Da haben wir wieder mal was tolles ausgebrütet! Mit Langlaufski hinter dem Polarkreis. Zdenek und ich, Kame kommt auch mit. Wie machen wir das aber mit den Pulkas? Man kann sie in Schweden ausleihen, sie sind aber alle zu schwer und groß. Um sie mit den schmalen Langlaufski hinter uns zu ziehen, brauchen wir was Leichtes. In der Spielwarenabteilung des Kaufhauses Máj in Prag kaufen wir spontan leichte Plastik-Kinderbobs für ganze 150 Kronen, jeder in einer anderen Farbe: rot, blau, grün.
Lange diskutieren wir, wie man diese improvisierten Pulkas an der Hüfte am besten befestigt.
Kame kommt im Januar zu uns, seine Partnerin Katarina und die frische, gerade zwei Monate alte Tochter Mari sind auch da. Ein Stück von unserem Haus ist ein kleiner Rodelhang, das ist der geeignete Platz für die erste Testfahrt. Wir beladen die Bobs mit Rucksäcken, Kame hat was Besseres: Mari. Sie wird an den Schlitten gebunden und auf den Hang hochgezogen. Bei der Abfahrt geht sie aber verloren und endet im Schnee, zum Entsetzen der frischgebackenen Mama, die unterm Hang auf uns wartet.
Wir haben herausgefunden, dass man den Pulka zur Hüfte elastisch befestigen muss, um das Ziehen beim Abstoß zu vermeiden. So nähen wir zwei Gummizüge an den Hüftgurt. Der Pulka hängt dann bei unserer Version am Seil, Kame hat statt dessen zwei dünne Stangen. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile, wie wir dann in Schweden feststellen werden.
5.3. – Ankunft Kiruna
Um 4.30 geht es endlich los. Pulkas sind verpackt und im Auto verstaut, Langlaufski auch, die Rucksäcke sind riesig um beide wiegen um die 20 kg. Barbara fährt uns nach München zum Flughafen, mit unserer Katze Giny auf dem Schoß, die die vierzehn Tage bei ihr und Patti verbringt.
Die günstigste Verbindung von München nach Kiruna ist mit der tschechischen Fluggesellschaft über Prag nach Stockholm und weiter mit SAS. Auf dem Prager Flughafen treffen wir uns mit Kame, Karl sollte eventuell zu uns in Abisko stoßen. Er ist bereits in Schweden, aber erkältet, so ist seine Teilnahme mehr als unsicher.
In Stockholm haben wir sechs Stunden Aufenthalt, so besuchen wir schnell die Altstadt Gamla und widmen uns in einem Supermarket intensiv der Auswahl vom richtigen Brot für heute Abend, damit wir nicht das übliche süße erwischen. Das dunkle scheint das Richtige zu sein. Gleich hinter der Kasse wird´s probiert. Mist! Es ist mit Karamell. Zum Käse eine etwas seltsame Kombination. Dann rufen wir Karl an. Er fühlt sich schlecht, fährt zurück nach Hause. So bleiben wir zu dritt.
Der Flug nach Kiruna hat uns kulinarisch nicht viel angeboten, hat noch Verspätung, so landen wir in Kiruna erst um Mitternacht. Kirunas Flughafen ist eher ein Flugplatz, das Gebäude nur ein Holzhäuschen mit dem üblichen falu-röd Anstrich. In die Stadt geht es nur per Taxi, das man von hier problemlos bestellt. Die 9 km kosten 190,-SK. Bezahlt wird im Auto mittels Abbuchungsgerät. Er setzt uns am Bahnhof ab, da soll es ein Hostel geben, und weg ist er. Im Erdgeschoss leuchten die Fenster in die einsame eiskalte Nacht, unser Klingeln hört jedoch niemand. Am Fenster eine Telefonnummer, verschlafene männliche Stimme sagt uns, dass es voll belegt sei. Ich bitte um eine Ecke zum Hinlegen, wir haben ja Schlafsäcke, nur für die vier Stunden bis 5.30, wo der Warteraum am Bahnhof geöffnet wird. Nein, es geht nicht, ausgeschlossen! Der Mann bringt uns zum nächsten Hostel mit seinem Auto. In der Rezeption sitzt noch jemand, aber auch hier ist es komplett belegt. Trotz 2.00 nachts und eisiger Kälte draußen dürfen wir nicht in einer warmen Ecke den Morgen abwarten. Mit dem ganzen schweren Equipment ziehen wir zu Fuß zum nächsten Gästehaus, das hat aber zu.
Ich halte schon Ausschau nach einer passenden Schneewechte zum eingraben unter ein paar Birken im Park. Im Biwaksack wäre es zu überleben. An der Ecke sehen wir noch eine Pension – Kebna. Und siehe da! Die Tür ist offen, innen alles dunkel, Rezeption zu. Es ist mollig warm, wir beschließen zu bleiben. Die Jungs legen sich in die Ecke, ich schiebe zwei kleine weiche Sessel zusammen und rolle mich ein. Zum Füße ausstrecken reicht es nicht.
6.3. – Abisko – Abiskojaure, 15 km
In der Nacht ist ein paarmal jemand erschienen mit der Aussage, wir müssen verschwinden. Keiner von uns rührt sich, den Kopf unterm Anorak versteckt täuschen wir Tiefschlaf vor. Um 6.30 kommt die Frau von der Rezeption, Zeit das Feld zu räumen. Wir packen fröhlich zusammen, von ihren bösen Blicken verfolgt. Dann will sie von uns Geld, ganze 300,-SK, das sind 80,-DM. Wir weigern uns, sie droht mit der Polizei, so legen wir 150,-SK auf die Theke. Ihr Schimpfen begleitet uns auf die Straße. Wahrhaft kein guter Empfang in Kiruna. Wie soll es ein nicht ortskundiger Tourist schaffen, um zwei in der Nacht ein Bett zu finden?
