Die Banken und die Inflation
Die verhängnisvolle Finanzwirtschaft die das Deutsche Reich seit Jahren treibt indem es die Löcher in seinem Kriegs- und Revolutionshaushalt mit Papiergeld stopft, hat ein starkes Sinken des Geldwerts zur natürlichen Folge. Die Kaufkraft der Bevölkerung wächst nicht auf dem normalen Wege der aus einer erhöhten Leistungsfähigkeit entspringt sondern wird künstlich dadurch aufgetrieben, dass das Reich die Güterbezugsrechte die ihm niemand freiwillig abtreten will und die es gewaltsam nicht zu nehmen wagt mit angemaßter Schöpferwillkür aus dem Nichts erschafft.
Infolgedessen treten nicht steigende Gütermengen einer Kaufkraft gegenüber, die gleichfalls steigt indem sie sich aus der Gütererzeugung heraus organisch bildet, sondern es stürzt sich eine gewaltig vermehrte Kaufkraft auf eine Gütermenge die sich nicht entsprechend vermehrt; denn wenn auch der Zuwachs an Kaufkraft die Erzeugung anreizt und absolut verstärkt, so lähmt er andererseits doch wieder die produktive Energie der Volksschichten denen er besonders zugute kommt, so dass der geometrischen Progression der Notenschöpfung bestenfalls eine arithmetische Progression der Erzeugung gegenübersteht. Daher der zunehmende Seltenheitswert der Güter der sich an der Überfülle der Kaufkraft gemessen in steigenden Preisen d.h. sinkendem Geldwert äußert.
Was das Geld an Wert Intensität verliert das gewinnt es freilich an Menge Extensität. Die Schöpfung immer neuer Papiergeldmassen wäre also harmlos wenn der Prozess sich überall in gleichmäßigem Grade und Tempo auswirken würde, weil dann jeder einzelne an Geldmenge mindestens so viel gewänne wie ihm an Geldwert verlorengeht. Das ist aber nicht der Fall. Die neuen Geldmassen gehen nur auf einzelne Schichten der Bevölkerung hernieder. Sie entheben auch nur einzelne Schichten der Notwendigkeit des Geldopfers das gebracht werden müsste wenn der Staat sich das benötigte Geld auf dem normalen Wege der Steuer und der Anleihe statt dem der Geldschöpfung beschaffen würde. Erst nach längerer Zeit und unter Kämpfen vermag der größere Teil der Bevölkerung sich in den Mitbesitz des neuen Geldes zu setzen. Aber auch dann noch entspricht die Repartierung der Kaufkraft in keiner Weise der Einkommensverteilung vor Beginn der Inflation. Es hat eine völlige Neuklassifizierung stattgefunden und zwar nach einem Schlüssel der weder der sozialen noch der ethischen Gerechtigkeit Genüge tut, sondern sich nach den jeweiligen wirtschaftlichen oder politischen Machtverhältnissen richtet.
Es ist eine Art modernen Faustkampfes der über die Neuverteilung von Vermögen und Einkommen entscheidet. Aber über der Gunst und Ungunst der zahllosen Einzelschicksale über dem kaleidoskopischen Gewirr von bürgerlichen Tragödien, Komödien und Satirdramen die dem Tageskampfe um die Neuverteilung entspringen, erhebt sich als alles beherrschende Tendenz die Steigerung der Preise und Umsätze. Ohne Rücksicht auf den Anteil den der einzelne an der Zunahme der Gesamtkaufkraft hat, setzt sich das zunehmende Missverhältnis zwischen dieser Kaufkraft und der ihr gegenüberstehenden Gütermenge in eine Steigerung aller Ziffern um. Die neu an den Markt kommende, dem eben geschaffenen Gelde entspringende Nachfrage steigert die Preise, die Preissteigerung erhöht die Gewinne und mit der Zeit die Löhne deren Zunahme treibt die Preise weiter aufwärts multipliziert den Marktwert aller Güter auch wenn sie dem Markte tatsächlich fernbleiben und schlägt sich zu einem ständigen Wachstum der meisten Einkommen und Vermögen nieder.
