Liebe Leser,
in Teil I hatte ich das Josephinum beschrieben. Nicht unweit davon entfernt, allerdings etwas versteckt zwischen diversen Trakten des 1784 eröffneten Alten Allgemeinen Krankenhauses und hinter dem Festungsbau der staatlichen Banknotendruckerei, befindet sich der sog. "Narrenturm" mit seiner pathologisch-anatomischen Sammlung.
Der kreisrunde Bau, der 1783 bis 1784 zusammen mit dem Josephinum unter Kaiser Joseph II. errichtet wurde, war bis 1869 als öffentliche psychiatrische Anstalt in Verwendung (daher der Name). Er bot Platz für 200-250 Patienten, jedes Stockwerk hatte eine eigene, nach Geschlechtern getrennte Abteilung jeweils für "ruhige, unruhige oder unreine Patienten". Wegen der ungewöhnlichen Form hatten die Wiener ihn auch „Guglhupf“ genannt. Nach 1869 wurde der Turm als Dienstunterkunft für Krankenhauspersonal, Lager und Werkstätte verwendet und wäre 1902 fast abgerissen worden!
1971 wurde aus dem Narrenturm ein Museum und beherbergt die schon 1796 begründete pathologisch-anatomische Sammlung Wien, seit 2012 ist diese Teil des Naturhistorischen Museums.
2019 wurde er renoviert und seither sieht er wieder wie neu aus.
In einem der beiden Innenhöfe.
Ist im Josephinum der gesunde menschliche Körper zu sehen, kann man hier die Auswirkung diverser Krankheiten auf den Körper betrachten, oft sehr drastisch, in konservierten Exponaten, Bildern und Wachsmodellen. Wem leicht schlecht wird, der sollte sich überlegen, weiterzuscrollen!
Die Sammlung ist recht umfangreich und ausführlichst beschildert, sodass es mehrere Stunden dauert, alle Krankheitsbilder durchzugehen. Die einzelnen Krankheitstypen bzw. Organsysteme sind kreisrund angeordnet und aufgeteilt auf die ehemaligen Patientenzellen.
Nur eine Zelle wurde weitestgehend im Originalzustand belassen. Die Schmiede, die 1870 eingerichtet wurde und angeblich bis 1993 in Betrieb war. Hier wurden Pferdehufe repariert, Holzreifen metallbeschlagen und diverse Metallgußarbeiten durchgeführt, die für das AKH notwendig waren.
Es herrscht leider Photographie-Verbot, daher sind viele Fotos leider nur suboptimal. Im Folgenden ein paar Schmankerl der Ausstellung.
Viele Mißbildungen am Skelett wurden über die Jahre gesammelt. Hier ein sog. "Januskopf" - am Kopf zusammengewachsene eineiige Zwillinge.
Am Rumpf zusammengewachsene Zwillinge, im Volksmund "siamesische" Zwillinge genannt. Die Wahrscheinlichkeit eines lebendgeborenen Thoracopagus liegt bei ca. 1: 1000000.
Ein sogenanntes "Steinkind" (Lithopädion) - ein verkalkter Fötus im Bereich des Eileiters, vermutlich nach einer Eileiterschwangerschaft. Steinkinder dieser Größe sind extrem selten!
Das Brooke-Spiegler-Syndrom ist eine Erbkrankheit, die zu teils gutartigen, multiplen Hauttumoren führt.
Wachsmoulage eines Hermaphroditen.
Extrem verkrümmte Wirbelsäule (Skyphoskoliose) einer 71-jährigen Frau aufgrund Verschleiß.
Das Skelett einer 19-jährigen Frau aus 1877, die unter Rachitis bzw. Osteomalazie litt. Aufgrund von Vitamin-D-Mangel kommt es bei dieser Krankheit zu einer Demineralisation und Verformung der Knochen.
Dieses Neugeborene hatte einen "Anenzephalus", bei der große Teile des Großhirns und die Schädeldecke fehlen. Er gehört zu den Neuralrohrdefekten. Die Wahrscheinlichkeit ist in Mitteleuropa bei 1 pro ca. 2400 Schwangerschaften, aber nur die wenigsten davon werden geboren (die meisten werden heute im Ultraschall erkannt und abgetrieben)! Nach Geburt lebensfähig ist man mit so einer Erkrankung nur Stunden bis Tage.
Wasserkopf (Hydrocephalus) eines fünfjährigen Mädchens, durch Rachitis ist zusätzlich die Wirbelsäule verkrümmt.
Extremer Fall von Lepra im Gesichtsbereich, in Wachs modelliert. Bei Lepra sterben die Nerven ab, sodass die Patienten keine Schmerzen bei Wunden spüren, die sich dann entzünden.
Bevor die Farbphotographie existierte, waren solche Wachsmoulagen unersetzlich als Unterrichtsmittel. Manche Krankheiten, die kaum noch auftreten, lassen sich heute nur noch an Wachsmoulagen studieren!
Diverse Lungen von Patienten mit Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, die gerade in Wien sehr häufig war. Schon der Homo erectus hatte darunter gelitten und auch heute noch ist sie eine der tödlichsten von Bakterien verursachten Infektionskrankheiten. Zum Glück kann man sie heute relativ leicht mit einer (sechsmonatigen) Antibiotika-Kombination behandeln, aber noch Ende des 19.Jhd. war sie in Europa eine der häufigsten Todesursachen.
Auch die von Viren übertragenen Pocken waren früher eine lebensbedrohliche Infektionskrankheit mit hoher Letalität. Der Erreger Orthopox variolae gilt seit 1979, dank einer weltweiten Impfkampagne, als ausgerottet (bis auf ein paar Proben und Zufallsfunde in Laboren).
Ulcus durum (Harter Schanker), der Primäraffekt bei Lues bzw. Syphilis. Diese Infektionserkrankung, die unbehandelt bis zu Zerstörung des zentralen Nervensystems führen kann, konnte dank Penicillin im 20. Jahrhundert stark zurückgedrängt werden. Seit den 1990er Jahren steigen die Erkrankungsfälle aber wieder an.
Wie gesagt, die Ausstellung ist nichts für Zartbesaitete, aber durchaus sehr lehrreich und empfehlenswert.
Wo?
Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm
Spitalgasse 2, 1090 Wien
Ticket: 8€
Wann?
Mittwoch bis Samstag 10:00 - 17:00 Uhr
Führungen
all pics found accidentally by
Quellen:
https://www.nhm.at/narrenturm
https://de.wikipedia.org/wiki/Pathologisch-anatomische_Sammlung_Wien
Verwandte Posts:
Josephinum
Geschichte der Impfungen



