Ohne Abstand, ohne Maske, aber die die Hände waren gründlich gewaschen. Beim ersten Treffen der künftigen Kleinen Koalition, die sich anschickt, den kommenden Kanzler zu wählen, war so vieles anders als in den bleiernen Jahren der Merkel-Ära gewohnt. Drei Männer, eine Frau, zwei Liberale, zwei Grüne, alle aus den alten, demokratisch gestählten Bundesländern - so sieht sie aus, die Zukunft eines Landes, das an Tag drei nach der großen Schicksalswahl auf der Suche nach seiner neuen Mitte ist. Irgendwo ier muss sie doch sein, hat einst ein Liedermacher gesungen, irgendwo hier wird er gefunden werden, der neue Kanzler, rechts oder links, Hauptsache klimaneutral.
Selfie der Kanzlermacher
Das Selfie der vier Kanzlermacher*innen, das recht eigentlich kein Selfie ist, weil es ein dienstbeflissener Mitarbeiternder geschossen hat, zeigt den neuen Geist, der in Berlin regiert. Gemeinsam statt einsam wie Merkel in der Kanzlerwaschmaschine die Pandemie zu fürchten lehrte. Zusammen dem Deltavirus in die häßliche Viertewellefratze lächelnd. Todesverachtend, aber zukunftszugewandt - vier Filter für einen Neuanfang im Zeichen einer Zuversicht, die höhere Inzidenzen weniger fürchtet als zu schnell steigende Spritpreise, zu hhe Verschuldung und einen viel zu langsamen Umbau von Wirtschaft, Verwaltung, Europa, Nato und Genehmigungsbürokratie.
Wo Wissing, Baerbock, Lindner und Habeck als vier Musketiere einer möglichen Machtverschiebung hin zu den Kleinen auftreten, ist die "Zitrus-Koalition" zugange, so benannt nach dem sauren Gesichtsausdruck, den der Anblick der neuen Powerverbindung als regierungssüchtigen Etatisten und freiheitswütenden Ellenbogenmännern allenthalben auslöst. Der Wähler hat gesprochen, wie stets mit gespaltener Zunge, er möcte gewaschen wwerden, aber ohne nassmachen, er sehnt sich nach Führung, aber unter seiner eigenen Leitung, er möchte Klima, aber vor allem endlich besseres Wetter, und er traute dem laschen Laschet die Quadratur des Kreises ebensowenig zu wie der Partei, für die der beliebte Scholz als einer der letzten überlebenden Vertreter der Jahre der Reform-Agenda ins Rennen gegangen war.
Verschwundene Macher im Hintergrund
Die Frauen und Männer im Hintergrund, die Merkel, Schäuble, Altmeier und Braun, sie sind abgetaucht, der Vorhang ist gefallen, die Machtübergabe an die Kleinen in die letzte Phase getreten. Niemand ist es nun gewesen, keiner ist nicht mehr der Deutschen liebster Kanzlerkandidat, sondern das namenlose "auch", auf das Laschet anspielt, wenn er sich selbst attestiert, "auch Fehler" gemacht zu haben. Ein Verlierer, der nur noch gewinnen kann, indem er auf Posten bleibt, bis er zur letzten Hoffnung auf Regierbarkeit wird. Scholz hingegen muss hoffen, genug zu bieten zu haben, dass die beiden Kleinen sich erbarmen und ihm ins Amt verhelfen.
Sieger sehen anders aus als sie alle, die vom Wahlaufgang überraschter zu sein scheinen als vom Umstand, dass es beim maskenlosen Treffen vor dem Eintritt in eine Regierung keinem der Beteiligten einfiel, wenigstens für das Gruppenfoto so zu tun, als sei Corona weiterhin so wichtig, dass Schutzmaßnahmen wenigstens simuliert werden müssten, solange die eben erst verlängerte pandemische Lage von nationaler Bedeutung nicht für beendet erklärt wurde.