sich handelt. Mehrheitlich werden sie als deutsche Bunker aus dem 2. Weltkrieg gedeutet. An dieser Stelle eine kurze Erklärung über Sinn, Zweck und Bauherr. Als grobe Übersicht, denn einigermaßen vollständig geht es bei so einem Bauprojekt in einem kleinen Artikel nicht.
Deutschland rüstete nach Hitlers Machtergreifung nicht nur verdeckt, sondern immer offener auf, entgegen der Festlegungen rund um Versailles. An eine baldige Umkehr des Prozesses war nicht zu denken, Hitlers Macht schien gefestigt. Unter diesen Bedingungen begann man sich in der Tschechoslowakei Mitte 1934 ernsthaft Gedanken über einen Festungsbau zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit zu machen. Die bisherigen Maßnahmen mit einer schlagkräftigen Armee und modernen Waffen erschien nicht mehr ausreichend. Die französischen Verbündeten schlugen vor, diese Festungslinie auf der Basis der französischen Maginot- Linie zu errichten. Man begann mit den entsprechenden Planungen, stellte jedoch sehr bald fest, dass es nicht genügend qualifiziertes Personal für diese Aufgabe im eigenen Land gab. Frankreich stellte daraufhin erfahrene Kräfte für Planung und Bau zur Verfügung, die schon an der Maginot- Linie mitgearbeitet hatten. Man entschied sich erwartungsgemäß, ein modifiziertes Modell der Maginot- Linie rund um das Land zu errichten und nicht nur wie in Frankreich an nur einem Grenzabschnitt des Landes. Von den rund 3000 km Grenzlinie der Tschechoslowakei wurden nur die rund 200 km zu Rumänien als unproblematisch angesehen. Der "Rest" sollte gesichert werden. Ein Mammut- Projekt, was erhebliche Ressourcen binden würde. In mehreren Ausbaustufen entstanden zwischen 1935 und 1938
- eine Bunkerlinie (teils auch bis zu drei Linien hintereinander) in 5 bis 15 km Tiefe hinter der Grenzlinie aus genormten Bunkern (rund 15.000 Stück)
- Vorfeldbefestigungen (Brücken zur Sprengung vorbereitet, Drahtsperren)
- Festungsbauten in Form sogenannter Werkgruppen an besonders gefährdeten Stellen
Damit wähnte man sich auf der sicheren Seite. Die Verteidigungslinie war bis 1938 weitgehend fertiggestellt, kam aber - Ironie der Geschichte - nie ernsthaft zum Einsatz. Das Gebiet der Tschechoslowakei fiel weitgehend kampflos an Deutschland.
Die meisten Bauten, denen man heute begegnet, gehören also zur oben genannten Bunkerlinie. Wegen der außergewöhnlichen Form werden sie im Volksmund "Ohrenstände" genannt. Es gibt verschiedene Bauarten, die aber auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden sind. Hier der Grundriss der Bauform A-160:
Quelle: OKH, Denkschrift über die tschecho-slowakische Landbefestigung, NfD, Berlin 1941
freundseitiger Anblick auf ein restauriertes Objekt
Der freundseitige Eingang, verschlossen mit einer Gittertür, mündet in einem kleinen Raum. Von dem es geht es rechts durch eine Stahltür in den eigentlichen Kampfraum. "Platz" ist dort für 7 Soldaten, also eine Gruppe. Ausgestattet war so ein Bunker mit zwei Maschinengewehren und den dazugehörigen Scharten, einer Eingangsverteidigung mit einer Scharte Richtung Vorraum, einem Periskop und einer handbetriebenen Lüftung. Zur rückwärtigen Sicherung gab es noch zwei Rohre, durch die man Handgranaten nach draußen werfen konnte. Kommunikationsmittel waren nicht installiert, auch elektrischen Strom gab es nicht. Feindseitig (also auf Seite der "Ohren") befindet sich keine Öffnung am Bunker, sondern eine Steinschüttung.
Eingangsverteidigung zum Vorraum und Zugang
Die seltsame Bauart rührt daher, dass die Bunker für Flankenfeuer vorgesehen sind. Normalerweise würde man ja erwarten, dass auf den heranrückenden Gegner gefeuert wird. Bei der tschechoslowakischen Landbefestigung funktioniert das anders. Die ist auf Flankenfeuer ausgelegt. Man wartet, bis sich der Gegner auf Höhe der Linie befindet und feuert dann. Das ist mit einigen Vorteilen, allerdings auch mit handfesten Nachteilen verbunden.
Je nach Wichtigkeit des Gebietes wurden die Bunker in bis in drei aufeinanderfolgenden Linien gebaut. Im Abschnitt der Karte oben waren es zwei Linien.
Der Kampfwert der Linie ist (auch unter Berücksichtigung der Zeit der Entstehung) recht gering. Natürlich boten die Bauten Schutz vor Handfeuerwaffen. Viel mehr war auf Grund der Materialstärken aber nicht drin. Einem Beschuss mit schwereren Waffen hält der Bunker nicht stand, auch ein Unterschießen und Kippen des Bunkers ist problemlos möglich. Durch das Flankenfeuer mit begrenzten Schusswinkeln ist die Zeit, einen Durchbruch zu verhindern, recht kurz.
Bunker direkt an der E9. So einfach sind die nicht zu entdecken.
Bleibt noch die Frage nach den kryptischen Bezeichnungen auf der OSM- Karte. Nehmen wir den M2/14/A-160, der sich direkt an der Straße befindet. M2 kennzeichnet den Abschnitt, zu dem der Bunker gehört. 14 ist die Kennzeichnung des Standortes im Abschnitt. Gezählt wird im Uhrzeigersinn freundseitig. Es handelt sich also um den 14. Bunker des Abschnitts M2. Und er steht in der ersten Linie. 214 würde bedeuten, er findet sich in der zweiten Linie. A-160 ist die Bauart.
Wer einmal nach CZ fährt: Einfach mal ansehen...