Im Artikel über die (desinformative) Verschwörungstheorie, dass die CIA den Begriff "Verschwörungstheorie" erfunden haben soll, habe ich kurz erwähnt, dass schon Karl Popper in seinem Buch "Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde" das Thema diskutiert habe. Ich selbst versuche den Begriff wertneutral zu verwenden. Schließlich gibt es belastbare Theorien über Verschwörungen und solche, die nicht belegbar sind, die also eher dem entsprechen, was heute gemeinhin unter dem Begriff verstanden wird - nämlich sowas wie "paranoider Unfug". Karl Popper verwendet den Ausdruck eher im heutigen Sinn. Er bezeichnet den Glauben an Verschwörungen als eine Art Aberglaube, vergleichbar mit dem antiken Glauben an Götter (da ich nur die englischsprachige Ausgabe als PDF habe, zitiere ich auf englisch):
The belief in the Homeric gods whose conspiracies explain the history of the Trojan War is gone. The gods are abandoned. But their place is filled by powerful men or groups—sinister pressure groups whose wickedness is responsible for all the evils we suffer from—such as the Learned Elders of Zion, or the monopolists, or the capitalists, or the imperialists.
Heute würde man vielleicht vom "Patriarchat" sprechen, also der Verschwörung alter weißer reicher Männer, die Frauen und Farbige unterdrücken würden. Vertreter dieser Theorie finden sich im Bundestag in allen Parteien, speziell links und ganz weit links der Mitte.
Popper fährt fort:
I do not wish to imply that conspiracies never happen. On the contrary, they are typical social phenomena. They become important, for example, whenever people who believe in the conspiracy theory get into power. And people who sincerely believe that they know how to make heaven on earth are most likely to adopt the conspiracy theory, and to get involved in a counter-conspiracy against non-existing conspirators. For the only explanation of their failure to produce their heaven is the evil intention of the Devil, who has a vested interest in hell.
Er sagt also, dass es durchaus Verschwörungen gäbe, ja sie sogar ein weit verbreitetes soziales Phänomen seien. Wichtig würden sie dann, wenn Leute, die an die Verschwörungstheorie glauben, an die Macht kommen. Leute, die aufrichtig glauben, dass sie wüssten, wie man den Himmel auf Erden errichten könne, seien besonders dafür anfällig.
Conspiracies occur, it must be admitted. But the striking fact which, in spite of their occurrence, disproves the conspiracy theory is that few of these conspiracies are ultimately successful. Conspirators rarely consummate their conspiracy.
Verschwörungen finden also durchaus statt und er nennt im Buch zahlreiche Beispiele z.B. aus dem alten Griechenland, aber was den Glauben an Verschwörungen (im negativen Sinne) widerlege sei der Umstand, dass die Verschwörer selten ihre Verschwörung vollenden, also zum Erfolg bringen.
Das ist in meinen Augen kein besonders überzeugendes Argument, aber ich weiß nicht, an was für gescheiterte Verschwörungen er da gerade denkt. Popper scheint sagen zu wollen, dass die Gesellschaft weniger planbar ist, als es dir Verschwörer gerne hätten. Da stimme ich durchaus zu, allerdings hält das die Verschwörer ja nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen ("It was not real Socialism").
In einem Aufsatz mit dem Namen "The Conspiracy Theory of Society" (leider weiß ich nicht, wann der geschrieben wurde), schreibt er folgendes über zwei reale aber dennoch aus seiner Sicht erfolglose Verschwörungen:
I think that the people who approach the social sciences with a ready-made conspiracy theory thereby deny themselves the possibility of ever understanding what the task of the social sciences is, for they assume that we can explain practically everything in society by asking who wanted it, whereas the real task of the social sciences is to explain those things which nobody wants—such as, for example, a war, or a depression. (Lenin’s revolution, and especially Hitler’s revolution and Hitler’s war are, I think, exceptions. These were indeed conspiracies. But they were consequences of the fact that conspiracy theoreticians came into power—who, most significantly, failed to consummate their conspiracies.
Ich finde, man kann durchaus darüber streiten, ob Lenin oder Hitler so erfolglos waren. Auch wenn viele ihrer Ideen heute begrifflich modern reframed wurden, finde ich, dass ihre Denke leider noch erstaunlich populär ist. Sozialismus - also die Gegenverschwörung gegen die angebliche Verschwörung der Ausbeuter - (eine Denke, die Popper übrigens nicht Marx, sondern "Vulgär-Marxisten" anlastet), scheint mir immernoch sehr populär zu sein und die Aversion gegenüber der freien Marktwirtschaft, die als Verschwörung reicher Bonzen gegen den armen kleinen Mann gesehen wird, ist absolut mehrheitsfähig.
Der KGB-Überläufer Anatoly Golitsyn, der die Verschwörungstheorie vertreten hat, an die ich auch glaube, nämlich dass "Perestroika" und "Glasnost" nur Tricks gewesen seien, um den Westen in Sicherheit zu wiegen, hat in seinem Buch "Der Perestroika Betrug" von "messianischer Besessenheit" gesprochen:
Seit der Jahrhundertwende haben die russischen Kommunisten drei große Strategien entwickelt. Die gemeinsame Essenz dieser Strategien war die messianische Besessenheit zur Machtergreifung in Rußland, Erringung des kommunistischen Weltsieges und die Errichtung einer totalitären, egalitären Gesellschaft.
Möge Karl Popper recht behalten und der "Weltoktober" niemals kommen (auch nicht in Form einer angeblich benevolenten Weltregierung, die uns vor Viren schützt). Dummerweise sind diese Herrschaften sehr geduldig und arbeiten über Generationen an ihrer Utopie.
Siehe dazu auch: