Eine anspruchsvolle Radltour auf eigene Faust durch Äthiopien abseits der touristischen Pfade. Das einfache Landleben, interessante koptische Felsenkirchen, exotische Landschaft. Unvergessliche Erlebnisse, teils auch unangenehme.
Äthiopien war als das einzige Land in Afrika nie eine Kolonie, obwohl es die Italiener versucht haben. Die Bevölkerung ist halb islamisch, halb christlich-orthodox, auch eine große Gruppe koptischer Christen gibt es hier. Im Land verstreut gibt es viele Denkmäler aus vergangenen Zeiten, wie zum Beispiel die einzigartigen in die Felsen gehauenen Kirchen in Lalibela.
18.3., Addis Abeba – Melka Awash
Wir sind zu neunt. Ankunft in Addis Abeba, wir wechseln 250 €, bekommen für 1€ = 11,70 Birr. Montieren die Räder zusammen und essen in einer Garküche. Auf Plastikstühlen sitzend verfolgen wir das fremdartige Gewimmel. Die Abessinier sind schöne Menschen, schlank mit langen, dünnen (und schnellen) Beinen, die Gesichter haben feine Züge. Die Frauen haben gefälligen aufrechten Gang und auf dem Kopf unzählige Zöpfchen. Keine Frisur gleicht der anderen. Die meisten sind traditionell in lange, bunte Röcke gekleidet, über die Schultern ein großes Tuch.
Endlich winden wir uns aus derhektischen Stadt auf der Autobahn Richtung Jima, die Straßeist sogar asphaltiert. Unsere Freude währt nicht lange: Kinder laufen an uns entlang, die meisten schreien, aber auch die ersten Steine fliegen und wir werden manchmal geschubst. Ich hoffe, dass mich niemand von Fahrrad stößt.
Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Melka Awash. Zwei junge Hirten mit langen Hirtenstöcken kommen und betasten mein Fahrrad. Dann bringt einer ganz stolz sein äthiopisches Bike, der Rahmen mit bunter Folie umwickelt. Er spricht ein bisschen Englisch und führt uns zu dem einzigen “Hotel” im Ort.
Der örtliche Arzt wird als Übersetzer hinzugezogen, wir bestellen mit seiner Hilfe ein Abendessen. Der Hotelier räumt das Gerümpel aus einem dunklen Betonverschlag, wo die rostige Dusche von der Decke hängt. Es gibt kein Licht drin, auch wenn der Strom vorhanden ist. Aber der führt leider nur zu den Wasserhähnen. Das Wasser mit der trockenen Hand aufzudrehen geht, das Zudrehen mit der nassen Hand ist leider eine brenzliche Angelegenheit. So mit Energie aufgeladen warten wir aufs Essen. Der Arzt verspricht Soup and Pasta, so freuen wir uns auf zwei Gänge. Aber die Suppe ist eine rote Spaghettisauce. Der Arzt entschuldigt sich, dass es keine Injera gibt, aber er verspricht sie zum Frühstück. Und auch Eier. Wir sind vorsichtig, also wollen wir sie hart gekocht haben.
19.3., Melka Awash – Butajira
Um sechs Uhr verbreitet der Lautsprecher an der nahe gelegenen Kirche die Morgengebete und Gesänge (wir ahnen noch nicht, dass täglich eine Kirche in der Nähe sein wird), die Ziegen im Hof meckern und jemand fegt vor unserer Haustür. Zum Frühstück gibt es trockene Semmeln mit den hartgekochten Eiern, die man uns bereits geschält gebracht hat, auf einem leicht schmutzigen Tablett. Eben das wollten wir verhindern. So viel zu unserer Vorsicht, so brechen wir gleich am ersten Tag das Gebot: Cook it, peel it or forget it. Aber der Tee ist köstlich, sehr süß und mit Zimt und Kardamom.
Nach ca. 15 km biegen wir auf die staubige Straße nach Adadi Mariam ab, zu der südlichsten in Felsen gehauenen christlichen Kirche. Das erste Mal sehen wir die runden Strohhütten.
Adadi Mariam, in den Felsen versunkene Kirche
Im Dorf steht ein Typ mit langem Stock, verlangt 30 Birr Eintritt und führt uns zu dem Felsen. Wir stehen oben, die Kirche ist nach unten aus dem Stein herausgearbeitet worden. Der englische Kommentar des Führers beschränkt sich auf die Auflistung von Zimmern (drei), Türen (10) und Fensteröffnungen (24). Das ist alles, was wir aus ihm herausgeholt haben. Wir dürfen in Socken durch die feuchten Gänge laufen. Ein paar Bilder von Heiligen schmückten die Wand des größten Raumes. Draußen auf der Bank sitzt fotogen ein ehrwürdiger Greis mit dekorativem Kranz aus weißen Haaren und einem dichten Bart um sein dunkles Gesicht.
Auf dem Rückweg zur Hauptstraße begegnen wir Gruppen von Schülern in hellblauen Pullovern, die Hefte in der Hand. Sie umkreisen uns interessiert, nach einer Weile sind es vielleicht hundert Kinder, sie alle lachen, wollen fotografiert werden und erzählen stolz auf Englisch über ihr schönes Abessinien. Dann fängt einer an, dass sie ein Entwicklungsland sind und give me money. Bald hallt give me money von allen Seiten, der Kreis um uns wir enger. Es ist Zeit, sich zu verabschieden, wir manövrieren die Räder aus der nun bedrohlichen Masse, erhalten noch ein paar Tritte in die Räder und sind wieder frei. Manche laufen ein Stück mit, bevor die Straße bergab fällt und selbst die schnellbeinigen Abessinier nicht Schritt halten können.
