Foto Shahbaz Akram von Pexels
Deutsch
Ich habe einen Fehler gemacht.
Heute spülte sich ein Video aus einem Spiegel Bericht durch meine Timeline zum Thema Muslime in Deutschland. Besser gesagt; Islamismus in Deutschland. Da hört man einen Mann einen Deutschen beschimpfen und beschwörend, wie sie (die Muslime) Deutschland erobern werden, aber nicht mit Krieg, sondern indem sie die deutschen Töchter heiraten, und dann nicht nur zwei, sondern sieben Kinder zeugen werden, und dann wird man nicht nur eine Frau haben, sondern vier, also 22 Kinder zeugen (Mathematik!) und am Ende tragen sie alle Kopftuch …
Es war ein ekelhaftes Gesabbere, und in mir breitete sich Ekel aus. So ein gehäßiges Geschwätz, und so eine niedrige Gesinnung! Ich werde das Video mit Absicht hier nicht posten, da es nur zornig machen kann.
In mir wallten auch alte Gefühle auf und alles in mir rebellierte. Als gebürtiger Moslem, der Jahrzehnte mit diesem Blödsinn zu tun hatte, die der nicht reformierte Islam allen seinen „Untertanen“ antat, wäre ich am liebsten gleich dem Kerl mit einer gesalzenen Watsch’n begegnet. Diese unseligen Welteroberungsfantasien, diese abscheulichen Herrenmenschen Attitüden, die der Islam mit sich bringt stoßen mich ab. Ich wollte schon ansetzen und einen Post über diese Idioten und die Gefahren schreiben. Aber ich schaute mir das Video erst weiter an …
Zwischen einer Lawine von Beleidigungen und Beschwörungen sagte der zornig Moslem weiter „… das ist unsere Rache dafür, daß ihr unsere Länder bombardiert habt, unsere Länder ausgebeutet habt, damit ihr Reich sein könnt und mit eurem Telefon spielen könnt …“
Und dann erinnerte ich mich.
Der Westen hatte einen unheilvollen Einfluß auf die muslimische Welt genommen. Nicht als wäre diese uns Westlern fremde Welt Friede, Freude, Eierkuchen und ein Vorbild an Freiheit und Gleichberechtigung gewesen – aber die muslimische Welt war auf ihrem eigenen Weg Richtung Säkularisierung. Ich erinnere mich noch an die Erzählungen meines Vaters, als er das erste Mal von Saudi Arabien nach Ägypten flog und regelrecht erschrak, als er plötzlich Frauen in der Stadt sah, die weder verschleiert, noch allgemein im Stadtbild abwesend waren. Ganz im Gegenteil trugen sie alle schöne Röcke, und bewegten sich frei. Und anders als in Saudi Arabien hatten die Frauen auch eine Stimme und widersprachen ihren Männern. Die ganze Innenstadt brummte vor Leben und Ägypten war damals das Paris des Orients. Es gab sogar mehrere Zeitungen, die alle ihre eigene Meinung schrieben. Sich ganz wie ein Ziegenhirte fühlend und vor lauter neuen Eindrücken schwindelig, kaufte er sich alle Zeitungen am Kiosk und verschlang diese unerhörten Artikel, wovon viele auch den Präsidenten kritisierten! Und als er dann zum Abendessen erschien wurde er von der Gastgeberin in einem freizügigen Abendkleid empfangen, die erst mal von seinem erschrockenen Gesichtsausdruck einen Lachanfall gekriegt hat. Er lief ganz Rot im Gesicht an und wußte weder was er sagen, denken noch wo er hinschauen sollte. Hier waren sie frei, gebildet, zivilisiert und so ganz anders wie in seiner Heimat, wo man schon mal einen „Dissidenten“ am Hauptplatz tagelang kopfüber bis zum Tode aufgehängt hat, weil er eine politische Meinung äußerte.
Mein Vater gewöhnte sich sehr schnell an das damalige Ägypten, und wollte nie wieder zurück.
Jahre später, nachdem die Unabhängigkeitsbestrebungen Ägyptens brutal unterwandert wurden, und die Muslim-Bruderschaft mit Hilfe westlicher Finanzierung die Macht übernommen hatten, änderte sich Ägypten schlagartig. Frauen trugen wieder einen Schleier, Zeitungen wurden verboten, und der Islam in seiner häßlichsten Form wieder installiert. Mein Vater flog danach in den Westen.
