Liebe Leser,
die Saudis hatten ja schon seit einiger Zeit ein Faible für gigantomanische städtebauliche Projekte, z.B. die künstlichen Inseln in Palmenform bei Dubai (VAE). Das langfristige Ziel dabei ist, wegzukommen vom Öl als einziger Einnahmequelle - an sich keine dumme Idee. Wie nachhaltig es sein kann, mitten in einer Wüstenlandschaft klimatisierte Städte für Millionen Menschen zu schaffen, bleibt aber abzuwarten.
Das neueste Wahnsinnsprojekt (anders kann man es kaum nennen), diesmal in Saudiarabien und 2021 von Kronprinz Mohammad Bin Salman erstmals angekündigt, nennt sich "The Line" und soll eine futuristische Stadt werden, die laut aktuellen Plänen die Form einer schnurgeraden, 170km langen und 200m breite Linie hat! Sie soll, wenn sie 2045 fertig ist, Platz für 9 Mio. Menschen bieten (2030 sollen schon 1,5 Mio. Menschen dort wohnen), 380.000 Arbeitsplätze schaffen, völlig ohne Autos auskommen und komplett CO2-neutral sein. Die Höhe der Stadt soll 500m betragen und eine einheitliche verspiegelte Glasfassade ist geplant:
https://futurezone.at/digital-life/the-line-saudi-arabien-neom-stadt-drohne-video-baubeginn/402190779?
Ein Hochgeschwindigkeitszug (oder Hyperloop) mit >500 km/h soll von einem Ende der Stadt zum anderen nur 20 Minuten brauchen. Langsamere Züge daneben mit mehr Zwischenstopps sollen den Rest des öffentlichen Verkehrs bilden, beides in einem Untergeschoß ("spine layer"). An der Oberfläche ("pedestrian layer") sollen nur Fußgänger in einer parkähnlichen Landschaft ohne jegliche Straßen wandeln, so die kühne Vorstellung. Dabei sollen alle wichtigen Erledigungen in maximal 5 Minuten zu Fuß erreichbar sein.
https://www.archipanic.com/the-line-saudi-arabia/
Der Ort ist zwar mitten in der Wüste, aber in der Nähe, auf der anderen, ägyptischen Seite des Golfs von Akaba, befindet sich Scharm El-Scheich, eine der wichtigsten Tourismusdestinationen im mittleren Osten. Von daher ist die Lage also strategisch recht günstig.
Die Kosten sollen je nach Schätzung 500-1000 Mrd. $ sein, was selbst für saudische Verhältnisse viel ist! Die Aushubarbeiten haben schon begonnen, ein Drohnenvideo zeigt das riesige Ausmaß der Baustelle:
https://futurezone.at/digital-life/the-line-saudi-arabien-neom-stadt-drohne-video-baubeginn/402190779?
Doch der Wahnsinn hört da nicht auf! Eingebettet ist "The Line" in den megalomanen Stadtkomplex NEOM mit weiteren Projekten wie dem "Trojena montain resort" (Touristenparadies mit See, Schipisten, Naturreservat, Wellness, Nighlife,...) und der künstlichen Insel "Oxagon" für die Industrie 4.0 und die Fabriken und StartUps der Zukunft. Neom soll ein eigenes, von Saudiarabien unabhängiges Steuer- und Rechtssystem bekommen, eine Art Freihandelszone, um möglichst viele Innovatoren anzulocken.
https://www.neom.com/en-us/about
Einen Mangel an Visionen kann man dem saudischen Königreich jedenfalls nicht vorwerfen!
Aber die Liste der Kritikpunkte an dem Projekt ist vermutlich genauso lang wie "The Line" selbst:
- Eine 170km lange und 500m hohe Barriere ohne Querungsmöglichkeiten ist katastrophal für die Tier- und Pflanzenwelt der Region, von den jahrzehntelangen Bauarbeiten ganz abgesehen.
- Für viele Vögel würde eine derart massive verspiegelte Wand eine tödliche Falle sein.
- Es gibt dort indigene Bewohner, z.B. Stämme der Howeitat, die nicht gefragt wurden, ob sie mit dem Projekt einverstanden sind und die einfach umgesiedelt werden. Ein Vertreter des Stammes, der Protestvideos gemacht hatte, wurde von Security-Mitarbeitern erschossen.
- Links und rechts der Stadt, dort wo die Sonne durch die Spiegelfläche reflektiert wird, würden glühendheiße "Todeszonen" entstehen.
- Manche halten die Bewässerung der 170km langen Parklandschaften nicht machbar (geplant sind dafür Meerwasserentsalzungsanlagen).
- Die Kosten sind nicht allein durch Erdölverkäufe zu stemmen, daher müsste sich das streng islamisch ausgerichtete Saudiarabien dem Westen weit mehr öffnen, um ausländische Investoren zu gewinnen, als es derzeit möglich erscheint.
- Wie sollen Menschen mit (Geh-)Behinderungen in einer Stadt ohne Straßen zurande kommen?
- Wieviel Licht wird an der Oberfläche ankommen, wenn die Stadt 500m hoch ist? Definitiv weit weniger, als es die lichtdurchfluteten Animationen der promotion-Videos zeigen. Außen hat es bis zu 55° Celsius! Wenn nicht extrem resourcenintensiv Airconditioning stattfindet, müsste die Fassade bei Sonneneinstrahlung abgeschattet sein - energiesparend, aber umso weniger Licht wird die Oberfläche erreichen.
- Um eine 500m hohe Glasfassade stabil und frei von Schwingungen zu halten, sind extrem aufwendige Konstruktionen notwendig, die gewaltige Kosten/Resourcen verschlingen würden.
- Eine Linie scheint nicht der effizienteste Zugang zum Konzept einer Stadt zu sein, warum kein Kreis oder Viereck? Innovation entsteht immer durch das Zusammentreffen von verschiedenen Leuten, das wird aber durch eine 170km lange Linie nicht gefördert.
- Wie soll das "Phasing" aussehen mit einer Linie? Wer wird als erster dort wohnen wollen und wird sich von dort der erste Teil der Linie in beide Richtungen ausstrecken und nach und nach mehr Leute anziehen? Werden sich genügend Leute finden, die in einer fundamentalislamistischen Monarchie leben und sich in deren infrastrukturelle Abhängigkeit begeben wollen?
- Viel der geplanten Logistik soll über AI effizient geregelt werden. Dafür ist aber erforderlich, dass die Bewohner der "Line" ihre sämtlichen Kauf- und Bewegungsvorgänge in der Stadt digital erfassen lassen. Solch eine 24/7-Rundumerfassung in einem totalitären Regime ist nicht nur datenschutzrechtlich sehr problematisch.
- Etliche Teile von Saudiarabien haben nicht einmal eine Kanalisation, viele Bauprojekte wurden vor Fertigstellung aufgegeben. Wäre es nicht nachhaltiger und ethischer, die Infrastruktur von den bereits im Land lebenden Menschen zu verbessern als neue Phantasieprojekte aus dem Boden zu stampfen?
Quellen:
https://schaeffler-tomorrow.de/en/article/the-line
https://www.archipanic.com/the-line-saudi-arabia/
https://www.nytimes.com/2021/01/28/magazine/saudi-arabia-neom-the-line.html
Was meint Ihr dazu, kann sich jemand vorstellen, dort zu leben, selbst wenn es steuersparend wäre?