Auf jedem Rundgang den die neue Kaufkraft durch die Wirtschaft macht, schwellen die Ziffern an bis sie dem jeweiligen Verhältnis zwischen der aufgetriebenen Kaufkraft und der gar nicht oder langsam wachsenden Gütermenge entsprechen. Und auf jedem Rundgange passieren neue Geldmassen durch die Institute hindurch die der Verwaltung Verteilung und Verwertung alter und neuer Kaufkraft dienen bis auch hier die Ziffern sich jenem Verhältnis und damit dem Inflationsgrade angepasst haben; es sei denn, dass unter dem Einfluss besonderer Momente wie Mißtrauen, Abneigung gegen Mitwisserschaft, Furcht vor Beschlagnahme zeitweilige Abwanderung nach dem Auslande usw. ein Teil der Gelder die gewohnten Kanäle meidet.
In Deutschland ist die Übereinstimmung zwischen dem Inflationsgrad und den Geldern die auf kürzere oder längere Zeit durch die Bücher und Kassen der Banken gehen noch nicht erreicht. Gegenüber einer Geldschöpfung in ungefährer Höhe des fünfzehnfachen Vorkriegsumlaufs haben sich die fremden Gelder bei den Berliner Großbanken auf etwa das Achtfache bei den Provinzialbanken auf allerhöchstens das Vierfache bei den Kreditgenossenschaften und Sparkassen in noch geringerem Umfange erhöht. Das liegt zum Teil an den eben angedeuteten Momenten des Mißtrauens und der Furcht vor Beschlagnahme und Besteuerung, die große Notenmengen in unkontrollierbare Verstecke treiben zum Teil an der wüsten Weltspekulation in deutscher Valuta, die viele Milliarden Noten im Auslande festhält und an der belgischen und französischen Politik, die das gleiche tut um Deutschland demnächst die Rechnung darüber zu präsentieren.
Die Tendenz geht zwar ersichtlich in der Richtung einer Ausgleichung zwischen Inflationsgrad und Bankdepositen und verleiht den Eigenkapitalien der Banken, deren Rente mit jeder Vervielfachung der Depositen automatisch wächst, den Charakter eines besonders gearteten Realobjekts, dessen Wert sich mit jedem neuen Stadium der Inflation ziffernmäßig erhöht. Zurzeit aber sind die Bankdepositen noch recht weit von der Niveaugleichheit mit der Notenmenge entfernt. Das hat sehr bemerkenswerte Folgen für die deutsche Volkswirtschaft. Ständen die fremden Gelder der Banken heute bereits auf Inflationsfuss so würde das Missverhältnis das zwischen Nachfrage und Angebot besteht und sich in Inflationspreisen äußert durch eine verstärkte Tätigkeit der Industrie gemildert werden können. Die Banken könnten dann nämlich die Kredite die sie der Industrie vor dem Kriege zu gewähren pflegten in einem entsprechenden Vielfachen zur Verfügung stellen, so dass die Teuerung der Rohmaterialien der Löhne der Frachten usw. die Industrie nicht hindern würde ihre Produktion auszudehnen und der aufgeblähten Nachfrage ein immerhin erhöhtes Angebot gegenüberzustellen. Die Inflation würde in diesem Falle ihre verhängnisvollen Wirkungen bis zu einem gewissen Grade selbsttätig mildern. Die von ihr ausgehende uferlose Nachfrage die man heute mit Höchstpreis, Rationierung, Absatzregelung usw. vergeblich einzudämmen sucht, würde zu einem Antrieb verstärkter Erzeugung und technischer Vervollkommnung werden. Sie würde einen allgemeinen Fortschritt auslösen und auf diese Weise der durch währungspolitische Gründe hervorgerufenen Preissteigerung durch die natürlichen Gegenmittel der Arbeit, Mechanik und Erfindungsgabe Halt gebieten bevor das Inflationsniveau vollständig erklommen wäre. Da aber die neugeschaffene Kaufkraft den Markt vielfach unter Umgehung der Banken aufsucht, diese mithin nicht in der Lage sind der Industrie Mittel in einem der Inflation voll entsprechenden Umfange zuzuwenden, so können Mehrarbeit und technische Vervollkommnung der Teuerung nur in unzureichendem Maße entgegenwirken.
