Drei Blickwinkel auf Persönlichkeit: DISG, Naturelle und Reiss
Wenn wir Menschen verstehen wollen – uns selbst und andere – hilft es, aus verschiedenen Richtungen auf Persönlichkeit zu schauen. In diesem Beitrag nutze ich drei Modelle, die sich gut ergänzen: DISG, die physiognomischen Naturelle und das Reiss Motivation Profile.
Sie beantworten grob drei unterschiedliche Fragen:
- DISG: Wie verhalte ich mich typischerweise – besonders im Kontakt mit anderen?
- Naturelle: Was sagt mein Körperbau und mein Ausdruck über meine Grundausrichtung im Leben?
- Reiss: Was treibt mich innerlich an – meine tiefsten Motive und Lebensmotive?
Um das greifbar zu machen, stelle ich erst die Modelle kurz vor – und danach lernst du „Michael Sunshine” kennen.
DISG: Wie wir in Aktion gehen
Das DISG-Modell beschreibt vier grundlegende Verhaltensstile:
- D – Dominant: direkt, durchsetzungsstark, entscheidungsfreudig.
- I – Initiativ: kontaktfreudig, begeisterungsfähig, kommunikativ.
- S – Stetig: geduldig, harmoniesuchend, loyal.
- G – Gewissenhaft: analytisch, präzise, qualitätsorientiert.
Niemand ist nur ein Buchstabe. Die meisten Menschen haben eine Kombination, mit einem oder zwei Schwerpunkten.
Ein kleines Beispiel:
- Eine starke D-Person sagt im Meeting: „Lasst uns eine Entscheidung treffen.”
- Eine starke I-Person sagt: „Wie begeistert das die Leute?”
- Eine starke S-Person fragt: „Wie geht es dem Team damit?”
- Eine starke G-Person will wissen: „Haben wir alle Fakten geprüft?”
Physiognomische Naturelle: Was unser Körper und Ausdruck verraten
Die Naturelle-Lehre geht auf den deutschen Naturphilosophen Carl Huter (1861–1912) zurück und wurde u.a. von Wilma Castrian und Eva Dahle (physiognomics.com, Berlin) weiterentwickelt. Sie geht davon aus, dass Körperbau, Gesichtszüge, Haltung und Bewegungsstil Hinweise auf unsere grundlegende Persönlichkeitsausrichtung geben.
Vereinfacht unterscheidet sie drei Grundtypen:
- Das dynamische Naturell: tatkräftig, willensstark, umsetzungsorientiert – der Typ, der anpackt und gestaltet.
- Das Empfindungs-Naturell: feinfühlig, wahrnehmungsstark, innerlich reich – der Typ, der tief erlebt und stark auf Atmosphären und Menschen reagiert.
- Das ökonomische Naturell: strukturiert, ressourcenbewusst, klug abwägend – der Typ, der plant, Systeme baut und Energie gezielt einsetzt.
Das ist kein Schubladendenken und keine „harte” Wissenschaft, sondern ein Blickwinkel: Wie zeigt sich Persönlichkeit im Körper – in Haltung, Bewegungsstil, Mimik und Ausstrahlung?
Ein Beispiel:
Jemand, der schnell und lebhaft spricht, viel mit den Händen gestikuliert und eine wache Mimik hat, wird meist anders wahrgenommen als jemand, der ruhig, sparsam in der Bewegung und eher zurückgenommen wirkt – selbst wenn beide dasselbe sagen.
Reiss Motivation Profile: Was uns innerlich antreibt
Das Reiss Motivation Profile beschreibt 16 Lebensmotive, die uns antreiben – zum Beispiel:
- Macht (Einfluss nehmen),
- Unabhängigkeit (Autonomie),
- Ordnung (Struktur und Klarheit),
- Familie (Fürsorge, Verbundenheit),
- Anerkennung,
- Essen,
- Ruhe,
- Neugier,
- Ehre, Idealismus, Status, und andere.
Jedes Motiv kann stark ausgeprägt, durchschnittlich oder eher niedrig sein. Entscheidend: Es gibt kein „richtig” oder „falsch”. Es erklärt, warum zwei Menschen in derselben Situation völlig unterschiedliche Entscheidungen treffen – und sich beide stimmig fühlen.
Ein Beispiel:
- Für jemanden mit hohem Motiv Ordnung ist ein klar strukturierter Tag entspannend.
- Für jemanden mit hohem Motiv Freiheit kann derselbe Plan einengend wirken.
Michael Sunshine: Eine fiktive Person mit realem Kern
Damit das Ganze nicht abstrakt bleibt, lernst du jetzt Michael Sunshine kennen.
Wir schauen uns Michael Sunshine nacheinander an:
- seinen Verhaltensstil (DISG),
- seine Ausstrahlung und seinen „Typ” (Naturelle),
- und seine Motive (Reiss).
Michael Sunshine im DISG
Michael ist im DISG ein klarer I-Typ mit einer leichten D-Tendenz.
Das zeigt sich so:
- Er kommt in einen Raum und ist schnell im Kontakt mit Menschen. Er lächelt, fragt, erzählt, knüpft Verbindungen.
- Er begeistert sich leicht für Ideen und Projekte – und steckt andere mit seiner Energie an.
- Gleichzeitig hat er eine Prise D in sich: Wenn er von etwas überzeugt ist, will er es umsetzen, Entscheidungen treffen, Dinge anschieben.