Start in Abisko
Der Bahnhof ist schon offen, im Warteraum ist es schön warm, Bänke und ein Tisch. Niemand da. Wir frühstücken und packen unsere Pulkas aus. Wir haben damit nicht gerechnet, dass wir den ersten Morgenzug nach Abisko erwischen. Wir deponieren die Ski- und Pulkahüllen in einem Schließfach und fahren um 7.45 los, durch die weiße kälteerstarrte Landschaft. Entlang der Gleise sieht man vereinzelte Häuser. Sie sehen verlassen aus, nur der Motorschlitten vor dem Haus zeigt, dass jemand drin lebt.
In Abisko Tourist Station bauen wir unsere Pulkas und Gurte zusammen, die Rucksäcke werden auf den Pulkas mit Gummizügen befestigt, noch ziehen wir uns um und um 11.30 ist Abmarsch. Wir werden auf dem Kungsleden Richtung Süden laufen. Kungsleden heißt Königsweg, es zieht sich über ganz Schweden vom Norden bis in den Süden.
Erste Schritte mit den Pulkas, wie wird es gehen? Die Spur ist hier von den Motorschlitten hartgefahren, der Winterwanderweg ist mit roten Kreuzen (wie bei den Bahnübergängen) markiert. Die Sonne scheint, die Pulkas knirschen brav in unserem Schlepptau. Die ersten 15 km zu der Abiskojaure Hütte sind eher flach, zum Schluss über den See. Wir sind voller Vorfreude und somit schon in drei Stunden am Ziel.
Das, was wir hier vorfinden, gilt mit kleinen Änderungen in allen Hütten hier. Eine Hütte ist für den Stuganvärt, den Wirt, eine ist als Winterraum in der Zeit bis März ständig offen, Holzschuppen mit Birkenholzstämmen, Beil und Säge, Klohäuschen und für die Touris gibt es eine Hütte (oder auch mehrere). Der Gast muss zum Wasserloch im See, um Wasser zu holen, Holz hacken, das Schmutzwasser auf einem vorgeschriebenen Platz wegschütten, und neulich auch Abfälle sortieren. Übernachtung kostet 150,-SK für STF Mitglieder, sonst 200,-SK (35,-bzw. 45,-DM). Alle Hütten sind aus dunkelbraunem Holz, innen gut eingerichtet mit kleinen, aber leistungsstarken Öfen, Gaskochern und einer Gasfunzel zum Leuchten in der Küche. Strom gibt es natürlich nicht, auch kein Telefon, nur ein Notruf zur Polizei.
In Abiskojaure ist bereits die Hüttenwärtin, zwei junge deutsche Einzelgänger und im Zelt am Seeufer eine alte alternative Holländerin.
7.3. – Abiskojaure – Alesjaure, 20 km, 400 HM, 6,5 Stunden
Endlich eine normale Nacht. Um sieben stehen wir auf. Es hat nachts stark geschneit, so 15 cm Neuschnee liegen vor der Hütte. Der Deutsche läuft vor uns Richtung Alesjaure, er hat Schneeschuhe und eine richtige Metallpulka. Trotz Neuschnee geht es in der Spur hinter ihm gut. Nachdem wir ihn nach zwei Stunden überholen, müssen wir selber spuren. Der Hang wird steiler, in den Schneeverwehungen drehen sich unsere Pulkas „auf den Bauch“, wir kämpfen uns nach oben, zum Schluss mit Ski auf dem Pulka. Harte 100 Höhenmeter, die uns viel Kraft und Zeit gekostet haben. In einer Schutzhütte machen wir kurz Rast.
Alesjaure
Die letzten 7 km laufen wir über den See, man hat die Hütte die ganze Zeit vor den Augen, sie will aber nicht näherkommen. Zdenek hat zu glatten Ski, ist aber schon irgendwie müde zum Nachwachsen. In Alesjaure haben die Wirte der umliegenden Hütten eine Fete, so sind ungefähr 15 Personen da. Es gibt aber genug Platz, es hat die Kapazität von etwa 70 Plätzen. Unterhalb der Hütten liegt ein Saunahäuschen, jemand hat eingeheizt. Zdenek hat sich hingelegt, wir mit Kame gehen nach der selbsgekochten Suppe in die Sauna. Drin ist es heiß und dunkel, draußen scheint der Mond. Nach dem Saunagang muss man noch mit Eimern zum See, um Wasser für die nächsten Saunagäste zu holen.
Hier spuren wir schon selber
Zurück im Zimmer stelle ich fest, dass ich heute früh in Abiskojaure meine Brille vergessen habe. Zufällig ist der Stugavärd von Abiskojaure heute auch da. Er schlägt vor, die Brille nach Abisko Tourist Station zu schicken, und gibt mir die Telefonnummer von dort. Hoffentlich klappt es irgendwie, ich bin sooo dumm! Wie konnte ich sie dort liegen lassen können!
Beim Zahlen sind wir dem STF beigetreten, den Jahresbeitrag haben wir mit drei Übernachtungen zurück. Und vielleicht kommen wir noch im Sommer!
8.3. – Alesjaure – Sälka, 25 km, 530 HM, 6 ¾ Stunden
Das Wetter ist gut, seit Anfang unserer Tour tagsüber zwischen -11°C und -17°C, sonnig, fast kein Wind. Heute geht es über den Tjäktja Pass, es soll dort viel Schnee geben. Es sind 12 km zur Tjäktja Hütte, dann 13 km über den Pass nach Sälka. In unsere Richtung geht nur der Rudi – Schneeschuhmann und noch ein einsamer Läufer. Beide bleiben in Tjäktja. Die Spuren von gestern sind verweht, Kame geht vorne. Die 400 Höhenmeter sind teilweise recht steil, ich versuche es in der Grätsche zu erklimmen, der Pulka zieht mich aber zurück, Zdenek hilft mir von hinten mit seinem Stock, den Pulka zu halten. Ich will es aber nicht, möchte es alleine schaffen, koche innerlich vor Wut und nutze jede Gelegenheit, wenn er zum Fotografieren stehen bleibt, ihm wegzulaufen, damit er mich vor dem steilen Stück nicht einholt und ich ohne Hilfe steigen kann. Natürlich hilft es, wenn er von hinten mit dem Stock anschiebt, aber das Anschieben ist nicht konstant, so kostet es zusätzlich Kraft die Stöße abzufangen. Und ich will alleine hoch! Ich sage ihm aber nichts, er meint es gut, hoffentlich liest er meine Zeilen erst daheim.
