Eine selbst organisierte Expedition in den Pamir, mit der Akklimatisierung in dem wilden Tien Shan Gebirge und Reise durch Kyrgystan
29.6. – Bischkek
Teilnehmer der Expedition: drei Zdeneks und eine Helena
In Bishkek werden wir bei Nanchan übernachten, der in Yuschnyje Vorota das South Guesthouse betreibt. Wir schleppen unser Gepäck durch das ramponierte Treppenhaus in den vierten Stock, ein paar nackte Glühbirnen leuchten auf den Weg. In der Drei-Zimmer-Wohnung hat Nanchan ein Zimmer für sich und seine Mutter, das Wohnzimmer und das andere Zimmer sind für Gäste.
Überall Lenin
Im Reisebüro Dostuck holen wir den Border Permit, organisieren Übernachtung in Osh und den Transport von Osh in das 350 km entfernte Pik Lenin Base Camp.
Im Zentrum Geld wechseln, Kurs 1$ = 40 Som. Im Westen der Stadt hat uns der orientalische Osh-Basar angezogen, wo wir uns mit Vorräten eindecken. Die Russische Sprache wird hier trotz der Unabhängigkeit im Jahr 1991 noch überall gesprochen.
30.6. – Zu Ala Archa
Touristenunterkunft Alplager
Für 3-4 Tage fahren wir zum Akklimatisieren in die Ala Archa Berge südlich von Bishkek.
Im Tal Alamedin grasen Pferde, Kühe, Schafe auf den Wiesen mit verstreuten Jurten. Eine Kyrgysin zeigt mi ihre Behausung, die den ganzen Sommer das Zuhause ihrer Familie ist. Es gibt keine Arbeit in der Stadt, so machen sie Käse, Quark, Sahne und aus Pferdemilch Kumys. Ich bekomme eine Tasse Kumys, den sie aus einem Holzbottich schöpft. Er schmeckt wie dünner Kefir, ist gut, erfrischend und leicht alkoholisch, die Pferdemilch unterliegt im Gegensatz zu Kuhmilch alkoholischer Gärung.
Jurte ist eine ideale Behausung
Ein Bergpfad verwandelt sich in einen Ziegensteig in einem so steilen Hang, dass wir unter den Zweigen von Wacholdern kriechen und uns an den wilden Rosen hochziehen. Sie sind in voller Blüte, aber furchtbar stachelig. IN den wilden Wiesen blüht vieles, Laucharten (es soll in Kyrgystan an die 76 Arten geben), Akeleien, Rittersporn, wilde Tulpen, riesige Anemonen und viele unbekannte Blumen.
Als wir auf einen Bergrücken mit zerschundenen Händen ankommen, fällt der Nebel, die Sicht ist gleich null, dazu regnet es. Ein Stück unterm Sattel ein sprudelnder Bach, dort suchen wir einen flachen Platz für die Zelte.
Heute 1.200 m Aufstieg, höchster Punkt 2.900 m, Übernachtung 2.700 m.
31.6. – über die Bergpässe
Ein wegloser Aufstieg über einem bunten Blumenteppich, vom Bergpass im hohen Gras ins nächste Tal, dort auf einen anderen Sattel. Die Wolken fangen wieder an sich über den Himmel zu jagen, was die Orientierung erschwert. Über den rutschiger Schutthang ist es sehr anstrengend, die Felsbrocken rollen unter unseren Füßen weg. In einer Mulde werden wir mit einem romantischen Platz im hohen Gras am Wasser belohnt. Der Teich ist ca. 50 m groß und von Knoblauchwiesen umgeben.
Romantisch übernachten am kleinen See
1.115 m Aufstieg, höchster Punktsattel 3.760 m, Übernachtungsteich 3.450 m.
1.7. – Auf den höchsten Bergpass 4.170 m
Der Aufstieg zum Sattel auf losem Schotter ist ein Horror! Die Neigung von 45° macht es schwierig, Schneerinnen mit großen Überhängen, es gibt nichts zum Halten, wir rutschen ab, es kostet viel Mühe höherzukommen.
Im Sattel Schnee für zwei Zelte feststapfen, es gibt nicht viel Platz oben. Ein Abstecher zu einem nahen Gipfel, Höhe 4.207 m. Die Sonne strahlt, es sind 20°C, und das in solcher Höhe!
Für zwei Zelte reicht der Platz am Pass
Mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit kommen schwarze Wolken, ein Sturm entfesselt sich über unseren Köpfen, es fängt zu schneien an. Donner und Blitze jagen sich um uns herum. Zdenek liegt in seinem Schlafsack und schreibt Notizen, plötzlich erschreckt uns ein ohrenbetäubender Schlag, Zdenek ist wie versteinert. Er stottert, dass er in den Arm getroffen wurde. Der Blitz musste in die Felsen am Zelt eingeschlagen haben.
2.7. – Abstieg zum Alplager
Morgen nach dem Gewitter
Elender Abstieg
Auf dem Felsbrocken neben unserem Zelt finden wir frisch abgesplitterte Steine, das war der Blitz! Abstieg zuerst über die frischverschneiten Schuttkegel, dann gleiten wir über schmierige Schieferplatten. Selbst Steinbrocken groß wie Bierkisten geraten bei der kleinsten Berührung in Bewegung und lösen steinerne Lawinen aus. Sie schieben uns zum Abgrund und schütten unsere Füße zu. Schnell weg hier! Wir erreichen das Alplager in 2.000 m Höhe. In der Sowjetzeit war es ein Erholungsort, ein paar zerfallene überwucherte Holzhütten sind übrig geblieben. Arbeiter bringen uns von hier zur Bushaltestelle hinter dem Tor.
3.7. – Abfahrt nach Karakol
Jurten-Imbissbude
Trek über die Pässe
Mit dem Zug in der Früh nach Balyktschi am Ufer des Sees Issyk-Kul, wir wollen am Südufer nach Sarya fahren. Das Ufer ist ziemlich kahl, wir baden in dem kristallklaren Wasser und lassen uns in das Seitental nach Dschukutschak bringen. Es gibt hier eine warme Quelle, Tjeplokljutschenka, wo wir in der Dunkelheit baden und daneben die Zelte aufbauen.
4.7. – Durchs Tal nach oben
Eine Bachüberquerung. Ein einheimischer Reiter mit der typischen schwarz-weißen Filzkappe bietet uns Überfahrt auf dem Pferderücken an. Wenn die Jungs hören, sie sollten sich auf einen wilden kyrgysischen Mustang setzen, ziehen sie blitzschnell die Schuhe aus und stürzen sich barfuß in das schäumende Nass. Ich mag Pferdchen, darf alleine auf ihm übers Wasser. Es lässt sich gut führen, die geländegängigen Tiere sind hier sichere und zuverlässige Transportmittel.