In Tyia zeigen uns die Einheimischen, wo die ersten zum Mittagessen eingekehrt sind. Es gibt nichts außer* Injera* mit einer roten und einer gelben Soße in der Mitte. Auf diese Weise gestärkt folgen wir dem Schild am Dorfausgang, wo es hinter einen hohen Zaun mittelalterliche Stelen gibt. Ein großgewachsener Abessinier in einem Kittel kommt auf uns zu, und nachdem er die neugierige Kinderschar mit Fluchen, einem Stoß und ein paar gut zielenden Steinwürfen in die Flucht getrieben hat, öffnet er das Tor und lässt uns hinein. Er spricht fließend Englisch, erklärt, die Stelen sind etwa 600 Jahre alte Grabsteine, mit Reliefs von Schwertern, je mehr Schwerter auf der Steele, desto mehr abgeschlachtete Feinde.
Tyia, Stelen mit Schwertern
Es ist schon vier Uhr, und nach Butajira sind es immer noch 50 km. Butajira ist etwa 3 km lang, wir suchen unsere Freunde, jemand winkt uns in einen Hof, wo sie gerade vom Fahrrad steigen. Das Hotel ist diesmal zweistöckig, mit einer Marmortreppe und Rezeption. Die Zimmer kosten 60 Birr, mit fließendem Warmwasser. Der Abendschauer hindert uns das Essen unter Sonnenschirmen zu genießen.
20.3., Butajira – Hosaina
Blick aus dem Hotelfenster
Omelett wird serviert, und Brötchen mit Marmelade. Die asphaltierte Straße ist gut, so halten wir erst nach 70 km zum Mittagessen an. In der Strohhütte haben sie wieder nur Injera, die Soßen darauf sehen nicht lecker aus, der säuerliche Geschmack von dem Fladen ist alarmierend.
Die Injera-Küche
Der Teff-Ofen
Die feinen Teff-Samen
So wird Injera serviert
Injera ist das typische äthiopische Essen, ein großer dünner Pfannkuchen. Der gesäuerte Teig wird aus dem Getreide Teff, braunen wie Mohn kleinen Samen, gemacht. Die grauen Pfannkuchen werden auf großen Metallplatten zubereitet, die über offenem Feuer stehen, und auf einem Blechteller geschichtet. Darüber werden verschiedene Soßen geklatscht, oft mit schöner roter oder gelber Farbe, meist leider recht scharf. Der Gesamteindruck ist für uns nicht überzeugend der säuerliche Geschmack ist gewöhnungsbedürftig.
Wir fahren durch ein dicht besiedeltes Gebiet, wo auch große, in Pastellfarben angestrichene Moscheen auftauchen. Überall ziehen wir viel Aufmerksamkeit auf uns, von den unschuldigen Rufen von Hello, you you you, how are you bis zu Ferenchi, was Fremder bedeutet und uns vorauseilt, so dass Kinder und Erwachsene Zeit haben, auf die Straße zu laufen. Manche Rufe sind offensichtlich abfällig, dazu mit spöttischen Gesten begleitet. Vor allem wir drei Frauen sind ihnen sehr komisch, die Mädchen am Straßenrand schlagen sich oft vor Lachen in die Oberschenkel. Die frechsten wollen uns berühren, uns am Gepäckträger packen, einige schieben uns den Hügel hinauf, andere hängen sich an unsere Satteltaschen. Wir können uns dagegen nicht wehren, das Anschreien hilft nur kurz und dann sie sind wieder da. Manchmal hilft uns ein Erwachsener, der die Kinder mit Steinen bewirft und so von uns vertreibt. So mischt sich in den Dörfern die Neugier mit Lachen, Gespött und Steinen, mit denen wir beworfen werden. Größere Jungs, die Fahrräder haben, begleiten uns ein Stück, wollen mit uns Rennen fahren oder einfach nur ein Gespräch führen. Fast jedes Gespräch wird jedoch mit einer Geldforderung beendet.
Chinesen bauen die Straße
Etwa 75 km hinter Butajira befindet sich die Straße im Bau, die Chinesen sind hier mit ihren mitgebrachten chinesischen Straßenarbeitern fleißig am Werk, bekommen dafür von Äthiopien Rohstoffe. Moderne Ausbeutung. Der Asphalt ist zu Ende, schwere Lkw mit Baumaterial wirbeln Staubwolken auf. Unser heutiges Ziel ist Hosaina, ein großes langgestrecktes Dorf. Wir kämpfen uns über Hügel frischer schmieriger Erde, wo die Einheimischen mit ihren nackten Füßen Pfade durchgezogen haben. In einem Hauseingang sehen wir endlich ein Mountainbike. Eine Menschenmenge scharrt sich um uns und blockiert die Straße, jeder will die Attraktion sehen, vielleicht 150 Leute. Weiße auf Fahrrädern! Die Dorfbewohner veranstalten um uns herum einen wilden Tanz und reißen uns mit ihrer Begeisterung mit. Nur sind unsere Bewegungen nicht so geschmeidig.
Empfangstanz für die Fremden Ferenchi
Unser Zimmer hat eine Dusche, aber ohne Wasser. Doch dann ändern die Rohre ihre Meinung und das Wasser spritzt aus dem Wasserhahn horizontal direkt auf die gegenüberliegende Wand. Während wir unter diesen Bedingungen den Staub der Straße abspülen, kommt ein tropischer Regenguss. Der Hof steht bald unter Wasser. Sobald es aufhört, gehen wir zum Abendessen, die Hauptstraße liegt in absoluter Dunkelheit. Laufen von einer Garküche zur anderen, aber nirgendwo gibt es was zu essen. Zdenek schleppt mich quer durch die Stadt, es regnet, bis wir ein Lokal gefunden haben, sind wir komplett nass. Wir sitzen am Rand einer überdachten Terrasse, der Regen spritzt uns auf die Füße, nach langem Warten bekommen wir endlich einen Teller voll würziger Fleischstücke, dazu zwei Esslöffel, eine scharfe Soße und eine Semmel. Es ist so viel, was wir es nicht aufessen können.
