Liebe Hivianer,
das ist ein medizischer Durchbruch! 11 Jahre, nachdem die "Genschere" CRISPR/Cas entdeckt wurde und 5 Jahre nach der ersten (illegalen!) Nutzung am Menschen (siehe hier) wurde erstmal eine Gentherapie, die auf CRISPR basiert, zugelassen.
https://www.genomicseducation.hee.nhs.uk/blog/casgevy-the-first-crispr-therapy/
Bei der Anwendung handelt es sich um Casgevy (exagamglogene autotemcel) zur Heilung der ß-Thalassämie, eine der häufigsten Erbkrankheiten.
Als ß-Thalassämie bezeichnet man Gendefekte, die das ß-Globingen betreffen, sodaß die Bildung von Hämoglobin gestört ist, jenes Molekül in den roten Blutkörperchen, das für den Sauerstofftransport essentiell ist. Da die Krankheit autosomal-rezessiv vererbt wird, sind Menschen mit einem gesunden und einem mutierten Allel nicht krank, aber Überträger. Nur wenn beide Allele betroffen sind, entsteht eine schwere Anämie mit Hämoglobinwerten unter 7 g/dl und vielen Organschäden als Folge, weil die Erythrozyten absterben oder Gefäße blockieren. Sie sind typischerweise sichelförmig - daher auch der Name Sichelzellenanämie, von denen die ß-Thalassämie eine der häufigsten ist.
Links normale Erythrozyten, rechts die von Patienten mit ß-Thalassämie / Sichelzellenanämie.
https://www.britannica.com/science/sickle-cell-anemia
Sie tritt vor allem im Mittelmeerraum auf, in Nordafrika, Sub-Sahara-Afrika, im Nahen Osten, in Indien, den Malediven und in Südostasien. Das ist kein Zufall, denn es liegt hier ein Balancierter Polymorphismus vor. Balanciert, weil beide Allele, das krankmachende und das gesunde, unter bestimmten Bedingungen Überlebensvorteile haben. Es ist nämlich so, dass heterozygote Überträger der ß-Thalassämie zu einem gewissen Grad malariaresistent sind! Daher hat sich dieses an sich letale Allel in Malariagebieten (und daran sieht man, dass die Malaria früher auch im Mittelmeerraum gewütet hat (so viel zur Klimaerwärmung!)) durchsetzen können, aber in Gegenden, wo es nie Malaria gab, ist es nicht vorhanden!
Zugelassen wurde das Medikament, das von Vertex Pharmaceuticals and CRISPR Therapeutics hergestellt wird, zunächst in UK, die USA soll 2024 folgen. Die Studiendaten sind recht beeindruckend, 28 von 29 Patienten konnten von den schweren Symptomen (lebensbedrohliche Gefäßverschlüsse durch die deformierten Erys, wenn sie Kapillaren blockieren) geheilt werden, aber noch gibt es keine Langzeitdaten zur Verbesserung der Überlebensdauer und zur Sicherheit der Therapie. Daher, und weil das Verfahrten relativ kompliziert ist (und eine autologe Stammzellentherapie und ein hochtoxisches "Preconditioning" erfordert), rechnet man nicht damit, dass viele Patienten sich dieser Behandlung unterziehen werden. Auch der Preis ist sicher abschreckend, der bei 1-2Mio$/Patient liegen könnte, ein Vielfaches der derzeitigen Therapien gegen diese Krankheit.
Davon können die vielen Menschen in den betroffenen Regionen, z.B. in Nigeria, nur träumen, wo oft das sehr günstige Medikament Hydroxy-Harnstoff (das die Produktion von fetalem Hämoglobin ankurbelt) nicht verfügbar ist...
Fazit:
Zwar formal durchaus ein Meilenstein, aber die Auswirkung wird nicht überragend sein. Ich würde erst einmal 10 Jahre (besser 15) auf die Langzeitstudienergebnisse warten, ob die Therapie auch sicher ist. Bei dieser Art Gentherapie besteht immer ein Risiko, dass es zu ungewollten Nebenwirkungen kommt!
Quellen:
https://flexikon.doccheck.com/de/Beta-Thalass%C3%A4mie
https://www.nature.com/articles/d41587-023-00016-6
Ähnliche Posts:
Erstes Designerbaby mit Hilfe von CRISPER/Cas-Geneingriff geboren