Hinter der Furt nimmt der Reiter meinen Rucksack, wir unterhalten uns auf Russisch, er ist ein ehemaliger Universitätsprofessor, sonst ein typischer Kyrgyse.
Der Literaturprofessor bringt uns ans andere Ufer
An der nächsten Furt sagt der Kyrgyse, dass das Wasser zu tief und wild ist. Er bringt uns alle aufs andere Ufer. Ich steige zu ihm aufs Pferd, es muss zwischen den großen Felsbrocken in die Wellen steigen, schreitet vorsichtig, das Wasser reicht ihm bis zum Bauch. Die Jungs sind inzwischen auf einer felsigen Insel angekommen, in der Hoffnung auch weiter auf die Hilfe des Pferdes verzichten zu können. Jetzt stehen sie wie die Gefangenen da, umgeben vom schäumenden Wasser. Der Kyrgyse ist schon mit dem Pferd bei ihnen, Zdenek soll sich zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd setzen. Er versucht es von hinten, was das arme Tier erschreckt, das Pferd stellt sich auf die Hinterbeine. Endlich oben, zwei Männern mit einem fast 20-kg-Rucksack auf dem Rücken. So bringt der Kyrgyse auch die Jungs ans andere Ufer.
Der steile Weg hat früher zu Sowjetzeiten als Zufahrt zu den damaligen Goldminen in die Berge geführt. Er war nur mit den Wesdjechody befahrbar, den russischen robusten Geländewagen. Jetzt haben sich die Büsche den Weg zurückerobert, oft sind es nur Spuren im hohen Gras der saftigen Wiesen.
Was hat ihn so erheitert? Kumys oder Vodka?
5.7. – auf den Pass Kaschka Tör, 3.937 m
Wieder Waten über den eisigen Fluss, mit den Schuhen um den Hals, das Wasser reicht mir bis zum Po.
Wie machen es bloß die Bergziegen?
Es gibt eine schöne Aussicht von dem Pass, etwas tiefer spiegeln sich die Berge einem kleinen Gletschersee, das wird unser Schlafplatz. Wir haben eine Höhe von 4.000 m erreicht.
Aussicht vom Kaschka Tör
6.7. – Unter Kaschka Tör
Wegen der Akklimatisation bleiben wir noch eine Nacht hier, erklimmen die umliegenden Gipfel, über unseren Köpfen kreisen Raubvögel, von den Hängen pfeifen zahlreiche Murmeltiere.
8.7. – Auf den Sattel 3.820 m
Auf den blühenden Wiesen sammle ich Lauch zum Abendessen. Ohne Rucksäcke geht es zum nächsten Hügel, er hat knapp 4.100 m. Zuerst Schutt, dann leichte Kletterei über die brösligen verwitterten Schieferfelsen.
9.7. – Ins Karakol Tal
Ein wildes Tal
Die Sonne scheint, heute geht es 1.000 HM bergab, im steilen Wacholderhang, wir fallen mehr als gehen, versuchen uns an den stacheligen Rosen zu halten, suchen nach Durchgang zwischen den verflochtenen Zweigen und Wurzeln, unsere Hände bluten. Durchnässt und zerschunden landen wir im Tal auf einer Wiese zwischen Pferden und Kühen.
Die Meteorologin vor ihrer Behausung
Ein paar Holzhütten auf der Wiese, “Metorogitschnaja stancja“. Meteorologen. Eine Kyrgysin in Socken, Kopftuch und Schürze begrüßt uns mit goldgezahntem Lächeln. Wir bitten um etwas zu essen. Ja, sie lädt uns ein. Wir setzen uns auf zusammengefaltete Decken auf dem Holzboden. Die Meteorologin bringt Stücke vom Brotfladen, Butterschmalz, Tee, Buttermilch. Sie spricht nicht viel Russisch, wenn wir alles gut verstanden haben, lebt sie seit 26 Jahren hier, mit ihrem Mann und einer anderen Familie, die fünfmal am Tag Temperatur und Niederschlag messen. Ihr Mann ist gerade auf dem Weg, um die Gletscher zu vermessen. Über den Fluss ist ein gespanntes Seil mit einer Holzkiste darunter. Was für eine Seilbahn! Das Gehalt beträgt 300 Som (ca. 7 US-Dollar) im Monat. Sie haben Kühe und Pferde hier im Sommer, bleiben auch im Winter hier. Ein solches Leben ist jenseits unserer Vorstellungskraft, in dem allgegenwärtigen Zerfall zu leben. Wir zwingen sie, Geld für das Essen zu nehmen, sie ziert sich, Gastfreundschaft ist hier umsonst.
Heiße Quelle nach dem Trek ist das Richtige
Zensiert
Nach etwa 5-6 km auf dem schlammigen, von den Pferden zertrampelten Weg tauchen heiße Quellen Dschili Suu auf. Wenn wir nicht gewusst hätten, dass es sie gibt, wären wir daran vorbeigegangen. In einem alten Holzschuppen ist die Quelle verborgen. In ein ca. 3×3 m Becken führen Holzstufen, durch die Holzplanken fallen die Sonnenstrahlen schräg in das kristallklare Wasser. Es schimmert smaragdgrün, feine Bläschen steigen von Boden auf. Nach Tagen ohne Waschen und Zähne putzten ein Paradies.
Am Bach ein Stück weiter macht eine kyrgysische Familie Picknick im Gras. Das Familienoberhaupt bietet uns Transport zum Isyyk -Kul für 300 Som, und schon schaukeln wir im Schritttempo über den holprigen Weg. In einer halben Stunde setzt er uns an der Straße ab.
Holzkirche in Karakol
Yak Tours Hostel
Marktfrauen
Ein privates Taxi (das ist jeder, der ein Kraftfahrzeug fährt und noch einen Sitz frei hat) bringt uns die 40 km in die Stadt Karakol, Übernachtung im Yak Tours Hostel, das zwar belegt ist, aber es gibt ein kahles Zimmer im Hof, mit einem Teppich auf den nackten Betonboden, vom Hof bringen wir eine Bank und das “Hotelzimmer” ist eingerichtet. Mit Frühstück für 150 som.
10.7. – Naryn
Taxifahrer-Mafia
Am Awtowoksal (Busbahnhof) feilschen mit den Taxifahrern. Wir wollen nach Naryn. Das sind 220 km nach Balyktschi und weitere 180 km nach Naryn. Sie verlangen 1.4 00 Som. Unseren Fahrer bleibt in Balyktschi stehen, organisiert uns einen anderen. Der Schotterweg ist nicht so schlecht, nur staubig und oft voll mit Schafherden, die von den einheimischen Cowboys getrieben werden.
Tiny-Häuser gibt es in Kyrgystan schon längst
In Naryn finden wir ein Holzhaus mit einer schiefen Veranda. Es gibt nur ein einziges Zimmer, mit vier Betten für 100 Som/Person, Klo im schlammigen Hinterhof mit einem bellenden Hund.
