Worum es mir in diesem Post geht, ist die erschreckend undifferenzierte, oberflächliche, von Emotionen und Gruppenzugehörigkeitsgefühl (statt objektiv-rationaler Analyse) geleitete Art vieler (der meisten?) Menschen, zu diskutieren.
Als Beispiel diene die Debatte über (vom Bund der Steuerzahler kritisierte, steuerfinanzierte) Ausgaben von 137000 Euro pro Jahr für Außenministerin Baerbocks Visagistin, wobei die Bundesregierung insgesamt 1,5 Millionen Euro für Fotografen und Visagisten aufwendete.
Ausgewählte Twitter-Kommentare
Im Folgenden werde ich einige Kommentare einer auf Twitter entstandenen Diskussion über das Thema und die mir bei ihrer Lektüre durch den Kopf gegangenen Gedanken präsentieren.
Startpunkt sei der Kommentar von @hubertus_knabe:
Nicht zu fassen: "Die #Grünen sind bei den Beauty-Ausgaben an vorderster Front. Das Außenministerium unter Annalena #Baerbock etwa gab 137.000 Euro für eine Maskenbildnerin aus – wohl gemerkt aus Steuergeldern."
Ich selbst hätte wohl versucht, das etwas sachlicher zu formulieren (statt die Einleitung "Nicht zu fassen ..." zu wählen), teile jedoch das Unverständnis über die hohen Ausgaben.
Nun einige Antworten:
@RikeWaldfee unterstützt Baerbock mit den Worten:
Sie ist die Außenministerin und repräsentiert unser Land. Irgendein dahergelaufener Hubert hingegen kann aussehen wie aus der Tonne gekrochen.
Statt also einfach in der Sache zu widersprechen wird zunächst beleidigt "dahergelaufener Hubert ... aus der Tonne gekrochen".
Dann fragte ich mich, ob man tatsächlich 137000 Euro im Jahr ausgeben muss, um nicht "wie aus der Tonne gekrochen" auszusehen? Sieht also die übergroße Mehrheit aller Menschen so aus? Ich dagegen vermute, dass es den meisten Menschen auch ohne enormen Reichtum bzw. Steuerzuschüsse recht passabel gelingt, sich selbst zu duschen, föhnen, kämmen und gegebenenfalls auch einzucremen und schminken. :-)
Und angenommen, ein Politiker hielte einen solch hohen Betrag tatsächlich für nötig, um sich der Aufgabe, Deutschland repräsentieren zu können, als würdig zu erweisen - was spräche dann dagegen, ihn einfach selbst mit eigenem Geld zu zahlen?
Schließlich noch ein letzter Gedanke zur Repräsentationsfunktion von Politikern. Ich persönlich sehe Politiker als ganz gewöhnliche Menschen, denen temporär die Aufgabe übertragen wird, bescheiden dabei zu helfen, die Wünsche des Bürgers in die Tat umzusetzen. Nicht mehr und nicht weniger. Mich befremdet das pompöse Getue (inklusive Militärparaden und Fahnengeschwenke) wenn sich Politiker irgendwo treffen. Es sollten normale Menschen (sofern möglich per kostensparender, umweltfreundlicher Online-Konferenz) sachlich über die jeweils zu lösenden Probleme reden und weder Modenschauen noch Selbstbeweihräucherungszeremonien abhalten.
@Bamberg2017 relativiert:
137K? Nein? Das ist ja nicht einmal 0,1% von dem, was die Union als Nebenkosten bei Spahns Maskendeals ausgegeben hat.
Hierzu kommt mir in den Sinn:
Die 137000 Euro werden nicht dadurch weniger, dass jemand anderes noch mehr Steuergeld verschwendet hat. Entweder sind sie angemessen oder nicht. @Bamberg2017 ist vermutlich ein Anhänger der Grünen und verteidigt somit seine 'Gildenmitglieder' (ja, die Beschäftigung mit Splinterlands bleibt nicht ohne Nebenwirkungen), egal, worum es in der Sache geht.
Diese Art des Messens und Bewertens mit zweierlei Maß ist leider kein Alleinstellungsmerkmal der Grünen. Genauso versuchten CDU- und CSU-Mitglieder die Geschehnisse rund um den erwähnten Maskendeal oder den unredlichen Versuch zu Guttenbergs, sich einen Doktortitel zu erschwindeln, schönzureden (die Liste mit Beispielen aus allen Parteien ließe sich beliebig fortsetzen).
Warum fällt es vielen Menschen so schwer, einfach objektiv zu beurteilen, was jemand getan hat, statt in Abhängigkeit davon zu urteilen, wer es getan hat?
@ErnstAigner schreibt:
Wer den DreXXpress zitiert, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
Ist denn der Informationsgehalt einer Nachricht davon abhängig, von welchem Medium sie übermittelt wird? Solange ihr Inhalt korrekt wiedergegeben wird, sollte das doch keine Rolle spielen! Darüber hinaus hätte eine kurze Internet-Recherche sofort ergeben, dass zahlreiche Medien über die Ausgaben der Bundesregierung für Visagisten und Fotografen berichtet hatten.