Tjäktja Hütte
Ungefähr eine Stunde vor der Hütte kommt ein starker Gegenwind, es ist eiskalt. Keiner von uns will aber anhalten und wärmere Sachen aus dem Rucksack ziehen. Endlich Hütte! Hier wollen wir eine kurze Rast einlegen und uns drinnen etwas wärmen. Aber oha! Heute Nacht war wahrscheinlich niemand da, draußen sin d es -11°C, drin -10°C. So legen wir schnell noch eine Schicht wetterfeste Kleidung über unsere dünnen Langlaufsachen. Auf dem Weg zum Gipfel holt uns ein Schneemobil ein. Wunderbar, er wird spuren, freuen wir uns. Er hält neben mir an und fragt, ob ich in Abiskojaure meine Brille vergessen habe. Er hätte sie mitgenommen. Super! Er packt sie aus einem Handtuch aus, winkt uns und verschwindet Richtung Sälka. Ich bin so froh! Vielen Dank!
Markierte Winterwege
Hinter dem Pass hört der Wind auf, eine alpine Abfahrt macht viel Spaß. Die Pulkas kullern hinter uns, ob sie nun zum Ziehen Stangen haben (Kames Variante) oder Seile (unsere Modelle). Bei der Abfahrt muss man auch darauf achten, dass einem der Pulka nicht in die Fersen fährt. Wir folgen der Schneemobilspur, der Pass bleibt weit hinter uns, eine Hütte ist aber nicht in Sicht. Müssen wir etwa bis zu der Talbiegung laufen? Plötzlich tauchen 100 m vor uns Dächer! Vier Häuser, wie immer mit Klohäuschen und Holzhütte nebenan und einem Wasserloch im nahen See. Wir sind die einzigen Gäste heute, die Hütte ist noch nicht bewirtschaftet. Einheizen, Holz hacken, Wasser holen, kochen, wir sind schon ein eingespieltes Team. Es klappt auch zu dritt gut, bis jetzt verläuft alles harmonisch.
9.3. – Sälka-Hutajaure, 20 km
Wieder Sonne! Trotzdem brauchen wir keinen Schutzfaktor, die Sonne steigt nicht sehr hoch, vom Licht her hat man den ganzen Tag das Gefühl, es ist schon fünf Uhr nachmittags. Heute biegen wir von dem Kungsleden ab Richtung Ritsum. Drei Stunden geht es leicht bergauf, an kleinen zugefrorenen Seen entlang. In der schwarzweißen Landschaft sehen sie aus wie hellblaue Augen. Das Eis ist sehr uneben, mir Hügeln und Tälern. Mit Langlaufski, die keine Stahlkante haben, eine rutschige Angelegenheit. Nur die zugeschneiten Stellen bieten Halt, oft wissen wir nicht, ob wir über Land oder zugeschneiten See laufen. Warum habe ich auf den Seen das Gefühl, ich laufe ständig bergauf?
Nach drei Stunden kommen wir in eine seltsame Landschaft voller großer Steine, ein Hochplateau, wo die Trolle wohnen könnten. Wir trinken Tee, schauen uns auf dieser märchenhaften Stelle um und diskutieren den Unterschied zwischen Troll und Trottel. Hier sehen wir auch das erste Mal Rentiere, eine große Herde schaut uns von oben an, dann verzieht sie sich majestätisch zwischen die weißen Hügel.
Jeder hat seine Methode
Schon um 14.30 kommen wir bei der Hutajaure Hütte an. Das konnten also keine 25 km sein, wie in der Karte geschrieben stand, in fünf Stunden sind es vielleicht 20 km gewesen. Die kleine 10-Betten Hütte teilen wir mit zwei norwegischen Studenten, die in drei Monaten auf den Skiern ganz Norwegen von Süden bis zum Nordkap durchlaufen wollen. Sie schauen sich ungläubig unsere Ausrüstung an – lauter Funktionskleidung, keine Wolle, keine Lederhandschuhe! Wie kann es uns da warm sein, wundern sie sich. Dann trocknen sie die ganze Nacht ihre durchweichten Lederschuhe am Ofen. Sie folgen einem Italiener, der mit der Süd-Nord Durchquerung Norwegens im November angefangen hat. Sie starteten erst am 5.1.01, und jetzt sind sie nur noch vier Tage hinter ihm. Sie müssen ihn überholen, damit die erste Winterdurchquerung ihres Landes nicht ein Ausländer vor ihnen schafft. Sie haben eine andere Technik als wir. Breitere Trekkingski, die nicht so einsinken, sind aber auch schwerer und eignen sich nicht zum Lauf, wie die unseren. Die Jungs haben auch keine Pulkas, tragen alles auf dem Rücken. Eine Plackerei, starke Kerle, diese Norweger. Damit sie genug Energie tanken, essen sie mit Suppenlöffeln Butter aus der Dose. Sie wollen uns von den Vorzügen der wollenen Kleidung überzeugen. Einer zieht mir seine Gesichtsmaske über den Kopf. Oh Schreck, wie das beißt! Wie können sie so was tragen? Und wenn das Zeug nass wird, ist es sehr schwer, das Trocknen dauert eine Ewigkeit. Wir haben dagegen bald über dem Ofen alle verschwitzten Sachen getrocknet. Da wir nicht gehen, sondern laufen, wird uns bei der Bewegung warm, so brauchen wir nicht so viele dicke Schichten.
Wasserholen am Eisloch
Wir essen hier viel zu viel. Sind von den Rationen in Tibet ausgegangen, dort konnten wir aber in der Höhe nicht richtig essen, haben auch die Zeit und Kraft zum Kochen nicht gehabt. Hier sind wir spätestens um 17.00 in der Hütte, und auch mit dem Holz hacken bleibt Zeit genug zum Kochen von Suppe, Hauptspeise und Nachtisch. Nach fünf Tagen haben wir Rationen von acht Tagen verspeist!