Das gleiche Schicksal ereilten übrigens mehrere muslimische Länder, deren Unabhängigkeitsbestrebungen dank ihrer Bodenschätze radikal Einhalt geboten wurde. Ich werde mal in einem gesonderten Post über die Entstehung Saudi Arabiens schreiben, und der Einfluß der Birten, die letztendlich die Saud Familie und die schreckliche Abart des Wahhabitischen Islam mit verursachten. Man sollte nicht außer Acht lassen, wie eine ganze Kultur auf ihrem Weg in die Freiheit und Reformation von gegnerischen, interessengeleiteten Mächten, kastriert und letztendlich radikalisiert wurde. Drehen wir nämlich einfach mal den Spieß um. Stelle dir vor du lebst in einem Land, welches zerbombt, gemordet, ausgebeutet und dann Tyrannen zum Fraß hingeworfen wurde.
Und genau das habe ich in diesen aufgeheizten Zeiten vergessen. Heute sind Meinungen nichts was man gemeinsam erörtert, diskutiert und abwägt um die bestmögliche Lösung zu finden – sondern heute hast du entweder die richtige Meinung, oder du hast die falsche und bist dumm, nazi oder häßlich. Das gilt übrigens auch für den Mann aus dem Video. Er ist genauso wütend, wie alle anderen auch.
Der Schuld eingedenk, die der westliche Teil der Welt trägt am Zustand der muslimischen Welt, heißt es nun Lösungen finden. Was jetzt mit Diversität und lassen-wir-doch-den-Muezzin-in-Köln-rufen gemacht wird ist katastrophal. Es ist genau das andere Extrem des Problems. Statt Kulturzerstörung im Ausland, zerstört man seine eigene im Inland. Das Resultat wird das gleiche sein, und jegliche -Ismen und -Isten werden sich die Köpfe einschlagen. Es muß anders gehen.
Um mir ein klareres Bild zu verschaffen tauche ich jetzt ein in die Geschichte des ganzen Konfliktes, um mich an das zu erinnern, was ich in der Hitze des Gefechtes vergessen habe. Aber salopp gesprochen fällt mir jetzt schon mal ein erster Schritt ein: hören wir auf diese Länder zu bombardieren, auszubeuten und unsere „Werte“ aufzuzwingen. Tauschen wir uns über unsere Kulturen aus, aber belassen wir jedem die seine. Und vor allem; wenden wir uns ab vom Kampf „jeder gegen jeden“ und leiten wir unsere Schritte vor die Tore derer, die ihre Pläne mit unseren Opfern schmieden. Denn wenn wir uns Raum und Frieden geben, dann lösen sich viele Probleme von selber, die erst durch korrupte, verachtenswerte Politiker erschaffen wurden.
Mir fällt gerade mein Großvater ein. Er war ein Händler in Mekka. Jedes Jahr zur Pilgerschaft traf er Menschen aus aller Welt. Er lernte die Vielfältigkeit der Welt durch diese Reisenden kennen und schätzen. Als nun meine deutsche Mutter nach Saudi Arabien zog hat er ihr geholfen sich zurecht zu finden. Aber sie sollte nicht wie eine Araberin rumlaufen, sondern er sagte ihr sie solle weiter Hosen anziehen und all das was sie sonst trägt. Nur sollte sie keine tiefen Ausschnitte tragen und in der Stadt einfach ein buntes Tuch über die Haare binden. Sie tat es gerne, da sie nunmal Respekt vor der Kultur des Gastlandes hatte. Er brach auch Protokoll und „erlaubte“ ihr mit den Männern gemeinsam zu essen. Denn in Arabien waren Männer und Frauen getrennt. Überhaupt nahm er sie überall mit, wo ansonsten keine Frauen Zutritt hatten und zeigte ihr sein Land, und seine Kultur. Und niemand nahm daran Anstoß. Er ist mein Vorbild für das was man Mann-von-Welt nennt. Es ist gut, daß ich ihn in meinem Leben hatte.
Und hier zeigt sich mein Fehler: ich wollte dem Kerl aus dem Video eine Ohrfeige verpassen, anstatt ihm anzubieten das Problem gemeinsam zu lösen. Denn auch wenn ich heute im Christentum Zuhause bin; als Bürger zweier Kulturen liebe ich das Leben im freien Westen, vermisse es aber auch in einer Moschee zu beten, wie ich es in meiner Kindheit getan habe. Es gibt keinen Grund das nicht zu tun.
Und es gibt auch keinen Grund weshalb andere das nicht ebenso tun können.
English
I made a mistake.
Today a video from a Spiegel report washed through my timeline on the subject of Muslims in Germany. Better said; Islamism in Germany. There you hear a man berating a German and imploring how they (the Muslims) will conquer Germany, but not with war, but by marrying the German daughters, and then begetting not just two, but seven children, and then he will have not just one wife, but four, so beget 22 children (math!) and in the end they all wear headscarves....
It was a disgusting babble, and disgust spread in me. Such a hateful babble, and such a low mindedness! I will not post the video here on purpose, because it can only make you angry.