Es kommt als weiterer Übelstand hinzu, dass die Banken, die den industriellen Ansprüchen nur mit Auswahl genügen können, ihre Gunst nicht nach Maßgabe der Würdigkeit sondern nach dem Gebot ihrer eigenen Interessen vergeben, mithin den größten Bekanntesten und ihren Instituten Nächststehenden zuwenden, woraus sich eine Hypertrophie des Großunternehmertums auf Kosten der Betriebe normaler Größe ergibt.
Tatsächlich klagt denn auch die deutsche Industrie durch den Mund ihrer berufenen Vertretungen über empfindlichen Kreditmangel, obwohl sie geldlich heute insofern in einer verhältnismäßig günstigen Lage ist als der Verkehr mit ihren Abnehmern sich meist auf dem Prinzip der Barzahlung aufbaut.
Es wird sich aber kaum vermeiden lassen dass mit der Wiederkehr normaler Geschäftsverhältnisse und eines freien Wettbewerbs der Produzenten längere Fristen sich zwischen Lieferung und Zahlung schieben werden und dass dann die Industrie gezwungen sein wird ihrerseits Zwischenkredite in Anspruch zu nehmen, die den Inflationspreisen entsprechend das Vielfache der früheren Kredite ausmachen. Dann erst wird das Versagen der Banken in vollem Umfange fühlbar werden.
Heute stehen wir noch am Anfange der bedeutungsvollen Verschiebungen die sich notwendig daraus ergeben müssen dass die Banken trotz des rein ziffernmäßigen Anschwellens ihrer Gelder doch nicht entfernt dieselbe Anziehungskraft auf die Geldmassen ausüben wie vor dem Kriege. Dass die fremden Gelder der Banken heute nicht auf Inflationsfuss stehen und wohl noch geraume Zeit nicht auf ihm stehen werden, würde aber an und für sich noch nicht so schwerwiegende Folgen für die deutsche Wirtschaft haben, wenn nicht der mindestens ebenso wichtige Umstand hinzuträte, dass die Leistungen der Banken auch hinter dem nach Lage der Dinge möglichen Umfange weit zurückbleiben.
Die Banken stellen der Industrie und dem Handel nicht nur absolut auf Goldmark umgerechnet sondern auch im Verhältnis zur Summe ihrer verfügbaren Mittel nicht entfernt die Gelder zur Verfügung wie vor dem Kriege. Und zwar geschieht das deshalb nicht, weil der größere Teil der Bankgelder für die Bedürfnisse des Reichs reserviert wird. Der genaue Betrag des Kredits den die Banken dem Reiche gewähren indem sie seine Schatzwechsel ankaufen ist nicht bekannt. Man weiß indes, dass der Gesamtbestand an Schatzwechseln mindestens zwei Drittel des Wechselportefeuilles der Banken ausmacht und vermutet sogar vielfach, dass er sich noch weit höher beziffert. Von den 39 Milliarden Mark fremden Geldern über welche die acht Berliner Großbanken Ende 1919 verfügten, dürften damals schon schätzungsweise 15 bis 17 Milliarden M. in Schatzwechseln angelegt gewesen sein; heute ist der Betrag sicherlich ein noch ungleich höherer.
Die Gelder die auf diesem Wege dem Reiche zugewendet worden sind, fehlen notwendig an anderer Stelle und in erster Linie ist es der Industriekredit der von dieser Ablenkung in Mitleidenschaft gezogen wird. Das ist eine in den jüngsten Verhandlungen des Reichswirtschaftsrats nicht einmal gestreifte dennoch aber sehr bedeutsame Ursache dass die Preise vieler Fabrikate, auch solcher aus rein deutschen Rohstoffen, weit über das durch die Inflation gerechtfertigte und erzwungene Preisniveau gestiegen sind. Es fehlt der Industrie die Möglichkeit zu Massenproduktion und gesundem Wettbewerb, weil die Bankmittel nur für die wenigen industriellen Spitzenreiter nicht aber für das Gros der Werke ausreichen; es fehlt ihr an der Möglichkeit zur Vornahme technischer Verbesserungen und Erweiterungen um die Betriebe auf der Höhe der Leistungsfähigkeit zu erhalten. Infolgedessen bleibt die Produktion gering und minderwertig auch da wo kein sachlicher Grund sie an der Ausdehnung und Vervollkommnung hindert.
