Renaturierung auf Kosten der Natur!
Ich war dieses Wochenende wiedermal Joggen. Mein Weg führt immer an der Wertach in unserer Stadt entlang. Eigentlich ein schönes Gebiet. Die Wertach hat man zumindest nicht komplett abgeholzt um mehr Raum zu schaffen, und so ist dort ein schönes Stück Natur mit einem Stadtwald, das vielen Tieren eine kleine Oase in der Stadt bietet.
Zumindest bis jetzt.
Jetzt wird die Renaturierung fortgeführt.
Ich bin sehr erschrocken als ich an einem kleinen Eck ankam, an dem früher wirklich schöne alte große Bäume standen. Zwischen Wertach und einem Kanal der dort zusammenfließt ist ein kleiner sehr netter Biergarten und dahinter fängt eigentlich der Wald an. Ca 100 Meter, dann kommt eine Autobrücke und danach geht der Wald weiter.
Jetzt sind da nur noch abgesägte Baumstämme und eine brache Fläche von Nichts.
Die Stadt hat aber eine Erklärung dafür.
Im Zuge der Renaturierung und des Hochwasserschutzes mussten diese Bäume leider sterben.
Schön, kein Wohnhaus weit und breit. Die nächsten Schrebergärten sind ca. 200 Meter von entfernt hinter einem Damm. Das kleine Stück zwischen dem Kanal und der Wertach ist unbewohnt und keinen würde es stören, wenn dieser mal für ein paar Wochen unter Wasser wäre. Wohl am wenigsten würde es die Bäume stören.
Ein Stamm, oder zumindest der Rest davon, liegt noch dort.
Der Stumpf geht mir bis zur Brust, also ist er im Querschnitt ungefähr 1,2 Meter dick gewesen. Zu zweit hätte man ihn kaum umfassen können. Ich habe bei 200 Ringen aufgehört zu Zählen. Also dürfte er wohl die 200 Jahre locker dort gestanden haben. Er hat die Cholera überstanden, den ersten Weltkrieg und die Bombennacht von Augsburg im zweiten Weltkrieg. Er wusste in seiner Anfangszeit noch nichts von elektrischen Sägen oder Autostrassen die neben ihm entstehen könne. Also hat es sich diesen Platz ausgesucht.
Dieser Baum und seine Nachbarbäume haben es geschafft, hier lange ohne Probleme zu überleben und zu wachsen. Aber eine Renaturierung konnten diese Bäume natürlich nicht kommen sehen.
Es ist doch irgendwie seltsam, das der Mensch etwas der Natur zurückgeben will, in dem er die Natur zerstört.
Haben wir den überhaupt nichts gelernt? Arnheim ist doch gar nicht so lange her?
Es ist doch schon klar, dass die Ursache die Rodung der Wälder waren, da das Wurzelwerk und die jungen Bäume die Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnten.
Diese Bäume können nun keinen Schutz mehr vor Hochwasser geben.
Renaturierung????? Das bedeutet wohl, die Natur so zu gestalten wie der Mensch es gerne hätte. Nicht wie die Natur das vorgesehen hat. Wir Menschen wissen es wie immer besser.
Wahrscheinlich kommt aber in dieses kleine Stück Ex-Wald eine Hütte hin, mit Betonpflaster und Kunstrasen, damit wir die Natur auch genießen können. Das da dort aber keine richtige Natur mehr ist, merkt man erst danach.
Ich war fassungslos und den Tränen nahe als ich das gesehen habe. Man wird diese Bäume und den Baum nie wieder berühren können. Erst mit etwas Glück vielleicht die 6te Generation nach uns. Dann könnte wieder ein neuer Baum 200 Jahre alt sein und dort stehen.
Aber glaubt das wirklich jemand?
Ich schätze das nächstes Jahr ein paar Touris an diesem Ort auf einem Plastikstuhl sitzen, und sich sagen: "Mei ist es hier schön. So ein herrlicher Platz zwischen zwei Flüsse."
Der Platz hat aber dann mal einem Baum gehört der sich nicht wehren konnte.