Eisenschrott für China. Edelmetalle sind aus Kyrgystan schon alle dort
11.7. – Kasarman
Auf dem Awtowoksal diskutieren die selbsternannten Taxifahrer über den Preis, den sie von uns für eine zweitägige Reise durch die Berge nach Kasarman und weiter nach Jalalabad, 220+120 km, verlangen sollen. Die Straßen sind sehr schlecht und nicht ohne Risiko. Nach Kasarman gelangen wir ohne Probleme. Im Zentrum neben dem Basar befindet sich ein “Hotel”. Im ersten Stock des Plattenbaus gibt es noch ein paar Zimmer mit Betten, sonst ist das Haus ziemlich entkernt. Die Zimmermädchen versuchen auf die Schnelle, zwei Zimmer bewohnbar zu machen.
Ehemalige Goldminen-Stadt Kasarman
Unser Hotelzimmer in Kasarman
Kasarman war eine Bergbaustadt unter den Sowjets, Gold wurde abgebaut, jetzt steht sie verlassen und verarmt inmitten der Berge, schlecht zugänglich und ohne jegliche Infrastruktur da. Eine Plattenbaustadt, einzelne Wohnungen wurden von den Bewohnern von außen mit Bauschaum großflächig besprüht, um mit der Isolierung ein wenig dem strengen Frost im Winter zu entkommen. Und auch der blättert schon ab. Eine graue Hoffnungslosigkeit, wohin man schaut.
12.7. – Jalalabad
Vorsichtig ohne Passagiere
Hier ist der Weg definitiv zu Ende
Zuerst fahren wir um Kasarman herum und suchen nach einer Tankstelle, ein Feldweg führt hinter den Plattenbauten zu einem Holzschuppen, der zwischen Halden aus zerbrochenen Platten steht. Der herbeigerufene Tankwart macht ihn auf, drin stehen Fässer, aus denen der Treibstoff mit einem Eimer geschöpft wird und durch einen Trichter in den Tank gegossen wird. Wir tanken einen Eimer Normalbenzin.
In der Früh kam starker Regen, aber der Fahrer ist überzeugt, dass wir es über den Bergpass schaffen. Bis zum Pass tastet er sich durch den Nebel, bis er einmal die Spur verliert und im letzten Moment über einer steilen Klippe bremst. Die Straße wird zunehmend rutschig, an kritischen Stellen, wo Teile des Wegs am Hang vom Wasser mittgerissen wurden, steigen wir aus, der Fahrer fährt im Schritttempo durch die heikle Stelle. Endlich die Passhöhe in 3.050 m, der Weg klebt auch weiter an dem schmierigen Schiefer-Lehm Hang. Hinter einer Kurve Stopp! Wir können nicht glauben, was wir vor uns sehen. Der Weg endet hier, eine ganze Bergseite ist ins Tal abgestürzt, ein 200 m langes Stück des Weges gibt es nicht mehr. Unzählige Bäche graben in die frische Wunde tiefe Rinnen. Endstation, der Fahrer kassiert den halben Fahrpreis und dreht traurig um.
Wilde Berge zwischen Kasarman und Jalalabad
Wir werfen die Rucksäcke auf den Buckel, das nächste Dorf im Tal liegt 41 km entfernt. Neben dem Hangrutsch direkt durch das hohe nasse Gras nach unten, die Stromleitung ist unsere Orientierung. Nach einer Weile sind wir schlammverschmiert und bis über die Knie durchnässt, nähern uns einem Fluss. Vor seiner Jurte steht ein Hirte, schüttelt unsere Hände und hat eine gute Nachricht: ein wenig weiter gibt es eine Stolovaja (Imbissbude), und wirklich, nach ca. 1 km kommen wir zu einem Bauwagen, neben ihm kocht unter einer Plastikplane der “Wirt” in einem großen Kessel Suppe. Baranina (Hammelfleisch), Kartoffeln, Karotten, Kohl. Die großen Hammelstücke schwimmen in der fettäugigen Brühe, samt Kopf und Beinen. Es ist Mittag, wir sind durchnässt und hungrig. Sitzend auf einer Holzplanke, geschützt vor dem Regen, warten wir, bis die Suppe fertig wird, das Gebiss lacht uns aus der Brühe an. Die Suppe schmeckt streng nach einem alten Hammel, ist aber wunderbar heiß und durch das viele Fett sehr nahrhaft. Was will man für 100 Som mehr?
Vom Tal kommt in ein altes Auto im schrecklichen Zustand, ein Ehepaar steigt aus und bestellt auch Suppe. Sie wollen nach Hause nach Kasarman, da machen wir ihnen klar, dass sie so schnell nach Hause nicht kommen werden, die Straße gibt es nicht mehr. Sie müssen zurück nach Jalalabad, das sind etwa 80 km. Unser Glück, sie bieten uns Mitfahrgelegenheit an, 600 Som zu verdienen ist gut. Wir quetschen uns zu viert auf den Rücksitz, der Kofferraum kann unsere großen Rucksäcke nicht fassen, der Deckel bleibt offen. Irgendwo wird eine Schnur herausgefischt und der Deckel an der Stoßstange angebunden. Los geht’s! Die Vordersitze sind nicht auf dem Boden festgeschraubt, aber wir sind dermaßen zusammengepfercht, dass sie nicht wegrutschen können. Der Auspuff raucht in die Kabine und der Starter fehlt komplett. Wenn der Fahrer anhält, um unter der Motorhaube etwas einzustellen, muss seine Frau den Fuß am Gas halten, damit der Motor nicht verreckt. Das Vehikel schafft es tatsächlich nach Jalalabad, am Stadtrand hält unser Fahrer ein entgegenkommendes Auto an und handelt mit der Besatzung aus, dass sie uns ins Zentrum bringen, von dem Geld von uns bezahlt er ihnen einen Teil.
Das sowjetische Hotel in Jalalabad
Sie entlassen uns bei der Gastinica im Zentrum. Es ist ein ehemals nobles Gebäude sowjetischen Typs, pompöse Treppen führen zum Eingang. Die Empfangs-Genossin ist auf der Suche nach einem Zimmer für uns, sie haben nicht mit so vielen Gästen gerechnet. Das Hotel ist aber sonst menschenleer.
So wird bei den Kyrgysen gespeist: mit eingezogenen Beinen auf einem “Bett”
Duft aus einer Bäckerei
13.7. – Osh
Nach dem obligatorischen Basar-Besuch nehmen wir für 500 ein Taxi nach Osh fahren, es sind 110 km. Die Straße ist neu, angeblich von den Iranern gebaut. In Özgön bringt uns der Taxifahrer zur alten Moschee aus dem 12. Jahrhundert. Sie ist aus unverputzten Ziegeln gebaut, teilweise renoviert, das Dach ist aber noch undicht. Für den Eintritt werden 10 Som verlangt, auf das Minarett darf man für weitere 10 Som klettern. In diesem Jahr waren sehr wenige Touristen da, sagt man uns.