10.3. – Sitajaure – Ritsum. 41 km, 8 ¼ Stunden
Die nächst Hütte, 19 km entfernte Sitasjaure, wird geschlossen sein. Nur ein Holzschuppen ist offen. Von da führt ein guter Scooter-Track nach Risum, Entfernung 22 km. So stehen wir eine Stunde früher auf, um 6.00. Abmarsch 8.45. Die Sonne scheint bei warmen -6°C, es ist aber sehr windig. Der aufgewirbelte Pulverschnee zaubert in der tiefstehenden Sonne zauberhafte skandinavische Atmosphäre. Durch den Treibschnee sehen wir ein paar zerstreute Samen-Hütten, die nur im Sommer benutzt werden. Manche haben runden Grundriss und sind aus Stangen zusammengebaut. Damit erinnern sie ein bisschen an die mongolischen Gers.
Sommersiedlung der Samen
Nach vier Stunden erreichen wir Sitasjaure, eine kleine Samen-Ortschaft. Neben den jetzt unbewohnten Häuschen ragen Hochspannungsmaste in den Himmel. Sie verschandeln ziemlich die sonst unberührte Landschaft und werden uns bis Ritsum begleiten. Wir trinken schnell Tee, trotzdem macht uns der Wind in den paar Minuten ganz steif und unbeweglich. Die recht harte Piste vor uns sollte kein Problem darstellen, nur der Wind betäubt alle Sinne. Zuerst kommt eine ca. 5 km lange Steigung, nicht steil, aber zermürbend. Ich stärke mich unterwegs mit einer Mischung aus Dörrobst, Nüssen uns Trockenfleisch, die ich lose in der Jackentasche habe. So kann ich, ohne stehen zu bleiben, mit dem Handschuh in die Tasche greifen. Meine ausprobierte, bewährte, trotzdem vom Zdenek belächelte Methode der Nahrungsaufnahme für unterwegs.
Noch eine Samensiedlung
Bei dem Anstieg lehne ich kategorisch Zdeneks Hilfe ab, wenn er mich von hinten anschieben will. Er ist ein bisschen eingeschnappt, die Kraftfuttermischung aus meiner Tasche versöhnt ihn aber, wenn er ein paar km vorm Ziel Hungerkrise bekommt. Kame ist natürlich schneller als ich, auf dem höchsten Punkt baut er eine Verpflegestation mit heißem Tee aus der Thermos auf, das Warme tut uns allen gut. Auf der harten Piste vor Ritsum konnte wir sogar skaten. Um 17.00 sind wir angekommen.
Ritsum sieht nicht sehr romantisch aus: Campingplatz, Touristenunterkunft, ein paar Häuser. In der Unterkunft unverhoffter Luxus mit Strom, Duschen, Zentralheizung. Es ist Samstag, ein paar Fischer sind hier. Heute bin ich das erste Mal richtig ausgepumpt. Wir würden gerne essen gehen, uns richtig kulinarisch verwöhnen lassen, es gibt hier aber nichts, nur ein paar Regale mit Lebensmitteln in der Rezeption. Die zwei Hungrigen kaufen sich eine tiefgefrorene Pizza zum Nachtisch, und das obligatorisch süße, bis jetzt verschmähte schwedische Brot.
11.3. – Vakkoravare – Tesajaure, 16 km
Es schneit, der Himmel hängt tief, -6°C. Um 9.30 fährt ein Bus von Ritsum nach Kebnats. Wir sind die einzigen Fahrgäste. In 45 Minuten erreichen wir Vakkotavare, für unglaubliche 36,-SK. So viel wie eine Tüte Erdnüsse, die ich eben im Laden gekauft habe (8,-DM, teure Nüsse, billiger Bus). Vakkotavare besteht aus einem Touristenhaus (jetzt im Winter geschlossen), und einem Parkplatz, wo die Schweden ihre Scooter vom Autoanhänger abladen, um damit auf den gefrorenen See zum Fischen zu fahren.
Durch das Birkengestrüp
Von hier geht ein Sommerweg über die Berge (ca. 300 HM) in 16 km zur **Tesajaure **Hütte. Zuerst geht es sehr steil durchs Birkengestrüp. Wir verheddern uns mit den Skispitzen in dem Geäst, so werden die Bretter an die Pulkas befestigt. Zum Glück entdecken wir alte Scooterspuren, wo der Untergrund etwas fester ist. Sobald man daneben tritt, steckt man sofort bis zur Hüfte im Schnee. Es ist sehr mühsam, sich mit den Pulkas durch die Birkensträucher den steilen Hang durchzukämpfen. Wenn man schon selber unter einem Strauch durch ist, muss man den Pulka nachziehen. Der bleibt immer wieder hängen, man muss zurück um ihn zu befreien und bleibt selber im lockeren Schnee stecken. Da ich klein und nicht so schwer bin, komme ich unter den Ästen, den Pulka an der kurzen Leine hinterher, besser zurecht, so darf ich als erste den Weg bahnen. Die Jungs hinter mir sinken mehr ein, diese Art Natur treibt sie zum Wahnsinn. Hoffentlich ist der Scooter nach oben bis über die Baumgrenze gefahren, seiner zick-zack Spur nach war er auf der Suche nach Schneehühnern.
Im Schnee finden wir schöne kleine braune Eier. Das sind die Kötel von Elchen! So schön regelmäßig, trockene ca. 2 cm große Bollen, wie aus zusammengepresstem Moos geformt. Wir sammeln sie alle in eine Plastiktüte ein. Das wird eine tolle Erinnerung an dieses wunderbare Unternehmen. In Stockholm werden die Bollen für teures Geld in kleinen Gläschen als Souvenirs verkauft.