Satt legen wir uns ins Bett, aber im Hof ist es laut, Kichern und Türen knallen, es funktioniert hier wahrscheinlich als ein Stundenhotel. Deswegen wollten sie uns nicht so viele Betten geben, und auf jedem Fenster liegt ein Kondom. Um fünf predigt der orthodox-christliche Geistliche durch Lautsprecher aus der Kirche den wahren Glauben, wofür er eine Stunde braucht. Dann erzwingt sich ein Lkw mit lautem Gehupe das Öffnen des Tors, fährt in den Hof, wo er beim laufenden Motor Metallschrott aufladen beginnt. Es wird morgen.
21.3., Hosaina – Sodo
Von Hosaina gibt es eine Lehmstraße, zuerst sind wir begeistert, endlich etwas für Mountainbikes. Dann beginnt die Straße zu steigen, es zieht sich über 25 km, die Schotterstraße führt ununterbrochen durch Dörfer. Es ist nervig, in den Steigungen, wo man genug zu tun hat mit sich und dem Rad, muss man ständig den neugierigen Bewohner antworten und sich gegen die Hände und Körper der aufdringlichen Jugendlichen wehren. Es ist nicht möglich, zum Essen oder Schnäuzen anzuhalten, den Schweiß abzuwischen oder aufs Klo zu gehen.
Pferd ist hier ein normales Verkehrsmittel
Endlich begradigt sich der Weg und am höchsten Punkt endet das endlose Dorf. Langsam Zeit zum Mittagessen, im nächsten Dorf stopfen wir uns mit Nudeln voll. Nach einer Weile kommt Pauli und berichtet, dass Zdenek eine Panne gehabt hat, sein Schaltwerk ist abgebrochen und wir sollen nicht warten, wir treffen uns am Abend in Sodo. Zdenek musste lange bergauf schieben und bei der Gelegenheit hat ihm jemand die Luftpumpe aus der Satteltasche herausgezogen. Da wir nur eine gemeinsame gehabt haben, wird es uns beiden später noch viel Ärger bereiten.
Per Anhalter
Etwa 10 km vor Sodo endet wieder Asphalt, Wolken ziehen sich zusammen, schaffen wir es noch trocken nach Sodo? Nein, der tropische Platzregen kommt schnell, die Lehmstraße verwandelt sich in eine schmierige Masse. Von einem Unterstand winken uns die Freunde zu, wir quetschen uns zu ihnen und ein paar Dorfbewohnern unter das Dach. Nach dem Schlimmsten steigen wir wieder in die Pedale, da kommt ein Lastwagen vorbei, Greta sitzt drin und ruft, ob ich auch mitfahren möchte. Gute Idee, klar, und schon hebe ich mein Rad auf die Ladefläche zu ihr. In Sodo zeigen uns die Leute, wo die anderen Ferenchi sind, es gießt wieder wie aus Kübeln. Das Bright Hotel ist das schönste, das wir bisher hatten, ein Blumenbeet im Hinterhof und eine Kneipe davor. Zdenek ist auch hier, seinem Fahrrad geht es schlecht. Ihm ist der Gepäckträger abgebrochen und ins Schaltwerk gefallen, das Auge ist kaputt – ein kleiner Aluminiumteil.
22.3., Sodo – Arba Minch
Hauptstraße in Sodo
Heute warten 130 km nach Arba Minch auf uns. Zdenek wird mit seinem lädierten Rad den Bus nehmen. Kurz bevor wir losfahren, stelle ich fest, dass mein Vorderreifen nicht genug Druck hat. Kame leiht mir seine Luftpumpe, dann radelt er los. Aber mein Reifen ist gleich wieder weich. Ich schiebe mein beladenes Rad durch den Schlamm die Treppe hoch zu einer Werkstatt, gleich von vielen Helfern umgeben. Der Besitzer eilt bereitwillig mit der Luftpumpe, seine ist aber für Autoventile, die sind breiter. Die Männer zerren mein Rad durch den Schlamm zwischen den Hütten, um die Ecke und noch um eine. Hier werden sie mich auseinandernehmen, denke ich resigniert. In einer Pfütze zwischen zwei Blechhütten montieren sie mir das Rad ab. Nach dem ersten Schreck verstehe ich: sie bringen einen anderen Schlauch, mit Autoventil. Für alles verlangen sie 40 Birr. Ich kann weiterfahren.
Äthiopien liegt größtenteils auf 2.000 m Höhe, es gibt genug Niederschlag und die Böden sind fruchtbar
Am 40. Km fährt Zdenek in einem Jeep an mir vorbei, will dass ich mitfahre, nein danke. Es läuft gut, es gibt nur wenige Dörfer, also eine ruhige Fahrt. Es ist heiß, ich möchte eine Banane kaufen, ich bekomme nichts anderes herunter. Endlich taucht wie eine Fata Morgana ein Dorf vor mir. Kleine Verkaufsstände entlang der Straße, mit orangefarbener Folie gegen die Sonne geschützt. Ein Junge streckt mir die Hand mit Bananen zu , drei Stück für 1 Birr. Jetzt schnell raus aus der Menschenmenge, irgendwo hinter dem Dorf ein Stück Schatten unter einem Baum finden, anhalten und diese Delikatesse in Ruhe genießen. Ich schaue mich gar nicht um, schnell weg. Endlich nach 10 km in der Ferne ein alleinstehender majestätischer Baum. Mit Genuss stopfe ich in seinem Schatten die Bananen in mich und kontrolliere, ob sich nicht irgendwelche Ruhestörer nähern.