***Moschee in **Özgön*****
Die Wendeltreppe zum Minarett
Der Fahrer bringt uns in Osh in unsere Herberge. Zwei Häuschen mit einem Hof dazwischen, schön geschnitzte Terrasse mit Sitzgelegenheiten. Uns wird ein schönes Zimmer mit Stuck an der Decke und Wänden zugewiesen, mit Matratzen auf dem Teppich.
14.7. – Osh
Zum Basar mit der Marshrutka, Vorräte müssen aufgefüllt werden. Nach einem guten Schaschlik geht Zdenek wieder verloren, ich warte fast weitere zwei Stunden auf ihn. Er hat kein Geld dabei, er weiß auch nicht, wie unser Hostel heißt und mit welcher Marschrutka er dort hinkommt. Um sechs bin ich mir ziemlich sicher, dass er hier nicht mehr ist, und fahre auch zurück. Und dort schreiet mir Zdenek entgegen. Er hat die Jungs auf dem Basar getroffen, sie haben ihm Geld geliehen und die Busnummer verraten.
Für die Halbpension und Unterkunft haben wir stolze 12 $/Person hingeblättert.
15.7. – Zum Pik Lenin Basecamp
Geländefahrzeug Vesdjechod
Endlos über die Berge
Unser Transportmittel ist ein umgebauter Lkw auf hohen Rädern und mit einer Buskabine, ein Wesdjechod, ähnlich wie die auf Kamtschatka. Die nette Schweizerin Daniela fährt auch mit, sie will vom BC kleine Touren unternehmen.
Dann noch Saljarka tanken, was Diesel bedeutet. Am Straßenrand stehen aufgestapelte 1-2 Liter Kunststoffflaschen mit Kraftstoff. Ein paar Jungen räkeln sich auf Draht-Bettgestellen und warten auf Kunden. Sie laufen mit Eimern, Kübeln und Trichtern zu unserem Fahrzeug. Eimer für Eimer wird der Diesel in den Tank gefüllt, die Prozedur dauert eine halbe Stunde. Die Fahrt zum BC ist 350 km lang und dauert ungefähr 8 Stunden. Zdenek und ich haben schweren Magen.
Sary Tash, auf der Karte ein wichtiger Ort, ist in der Tat nur eine Ansammlung von blechgedeckten Lehmhäusern mitten auf einer staubigen trostlosen Hochebene. Die Straße führt entweder nach Irkestam im Osten oder nach Tadschikistan im Westen, wir biegen nach Süden zum** Pik Lenin** ab.
Flussbettfahrt
Die Straße verschlechtert sich erheblich, am Horizint erspähen wir den Gipfel von Pik Lenin. Weiter geht es in einem weiten Flussbett, der Wesdjechod (übersetzt heißt es: der, der über alles fährt) klettert über meterhohe Klippen und sucht in Schlangenlinien nach dem besten Durchkommen zwischen den Felsbrocken. Mein Magen hat genug von der wilden Schaukelei. Endlich das Sommerlager, die sogenannte Zwiebelwiese auf einer Höhe von 3.815 m. Jurten, Zelte und Blechtoiletten. Vom Lagerkommandanten erhalten wir eine Stelle für unsere Zelte zugewiesen, für 1 $ /Nacht, herum grasen Pferde und ihre kyrgysischen Besitzer lungern herum.
Basecamp auf der Zwiebelwiese
Einheimische sorgen für den Transport mit Pferden
Grün – der Aufstieg zum Pik Lenin
Zdenek liegt nach einem kräftezehrenden Durchfall im Zelt, und ich bin auch krank. Ich suche einen Camp-Arzt auf, es ist eine unfreundliche Frau, sie hat keine Zeit für mich, ich zittere vor Kälte und warte, endlich bringt sie ein paar ausgepackte Tabletten. Mir haben sie geholfen, Zdenek nicht. Super! Wir sollen morgen mit dem Aufstieg auf einen Siebentausender beginnen! In der Dunkelheit suche ich die strenge Ärztin noch mal auf. Sie trägt mir auf, einen Liter Wasser zu kochen, dann schüttet sie ein schwarzes Pulver hinein. Schwarze Magie? Zdenek soll es weit von den Zelten austrinken und abwarten. Eine Rosskur dreht seine Innereien nach außen, dann kriecht er gereinigt in den Schlafsack. Die medizinische Versorgung ist hier zwar unfreundlich, aber kostenlos.
16.7. – Zum Lager 1
Schöne Aussicht über die Lössberge vom Pass der Touristen
Wir haben beide gut geschlafen, nichts tut uns mehr weh, aber wir sind schwach nach dem gestrigen Hungern. Die Jungs vermuten, dass wir heute nirgendwo hingehen und machen sich startklar. Beide machen keinen Hehl daraus, dass sie heute bis Lager 2 gehen wollen. Angesichts der Tatsache, dass es 1.500 m höher liegt als die Zwiebelwiese, scheint uns die Idee nicht vernünftig. Werden sie dafür nicht büßen? Aber wir packen auch ein wenig später ein und lehnen sogar das Angebot der Kyrgysen ab, unsere Rucksäcke auf dem Pferd zum Lager 1 zu bringen. Aus bergsteigerischer Ehre, nicht wegen Geld, sie verlangen 1 $/kg. Wir gehen langsam, das ist sowieso für die Akklimatisierung am besten. Zuerst Aufstieg auf den 4.100 m hohen Pass Turistov (von dort gibt es einen Blick auf den Gletscher und auf Lenin für diejenigen, die nicht beabsichtigen, auf den Gipfel zu klettern). Dann über die Moränen hinunter zum Gletscher, die neugierigen Murmeltiere beobachten uns aus ihren Löchern.
Die putzigen Murmeltiere
Unten auf dem Gletscher sehen wir unsere beiden Freunde vor uns. Die Moräne übergeht in einen leicht ansteigenden Gletscher. Er ist schwarz und voller offener Risse, die oft große Umwege erfordern. Wo es geht, springen wir über die Risse und Schmelzwasserbäche. Nach 5,5 Stunden erreichen wir Lager 1 auf 4.400 m. Wo sind die unseren zwei Verrückten? Klar, sie sind nicht da, in einem steilen Anstieg unter Lager 2 sehen wir zwei kleine Punkte, die bergauf kriechen. Das werden sie sein. Der Lagerleiter bezeichnet es als Dummheit, so spät am Nachmittag noch nach oben zu gehen, der Schnee ist am Nachmittag schon sehr aufgeweicht.