Nach 1,5 Stunden Plackerei sind wir aus dem Schlimmsten heraus und können die Ski wieder anschnallen. Jetzt wissen wir, warum es eine unmarkierte Route war. Weiter laufen wir durch ein weites Hochplateau, die sanften weißen Hänge glitzern in der Sonne. Hier sind keine Spuren, keine Markierungen, totale Einsamkeit. Herrlich. Die Abfahrt zum See ist wieder birkenbewachsen. Hier gibt es wieder eine Scooterspur, die sich in scharfen Kurven steil zum See hinunterschlängelt. Wir fahren wild wie auf der Achterbahn. Es macht einen Riesenspaß, und erst recht lustig wird’s, wenn der Pulka im Busch stecken bleibt, da landet man sofort auf dem Rücken. Wie die Schneeschweine. Wir müssen soo lachen!
Unten am See sieht man die Tesajaurehütte auf dem anderen Ufer. Noch 1 km auf dem schneebedeckten Eis. Im Haus ist niemand, nur der Winterraum ist offen. Es ist erst 14.30, da werden wir bis zum Abend wieder viel mehr Vorräte aufessen als geplant!
12.3. – Tesajaurehütte – Kebnekaise, 8,5 Stunden
Um 6.30 wache ich auf und schaue nach dem Wetter aus dem Fenster. Ungefähr 20 m vom Haus frühstücken zwei Elchkühe Birkenzweige. Ich wecke leise die Fotografen, sie haben gerade noch Zeit die Tiere zu knipsen, bevor sie sich durch die Bewegungen hinter der Fensterscheibe gestört fühlen. Sie machen sich langsam auf den Weg zum See. Kame springt ihnen schnell hinterher nach draußen. In der Eile direkt aus dem Bett, außer T-Shirt splitternackt und barfuß steht er im Schnee und versucht noch ein Foto zu schießen.
Der heutige Aufstieg vom See gestaltet sich durch die Birken weniger dramatisch als gestern. Die nächste Hütte, Kaitumare, ist nur 9 km entfernt. Die Sonne ist wieder nach anfänglichem Zögern da. In zwei Stunden hocken wir an der Treppe zum Kaitumare-Winterraum und trinken Tee. Die nächste Hütte,** Singi**, ist 13 km weit. Wenn es weiter so gut gehen wird, schaffen wir es bis Kebnekaise Hütte, das sind weitere 14 km. Unterwegs sehen wir viele frische Elchspuren und auch große Katzenspuren. Das muss ein Luchs gewesen sein! Der Busfahrer hat uns gesagt, dass es hier Luchse gibt. Kame ist eine halbe Stunde vor uns in Singi. Mittag, schönes Wetter, wir beschließen weiter zu gehen. Also Kame und ich, Zdenek mag nicht mehr, wird aber überstimmt. Der weitere Aufstieg ist nur 2 km lang, dann geht es flach in das andere Tal. In 8,5 h sind wir in Kebnekaise. Es ist eine große Station mit mehreren Häusern, sogar mit Restaurant. Zdenek ist müde, liegt im Bett und ist nicht ansprechbar, so gehen wie ohne ihn essen. Für 120,-SK Lachs mit Dillsoße und Kartoffeln, Salat, Getränke und Knäcke mit Butter wie viel man will. Wenn wir fertiggespeist haben, kommen endlich zwei – Zdenek und sein Bärenhunger.
13.3. – Kebnekaise – Tarafala
Heute war es ein Tag des Wahnsinns. Wir haben beschlossen, den Kebnekaise, den mit 2.097 m höchsten Berg Schwedens, zu besteigen. Ohne Pulkas. Bis jetzt hat es hier jeden Morgen leicht geschneit, bevor die Sonne gekommen ist. Heute schneit es aber heftig. 20 cm Neuschnee, alle Spuren zugeweht. Trotzdem brechen wir schon um 7.00 auf, zum Gipfel sind es über 1.500 m und 10 km weit. Die Schweden geben es nicht in Stunden an wie wir es aus den Alpen kennen. Es ist ein ideale Skitourenberg, mit steilen Aufstiegen, einer engen Rinne und super Abfahrten. Nur, wir haben keine Felle und keine Metallkanten auf unseren schmalen Rennbrettern.
Der Neuschnee macht es uns etwas leichter, wir steigen in Grätsche soweit es geht, in der steilen Rinne kämpfen wir uns seitwärts hoch. Dann kommt ein ca. 35° steiler Kessel, 400 m hoch. In der Mitte verlässt mich langsam der Mut, auf dem harten Untergrund rutschen wir immer ab. Spitzkehren wollen mit der langen Ski nicht gelingen. Wenn ich hier irgendwie hochkomme, wie soll ich bitteschön den steilen eisigen Hang jemals runterkommen? In der Höhe von 1.500 m erreichen wir einen Sattel, der Wind bläßt hier wie verrückt. Der weitere Aufstieg ist nur ohne Ski möglich, der ganze Schnee ist hier weggeblasen. Verschwitzt wie ich nach dem Aufstieg bin, verwandle ich mich sofort in eine Zittergestalt. Auch Zdenek zittert. Genug für heute, ich will nur schnell diesen Eisberg heil heruntergleiten. Zdenek kehrt auch gerne um, nur der Rockyman (was sein Spitzname bedeutet) Kame schnallt die Ski ab und steigt hoch. Zdenek fährt ab, ich traue mich nicht und trage die Ski am steilsten Stück in der Hand. Gegen Mittag sind wir zurück in der Hütte. Sie ist recht voll, es ist fast ein Hotel, ein krasser Unterschied zu den stillen romantischen Hütten bis jetzt. Hier gefällt es mir nicht besonders, ich freu mich wieder auf die Einsamkeit.
Um drei ist Kame zurück, mit dem Gipfel in der Tasche, er ist bei strahlendem Sonnenschein und angeblich ohne Wind hochgegangen, keine Kälte mehr. Und hier unten schneit es den ganzen Tag. Für Morgen planen wir eine 30 km Tour über die Berge auf einem unmarkierten Sommerweg. Auf dem Weg liegt 8 km von hier eine kleine Schutzhütte, Tarafala. Kame schlägt vor, heute noch zu der Tarafala zu gehen. Eine gute Idee, da bin ich gleich dafür, weg von dem Trubel hier. Zdenek fügt sich nur widerwillig, ihm duftet schon das Hähnchen im Restaurant.
Herrliche Weiten
Erst um 16.30 sind wir startklar. Der Weg ist aber nicht lang, steigt nur mäßig, also, zwei Stunden? Wir biegen in das richtige Tal (es gibt kein anderes), purzeln unsere Pulkas herunter zum Bachbett. Es geht wunderbar vorwärts, nur Spuren sehen wir gar keine. Kein Grund zur Beunruhigung, den oberhalb des Baches führt eine Stromleitung, die muss zu dem meteorologischen Observatorium führen, und von dem ist unsere Tarfala Hütte nur noch 1 km entfernt.
Das Bachbett wird schmäler, die Felsen um uns enger, schließlich klettern wir mit den Brettern auf den Füßen über mäßig zugeschneite gefrorene Wasserfälle. Oberhalb einer Eiskante rutscht Kame aus, gleich danach knalle auch ich hart auf den Boden. Eine prekäre Situation. Ich ziehe mich auf dem Bauch zu einer Felskante, Zdenek schnallt die Ski ab und hilft Kame auf den festen Boden. Hier hilft nur noch der Rückzug. Es dämmert schon, also schnell!
Uns bleibt nichts anderes übrig als zu der Stromleitung auf den Hang aufzusteigen. Es ist sehr steil. Bis wir den ersten Mast erreicht haben, ist es stockdunkel. Es kommt noch Nebel dazu, immerhin sehen wir aber von einem Masten zum anderen. Wir queren mehrere Steinfelder, die armen Ski! Denn an abschnallen denkt keiner. Zu Fuß wäre es womöglich noch riskanter, auf den glitschigen, in der Dunkelheit nicht sichtbaren Steinen könnten wir uns den Knöchel verstauchen. Und das wäre definitiv schlimmer als kaputte Ski. In der Dunkelheit zeichnet sich vor uns eine Bodenwelle ab, hinter ihr ist es etwas heller. Oder ist es nur eine nordische Fata Morgana? Ich beschleunige, und plötzlich tauchen in ca. 1 km Entfernung ein paar Lichter vor uns. Menschliche Behausung! Das müssen die Meteorologen sein. Wir streben wie Hänsel und Gretel dem Licht zu.
Hier bleiben wir über Nacht, mir kann eine Tarfala Hütte gestohlen sein. Wir klopfen an, in der warmen Stube bewegen sich Studenten zwischen mit Essen voll belegten Tischen. Zu unserer Verwunderung und Enttäuschung dürfen wir nicht bleiben. Wir werden recht streng abgewiesen und müssen zurück in die Dunkelheit. Wenn wir in diese Richtung gehen (eine Handbewegung aus der Haustür in die Schwärze), kommen wir zu dem Biwak. Auf der Ebene. So ziehen wie die Stirnlampen aus, in der Kälte schwächeln die Batterien aber bald, bis wir damit gerade die Skispitzen sehen. Wir steigen leicht. Gehen wir überhaupt noch richtig? Und welcher von den großen Steinblöcken, die wie dunkle Schatten aus dem Schnee ragen sehen, könnte ein Häuschen sein? Wir stapfen von Steinblock zu Steinblock, keiner entpuppt sich als eine Behausung. Dann kommen wir an eine Moräne und der Hang führt uns steil hinunter. Hier sind wir also definitiv falsch. Also zurück zum Licht! Auf dem Blick auf die Karte sieht die Hütte mehr rechts zu sein. Leicht bergauf nach rechts, wir sollen nicht verzweifeln. Irgendwo muss die Hütte liegen.
Tarafala Cabin
Und dann endlich! Quadratische Umrisse vor uns, wir sind gerettet! Die Tür ist offen, Holz ist auch da, ein winziger Raum mit drei Betten. Schnell Kerze anzünden, Feuer machen, Schnee schmelzen. Es ist 20.45. Für die 8 km haben wir also über 4 Stunden gebraucht, für den letzten Kilometer mit allen Irrungen ganze 45 Minuten. Zdenek ist eingeschnappt, so ein Wahnsinn. Er konnte im warmen Haus schlafen, gut essen. Und wir haben uns gegen seinen Willen ins Ungewisse gestürzt. Unterwegs habe ich schon überlegt, wo wir die Biwaksäcke für die Nacht ausbreiten. Jetzt wird es aber auch hier bald warm, dazu wärmt uns das Gefühl, dass wir die Hütte gefunden haben. Schon jetzt möchte ich das nächtliche Abenteuer nicht missen!
14.3. – Tarfala – Vistas, 22 km
Sonnenschein, -12°C, ein wunderschönes Tal breitet sich vor uns. Die Meteorologen sieht man aus dem Fenster. Bei Tageslicht alles klar. Heute erwartet uns auch was Ungewisses, 22 km auf einem nicht markierten Sommerweg. Zuerst so steil nach oben wie gestern auf den Kenbekaise, bloß heute mit dem Pulka im Schlepptau. 400 Höhenmeter. Es ist eine Schinderei. Ich rutsche immer wieder ab, der Pulka zieht mich herunter. So packe ich das nicht. So nehme ich den beinahe 20 kg schweren Rucksack auf den Rücken, der leere Pulka baumelt hinter mir. Oben bin ich stolz, es mit eigener Kraft geschafft zu haben, die Jungs sind vor mir da. Ab hier kommen wieder steinige Moränen. Die armen Ski! Dann eine wilde Abfahrt. Unsere Pulkas überschlagen sich hinter uns und verknoten die Zugseile. Kames Pulka mit den Stangen folgt besser. Sein Nachteil aber ist, dass er unterwegs nicht einfach etwas aus dem Rucksack holen kann, wie wir. Er muss zuerst den Gurt abschnallen, was in der eisigen Kälte und ohne Handschuh auch kein Hit ist.
Blick von Tarafala zu der Meteorologischen Station
Noch ein steiler Anstieg, dann sind wir bald am Ziel an der Vistas Hütte, denken wir. Wir müssen wieder einen Hang hinunterkommen zum Fluss. Die Abfahrt ist aber nicht einfach. Kame rutscht auf dem Harsch aus, ich rutsche mit, der Pulka zieht mich in den Abgrund. Also wieder den Rucksack schultern. Diese Methode ist aber auch nicht besser. Ich bin hingefallen und mit dem Gewicht auf dem Rücken nicht in der Lage auf dem glatten Hang aufzustehen. Zdenek hievt meinen Rucksack hoch, weiter gehe ich zu Fuß. Die Jungs sind geschickter und kräftiger.
Unten erreichen wir wieder die berüchtigten Birkenwälder. Zwischen den mit lockerem Schnee halb verschneiten Zwergbäumen sinken wir auch mit Skiern ein. Hier gibt es leider keine alte Scooterspur. Wir schnallen die Rucksäcke samt Pulkas auf den Rücken, trotzdem bleiben wir immer zwischen den Sträuchern stecken. Die Ski verheddern sich in dem unterm Schnee versteckten feinen Geäst.
Unten im Tal ist es nicht besser. Ein Labyrinth von Bächen und Inseln, Birken und Löchern. Endlich der Fluss und eine Scooterspur. Die wird uns hoffentlich zur Hütte bringen. Der Fluss mäandert stark, es zieht sich endlos, und das Eis ist nicht sehr griffig.
Um 18.00 Uhr endlich die Hütte! Wir waren 8,5 h unterwegs. Gut, dass wir die 8 km schon gestern bewältigt haben. Vistas ist leer, der Winterraum ist offen. Geschafft! Holz hacken, Wasser holen, heizen, kochen, essen. Es ist eine Überlebensnotwendigkeit, für den nächsten Gast im Ofen Papier und Holzspäne vorzubereiten, damit er schnell Feuer machen kann. Im Bach oder See muss man aber manchmal selber mit der Axt das zugefrorene Loch freischlagen, damit man ans Wasser kommt. Zum Wasser holen stehen in jeder Hütte mehrere schöne Edelstahleimer. In dem Holzhaus daneben liegen 2 m lange Birkenstämme, Holz sägen und hacken muss man selber. Wir sind aber nicht in der Lage, so viel zu hacken, dass wir die Sauna, die neben jeder Hütte steht, auch anheizen. Die Hütten müssen im Sommer gewartet werden und mit frischem Holz für den Winter versorgt. Das kostet Mühe und Geld, so schauen wir, dass wir nicht vergessen, den geforderten Geldbetrag in die Kasse zu stecken. Manchmal gibt es statt dessen Überweisungsformulare, die man dann in der Zivilisation in der Bank bezahlt.
Abendromantik
Am Abend vor dem Schlafengehen werfe ich draußen noch einen Blick auf die Sterne. Polarlicht! Das erste Mal. Das ist die Belohnung für die Strapazen der letzten zwei Tage. Es bewegt sich wie ein gelber Vorhang, der im leichter Wind flattert. Ich rufe die Jungs nach draußen, bis ich die Kamera hole, ist der Zauber vorbei. Ich bin hier sehr glücklich in der weißen Leere. Die Natur ist grandios, die niedrige Sonne lässt den Schnee bläulich und lila strahlen, bei Wind tanzen Millionen von winzigen glitzernden Schneeflocken durch die Luft. Die Kälte ist eine Zauberin. Auch die verflixten Birkenwälder sind schön, halbversunken unter einer federleichten Schneedecke, mit vielen Spuren der Schneehühner. Und nachts wird die friedliche sanfte Landschaft mit einem Sternenschleier zugedeckt.
15.3. – Alesjaure
Heute warten nur 18 km auf uns. Mit leichtem Rückenwind gleiten wir mühelos auf dem blanken Eis des Flusses. Es steigt leicht an. Nach einer Stunde wird der Wind eisiger. Zdenek und Kame ziehen Überhosen an, ich meine es auch ohne auszuhalten. Zdenek streift dabei die Handschuhe ab, einen kann er danach nicht finden. Die Finger werden sehr schnell steif, in ihm steigt leichte Panik auf. Was soll ich machen, scheint er uns zu fragen. Wir können nicht helfen, raten nur: schaue noch mal in den Rucksack. Er kramt alles heraus, endlich komm der so wichtige Handschuh zum Vorschein. Auf dem Pass ist es richtig ungemütlich, die folgende Abfahrt kann ich, starr vor Kälte, nur bedingt genießen. Am See ein Samendorf, die roten Holzhäuschen stehen im Winter leer. Von hier ist es nur noch 1 km nach Alesjaure.
Meine Beine sind steif wie Eiszapfen, ich kann kaum die Knie beim Laufen bewegen. In der Hütte ist es eiskalt, nur im Trockenraum läuft ein Lüfter. An ihm taue ich in der nächsten Stunde auf. Wir waren zwar nur 4,5 Stunden unterwegs, so ausgekühlt wie heute bin ich hier bis jetzt nicht gewesen. Der Wind draußen wird immer stärker. Morgen liegen noch 35 km nach Abisko vor uns, so überlegen wir, ob wir die ersten 10 km über den See nicht mit Hilfe des Biwaksacks segeln könnten. Wäre bestimmt lustig.
16.3. – Abisko
Schade, der letzte Tag. Sonne, -11°C, und windstill. Aus dem Segeln wird nichts. Erst auf dem See kommt von hinten leichte Brise auf. Im Gegensatz zu unserem Herweg ist die Spur auf dem Kungsleden jetzt von Schneemobilen festgefahren, so brauchen wir nach Abiskojaure statt 7 Stunden nur 3,5. Es ist ja auch eine schöne Abfahrt dabei. In Abiskojaure legen wir eine kurze Rast ein, und die letzten 15 km unserer Reise bringen wir in 2 ¼ Stunden hinter uns. Es geht auf und ab durch Birkenwälder, der Weg schlängelt sich durchs Gelände. Eigentlich möchte ich langsamer laufen, um das letzte Stück noch auszukosten, mal nur verschnaufen und mir die Nase putzen oder die restlichen Nüsse aus der Tasche fischen. Die Jungs sollen rennen, wenn sie mögen. Sie lassen mich aber leider nicht zurückfallen, so muss ich mich bis zur letzten Minute anstrengen, um Schritt zu halten.