Was ist so schwer daran, über das Thema selbst zu diskutieren?
@ErikaGisbrecht fügt dem Ganzen eine weitere Facette hinzu:
Ja weil Baerbock Außenministerin ist und wir in einer extrem sexistischen Welt leben in der Frauen in dieser Position nur erstgenommen werden wenn sie professionelles makeup trage . Da baerbock aber keine Kosmetikerin ist muss sie jemand bezahlen und diese Person fliegt mit.
Angenommen, die Welt wäre tatsächlich so sexistisch ... sollten sich einflussreiche Frauen wie Baerbock diesen Zuständen dann einfach willenlos fügen und mitspielen oder zeigen, dass man sie aufgrund ihres Status unabhängig von ihrem äußeren Erscheinungsbild ernstnehmen muss?
Angela Merkel war sicherlich auch keine Schönheitskönigin, konnte sich jedoch über mangelnden Respekt seitens ihrer männlichen Gesprächspartner nicht beklagen.
Einige Kommentatoren, wie z. B. @JLuetgens, sind anscheinend überaus wohlhabend bzw. großzügig und zahlen gerne hohe Steuern:
Wir wollen gut aussehende Ministerinnen, letztlich haben wir ja keine Prinzessinnen (die wären teurer).
Das über so einen Peanutskram geschrieben wird, bedenklich
Meinem subjektiven Empfinden nach handelt es sich jedenfalls nicht um Peanuts, wenn jemand für eine Visagistin mehr Steuergelder im Jahr ausgibt, als ein Großteil aller Menschen in diesem Zeitraum insgesamt verdient.
Auch @KatharinaLifson hält die Ausgaben für angemessen:
Ich möchte, dass unsere Außenministerin gut aussieht. Gepflegt, angemessen gekleidet etc. Für mich gehen diese Ausgaben voll in Ordnung 🤷🏻♀️
Ich würde die Kommentatorin gerne fragen, ob sie selbst auch gepflegt aussieht und angemessen gekleidet ist? Das dürfte unter der Prämisse, dass dafür 137000 Euro im Jahr nötig seien, eher unwahrscheinlich sein ... :)
@EEBooster setzt zum Vergleich mit der Vergangenheit an:
Na und???
Meinen 'se die Kanzlerin wurde 16 Jahre für umme geschminkt? Kaum!
Das ist erneut eine für mich nur schwer nachvollziehbare Art zu argumentieren: Erstens wäre es selbstredend genauso kritikwürdig, wenn die frühere Kanzlerin ebenso hohe Kosten für eine Visagistin verursacht hätte (inwiefern, würde das die jetzige Kritik entkräften?), und zweitens ist doch die Information leicht zu finden, dass sich die Ausgaben verglichen mit früher deutlich erhöht haben (auch wenn sie m. E. schon immer zu hoch waren)!
Abgesehen davon gibt es eine - sowohl von Baerbock-Unterstützern als auch -Kritikern verfasste - enorme Anzahl an Kommentaren, in denen das ursprüngliche Thema, Steuergeldverschwendung in einem konkreten Fall, überhaupt keine Rolle mehr spielt, sondern einfach pauschal ausgeteilt und verurteilt wird.
Zwei Beispiele:
@b_broili wütet:
Frauen und Grünen Bashing.
Was bist Du nur für ein armseliges Würstchen Für Deinen #Deppentweet verleihe ich Dir den Orden für außergewöhnliche Blödheit
Während @CaPeEbNe, das Diskussionsthema gekonnt umgehend, verallgemeinert:
Die Grünen sind die neue Elite. Überheblich, arrogant besserwisserisch und dabei eigentlich nur strunzdoof.
Fazit
Mein Artikel könnte nun ebenfalls als 'Grünen-Bashing' aufgefasst werden, aber darum geht es mir nicht. Es ist zwar korrekt, dass in meinen Augen die hohen Ausgaben der aktuellen Bundesregierung für Visagisten und Fotografen eine kritikwürdige, inakzeptable Steuergeldverschwendung darstellen.
Dass ich in meinem Post jedoch vor allem die Grünen unterstützende Kommentare aufgrund ihrer Oberflächlichkeit kritisiere, liegt schlicht am von mir herausgepickten Thema.
Ich fürchte (ja, ich bin mir sogar sicher), dass die (meisten) Anhänger anderer Parteien Fehler ihrer Vertreter ebenso eifrig, emotional und unsachlich verteidigen wie die (meisten) Grünen ihre 'Legionsfiguren'.
Auch der 'moderne' Mensch sucht offenbar noch immer Identifikationsfiguren und Gruppen, denen er sich zugehörig fühlen kann, die er unterstützt und verteidigt, egal ob sie im Recht sind oder nicht. Vorgänge sachlich, aus neutraler Perspektive zu analysieren und bewerten, fällt vielen dagegen äußerst schwer.
Wie angenehm objektiv und unvoreingenommen urteilte dagegen doch eine emotional nicht involvierte, hochentwickelte KI ... Aber das ist ein anderes Thema ... :)