Ein typischer Moment mit Michael:
Im Meeting ist er derjenige, der sagt: „Lasst uns das ausprobieren – ich habe da schon ein Bild im Kopf!” Er moderiert, vernetzt, holt andere ins Boot. Wenn es zu lange im Theoretischen bleibt, wird er ungeduldig: „Können wir das konkret machen?”
###Michael Sunshine als Naturelle-Typ
Michael ist im Wesentlichen ein ökonomisches Naturell – mit einer leichten Beimischung des dynamischen Naturells.
Das ökonomische Naturell zeigt sich in seiner Grundausrichtung: Er denkt in Systemen, wägt ab, plant voraus und setzt Energie gezielt ein. Er wirkt nach außen strukturiert und besonnen – auch wenn er innerlich viele Ideen gleichzeitig verarbeitet. Das dynamische Naturell erklärt die Prise Antrieb und Durchsetzungskraft, die man bei ihm spürt: Er ist kein reiner Stratege im stillen Kämmerlein, sondern geht auch in die Umsetzung, nimmt Fahrt auf, wenn er von etwas überzeugt ist.
Seine Körpersprache:
∙ Er bewegt sich zielgerichtet und mit einer gewissen Ökonomie der Gesten – nichts ist übertrieben, alles hat seinen Platz.
∙ Sein Blick ist wach, neugierig, oft leicht schmunzelnd.
∙ Er hat eine Präsenz, die sagt: „Ich bin da” – ohne laut schreien zu müssen.
Man nimmt ihn wahr als jemanden, der gleichzeitig Struktur und Spielraum mag: nicht steif, aber auch nicht völlig „egal, wie”.
Michael Sunshine im Reiss Motivation Profile
Bei Michael stechen ein paar Motive deutlich hervor:
- Freiheit / Unabhängigkeit: Er will entscheiden können, wie er arbeitet, lebt, seine Zeit einteilt.
- Individualität: Er möchte seinen eigenen Stil finden, nicht einfach nur „Norm” ablaufen.
- Ordnung (flexibel): Er mag Systeme und Klarheit, aber angepasst an ihn – nicht dogmatisch.
- Essen: Genuss ist für ihn ein wichtiger Teil von Lebensqualität.
- Familie eher im Sinne von gewählter Verbundenheit als klassisches Rollenmodell:
Er lebt seit Jahrzehnten in einer stabilen Partnerschaft, weil sich diese Verbindung stimmig anfühlt – nicht, weil „man das eben so macht”.
Wie sieht das im Alltag aus?
- Er arbeitet am liebsten in Projekten, bei denen er Gestaltungsspielraum hat. Zu viel Vorgabe im Detail bremst ihn.
- Er baut sich Strukturen (z.B. Tools, Routinen), aber passt sie immer wieder an, wenn sich sein Leben verändert.
- Essen ist für ihn mehr als Nahrungsaufnahme: ein Moment der Pause, des Teilens, des Erlebens.
- In seiner Beziehung ist er verlässlich und treu, aber die beiden definieren ihre Partnerschaft auf ihre eigene Art – mit gegenseitiger Freiheit und Respekt.
Das ganze System an einer Person: Wie die drei Modelle zusammenspielen
Spannend wird es, wenn man die drei Modelle zusammen auf Michael Sunshine schaut:
- DISG erklärt, wie er sich typischerweise verhält: initiativ, kommunikativ, antreibend, mit etwas Durchsetzungsstärke.
- Naturelle zeigt, wie das im Auftreten und in der Körpersprache wirkt: lebendig, zugewandt, präsent, aber nicht überdreht.
- Reiss erklärt, warum er so entscheidet wie er entscheidet: weil Freiheit, Individualität, flexible Ordnung und Genuss für ihn zentrale Motive sind – und Bindung für ihn eher gewählt als „Pflichtprogramm” ist.
Ein kurzer Alltagsschnitt mit Michael:
Er steht morgens auf und mag einen gewissen Rahmen: eine Art Morgenroutine, ein wiederkehrendes Muster. Aber er braucht darin Freiheit – jeden Tag identisch wäre ihm zu starr.
Er plant seinen Arbeitstag so, dass:
- es einen roten Faden gibt,
- er aber noch genug Raum für spontane Ideen, Gespräche oder Richtungswechsel hat.
Mittags geht er nicht nur „schnell tanken”, sondern nimmt sich zumindest einen Moment, bewusst zu essen. Vielleicht probiert er gern Neues aus oder hat sein „Geheimlokal”, wo er sich wohlfühlt.
In seiner Partnerschaft ist er seit über 35 Jahren mit seiner Frau zusammen. Für viele sieht das nach klassischer Stabilität aus. Für ihn fühlt es sich nach gewählter, freier Verbundenheit an: Sie bleiben beieinander, weil sie das wollen – nicht weil eine äußere Rolle es verlangt.
Was du daraus für dich mitnehmen kannst
Michael Sunshine ist „fiktiv „– aber seine Kombination aus Verhaltensstil, Körperausdruck und Motiven ist sehr realistisch. Und vielleicht erkennst du auch bei dir:
- Wie verhalte ich mich typischerweise (DISG)?
- Wie wirke ich äußerlich und in meiner Präsenz (Naturelle)?
- Welche inneren Motive treiben mich wirklich an (Reiss)?
Keines der Modelle ist „die Wahrheit”. Aber zusammen bieten sie eine Art Landkarte, um dich selbst besser zu verstehen – und dein Leben so zu gestalten, dass es zu dir passt.
Denn am Ende geht es genau darum:
Nicht in ein Modell zu passen, sondern dein Leben so zu leben, dass es deiner Persönlichkeit entspricht – jetzt, nicht irgendwann später.