Um drei sind wir am Ziel in Abisko. Wir filmen uns gegenseitig bei der steilen Durchfahrt eines Holztors mit der geschnitzten Aufschrift: Kungsleden. Das macht Spaß, wie wir durch das Tor schießen und den Pulka in der Kurve hinter uns schleifen. Vor der Touriststation ist eine Waage befestigt. Wir wiegen unsere Pulkas, jetzt ohne die aufgegessenen Vorräte haben wir mit Zdenek beide 16 kg, Kame 18 kg (er hatte viel Ballast mit).
Die einzigartige Bergsilouette in Abisko
Auf den Gleisen machen wir noch ein Abschiedsfoto, mit unseren farbigen Plastik-Pulkas auf dem Rücken. Es ist auch schon Wehmut dabei, dass es so schnell vorbei ist. Wir übernachten in Abisko, im Restaurant gibt es Abendessen, im Flur warme Dusche, wir brauchen weder Holz hacken noch Wasser holen oder heizen. Total unromantisch.
17.3. – Narvik, Kiruna
Kame fährt vor nach Kiruna, wir nehmen um 9.00 den Zug in die andere Richtung – nach Narvik. Die Strecke wurde Ende des 19. Jahrhunderts für den Transport vom schwedischen Erz aus den Minen bei Kiruna in den auch im Winter eisfreien Hafen in Narvik transportiert, und ist die nördlichste an das europäische Bahnnetz angeschlossene Bahnstrecke.
Vor Kälte erstarrter Narvik
Die meisten der wenigen Passagiere steigen in dem Skigebiet Riksgränsen an der Grenze zwischen Schweden und Norwegen aus. Eine weiße wellige Landschaft mit verstreuten Wäldchen läuft an uns vorbei. Auf der norwegischen Seite die Feriensiedlung Björnsfjell – kleine Holzhütten liegen wie verschüttet auf den sanften Hängen.
Narvik ist bunt. Lauter farbig angestrichene erdgeschossige Holzhäuser, nur die Hauptstraße ist mehrstöckig bebaut. Aussichtsplatz, Kirche, Stadion. An einer Kreuzung steht ein Mast mit vielen Pfeilen in verschiedene Städte der Welt, immer mit Kilometerangabe. Alle sind sehr sehr weit. Die Stadt ist fast menschenleer, es ist auch saukalt draußen. Wir gehen ins Heimatmuseum, um unter anderem auch Wärme zu tanken. Zufällig singt hier gerade ein Heimatchor Volkslieder. Dabei stehen sie auf der Holztreppe, alle gekleidet wie aus dem 19. Jahrhundert. Sehr nett.
Den vierstündigen Aufenthalt runden wir mit einem Supermarkt Besuch ab. Hier endlich sieht man mehr Menschen beisammen. Es gibt hier auch Unterhaltung für die ganze Familie. Ich möchte Brot und Käse für den morgigen Frühstück in Kiruna kaufen. Zdenek meint, es ist nicht nötig, morgen in Kiruna wird es auch was geben (am Sonntag!).
Mit dem Zug über Abisko, wir schauen uns im Vorbeifahren noch mal das Tor zum Kungsleden an, nach Kiruna kommen wir schon in der Dunkelheit. Wir holen den deponierten Rucksack aus dem Schließfach und gehen in die Stadt das Hostel zu suchen. Dort kochen wir das letzte Essen – Reis mit Pilzen, Zdenek schmeckt es nicht. Dann noch ein kurzer Spaziergang durch die Stadt. Wie ich befürchtet habe, finden wir nichts, wo man am Sonntag etwas zum Essen kaufen könnte.
18.3. – Narvik, Kiruna
Das Flugzeug nach Hause startet um 13.20, dort gibt es hoffentlich ein Sandwich. Bis dahin bleiben wir hungrig. Kame hat es besser gemacht, hat sich gestern mit Knäcke eingedeckt, bietet uns was an, hat aber selber nicht genug, wir lehnen ab. Er geht am Vormittag auf die berühmten Kiruna Loipen, endlich wieder ohne Pulka lang zu laufen. Wir ziehen inzwischen hungrig durch die Stadt.
Kiruna
Kiruna ist größer als Narvik. Das Zentrum ist neu, hat viele rote Ziegelbauten, der Rest der Stadt leuchtet in allen Pastellfarben. Es gibt schöne geschnitzte Zuckerbäckerhäuschen mit weißen Balkongeländern.
Um 12.00 soll ein Bus zum Flughafen fahren. Der Man in der Hostelrezeption sagt, der fährt nicht. Seinen schwedischen Erklärungen glauben wir nicht. Laut dem Fahrplan am Busbahnhof soll er kommen. Um 11.00 entdecken wir einen Supermarket, der gerade aufmacht, kaufen Brot, Joghurt und Käse ein. Schnell packen, um 12.00 auf den Bus warten. Aber er kommt wirklich nicht. In einer Stunde geht unser Flieger, der Flughafen ist 9 km weit. Wir rufen mit dem Handy das Taxi, die Nummer funktioniert nicht, so marschieren wir mit dem ganzen Gepäck stadtauswärts, stoppen Autos, aber keins hält an. Dann noch ein Versuch mit dem Handy, jetzt hat es geklappt. Gottseidank, die Stimmung war schon ziemlich gereizt.
In der Flughafenhalle haben wir sogar noch Zeit etwas Obst zu essen, das hier in Schweden bei allen Inlandflügen angeboten wird: Orangen, Bananen, Äpfel. Netter Brauch. Jetzt können wir wieder lächeln. Für das letzte Foto vor dem Einsteigen.
Unter uns zieht eine unendliche verschneite Landschaft vorbei, mehr als Straßen sieht man lange Schneisen in den Wäldern für Hochspannungsleitungen. Stockholm ist diesmal schon ohne Schnee.
In Prag verabschieden wir uns vom Kame und fliegen weiter nach München, bis wir dann aus der Bahn in Marktoberdorf aussteigen, ist es 23.30. Kein Taxi weit und breit, also marschieren wir zu Fuß nach Hause. Nach den 270 km im Norden schaffen wir die zwei nach Hause auch noch.
Helena
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