Die Generalunkosten einschließlich des Gewinnanspruchs die auf eine große Erzeugungsmenge verteilt das einzelne Fabrikat nicht allzu schwer belasten würden, müssen für eine unrationell kleine und schwerfällige Produktion aufgewendet werden und verteuern jedes der wenigen Erzeugnisse weit über das durch Lohn- und Materialkosten Gerechtfertigte hinaus. Nun gibt es allerdings einen Gesichtspunkt unter dem es nicht nur statthaft, sondern sogar erwünscht erscheinen könnte, dass die Gelder die sich als Niederschlag der Inflation bei den Banken sammeln, nicht der Industrie sondern dem Reiche zufließen. Dieser Gesichtspunkt ist nicht etwa der vaterländische; denn die staatsbürgerliche Pflicht jede private Geldverwendung zurückzustellen solange der Reichsbedarf nicht gedeckt ist, besteht seit dem Kriegsende nicht mehr. Es handelt sich vielmehr um währungspolitische Erwägungen.
So schlecht es auch um die Weltgeltung der deutschen Mark bestellt ist, ihr Wert würde vermutlich ein noch weit schlechterer sein, wenn nicht ein großer Teil des Reichsbedarfs mit Hilfe der Banken aus den bereiten Mitteln des Kapitalmarktes gedeckt worden wäre. Denn dann hätte das Reich die Notenpresse noch ungleich stärker in Anspruch nehmen müssen als es tatsächlich geschehen ist. Unter dem Gesichtswinkel der Preisgestaltung würde es also der deutschen Wirtschaft nichts genützt haben, wenn viele Milliarden der Industrie, statt dem Reichssäckel zugeflossen wären. Denn der höhere Inflationsgrad zu dem es dann gekommen wäre, würde die Preise mit so unwiderstehlicher Gewalt in die Höhe gedrückt haben, dass alle physische und technische Mehrproduktion zu der die Industrie befähigt gewesen wäre, dagegen nicht hätte aufkommen können. Quantitativ würde Deutschland allerdings einer besseren Bedarfsversorgung gegenübergestanden haben als jetzt.
Aber der Enteignungsprozess der das eigentliche Wesen jeder Inflation ausmacht, weil durch sie private Kaufkraft zwangsweise, wenn auch unvermerkt, auf den geldschaffenden Staat übertragen wird, hat eine so tiefgehende soziale Umschichtung im Gefolge, dass nicht die Bevölkerung als Ganzes, sondern immer nur eine privilegierte Schicht aus der absoluten Zunahme der Produktion Nutzen zieht. Diese Argumentation beruht aber auf zwei Voraussetzungen von denen es mindestens fraglich ist, ob sie wirklich zutreffen. Die erste Voraussetzung ist dass die Gelder, welche die Banken dem Reiche überlassen, das letztere tatsächlich und für die Dauer der Notwendigkeit entheben die Notenpresse in entsprechendem Masse in Gang zu setzen. Die andere Voraussetzung ist, dass eine etwaige Weigerung der Banken dem Reiche in größerem Umfange beizuspringen dieses unbedingt in die Zwangslage versetzen würde, seine Zuflucht zur Notenpresse zu nehmen. Nun geht aber schon aus der Methode der Finanzierung des Reichsbedarfs deutlich hervor, dass die Banken ihre Gelder immer nur auf kurze Frist und mit der ausdrücklichen Bedingung hergeben, sie notfalls auch schon vor Ablauf dieser Frist zurückzufordern. Die Schatzwechsel, welche die Banken ankaufen, verfallen längstens nach einem Vierteljahr oft schon ein bis zwei Monate nach dem Tage an dem die Banken sie von der Reichsbank übernehmen. So sind beispielsweise in der ersten Augusthälfte mehrere Milliarden Mark Schatzwechsel die bereits Ende September fällig werden, von der Reichsbank auf die Privatbanken übergegangen. Es handelt sich in diesem Falle um einen Kredit von 6 bis 7 Wochen den die Banken dem Reiche gewähren und auch das nicht einmal unwiderruflich; denn es steht den Banken jederzeit das Recht zu, die Schatzwechsel bei der Reichsbank zu rediskontieren, also den Kredit aufzukündigen, wobei ein kleiner Zinsverlust für sie entsteht der eine Art Reugeld darstellt. Tatsächlich ist an allen Quartalsterminen zu beobachten, dass die Banken fällig werdende Schatzwechsel zur Einlösung präsentieren und noch nicht fällige Schatzwechsel in großem Umfange zum Rediskont einreichen.
