Um es gleich vorweg zunehmen: Ich bin kein Freund von pauschalen, plakativen und sicherlich teilweise auch schlicht unfairen Etiketten wie dem im Titel genannten Begriff "Lügenpresse".
Bei der Durchsicht des Angebots der häufig so genannten "Mainstream-Medien", inklusive der "öffentlich-rechtlichen" Rundfunkanstalten, finde ich neben oberflächlich, schlecht recherchiert und einseitig-tendenziös geschriebenen Artikeln, die häufig nur einen Aspekt eines vielschichtigen Themas beleuchten und leider darüber hinaus immer öfter auch hinsichtlich Grammatik, Rechtschreibung und Stil sehr zu wünschen übrig lassen, durchaus auch interessante, lesenswerte, inhaltlich ausgewogene, meinen hohen Ansprüchen genügende Texte.
Es gibt nicht nur "Schwarz" oder "Weiß".
Den "Mainstream" also pauschal zu verurteilen, halte ich für ebenso falsch wie umgekehrt alles was in sozialen Medien, auf privaten Blogs oder Online-Foren veröffentlicht wird, mit leichter Hand als unseriöse "Fake News" abzutun.
Abgesehen davon, dass einerseits im Netz durchaus viel gelogen und ohne belastbare Quellen einfach irgendetwas behauptet wird, Unwahrheiten, die sich zu allem Übel dann oft auch noch rasend schnell verbreiten, betreiben andererseits zahlreiche Blogger (und Vlogger) einen hohen Rechercheaufwand, um qualitativ hochwertige Posts und Videos erstellen und ihre jeweiligen Standpunkte mit aussagekräftigen Quellenangaben untermauern zu können.
Worum es mir heute jedoch geht, ist, an einem Beispiel (einem unter vielen, welches nun aber der Tropfen war, der das Fass zum überlaufen brachte und somit die Entstehung eines neuen Posts triggerte) aufzuzeigen, auf welche Weise sich etablierte Medien ihren durchwachsenen Ruf teilweise selbst hart erarbeiten (wobei es selbstredend unfair wäre, alle Journalisten für das wenig integre Verhalten einer Teilmenge ihrer Zunft mitverantwortlich zu machen).
Negativbeispiel: Artikel des "Blick" über Krypto-Influencer
Es geht um einen Online-Artikel der reichweitenstarken Schweizer Tageszeitung "Blick" über "Krypto-Influencer".
Ich selbst investiere zwar seit geraumer Zeit (2015) in Kryptowährungen und bin von den positiven Auswirkungen von Bitcoin und Blockchaintechnologie auf die menschliche Gesellschaft überzeugt, habe aber selbst nur wenig mit Krypto-Influencern zu tun. Ich gehe davon aus, dass - wie in jedem anderen Bereich auch - große qualitative Unterschiede zwischen den verschiedenen Video-Bloggern bestehen, und das Spektrum der Beiträge vom kaum vermeidbaren unseriösen 'Gehype' durchaus auch bis hin zu sehr informativen und für Neulinge hilfreichen Videos reicht. Dass der "Blick" sich an den Marktschreiern der Branche abarbeitet, war zu erwarten, ist jedoch nicht der eigentliche Kritikpunkt, um den es mir hier geht.
Was mir auffiel, ist folgende Textpassage:
"Laura K. lädt nach einem kurzen Austausch zu einem Videoanruf ein. Dort öffnet sie eine Powerpoint-Präsentation. Eine der ersten Folien richtet sich gegen die Banken. «Dein Geld ist nicht sicher. In einer Krise haben die Banken die Möglichkeit, dein Geld einzubehalten», sagt sie. Eine Aussage, die nachweislich falsch ist."
Wie kommt der Autor bloß dazu, diesen nachweislich falschen Satz zu schreiben? Wie wäre es damit, einfach selbst ein bisschen zu recherchieren, wenn man es nicht besser weiß? Nein, man muss nicht alles wissen, aber dann sollte man nicht anderen eine Falschaussage vorwerfen und sich stattdessen erst einmal informieren! Ich halte es für hochgradig unseriös, der Vloggerin offenbar ohne jede Sachkenntnis eine Falschaussage zu unterstellen! Jetzt wäre mir beinahe das im Titel verwendete Wort aus der Tastatur geschlüpft ...
Belege für die Falschaussage des "Blick"
Selbstverständlich befinde ich mich jetzt in der Bringschuld, den Autor zu widerlegen (ansonsten wäre mein Artikel kein bisschen besser als der des "Blick"). Glücklicherweise ist das aber nicht weiter schwierig:
Ob Banken in einer Krise über die Möglichkeit verfügen, einfach Kunden zu enteignen? Aber klar doch! Man denke z. B. an die Zypernkrise im Jahr 2013. Damals wurde beschlossen, dass dortige Banken denjenigen Anteil der Sparguthaben ihrer Kunden, der über 100000 Euro betrug, einbehalten durften (Ich empfehle dazu den Artikel von "brand eins" "Wir wurden bestohlen").
Was an der Aussage der Influencerin ist also "nachweislich falsch"?
Zypern ist bei weitem nicht das einzige Beispiel dafür, dass Banken ihren Kunden keinen Zugang zu ihrem eigenen Geld gewährten oder ihn zumindest stark erschwerten.
So war es in Griechenland im Jahr 2015 im Rahmen von der Regierung eingeführter Kapitalverkehrskontrollen zeitweilig nur noch erlaubt, pro Tag maximal 60 Euro an Geldautomaten abzuheben.
Im Libanon überfiel erst kürzlich eine Frau eine Bank - nicht um sie auszurauben, sondern lediglich, um an ihre eigenen Ersparnisse zu kommen, was ihr die Bank zuvor verwehrt hatte.
Nein, es ist tatsächlich so, dass die Bitcoins im eigenen Wallet sicherer sind als das Fiatgeld auf dem Bankkonto. Krypto-Influencer 1, "Blick" 0.
(Nicht-)Reaktion der Zeitung
Nachdem ich den Text gelesen hatte, eröffnete ich einen Account und wies im Kommentarbereich des "Blick" freundlich auf den Fehler hin (ja, ich schrieb und belegte ganz sachlich, dass nicht die Aussage der Krypto-Influencerin "nachweislich falsch" sei, sondern der entsprechende Satz der Zeitung).
Meine Anmerkung wurde nach wenigen Minuten gelöscht und auch auf mein darauf folgendes Feedback erfolgte, oh große Überraschung, keinerlei Reaktion.
- Unwissen ist verzeihlich.
- Nicht selbst zu recherchieren spricht nicht gerade für 'Qualitätsjournalismus' und sollte insbesondere nicht damit kombiniert werden, jemand anderem eine Falschaussage zu unterstellen.
- Selbst auf korrigierende Hinweise nicht zu reagieren, ist ...?
Wäre ich nun ein weniger sachlich und differenziert denkendes Gemüt, bestünde die Gefahr, mir nun aufgrund dieser negativen Erfahrung die Einstellung, "Mainstream-Medien" mit "Lügenpresse" gleichzusetzen, zueigen zu machen. An manchen Vorurteilen sollte man vielleicht besser nicht zu hart arbeiten, sie könnten sich sonst verfestigen ...