Meine Freunde holen mich ein. Wieso sind sie hinter mir? Sie haben in dem Dorf auf mich gewartet, Kame ist in dem Gedränge paar Schritte von mir gestanden, als ich die Bananen gekauft habe, hat mich angesprochen und gefilmt. Und ich habe ihn gar nicht gesehen, war so fixiert auf die Bananen und darauf wegzukommen und sie in Ruhe zu essen.
Auf der linken Seite gibt es einen See, sonst ist die Landschaft felsig und dornig, karg und daher unbewohnt. Beim 75. km endlich ein Dorf mit einem Café in der Mitte, da sitzen die anderen drin. Ohne Greta, die ist zum Zdenek zugestiegen. Wir radeln los, ein paar Halbwüchsige gesellen sich zu uns, so fahren wir durch die nächsten Dörfer ohne Belästigungen der Dorfkinder. Nach ca. 10 km liegt ein Berg vor uns, nein, da will ich nicht mehr hochradeln. In dem Augenblick kommt ein fast leerer Bus und nimmt uns für nur 20 Birr mit.
Ein junger Mann behauptet, zwei weiße Radfahrer sind ins nächste Dorf geradelt. Ich weiß aus der Karte, dass es etwa 3 km sind, leide steil bergauf, wir müssen in dem Autogestank und Gedränge hoch, endlich ein Kreisverkehr, daneben eine Imbissbude. Wen haben wir den da sitzen? Zdenek und Greta stopfen sich mit Fischsalat voll. Wir setzen uns dazu, die anderen trudeln auch ein, unser Quartier ist nur noch 50 m weiter, ein Hotel mit heißer Dusche für 35 Birr pro Person ausgesucht. In unserem Zimmer gibt es aber gar kein Wasser, nicht mal kaltes.
23.3., Arba Minch
Heute möchten wir in den Nationalpark am See radeln, wo es Krokodile und Flusspferde gibt. Endlich fahren wir durch den Urwald unter den Lianan, Wegweiser zum Krokodile Market 9 km. Auf dem staubigen Weg sind unsere Spuren die ersten nach dem gestrigen Regen, da wird es bestimmt kein Restaurant uns Souvenirs mit Krokodilzähnen geben. In den Büschen schreien exotische Vögel, Gruppen von Pavianen laufen uns über den Weg zum großen Baum, wo es leckere Früchte gibt. Der Natur zuhören, relaxen. Zurück am Tor fallen die ersten Tropfen, bald verwandelt sich der Weg zur Straße in ein Schlammbad. Die Räder muss man schieben, der Schlamm klebt so dick auf den Reifen, dass sie sich nicht mehr drehen.
An der Straße werden sie in die erstbeste Pfütze geworfen und vom Schlimmsten befreit. Schlammverschmiert bis auf den Rücken schieben wir unsere Sportgeräte zur nächsten Tankstelle. Bitte einmal komplett mit Schlauch abspritzen. Zdenek zeigt auf Greta und mich, bitte auch die zwei dreckigen Damen saubermachen. Komplett durchnässt haben wir aber keine Lust, den höllischen Berg hoch zu radeln, es wird uns auch kalt. Mit den Rädern steigen wir in einen recht überfüllten lokalen Kleinbus, der bereit ist, uns für 15 Birr hochzufahren. Die einheimischen Ladys sind strikt dagegen, neben den dreckigen nassen Fremden zu sitzen, steigen hastig aus.
24.3., Arba Minch – Chencha
Ausflug mit dem Auto in die Berge zum Markt im Dorf Chencha und zu einem Dorf mit besonderen Strohhütten. Der Jeep steht wie vereinbart um sieben im Hof. Preis 900 Birr für alles. Die staubige Straße führt in die Berge, wo der Fahrer an einer Töpfer-Hütte stehen bleibt. Eine Frau hockt vor der Hütte und formt nur mit den Händen, ohne Töpferscheibe ziemlich regelmäßige Gefäße. Wie es in der dunklen fensterlosen Hütte aussieht, kann man nur auf dem Kameradisplay sehen: in einer Hälfte stehen zwei magere Kühe, in der anderen eine Kochstelle und Schlafplatz auf dem Boden.
Töpferwerkstatt
In dem Strohhütten-Dorf begrüßt uns ein englischsprechender junger Mann und zeigt uns sein Haus. Die Hütten sind ganz aus Bananenblättern, sehen wie spitze Hüte aus. Neu sind sie etwa 5 m hoch. Da sie von unten von den Termiten abgeknabbert werden, sind sie mit den Jahren immer niedriger. Die alten Leute haben die niedrigsten Behausungen. Er zeigt uns, wie man Bananenbrot macht: aus den Wurzeln solcher Bananen, die in höheren Lagen wachsen und keine Früchte tragen. Die Wurzeln werden gerieben, bis eine weißliche Paste entsteht, die wird eingewickelt in Bananenblätter und gebacken. Uns schmeckt es nicht. In einem Hinterhof haben sie eine Manufaktur, die Männer weben auf langen Webstühlen schöne gemusterte Baumwollstreifen. Die Hinterhöfe sind sauber gekehrt, es gibt sogar Hütten für Touristen.
In Chencha beginnt am Nachmittag der Markt. Er liegt auf einer großen Wiese, das meiste wird direkt auf dem Boden verkauft. Ich werde von einem jungen Mann begleitet, der sagt, er habe sich gerade in mich verliebt und will mich heiraten. Das ist heute schon der zweite, anscheinend sind ältere weiße Damen als gute Partie verschrien, als eine Möglichkeit, nach Europa zu kommen. Er spricht gut Englisch, geht mit mir um den Markt und erklärt mir alles, zeigt mir die kleinen Körner von Teff, aus dessen Mehl man die Injera vorbereitet, weiter fermentierten Teig für das Bananenbrot, in Bananenblätter gewickelt. Die Klumpen sind Tabakpaste, ordentlich in Reihen liegen die dicken Zuckerrohrstangen, es gibt viele Gewürze und sogar einen Friseurladen.