Neuerdings sucht das Reich durch Ausgabe von Schatzanweisungen die ein Jahr lang laufen, eine Kreditpolitik auf etwas längere Frist zu betreiben. Es kann sich aber auch hier nicht dagegen schützen, dass die Anweisungen während ihrer Laufzeit bei den Darlehnskassen zur Bevorschussung eingereicht werden, der Kreditvertrag also praktisch vorzeitig aufgehoben wird. Immer dann aber wenn eine solche Kreditkündigung größeren Umfanges erfolgt, sieht das Reich bzw. die kasseführende Reichsbank sich in die Zwangslage versetzt, zur Deckung der laufenden Bedürfnisse und zur Befriedigung der Schatzwechselpräsentanten, die bisher geschonte Notenpresse in verdoppeltem Umfange in Anspruch zu nehmen. Nicht nur jeder Quartalstermin, sondern auch jeder politische oder wirtschaftliche Zwischenfall wird so zur Ursache eines vollkommenen Wechsels in der Finanzpolitik des Reichs und man ist nicht berechtigt zu sagen, das Reich habe einen wirklichen nachhaltigen Vorteil davon, dass die Banken der Industrie viele Milliarden Inflationsgelder vorenthalten um sie dem Reiche auf stündlichen Widerruf zu überlassen. Sollen diese Kredite die Finanzwirtschaft des Reiches wirksam stützen, so müssen sie auf irgendeine Weise fundiert der Kündigungsgefahr entzogen werden. Das geht aber nicht ohne weiteres an; denn die Depositen aus denen sich die Kredite rekrutieren stehen ihrerseits zum weitaus größten Teil zur täglichen Verfügung der Bankgläubiger, müssen also flüssig erhalten werden. Gerade dieser Zwang zur Liquiderhaltung der fremden Gelder bildet ja den Angelpunkt der Bankenpolitik und den hauptsächlichen Grund für die Bevorzugung der jederzeit rediskontablen Schatzwechsel vor den ungleich schwerer zu liquidierenden festen Industriekrediten. Will das Reich mit dem bedenklichen Prinzip der schwebenden Schuld brechen und zur langfristigen Anleihe übergehen, so wird es auf andere Kapitalquellen zurückgreifen müssen als auf die kurzfristigen Bankdepositen.
Wie steht es nun um die zweite Voraussetzung unter der die Überlassung von Bankgeldern an das Reich grundsätzlich gutzuheißen wäre, dass nämlich das Reich noch tiefer in die Inflation hineinsteuern würde, wenn ihm jene Gelder vorenthalten würden? Man darf hier nicht ohne weiteres von der Praxis, welche die Reichsbank heute bei plötzlich eintretender Massenrediskontierung von Schatzwechseln befolgt, auf das Verfahren schließen, welches das Reich bei völligem Fehlen der Bankgelder beobachten würde. Für die Ersetzung von Bankkrediten die plötzlich und in unberechenbarem Umfange gekündigt werden, gibt es kaum ein anderes Mittel als die Notenpresse. Woher sollte wohl die Reichsbank sonst die Milliarden nehmen die ihr an den Quartalsterminen und bei eintretender politischer Spannung entzogen werden und von denen niemand weiß, ob sie ihr nach Tagen nach Wochen oder überhaupt jemals wieder zufließen werden? Es ist eben das Verhängnis der schwebenden Schuld in jedem Lande mit unkonsolidierten Verhältnissen, dass sie eine Ergänzung durch die Notenpresse unvermeidlich macht. Ganz anders aber steht es um die Finanzpolitik eines Landes das von vornherein darauf verzichtet, den nach Dauer und Umfang so völlig unberechenbaren Kredit der Banken in Anspruch zu nehmen. Ein solches Land gelangt außerordentlich schnell an die Grenze der Schatzwechselwirtschaft und ist dann gezwungen sich nach anderer Deckung für seinen Finanzbedarf umzusehen.
Im reichen England dem alle Märkte der Welt offenstehen, gilt ein Schatzwechselumlauf von mehr als einer Milliarde Pfund Sterling bereits als ein bedenkliches Symptom und als eine schwere Belastungsprobe für den Geldmarkt. Ist England an die Grenze von 1000 bis 1100 Millionen Pfund gelangt, so steht es vor der Wahl ob es weitere Ausgaben durch Anleihen und Steuern decken, oder ob es sie unterlassen soll. So wird die enge Begrenzung der Schatzwechselwirtschaft nicht zu einem Anreiz künstlicher Geldschöpfung, sondern zu einem Warnungssignal und zu einem Förderer sparsamer Wirtschaft. Dagegen ist Deutschland heute bei etwa 130 Milliarden Mark schwebender Schuld angelangt, weil seine Banken sich ihm ständig als Abnehmer von Schatzwechseln anbieten teils für eigene Rechnung teils als Kommissionäre für in- und ausländisches Kapital; und sofern der Zufluss von Inflationsgeldern bei ihnen anhält, sind die Banken auch in Zukunft bereit immer neue Milliarden zur Deckung des Reichsdefizits herzugeben. Diese Aussicht ist in keiner Weise geeignet die deutsche Reichsregierung an die Sparsamkeit zu gewöhnen die heute die erste Pflicht jedes seiner Ministerien sein sollte. Das Reich gerät im Gegenteil durch die Leichtigkeit mit der jeder auftauchende Bedarf mit Schatzwechseln und deren Ergänzung der Notenpresse befriedigt werden kann in eine fatalistische und abenteuernde Finanzpolitik hinein. Auf diesem Wege des Leichtsinns ist nicht die Notenpresse, sondern die Geldhergabe durch die Banken der eigentliche Schrittmacher.
Jeder Finanzminister stutzt wenn er die an ihn gestellten Forderungen nur mittels neuer Massen Papiergeldes befriedigen kann. Dagegen erblickt er in der Inanspruchnahme kurzfristigen Kredits eine Zwischenstufe zur fundierten Anleihe und somit einen durchaus gangbaren Weg. Wenn dieser Weg später nicht zur Anleihe, sondern zur Notenpresse führt, so sind daran äußere Umstände schuld für die er sich nicht verantwortlich fühlt. Die Schatzwechselkredite der Banken hemmen also die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft ohne den Reichsfinanzen wirklich zu nutzen. Deshalb wird die Reichsregierung gut daran tun, sobald als möglich zu einer neuen Methode der Geldbeschaffung überzugehen und zwar zu einer Methode welche die Inflationsgelder an einer anderen Stelle abfängt als bei den Banken und dies mittels fundierter Anleihen. Sie deckt dann ihren Bedarf nicht mehr aus solchen Geldern die eine feste Anlage vermeiden wollen und sich gerade deshalb bei den Banken sammeln, sondern aus dem Rest der Inflationsgelder der den Banken aus irgendeinem Grunde fernbleibt. Durch günstige Zinsbedingungen, Steuerbenefizien und nötigenfalls Garantien bei denen allerdings die Zustimmung der Entente erforderlich wäre, lässt sich ein großer Prozentsatz dieser Gelder für das Reich einfangen. Freilich nicht so viel um eine Zwangsanleihe überflüssig zu machen.
