Annalena Baerbock setzte mit ihrem Auftritt vor dem Eiffelturm gleich eine eigene Duftmarke - streng nach 1940 riechend.
Ein neues Deutschland, das sich mit seiner neuen Außenministerin auf eine ganz neue Art präsentiert. Unübersehbar war das das Zeichen, das Annalena Baerbock bei ihrem ersten Auslandsbesuch setzen wollte. Die junge Grüne ließ ihren Wagenkonvoi direkt vor dem Eiffelturm halten. Der mitreisende Fotograf der Nachrichtenagentur DPA bekam der Schuss seines Lebens präsentiert: Annalena Baerbock in dem roten Kleid, das die Vertreterin einer ernstgemeinten Nachhaltigkeit auf ihrer ersten Dienstreise als Deutschlands höchste Diplomatin auch später in Brüssel noch tragen wird, vor dem Eiffelturm.
Schöne alte Bilder aus Paris
Baerbock zeigt sich als stolze Eroberin Frankreichs. "Schöne neue Bilder aus Paris", freut sich das im politischen Berlin gelegentlich als Reichsnachrichtendienst verspottete SPD-nahe Redaktionsnetzwerk Deutschland und greift in die sexistische Klischeekiste: Baerbock habe "in rotem Kleid und schwarzen Stiefeln eine gute Figur" gemacht vor dem Wahrzeichen der französischen Hauptstadt. "Viele werden sich freuen über die schönen neuen Bilder aus Paris", so der RND, "sie gehören zu den ersten Dokumenten des Wirkens einer Frau an der Spitze des Auswärtigen Amts."
Dokumente, die Baerbock selbst strategisch kühl inszeniert hat, um offenbar vom "ersten Morgen im neuen Amt" (RND) einen neuen Ton zu setzen für neue deutsche Ansprüche. Seit Konrad Adenauers Parisbesuch vom 1. Januar 1950, bei dem der erste Bundeskanzler sich gemeinsam mit André Francois Poncet, dem französischen Botschafter in Berlin, beim nachdenklichen gemeinsamen Spaziergang vor dem Eiffelturm hatte ablichten lassen, vermieden es deutsche Kanzler wie deutsche Außenminister über 70 Jahre lang peinlichst, gemeinsam mit dem 324 Meter hohen Eisenfachwerkturm am nordwestlichen Ende des Champ de Mars auf einem Foto zu landen.
Das Mutter aller Eiffelturm-Bilder
| Mutter aller Eiffelturmbilder. |
Annalena Baerbock, die später bei ihrer Vorstellung bei der EU- Kommission in Brüssel gleich noch einen beeindruckenden Einblick in ihre Interpretation der Definition von "fließend Englisch" gab, wusste davon offenbar nichts. Oder sie ignorierte es bewusst. Im ersten Anlauf hebelte die 40-Jährige den Konsens aller Demokraten seit 1949 aus: Niemals ohne Schirm nach London. Niemals in Stiefeln nach Moskau. Und niemals in Erobererpose vor den Eiffelturm in Paris.
Die ausgeschiedene Kanzlerin Angela Merkel hatte sich über 16 Jahre strikt daran gehalten: Mit acht Moskau-Besuchen, 15 Visiten in London, 20 Reisen in die USA und 41 Abstechern nach Paris zeigte sie nicht nur deutlich, welchen Wert ihre Regierung welchem Nachbarn und Partner beimaß, sondern sie ließ auch nie einen Zweifel daran, dass sie aus der Geschichte gelernt hat. So gibt es denn Fotos von Merkel beim inszenierten "Trauermarsch" der politischen Weltelite nach den Terroranschlägen von Paris, es gibt Motive, die sie beim Reden, bei Begrüßungszeremonien und beim Unterzeichnen von Dokumenten zeigen. Provozierend aufzutreten wie Hitler damals im Bildband "Mit Hitler im Westen" wäre der Ostdeutschen aus Hamburg allerdings wohl nie eingefallen.
Annalena Baerbock hingegen geht ihre neue Aufgabe sichtlich unverkrampft an, frei von übertriebener Ehrfurcht vor den sensiblen Gefühlen anderer Völker, souverän und selbstbestimmt in der Wahl ihrer Mittel, neues deutsches Selbstbewusstsein in die Welt zu tragen. Während im EUnrechtsstaat Polen an Geschichte erinnert wird, liefert die zweite grüne Außenministerin in ihrer federleichten Art drastische Kontrastbilder zum Kniefall von Warschau, mit dem Bundeskanzler Willy Brandt vor 51 Jahren den Zorn rechtspopulistischer, rechter und rechtsextremer Kreise heraufbeschworen hatte. In der "fabelhaften Welt der Annalena" (Taz) aber, in der ein solidarischer Journalismus sich als Teil der Problemlösungskompetenz begreift, die die Welt retten muss, fällt das überhaupt nicht auf.