Weg zum Markt
Frauen beim shopping
Die Marktwiese
Das Bananenbrot
25.3., Arba Minch – Shashmene – Dodola
Die ersten Gebete aus der Kirche hallen um zwei in der Nacht, dann ist eine Weile Ruhe, um fünf beginnt die zweite Runde. Aufstehen und schnell zum Busbahnhof, wir fahren ein Stück nach Shashemene mit. Kame und Gasda wollen heute mit dem Bus Richtung Süden nach Jinka im Omo-Gebiet, dort soll es wilde Stämme geben, wo barbusige Frauen mit großen Scheiben in der Unterlippe herumlaufen.
Wir anderen haben es wirklich geschafft, die sieben Räder auf das Bus Dach zu stapeln. 65 Birr pro Person, auch mit Rädern, für ca. 260 km. Mittags sind wir da, keine schöne Stadt. Heutiges Ziel ist das 70 km östlich liegende Dodola. Die Straße ist von Anfang an staubig, die Landschaft ist sehr dicht besiedelt. Zdeneks geschweißtes Teil ist nach 15 km wieder gebrochen, so hat sich´s ausgeradelt für ihn, nach Dodola nimmt er einen Bus. Überall gibt es hier Menschenmassen und sehr aufdringliche Kinder. Ich habe nicht mehr die Nerven, ich nehme einen Stock in die Hand, und wenn sie mir während der Fahrt zu nahe kommen, versuche ich sie damit im Schach zu halten. Es hilft nicht viel, Lachsalven sind ihre Antwort, im Gegenteil steigert es ihre Aggression. Ein Kind fasst mich an dem Stecken und reißt mich beinahe in den Staub. Also weiter ohne Stock.
In Kofala stehen ein paar Minibusse. Umgeben von einer Menschenmenge bin ich das ewige Wegscheuchen der Neugierigen für heute satt, hier hängt etwas bedrohliches in der Luft. Ein Jeep hält bei mir an, der Fahrer sieht meine missliche Lage, wirft mein Fahrrad auf das Dach und mich schiebt er ins Auto. Die Aufdringlichen strecken noch Hände nach mir, stecken die Köpfe durchs offene Fenster und schreien wütend. Fenster schnell hochkurbeln, Gas geben und weg hier! Schon hebt sich eine Staubwolke hinter uns. Uff! Erst hinterm Dorf steigt er aus, um mein Fahrrad auf dem Dach zu befestigen.
Während der Fahrt erfahre ich aus seinem rudimentären Englisch, das noch zur Hälfte durch dem Motorlärm und aufgedrehtes Radio verloren geht, dass er ein Moslem ist (und mit so einem sitze ich in kurzen Hosen allein im Auto!). Und er ist bei der Bank angestellt, aber ich habe nicht verstanden, ob er ein Fahrer oder der Direktor ist. Das Auto ist voll mit Computern beladen. Hinter Kofala überholen wir ein mutiges Kleeblatt mit Michaela und bald Greta, die mit Zdenek im Bus gefahren ist und vor einer Weile ausgestiegen ist. Sie steigt zu mir ein, zu zweit sind wir sicherer. Aber der Moslem ist artig und nicht fanatisch religiös. Er zeigt uns ein Bild seiner Schwester in Jeans auf seinem Handy. Er schimpft auf die Christen, angeblich sind die Belästigungen am Straßenrand christliche Unsitten, Moslems machen so was nicht. Die Christen behaupten das Gegenteil.
Er setzt uns in Dodola ab, wir quartieren uns im Bale Mountain Hotel, einer klassischen erdgeschossigen äthiopischen Unterkunft mit den Zimmereingängen direkt vom Hof. Es gibt fließend Wasser im Bad, nur fließt es hier zur Abwechslung nicht ab. Zum Abendessen eine spezielle Kombination, Kartoffeln mit Reis und Nudeln. Ich weiß nicht, was davon die Beilage ist. Wahrscheinlich der Tee.
26.3., Dodola – Bekoji
Zdenek will, dass ich mit ihm mit dem Bus schon nach Addis fahre, ich hoffe wieder, er steigt in Bekoji aus, unserem heutigen Ziel, ich will noch radeln. Es sind 75 km auf einem unbefestigten Weg über einen 3.000 m hohen Bergpass. Als ein schwächeres Glied der Gruppe fahre ich in der Früh vor den anderen los. Durch die Dörfer keine Probleme, die Leute sind am Morgen mit Wasser holen und Rinder austreiben beschäftigt, die Kinder sitzen in der Schule. So stört niemand. Die Straße steigt leicht, neben der Straße aus scharfkantigen Lavabrocken führt ein schöner Eselsweg, von vielen Eselshufen zum idealen Radweg festgetrampelt. Nur ist leider Gegenwind. Nach 35 km gesellt sich ein junger Mann auf einem Pferd zu mir und leiert mir sein give me money ins Ohr, wenn ich nicht reagiere, dann Hello, hello, hello, give me money. Solange er auf seinem Pferd sitzt und allein ist, geht es, aber dann steigt die Straße, ich muss schieben und er führt seinen Gaul neben mir. Und brabbelt sein Money-Mantra ununterbrochen herunter. Nervig. Eine leere ruhige Landschaft, nur der Störenfried neben mir verdirbt mir die Freude daran. Der Weg ist tief und beschwerlich zum Schieben. Plötzlich sehe ich, dass mein Hinterrad einen Platten hat. Es ist heiß, niemand von meinen Freunden holt mich ein, nicht einmal Zdenek in einem Bus fährt vorbei. Ich bleibe stehen und wische den Schweiß vom rotglühenden Gesicht. Der Belästiger sieht, wie meine Kräfte den Berg hoch schwinden. Und bietet mir an, auf seinem Pferd zu reiten, er würde mein Rad schieben. Vielleicht würde er es wirklich tun und nicht mit meinem Fahrrad abhauen, nach einer Stunde seines Hellogivememoney habe ich aber definitiv keine Lust zum Experimentieren.