Es ist heute kaum eine Frage mehr, dass Deutschland angesichts seiner enormen schwebenden Schuld und seiner noch ungedeckten Verpflichtungen nach innen und außen ohne Zwangsanleihe nicht auskommen kann, selbst wenn ihm auf den bevorstehenden Finanzkonferenzen in Brüssel und Genf eine große Auslandsanleihe bewilligt werden sollte. Aber jeder Weg der Deutschland den offenen Staatsbankrott erspart, ist besser als der jetzt begangene der dem deutschen Wirtschaftsleben die Mittel vorenthält, deren es zu seinem Wiederaufbau so dringend bedarf. Die Banken freilich werden vor einer ernsten Frage stehen, wenn das Reich ihnen die vielen Milliarden freigibt die sie heute in seinen Schatzwechseln angelegt haben. Denn diese Anlageart entspricht rein banktechnisch angesehen dem heutigen Charakter der Bankdepositen in ausgezeichneter Weise und ist schwer durch andere Anlagen zu ersetzen. Der kaufmännische Wechsel bietet zwar in bezug auf Liquidität annähernd dieselben Vorteile wie der Schatzwechsel; nicht ganz dieselben weil er im Gegensatz zum Schatzwechsel nicht unbegrenzt, sondern nur bis zu einem von der Reichsbank festgesetzten Höchstbetrage rediskontierbar ist. Aber er entspricht nicht dem gegenwärtigen Bedürfnis des deutschen Erwerbslebens zu dessen Gunsten die Freigabe der Schatzwechselgelder ja erfolgen würde. Mit Dreimonatskrediten ist der Industrie heute noch weit weniger gedient als vor dem Kriege da die Aufblähung aller Preise keine vorübergehende Erscheinung, sondern von Dauer ist und eine entsprechende Erhöhung des Anlagekapitals nötig macht. Allerdings können sich auch sehr langfristige Kredite in die Form von Dreimonatswechseln kleiden die bei Fälligkeit immer wieder durch neue Wechsel abgelöst werden. Angesichts der starken Fluktuationen der Bankdepositen aber, die entsprechende jähe Änderungen in der Kreditpolitik der Banken zur Folge haben, ist dieser Paternosterkredit wie man den gleichsam über eine endlose Kette von kurzen Krediten laufenden Dauerkredit nennen kann, viel zu gefährlich um die Grundlage für die Wirtschaft der Wiederaufbauzeit abzugeben. Die Industrie braucht in dieser Zeit der Unsicherheit auf den Gebieten der Preise, der Valuta und daher jeglicher Kalkulation mehr als je die Gewähr dass sie wenigstens hinsichtlich des verfügbaren Kapitals mit einer fester Größe rechnen kann.
Daraus ergibt sich für die Banken ein ganz bestimmtes Programm sowohl für das Aktiv- wie das Passivgeschäft. Der Wechselkredit hat, sobald die Schatzwechselübernahme der Privatausleihung Platz macht gegenüber dem festen Anlagekredit, zurückzutreten. Damit das möglich wird ohne die Liquidität der Banken zu gefährden, muss versucht werden das Missverhältnis zwischen den unbefristeten täglich rückforderbaren und den befristeten Depositen zu beseitigen derart, dass die Banken in der Hauptsache über Termingelder und nur nebenher über Scheckgelder verfügen. Dies Resultat lässt sich auf verschiedene Weise erzielen. Reicht die Zinspolitik die das nächstliegende Mittel darstellt für diesen Zweck nicht aus, so wird für die Banken die Frage akut ob sie nicht die österreichische Methode der industriellen Bankobligation adoptieren und damit auf die Urform des crédit mobilier zurückgreifen sollen, wie es schon vor mehr als zehn Jahren Hecht und Sonntag vorgeschlagen haben.
Was damals wegen der notorischen Überfüllung des deutschen Erwerbslebens mit Kredit unbedingt abzulehnen war, ist heute angesichts der durch die Inflation so gänzlich veränderten Verhältnisse zum mindesten eingehender Prüfung wert. Jedenfalls hat die deutsche Industrie das Recht von den Banken, nicht nur Kredit schlechthin zu fordern, sondern auch einen Kredit der so geartet ist, dass nicht jede zufällige Abnahme der kurzfristigen fremden Bankgelder als Krisis auf die Industrie zurückwirkt. So erwachsen für die Banken aus der Inflation ganz neue Probleme und neue wichtige Aufgaben, mit denen der 5. Bankiertag der im Oktober einberufen werden soll, hoffentlich nicht vergessen wird sich eingehend zu beschäftigen.
Wirkliche Hilfe in der gegenwärtigen Inflationsnot kann dem deutschen Wirtschaftsleben nur dadurch kommen, dass der Kreislauf des Geldes sich unter führender Mitarbeit der Banken wieder in alter Weise schließt. Versickern große Bruchteile der immer noch wachsenden Geldmenge außerhalb der Kreditorganisation und des natürlichen Verteilungsplans der autonomen Wirtschaft, so kann weder eine Reichswirtschaftsbank noch ein anderes Kunstgebilde den Schaden heilen.
Quelle: Lansburgh, Alfred. „Die Bank“, Heft 2, 1920, Seite 555-564
https://zenodo.org/record/5115892 (hier nur in unbearbeiteter Rohform von Jan Greitens zur Verfügung gestellt)