Pik Lenin in Wolken
Lager 1
17.7. – Zum Lager 2
Die Nacht war ungemütlich, auf dem steinbedeckten Gletscher hats auf den Felsbrocken keine ebene Stelle gegeben, der Gletscher hat unter uns gegrollt und geächzt, dass Wasser geblubbert. In der Früh ist der Gletscher mit Neuschnee wie frisch überzuckert, die wärmenden Sonnenstrahlen erleichtern den Aufbruch. Ein ausgetretener Pfad führt zum steilen Hang, der 800 m höher in eine flachere Geländestufe übergeht, dort geht es zum Lager 2. Bei der ersten Gletscherspalte seilen wir uns an, auf der steilsten Stelle hat sich eine breite Spalte gebildet, die andere Seite ist gut einen Meter höher.
Als Schlüsselstelle wird eine etwa 30 m hohe Wand bezeichnet, Neigung ca. 60°. Der Schnee ist aber weich, so kann die Wand mit Eispickel problemlos hochgeklettert werden. Dann gibt es nur ein paar Risse, die gut übersprungen werden können. Wegen der unsichtbaren Spalten bleiben wir aber am Seil. Scharf nach rechts abbiegen, am gegenüber liegendem Hang sieht man farbige Punkte – die Zelte im** Lager 2. Ich bin schon müde, auch die Hitze macht mir zu schaffen, die Sonne knallt in den weißen Gletscherkessel, der reflektiert die Sonnenstrahlen, kein Windhauch. Wir suchen zwischen den Zelten einen etwas weniger schrägen Platz für unser heutiges Zuhause. Erreichte Höhe 5.400m, die 1.000 HM von Lager 1** haben wir in 5,5 Stunden geschafft.
Lager 2 (Foto vom Abstieg mit weniger Schnee)
Unsere zwei Freunde vermuten wir auf dem Weg zum Lager 3. Plötzlich hüpfen beide von oben auf uns zu. Ihr Zelt steht ein wenig höher, von hier nicht einsehbar. Eben kehren sie von einem Akklimatisierungsanstieg zum Fuße von Rasdjelnaja zurück, gestern haben sie Lager 2 nicht mehr erreicht, haben ihr Zelt neben dem Fußweg am Lawinenhang aufgebaut, die Gefahr wurde ihnen nicht bewusst. In der Nacht ist es ihnen schlecht gegangen, beide haben sich übergeben und starke Kopfschmerzen bekommen.
Ein paar Bergsteiger, die bereits auf dem Abstieg sind, erzählen uns von den Erfahrungen vergangener Nächte. Im Sattel unter dem Lenin hat sie nachts ein heftiger Sturm erwischt, hat ihre Zelte zerfetzt und hat Teile der Ausrüstung ins Tal hinuntergeblasen. Wir haben mit dem Wetter bis jetzt Glück.
18.7. – Zum Lager 3
Basecamp links im Tal hinter dem Felssporn, Blick von Rasdjelnaja
Hitze auf 6.000 m
Die Sonne ist erbarmungslos, keine einzige Wolke auf dem Himmel, der strahlend weiße Schnee blendet. In einem bewusst lockeren Tempo aufsteigen, wir haben nur 600 m vor uns und keine lange Strecke zum Laufen. Zuerst auf den Gipfel von Rasdjelnaja, 6.148 m, und von dort hinunter in den 6.040 m hohen Rasdjelnyj Sattel zwischen ihr und Pik Lenin. Der Sattel ist klein, auf einer Seite ragt eine mächtige Schneewechte ins Tal, es gibt Platz für etwa zehn Zelte. Für uns bleibt eine enge Stelle nah an der Wechte übrig, dafür stehen wir in der ersten Reihe. Für den Sonnenaufgang. Unsere Zeltnachbarn beschweren sich, dass wir ihnen das Klo zugebaut haben, einen kleinen Riss im Eis. Wir schaufeln uns eine ebene Fläche. Harte Arbeit. Zdenek fällt sofort in den Schlafsack und weigert sich die Heringe richtig ins Eis zu hauen. Vertröstet mich auf später. Wartet er denn auf Kälte und die hier berüchtigten stürmischen Winde? Ich soll mir keine Sorge machen, also gehorche ich gerne und mache mir keine. Außer der Müdigkeit geht es uns zwei gut, keine Anzeichen von Höhenkrankheit. Die Jungs kommen zu uns ins Zelt, wir spielen den höchsten Schafkopf in unserem Leben. Dann müssen wir viel Schnee für den Tee schmelzen. Es dauert ewig, drei Liter haben wir gekocht.
Lager 3 in Rasdjelnyj Sattel auf 6.040 m
19.7. – Pik Lenin, 7.134 m
Sehr frostig
Die Zelte im Lager 3 auf 6.000 m
Irgendwie wollen wir nicht bei der Kälte aufstehen, wir warten bis die Sonne in unser Zelt kommt. Die ist um sechs da. Heute sendet Radio keine Wettervorhersage oder Nachrichten aus der Zeltöffnung, wie jeden Tag. Ist unser Nachrichtensender kaputt? Nein, da hören wir ihn schon verkünden: also ciao, ich gehe auf den Gipfel. Na so was! Sogar Kame schläft noch. Wir krabbeln heraus, in einer Stunde sind auch wir drei marschbereit. In der Höhe funktioniert das Gehirn nicht hundertprozentig, so verheddere ich meine Steigeisen und bin lange nicht in der Lage, sie an die Bergschuhe zu befestigen. Kame kämpft mit Atemproblemen, hat Mühe mit uns Schritt zu halten und bleibt auf jedem Stein sitzen. Außer uns vier geht noch ein Deutscher zum Gipfel, und zwei Slowaken.
Viel steiler als es von unten ausgeschaut hat
Ein azurblauer Himmel ohne Wolke, aber ein starker Wind. Auf dem halben Weg zum ersten Anstieg ziehen wir alles an, was wir haben, und ich merke, dass mein träges Gehirn vergessen hat, mein warmes Fleece mitzunehmen. Habe nur ein langes T-Shirt, ein Hemd und die Windjacke. Zdenek leiht mir sein Ersatzhemd, und seltsamerweise wird es irgendwie reichen. Mit den Händen ist es schlimmer. Selbst in doppelten dicken Handschuhen sind meine Finger steif, sie werden weiß und tun nicht mal weh. Ein schlechtes Omen. Also reiße ich die speziellen Säckchen mit Aktivkohle auf, die ich mitgebracht habe. Wenn man die Tüte aufreißt, wärmen sie acht Stunden. Zdenek treibt mich an, mir gelingt es mit meinen steifen Fingern nicht, die Tüte aufzumachen, reiße sie mit den Zähnen auf und beschädige dabei die innere Tüte mit dem Kohlepulver. Schon im Gehen stecke ich es in meine Handschuhe, wo das Kohlepulver verschüttet wird. Aber es wärmt wirklich den ganzen Tag und rettet meine Finger vor Erfrierungen. Nur sind meine Hände am Abend schwarz wie bei einem Köhler.
Die zwei Slowaken holen wir bald ein, der eine bleibt immer mehr zurück und gibt schließlich auf. Der Aufschwung, beim Blick vom Tal ein leichter Hügel, entpuppt sich als ein mit Schneeflächen versetzter Geröllkamm. Es gibt manchmal bis zu 60° steile Anstiege mit Schneestufen. Vor dem Gipfelaufbau liegen zwei tiefverschneite kleine Sattel, es dauert uns eine Stunde sie zu überwinden. Ich markiere Punkte in mein GPS-Gerät. Nur für den Fall, dass Nebel oder Schneefall kommt, damit wir den Weg zurück zu den Zelten finden.
Kame ist am Ende
Auf einem Schneesattel sehen wir Radio abzusteigen. Es zeigt, wie weit es ist, hinter dem Grat, den wir sehen, gibt es einen anderen, hinter ihm rechts ist der eigentliche Gipfel. Wir verabschieden uns und steigen weiter. Nirgendwo eine Wolke, aber die Sonne wärmt auf dem Grat nicht, schaut uns nur eisig an. Der Hauptkamm besteht aus kleinen steilen Stufen zwischen Schneefeldern. Wir haken einen nach dem anderen ab in der Hoffnung, dass wir die Spitze hinter dem nächsten sehen. Nach einer weiteren Enttäuschung steigt der schnelle Slowake von oben ab und versichert uns, dass die Spitze nur hinter diesem Kamm liegt. Noch einer! Das untergräbt unsere Moral. Kame sitzt zusammengesunken auf einem Stein und keucht, die Uhr verrät 15.30 Uhr, also schon eine halbe Stunde nach dem geplanten Time of Return. Ich schalte das GPS ein, es zeigt eine Höhe von 7.076 m, d.h. 58 m unter dem Gipfel. Das ist normalerweise nicht viel, aber hier kann es noch eine halbe Stunde bedeuten. Vernunft (oder Müdigkeit?) und über uns die sich nun bildenden Wolken blasen zum Rückzug. Auf dem weiten, nicht mehr so steilen Hang wählen wir einen markanten Felsbrocken als unseren privaten Gipfel. Der Slowake fotografiert uns und verschwindet sofort unter uns.
Unser privater Gipfel in Höhe 7.076 m
Grandioser Blick über den Pamir
Unendlicher Abstieg
Ich komme gut runter, aber die Jungs hinken hinterher, ein schnell vom Gipfel fallender Nebel verhüllt sie. Ich spähe nach ihnen zwischen den Nebelfetzen. Ich werde langsam steif, will schnell ins Zelt, und sie trödeln herum. Vor uns ist noch ein Abstieg von 1.000 m. Ich muss mich bewegen. Endlich taucht Kame aus der Wolke auf, er zittert vor der Kälte, also schicke ich ihn vor. Nach einer halben Stunde des Wartens sehe ich Zdenek endlich durch ein Loch im Nebel. Er sitzt bewegungslos über einer steilen Rinne. Was um Gottes Willen macht er dort? Warum kommt er nicht herunter? Mir wird es kalt, Wut steigt in mir hoch. Er soll sich bewegen! Endlich, aber er rutscht den Hang auf dem Hintern herunter. Er bittet mich, den völlig leeren Rucksack zu nehmen. Er hat das Gefühl, dass er ihn einengt und er deswegen keine Luft bekommt. Ich starte durch, Zdenek bleibt weit hinten. Auf dem letzten Grat über dem Sattel finde ich Kame, er sitzt hier unter der Wolke in der späten Nachmittagssonne. Wir warten auf Zdenek und steigen zusammen ab, die zwei hocken aber bald wieder! Auf einem großen Felsbrocken, der von der Sonne angestrahlt wird, sie rufen, dass sie noch nicht absteigen wollen. Obwohl die Zelte unter uns schon im Schatten liegen, etwa eine Stunde entfernt.
Endlich sieht man die Zelte auf dem Sattel
Ich gehe, meine Kräfte schwinden. Zu den Zelten geht man leicht bergauf, noch etwa 10 m vor dem Ziel muss ich mich in die Stöcke hängen und Kraft sammeln. Bevor ich ins Zelt falle, schaue ich auf den Hang zurück. Die beiden Zwerge stehen endlich auf und gehen runter. Ich ziehe nur die Schuhe aus und falle voll angezogen in den Schlafsack. Dort liegt die Flasche mit dem Morgentee, jetzt eiskalt. Die Hälfte lasse ich für Zdenek übrig. Endlich nach acht Uhr sind sie angekommen.
Ich würde gerne Tee kochen, im Zelt ist aber wenig Platz und das Vordach hat Zdenek gestern nicht aufgespannt. Jetzt ist er entkräftet, nach einem Nickerchen macht er das. Sagt er. In der Nacht versuche ich ihn mehrmals zum Kochen zu bewegen, ohne Erfolg. Aber wir müssen in dieser Höhe trinken! Wenn ich den Durst nicht mehr ertragen kann, kratze ich mit dem Kochtopf vor dem Zelt etwas Schnee ab, huu, ein sehr kaltes „Getränk“.
20.7. – Vom Sattel zum Lager 2
Auch der Abstieg ist anstrengend
Im Zelt ist es sogar warm, bestimmt über 0°C. Zdenek befestigt endlich das Vordach, Tee wird gekocht. Dazu Kekse, nichts anderes kann der Magen aufnehmen. Kame ist angeblich halb bewusstlos in den Schlafsack gefallen und hat sich vor Kälte geschüttelt wie ein Vibrator. Er hat Druck auf der Lunge, hat Antibiotika geschluckt und weigert sich aufzustehen. Er muss hier weg, es sieht nach beginnender Höhenkrankheit aus, mit Lungenödem ist nicht zu spaßen, und auf über 6.000 m kann sich die Lunge nicht regenerieren. Er wird gezwungen aufzustehen.
Kartoffelbrei-Experte
Am schlimmsten ist das erste Stück, der Aufstieg auf die Rasdjelnaja. Keiner von uns hat noch Kraft, am meisten noch Radio, er trägt Kame seinen Rucksack hoch, der in einer totalen Reset Phase ist. Von Rasdjelnaja geht es schon besser, zum Mittagessen sind wir im Zweier. Bauen einen Sonnenschutz gegen die starke Strahlung, kochen Suppe und wollen dann Kame zum Lager 1 hinunterbringen. Der liegt im Schatten und weigert sich heute noch irgendeine Bewegung zu machen. Uns bleibt nichts anderes übrig, wir graben eine winzige Stelle für die Zelte aus, dann liegen wir den Rest des Tages.
Zdeneks Magen ist noch nicht auf Empfang umgestellt, so gibt es nur Kartoffelpüree, Zdeneks in großen Höhen bevorzugte Diät. Leider kalorienarm. Ein Deutscher kommt zu uns und fragt, ob er sich morgen bei dem Abstieg an unser Seil einklinken kann. Ja, kann er.
21.7. – Ins B.C.
In der Früh wieder Sonne. Der Deutsche sitzt mit gepacktem Rucksack schon da und zittert vor Kälte. Kame sieht erholt aus, wir seilen uns an, ich mache vorne Tempo, und siehe da, beide protestieren nicht und stapfen schön hinterher. Bis wir die Jungs einholen.
Am Lager 1 haben die Jungs ein Depot mit den Bergschuhen angelegt, drin ein paar Essensvorräte versteckt. Als wir uns der Stelle nähern, steigt eine Schar Krähen auf. Die Schuhe sind unversehrt geblieben, aber die Aluminiumverpackung der Trockengerichte ist aufgepickt, die Tüten leer. Im Lager 1 machen wir eine kurze Pause, zum BC sind es noch 3-4 Stunden. Der Gletscher ist sehr schlecht, er ist nicht mehr schneebedeckt wie auf dem Weg hierher, das blanke Eis ist rutschig. Ein ewiger Zickzack, auf der Moräne wird es auch nicht besser, viele Hügel und Bäche dazwischen.
Am Ende des Tages haben wir einen 300 m Anstieg zum Pass Turistov, das ist zwar kräftezehrend, aber zumindest gibt es einen Fußweg. Im steilen Teil des Anstiegs sitzen drei Kyrgysen in ihren typischen Hüten, die den Weg reparieren. Sie führen uns nicht auf dem Weg, sondern auf der Direttissima zum Pass. Aus den schweren Skischuhen werden Folterinstrumente, sie drücken von allen Seiten, ich will schnell ins Camp, damit ich sie ausziehen kann. Zdenek nimmt sich jedoch Zeit und legt sich auf dem Pass ins Gras. Ich warte mit dem Rucksack auf dem Rücken, bis er aufsteht, meine Blasen sind nicht dazu gemacht, Herumsitzen ist im Moment nicht mein Ziel. Zuerst Schotter, dann Grashänge. Zdenek wird immer langsamer, ich kann nicht warten, gehe vor. Endlich die steifen Schuhe im Camp ausziehen, das ist eine Erleichterung! Zdenek kommt erst in einer Stunde, flackt sich ins Gras und bietet 100 Som dem, der ihm seine Schuhe auszieht. Ich reiße mich nicht darum, aber Radio verdient gerne zusätzliches Geld. Er bekommt die 100 Som wirklich.
Im Gemeinschaftszelt sitzen Mitglieder mehrerer russischer Expeditionen, wir werden von ihnen als Helden gefeiert. In sechs Tagen im alpinen Stil auf den Gipfel und zurück, ohne den schrittweisen Aufbau von Hochlagern. Das gelingt nicht vielen, und wir sind stolz. Der Leiter der Bergführer spendiert zu unseren Ehren eine Flasche Krim-Sekt. Mit dem guten Abendessen im Bauch von der Camp-Köchin schlafen wir zufrieden ein. In der Nacht beginnt aber meine rechte Wade wehzutun.
22.7. – Im BC
Der Wesdjechod nach Osh kommt erst morgen früh. Mein Bein tut weh, beim Gehen wird es aber besser. Ich frage nach Daniela, sie hilft in der Küche aus. In ihrem Lager sind es 60 Personen, dreimal am Tag zu kochen ist eine Menge Arbeit. Wir fallen uns in die Arme, sie gratuliert uns zum Aufstieg, sie selbst ist nicht weiter gekommen als zum Touristenpass.
Mit Allradantrieb
Überall laufen Pferde frei herum, ich möchte mir eines ausleihen, Kame kommt mit. Ich bezahle den kyrgysischen Besitzer mit einer Tüte Globetrotter Essen und Powerbars, Mittags kommt eine Wolke, die erste, die wir hier erleben, der Wind frischt auf und ein Regenschauer zieht vorbei. Und da bringt der Kyrgyse gerade die Pferde. OK, Goretex an und los geht´s. Ein kyrgysisches Geländepferd zu reiten ist einfach, es reagiert auf die Zügel wie ein Westenpferd, der Sattel hat auch einen Knauf. Wir bewegen uns vom Camp weg, ich versuche den Trab, dann Galopp. Kames Pferd schließt sich dem Galopp an. Wir erreichten das Ende des Tales zwischen den Jurten, grasbewachsenen Hügeln und Teichen. Die Pferde klettern wie Gämsen auf die Hügel, herunter wählen sie selbstständig weniger steile Routen. Auf dem Rückweg sind die Pferde schon langsamer, erst auf der Ebene, wenn die Zelte auftauchen, galoppieren sie freudig nach Hause. Wir waren drei Stunden weg. Daniela organisiert Kekse und Tee, wir spielen im Gemeinschaftszelt Mau-Mau. Zum Essen gibt es Gerste mit Gemüse, keine Delikatesse. Ins Zelt muss ich humpeln, die Wade tut weh.
23.7. – Nach Osh
Höchste Zeit, wegzukommen. Die ganze Nacht hat es geregnet, es ist kalt und windig. Die Berge sind komplett in Wolken gehüllt. Etwa 40 Bergsteiger sind gestern von hier Richtung Lenin aufgebrochen. Wie sieht es wohl oben aus? Wir sind froh, dass wir in diesem Sauwetter nicht mehr hin müssen. Daniela verabschiedet sich, wir verlassen das in eine feuchte Kälte eingetauchte Lager, wohl wissend, dass wir bei unserem Aufstieg ein sensationelles Wetterfenster erwischt haben. Wir danken den verantwortlichen Gottheiten für ihre außerordentliche Gunst. Wir haben Sonnenbrand, vor allem die Lippen. Und ich habe eine unvernünftige Wade.
Das Fahrzeug hüpft mit uns über die Spurrinnen über die durchweichten Wiesen, dann wieder durch das Alau Tal im steinigen Flussbett. In der trockenen Steppe unter den Bergen verhindert der Sandstaub die Sicht, im Gegensatz zu unserer Ankunft sehen wir von den Gipfeln keine einzige Spitze.
In Osh leben wir wieder in einem Raum, der voll mit geschnitzten Ornamenten ist, schlafen auf Schichten von Perserteppichen. Ich kann auf dem rechtem Bein gar nicht auftreten, hüpfe mit Tränen in den Augen in die Dusche. In meiner Apotheke finde ich etwas gegen Entzündungen der Weichteile, ich lese auf dem Beipackzettel: Nebenwirkungen Erbrechen, Durchfall, Sehbehinderung, und viel anderes. Ich nehme es trotzdem, es wirkt aber nicht.