Nach etwa fünf Kilometern, am Ende der Steigung, kommt ein Dorf. Hier wird es Cola geben, meine Rettung. Im Laden zeige ich mein leeres Hinterrad. Ein Wald schwarzer hilfsbereiter Hände hebt sich. Sie tragen das Rad in den Laden, schlagen die Tür vor der neugierigen Menschenmenge zu, schieben mir einen Schemel zum Hinsetzen hin und drücken eine kalte Cola in die Hand. Sie bringen die Luftpumpe, aber hier gibt es überall nur die breiteren Autoventile, so kann man meinen Schlauch nicht aufpumpen. Sch…., dass unsere Luftpumpe geklaut wurde, so stecke ich wieder in bereits vertrautem Schlamassel. So ziehe meinen Schlauch aus Sodo mit einem Autoventil heraus, ja, so was kennen sie. Aber es gibt ein unerwartetes Problem. Am Hinterrad lässt sich das dicke Ventil nicht durch das Felgenloch schieben. Im Dorf der Strohhütten gibt es natürlich keine Werkzeuge. Die Jungs versuchen, das Loch mit einem Nagel zu vergrößern, was ihnen nicht gelingt. Also ziehe ich meine 3cm lange Reise-Nagelfeile heraus. Es geht damit langsam, ich lasse mir zweite Cola bringen. Die Neugierigen, die die Fensteröffnung mit ihren Köpfen vollständig verstopfen und so kein Licht in die Hütte kommt, werden mit Besenschlägen unsanft vertrieben, es hilft immer für etwa fünf Minuten. Endlich ist der Schlauch drin, mein kaputter wird mit einem Flicken aus einem alten Schlauch repariert, der Kleber mit einem Nagel angebracht. Für ihre Hilfe bekommen sie einen Karabiner und ein paar Drogerie-Proben, die ich als kleine Geschenke immer dabei habe.
Und es kann weiter gehen. Innen der Gast, außen sofort zum Freiwild mutiert, hetze ich durchs Dorf. Der Weg wird ebener und der lästige Reiter ist verschwunden. Es könnte wieder ein Genuss werden. Aber…. nach 5 km ist das Fahrrad wieder leer. Ich glaube, sie haben den Schlauch am Ventil eingerissen bei der unsanften Montage. Auf dem Hochplateau kein weiteres Dorf in Sicht, ich schiebe apathisch und verfluche jene Bastarde, die Zdenek seine Luftpumpe gestohlen haben, die ihnen nichts nützen wird. Und ich habe sie sooo nötig! Während ich so wütend das Rad schiebe, fährt ein Bus vorbei, und Greta sitzt drin. Also die restlichen 25 km fahre ich mit ihr auf vier Rädern.
Mit dem Bus nach Bekoji
In Bekoji arrangieren wir die Unterkunft im besten Hotel, wir sind nur noch zu sechst, also drei Doppelzimmer. Dann gehen wir mit Greta zu Fuß durch die Shopping Street, die staubige Hauptstraße und beobachten, ob sich die Einwohner auch so aggressiv auf uns werfen, wenn wir zu Fuß sind. Und es ist wirklich besser, sie schauen und an, ab und zu kommt ein Hello oder kommt ein Kind uns die Hand zu schütteln, aber keine Dramen. Wir sitzen vor einem Kaffee, Greta testet wie jeden Tag die Auffassungsgabe des Personals, da sie einen zuckerfreien Kaffee bestellt. Es ist etwas so Unerhörtes, dass es meistens erst auf den dritten Versuch gelingt. Ich hätte es schon lange aufgegeben, aber nicht Greta. Inzwischen sind die anderen auch angekommen.
Ich ziehe mit Pauli in ein Zimmer. Es gibt Duschen, aber ohne fließendes Wasser. Im Bad gibt es nicht mal eine Glühbirne, also waschen wir uns aus einem Eimer mit Stirnlampe auf dem Kopf. Pauli hat vorsorglich gar kein Handtuch von Zuhause mitgebracht, wahrscheinlich bleibt er sauber und das Bisschen Staub wischt er mit seinem T-Shirt ab. Im Lokal bestellen wir sechs Abendessen, nach früheren Erfahrungen zeigen wir es zusätzlich auf den Fingern. Dennoch bringen sie uns nur zwei Portionen. Das Zählen bis sechs erschwert ihnen Greta, die in dem Schlüsselmoment Tee bestellt, aber ohne Zucker. Das kann nicht gut gehen, und tatsächlich, beim Zahlen schießt der schwarze Kerl 420 Birr in die Luft. Das können wir nicht glauben, machen eigene Berechnung und kommen auf 250 Birr. Der Schlaui rechnet noch mehrmals nach, aber wir haben Recht. Mathematik wird hier wahrscheinlich nicht so intensiv unterrichtet. Zum Frühstück wollen wir woanders gehen, damit er nicht den Eindruck hat, eine Bildungslücke zu haben.
27.3., Bekoji – Asala
Nach dem Frühstück (trockenes Brötchen und Tee) radle ich wieder voraus. Wenn mich nach 20 km niemand einholt, warte ich etwas, so lange mich dabei niemand belästigt. Nach 30 km tauchen sie auf, nach Asala kommen wir ausnahmsweise zusammen und halten zum Mittagessen an. Es werden uns Spaghetti versprochen, dann sind sie aber finischt, dann versprechen sie Kartoffeln, die wir auch nicht bekommen, stattdessen bringen sie Fisch, den wir nicht bestellt haben. Dazu kommen die Verwirrungen um Gretas zuckerfreien Kaffee. Vetschtebl gibt es angeblich nicht, wenn wir aber vor der Küche eine Kiste Tomaten und Zwiebeln entdecken, geht es plötzlich doch. Sechs hungrige Weiße möchten den Koch gerne Geld verdienen lassen.
Eine große schwarze Wolke nähert sich, so beschließen wir für heute Schluss zu machen. Wir übernachten in einem sehr guten Hotel für nur 90 Birr pro Zimmer, mit Warmwasser und TV. Pauli und ich packen unsere Taschen im Zimmer aus, und wenn die ganze Wäsche auf der übers Zimmer gespannten Schnur hängt, steht plötzlich Zdenek in der Tür. Ich verstehe nicht, wie er uns gefunden hat. Gut, dass wir uns nicht in Addis suchen müssen. Nur Pauli muss in ein anderes Zimmer umziehen.
Zdenek hat gestern eine Wanderung zu den Bale Mountains gemacht, wo er schöne Bilder von farbenprächtigen Dorfbewohnern gemacht hat, die von den Bergen zum Markt hinabgestiegen sind. Heute Morgen ist er mit dem Bus hierher gefahren und hat alle Hotels nach uns durchgeschaut, dieses am oberen Ende der Stadt war das Letzte.
Wir gehen alle auf den Markt, wo wir bei Sonnenuntergang afrikanische Stimmungen fotografieren. Beim Abendessen erzählt heute Peter ausnahmsweise keine Witze (keinen einzigen habe ich behalten), er schreibt an seinem Tagebuch, so werden wir von ihm hoffentlich etwas über Afrika erfahren.
28.3., Asala – Addis Abeba
Da ich von Kame nach seiner Trennung von uns die gemeinsame Kasse geerbt habe, zahle ich in der Früh unsere Übernachtung, Abendessen und Frühstück. Für sieben Personen hat alles zusammen 850 Birr gekostet (keine 70 €), ich zahle 900 Birr und der Junge an der Rezeption zieht den Taschenrechner raus, um das Wechselgeld zu berechnen. Ja, man vertraut hier der Technik, denn Technik bedeutet Fortschritt.
ge.webp Sieben Räder übereinander
Dann geht es zum Busbahnhof. Der Hotelmanager verspricht uns ein Auto nach Addis nur für 400 Birr, der Fahrer erhöht auf 600 Birr, der Manager handelt für uns 500 Birr aus. Alle sieben Räder werden liegend übereinander auf dem Dach gestapelt, es gibt eine Menge Schaulustige, jeder will beim Beladen helfen und streckt uns dann die Hand für ein Bakschisch entgegen. Im Bus haben wir Zeit, den nächsten Verlauf unserer Afrikareise zu planen. Peter und Pepe glauben schon alles in Äthiopien gesehen zu haben, wollen den Urlaub am nächsten Tag beenden und wenn möglich nach Hause fliegen. Was ihnen bei Turkish Airlines in Addis zwei Tage vor uns gelingt. Auch Greta will schneller nach Hause, Michaela muss sich ihr anschließen, da sie zusammen zum Flughafen Wien mit dem Auto gekommen sind. Im Hilton Hotel, wo man Flüge buchen kann, kaufen wir mit Zdenek einen Flug von Gondar nach Addis.
Inzwischen sind auch Kame und Gasda angetroffen. Sie erzählen ein wenig von den “Wilden” von Jinka, die wohl nicht mehr so wild sind, sondern eher auf Touristen eingerichtet sind und viel betteln. So haben wir hoffentlich nicht viel verpasst. Sie wohnen beide im Vanca Hotel, es ist aber schon voll, wir finden ein schönes in der Nähe, mit fließendem, wirklich heißem Wasser, für 150 Birr das Zimmer (ca. 12 €). In Vanca essen wir alle zusammen das letzte Mal, Kame, Pauli und Gasda fliegen Morgen nach Axum und wir zwei nehmen den Bus nach Bahir Dar. Der Rest fährt vor dem Heimflug für zwei Tage auf Rädern nach Debre Libanos.
29.3., Addis Abeba – Bahir Dar
Zdeneks Wecker hat wieder verschlafen, weckt uns erst der Muezzin um halb sechs. Die Räder und Gepäck haben wir gestern schon hier im Hotel deponiert, nehmen für die vier Tage nur einen kleinen Rucksack für uns beide. So können wir aus dem Bett direkt in ein Taxi springen, die auch in der morgendlichen Dunkelheit in ausreichenden Mengen die Stadt durchstreifen. Er will 40 Birr, das ist viel, wenn man bedenkt, dass eine 560 km Busfahrt nach Bahir Dar nur 63 Birr pro Person kostet.
Morgenstimmung am Busbahnhof
Der Busbahnhof ist in Dunkelheit und Gaswolken gehüllt. Die meisten Busse nach Bahir Dar sind schon weg oder bereits voll, die Leute schicken uns von einem Ende zum anderen, bis ein Experte mich am Flügel packt und mich durch die Abgasnebel zwischen zwei Bussen vor einen Mann schiebt, der Tickets an eine lange Schlange von Leuten verkauft, damit haben wir sie alle überholt. Mit den Tickets in der Hand machen wir uns auf die Suche nach dem richtigen Bus, aber der ist noch nicht da. Als er schließlich in den Bahnhof fährt, sind die besten Plätze schon seltsamerweise besetzt, Trauben von Ballenträger kämpfen sich durch die enge Tür nach innen. Für uns sind keine Sitze übrig geblieben, also setzten wir uns neben dem Fahrer auf dem Motor. Nach einer halben Stunde steigen etwa drei Viertel der Menschen wieder aus, es waren wahrscheinlich nur die professionellen Platzhalter und Gepäckschlepper, jeder außer uns sitzt. Ich darf mich zwischen einen schwarzen Christen und einen Abessinier mit einem kleinen Mädchen auf dem Schoß zwängen. Nach einer Stunde mit laufendem Motor und Abgasen im Inneren schieben wir uns endlich aus dem Terminal. Auf der Straße bleibt der Bus aber stehen, und weitere Menschen mit Gepäck kämpfen sich nach innen. Gleich nach dem Losfahren fängt das Kind neben mir zu spucken an, der Fahrer reicht ihm dafür Plastiktüten, die dann der Vater über unsere Köpfe durch das offene Fenster auf die Straße schleudert.