Old feelings welled up in me too and everything in me rebelled. As a native Muslim who had to deal for decades with this nonsense that unreformed Islam did to all its "subjects", I would have loved to meet the guy with a salted slap in the face right away. These unfortunate fantasies of world conquest, these despicable master race attitudes that Islam brings with it repulse me. I was about to start and write a post about these idiots and the dangers. But I kept watching the video first ....
In between an avalanche of insults and incantations, the angry Muslim kept saying "... this is our revenge for you bombing our countries, exploiting our countries so you can be rich and play with your phones ..."
And then I remembered.
The West had made an ominous impact on the Muslim world. Not as if this world, foreign to us Westerners, had been peace, joy, pancakes and a model of freedom and equality - but the Muslim world was on its own path toward secularization. I still remember my father's stories when he first flew from Saudi Arabia to Egypt and was downright shocked when he suddenly saw women in the city who were neither veiled nor generally absent from the cityscape. On the contrary, they all wore beautiful skirts, and moved freely. And unlike in Saudi Arabia, the women also had a voice and dared to contradict their husbands. The whole city center was buzzing with life and Egypt was the Paris of the Orient at that time. There were even several newspapers, all writing their own opinions. Feeling quite like a goat herder and buzzing with new impressions, he bought all the newspapers at the kiosk and devoured these outrageous articles, many of which also criticized the president! And when he then appeared for dinner he was received by the hostess in a revealing evening dress, who first got a laughing fit from his startled facial expression. He ran all red in the face and knew neither what to say, think, nor where to look. Here they were free, educated, civilized, and so very different from his homeland, where they have been known to hang a "dissident" upside down to the death for days in the main square for expressing a political opinion.
My father got used to the Egypt of that time very quickly and never wanted to go back.
Years later, after Egypt's independence efforts were brutally undermined, and the Muslim Brotherhood took power with the help of Western funding, Egypt changed abruptly. Women wore veils again, newspapers were banned, and Islam was reinstalled in its ugliest form. My father then flew to the West.
The same fate befell several Muslim countries, by the way, whose independence efforts were radically halted thanks to their resources. I will write in a separate post about the emergence of Saudi Arabia, and the influence of the British empire, who ultimately caused the Saud family and the terrible aberration of Wahhabi Islam. One should not discount how an entire culture, on its way to freedom and reformation, was neutered and ultimately radicalized by opposing, interest-driven powers. Indeed, let's simply turn the tables. Imagine you live in a country that was bombed, murdered, exploited and then thrown to tyrants.
And that is exactly what I have forgotten in these heated times. Today opinions are not something you discuss, debate and weigh together to find the best possible solution - today you either have the right opinion, or you have the wrong one and are stupid, Nazi or ugly. By the way, this also applies to the man in the video. He is just as angry as everyone else.
Mindful of the guilt that the Western part of the world bears for the state of the Muslim world, solutions must now be found. What is being done now with diversity and let’s-allow-the-call-of-the-muezzin-in-cologne is disastrous. It is exactly the other extreme of the problem. Instead of destroying culture abroad, you destroy your own at home. The result will be the same, and any -isms and -ists will bang their heads together. There must be another way.
To get a clearer picture, I am now diving into the history of the whole conflict to remind myself of what I forgot in the heat of battle. But casually speaking, I can think of a first step right now: let's stop bombing, exploiting and imposing our "values" on these countries. Let's exchange about our cultures, but let's leave to each his own. And above all; let's turn away from the fight "everyone against everyone" and let's direct our steps in front of the gates of those who plot their plans with our sacrifice. Because if we give ourselves space and peace, then many problems will solve themselves, which were first created by corrupt, despicable politicians.
I just remembered my grandfather. He was a merchant in Mecca. Every year on pilgrimage he met people from all over the world. He learned to appreciate the diversity of the world through these travelers. When my German mother moved to Saudi Arabia he helped her to find her way. But she should not walk around like an Arab, he told her to wear pants and all the other things she wears at home. Only she should not wear low necklines and in the city just tie a colorful scarf over her hair. She was happy to do it because she had respect for the culture of the host country. He also broke protocol and "allowed" her to eat together with the men. Because in Arabia, men and women were separated. In general, he took her everywhere, where otherwise no women had access and showed her his country, and his culture. And no one took offense. He is my role model for what is called man-of-the-world. It is good that I had him in my life.
And here is my mistake: I wanted to slap the guy in the video instead of offering to solve the problem together. Because even though I am at home in Christianity today; as a citizen of two cultures, I love living in the free West, but I also miss praying in a mosque like I did when I was a kid. There is no reason not to be able to do that.
And there is no reason why others cannot do the same.