24.7. – In Osh
Die Jungs holen einen Arzt, er schaut die Wade an, sagt, ich werde daran nicht sterben, meine Tabletten könnten mir helfen, soll es noch mit Paracetamol unterstützen, es wird mit aber davon schlecht. Ich verharre in der horizontalen Position, mein Magen beginnt gegen die Tabletten zu rebellieren. Aber mein Bein wird besser, die Jungs bringen mir aus der Stadt eine Wassermelone und drei Rosen. Da bin ich sprachlos! So viel Romantik hätte ich bei keinem von ihnen vermutet.
25.7. – Nach Toktogul
Der Bus fährt um sieben, aber nicht bis Bishkek, nur nach Toktogul. Es ist ca. 400 km entfernt, das Ticket kostet 220 Som. Gleich nach dem Losfahren schiebt der Schaffner eine Videokassette ein. In diesen 10 Stunden Fahrt müssen wir vier amerikanische Mord-und-Totschlag-Streifen über uns ergehen lassen. Mein Bein ist dick, mir ist schlecht. Sind es die Pillen, oder der Hunger? Der Bus ist brechend voll, die Leute quetschen sich in dem Mittelgang, es ist heiß, die Kinder kotzen lustig vor sich hin, der Fahrer lässt die scheppernde Klimaanlage laufen, der Motor knurrt laut, dazu die Schüsse und Todesschreie aus dem Video. Die Aussicht aus dem Fenster ist spannender. Die Straße windet sich an drei azurbauen Seen entlang, die sich mitten in den nackten ockerfarbenen Bergen ausbreiten.
Halb taub und gegart werden wir um fünf auf den staubigen Awtowoksal von Toktogul ausgespuckt. Eine Unterkunft muss her. Um uns herum bieten ein paar selbsternannte Taxifahrer eine Fahrt zur Gostinica an. Wir quetschen uns mit unseren acht Gepäckstücken in einen Moskwitsch, der Fahrer bietet uns Unterkunft in seinem Haus an und morgen Transport nach Bishkek, alles für 350 Som. Schon sehr hungrig kommen wir in die Stolovaja “Comfort” mit Plastiktischen. Es gibt Lagman (Nudelsuppe) und Hähnchenschenkel mit Nudeln, Trinkgeld wird nicht angenommen.
Zum Frühstück echter Bienenhonig mit echten Bienen drin
Auf der Veranda unserer Bleibe wartet noch Tee, Brot und hausgemachter Honig auf uns. Der Honig ist wirklich von den Bienen, in dem Honigtopf schwimmen ganze Stücke von Bienenkörpern. Man muss aufpassen, um die Bienenteile nicht in den Tee zu bekommen.
26.7. – Nach Bishkek
Zum Frühstück Brot mit Honig und Bienen. Dann noch Saljarka tanken (angeblich Schmuggelware aus Usbekistan) und los geht´s. Durch weite Weidenflächen mit vielen Jurten. Über einen 3.100 m hohen Bergpass, wo wir einen alten Keilriemen gegen einen anderen alten tauschen. Der zweite Bergpass wird durch einen Tunnel unterfahren, dann sinkt die Straße in ein langes Tal.
In Bishkek wird Badezeug eingepackt, wir wollen uns zwei Tage am Issyk Kul See erholen. Mit der Marshrutka für 130 Som Richtung Cholpon Ata. Das ist ein Kurort am nördlichen Seeufer. Die Reise dauert fünf Stunden. Wir finden eine Unterkunft, das Zimmer mit vier Metallbetten für 100 Som. Radio fällt mit Fieber und Schüttelfrost in die weißen Bettlaken, wir anderen gehen essen. Die kyrgysische Bedienung spricht kein Russisch. Wir möchten etwas Mageres, das Hammelfett können wir einfach nicht mehr. Durch Pantomime verständigen wir uns, dass sie etwas Weißes vom Huhn hat. Ein Stück mageres Fleisch schwebt uns vor, so werden drei Portionen bestellt. Wenn das Mädchen drei Suppenteller vor uns stellt, schauen uns aus jedem vier im Hammelfett schwimmende Spiegeleier. Ich kann es nicht mal anschauen und gehe hungrig schlafen.
27.7. – Cholpon Ata
Schöne Holzhäuser mit Schnitzereien in Cholpon Ata
Die Nacht war bewegt. Radio ist die ganze Nacht aufs Klo gelaufen, Zdenek gesellt sich zu ihm, beide haben Morgen Fieber. Wir mit Kame stellen ihnen Wasser, Cola und Kekse zum Bett und gehen zum Strand. Eine frische Brise weht vom See, die Sonne scheint, wir liegen hinter einer Düne im Schatten und schlafen. Am Nachmittag zurück zu unseren zwei Patienten. Zdenek schwört, er wird keine kyrgysisches Lokal mehr betreten. Er liegt in dem weißen Bett auf dem Rücken, die Hände auf der Brust gefaltet, das Gesicht mit dem sprießenden Bart ist eingefallen, er sieht aus wie der Lenin im Mausoleum. Good bye Lenin, wir drei gehen zum Essen, auch Radio versucht auf die Beine zu kommen. In einer Aptjeka kaufen wir Kohletabletten, die helfen endlich die Steine im Magen aufzulösen.
28.7. – Cholpon Ata
Zdenek liegt immer noch schweigend und regungslos im Bett. Also lassen wir ihn in Ruhe und gehen zum Strand, essen köstliche Aprikosen und Brot, mittags gibt es Schaschlik vom Imbiss. Urlaubsatmosphäre. Endlich fangen wir an, uns von den Strapazen am Pik Lenin zu erholen. Am Nachmittag schauen wir nach Zdenek, er ist nach wie vor eine sprachlose Mumie.
29. 7. – Nach Bishkek
Der alte spukende Ikarus Bus nimmt uns für 100 Som mit, in den Bergen hinter Rybatschje bleibt er aber bockig stehen. Klopfen im Motor, Gestank, Stillstand, Ende. Per Anhalter kommen wir nach Bishkek. In einem Luxusgeschäft findet endlich der abgemagerte Zdenek etwas passendes zum Essen: Banane, Semmel und Joghurt.
Es lebe Kyrgystan und seine liebenswerten Einwohner
Abflug. Wir sind alle körperlich gezeichnet, aber seelisch bereichert. Kyrgystan ist ein sehenswertes Land. Die Dinge funktionieren nicht immer so, wie wir von zu Hause gewohnt sind, aber es gibt hier schöne Natur und sehr nette Menschen. Dazu sprechen alle die vor dem Jahr 1990 in die Schule gegangen sind, Russisch, so ist die Verständigung meistens kein Problem. Mit dem Pik Lenin haben wir uns ein sehr anspruchsvolles, aber schönes Ziel ausgesucht. Wir sind froh, dass alles so gut geklappt hat und wir (fast) an die Spitze gekommen sind.
Helena
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