Der Christ am Fenster bekreuzigt sich zwar an jeder Kirche, die wir passieren, das hindert ihn aber nicht daran, 1,5 Sitze für sich in Anspruch zu nehmen, der Vater mit Kind und ich haben für uns den restlichen halben Sitz. Die Asphaltstraße windet sich in Serpentinen auf einen Bergrücken. Dort gibt es Stopp zum Frühstück, wir kaufen Bananen, Wasser und einen quitschgelben Kuchen. Der Vater neben mir stopft eine Banane in das kleine Mädchen, das sich davon bald wieder in eine Plastiktüte verabschiedet.
Die Landschaft ist interessant, die grünen Wiesen voller Rinder, wie eine Safari mit Haustieren, Bauern pflügen mit Ochsen und Holzpflügen ihre Felder, die Strohhütten haben hier einen viereckigen Grundriss, die strohgedeckten Dächer sind oben in einen Stroh-Schopf gebunden.
Die Nil-Brücke
Über den Nil gibt es nur eine staubige Piste, sie schlängelt sich 1.200 Meter hinunter zur Brücke und klettert auf der anderen Seite wieder nach oben. Der Bus wackelt, der Motorenlärm mischt sich mit lauter äthiopischen Musik, mit der uns der Fahrer den ganzen Tag traktiert. An jeder Kehre werden wir von Staubwolken überholt, die sich durch die Ritzen in den Bus drängen und in den Sonnenstrahlen tanzen. Die Landschaft ist dramatisch, wir nähern uns dem Talgrund, man kann schon die Brücke über den Nil sehen. Ich fotografiere sie aus dem Fenster, aber die Leute rufen mir zu, dass es nicht erlaubt sei. Strategisches Ziel, den Leuten kann man nicht erklären, dass sie jeder im Internet anschauen kann, und am Flughafen in Gondar sehen wir sie später auf Postkarten.
Wir passieren den Berg Choke, der nicht wie ein hoher Berg aussieht, eher wie ein sanfter Hügel, obwohl er 4.000 m erreicht. Da wollte Zdenek hinaufradeln. Mein Sitznachbar denkt, dass wir heute Bahir Dar nicht mehr erreichen. Das ist uns neu, Lonely Planet sagt, dass die Reise einen Tag dauert. Um halb sechs hält der Bus in Dangla für die Nacht, nur 78 km vor Bahir Dar. Die ortskundigen Passagiere eilen aus der Tür und steigen in die wartenden Kleinbusse, die verlangen weitere 40 Birr. Etwa die Hälfte der Fahrgäste fährt mit dem Bus zum Innenhof des Hotels. Alles ist sehr schmutzig, wir nehmen ein Zimmer mit Bad, aber es fließt kein Wasser. Suche nach etwas zum Essen, aber bitte keine Injera, am besten Spaghetti. Dann sitzen wir im Dunkeln in einem Café, die Hauptstraße, nun ohne Autos, verwandelt sich in einen Corso, die Leute laufen in dem kleinen Ort hin und zurück. Schnell ins Bett gehen, aber direkt vor unserem Fenster ist draußen ein Fernseher befestigt, die Lautsprecher keine 15 cm von unserem Fenster laufen volle Pulle. Zdenek ist wütend, will in der Rezeption ein anderes Zimmer verlangen, die ist aber geschlossen. Das Personal hat keinerlei Befugnisse, Zdenek erreicht nichts und wenn ich mich weigere, mich auch mit ihm zu empören, fällt er enttäuscht ins Bett.
30.3. Dangla – Gondar
Abfahrt ist für 5 Uhr geplant, hoffentlich lässt uns heute Zdeneks Wecker nicht im Stich. Um fünf läuft in dem kleinen Hof aber bereits der Motor, die Abgase treiben auch die Letzen aus den Blechtüren ihrer Zimmer heraus. Um sechs Uhr, immer noch beim laufenden Motor, wird zur Abfahrt gehupt, um halb sieben setzen wir uns endlich in Bewegung. Es beginnt langsam zu dämmern, vor den Hütten hocken finstere Gestalten über kleinen Feuerchen und bereiten Injera, die Tiere trudeln aus ihren Verschlägen heraus.
Papyrus am Tana See
Um halb neun spuckt uns der Bus in** Bahir Dar** aus. Unsere ersten Schritte führen uns zum Tana See, am Pier liegen ein paar auf Kunden wartende Boote. Nein, danke, wir wollen nicht auf die Inseln, nein, danke, wir brauchen nichts. Wir wollen alleine am Ufer entlang gehen, durch die Hotels geht es zu einer kleinen Halbinsel, es gibt sehr viele Vögel hier, es piepst und hüpft in den Büschen. Es wäre schön sie zu fotografieren, aber ein Soldat mit einer Kalaschnikow stoppt uns, Sperrzone. Also weiter entlang der Straße hinunter, ein junger Mann gesellt sich zu uns, natürlich Student, wie alle, die sich Touristen anbiedern. Er führt uns in den Park am Wasser, verrät, wo sich der ehemalige Königspalast von Haile Selassie befindet und dass im Nil, der aus dem Tana-See fließt, Flusspferde schwimmen. Wir werden ihn erst los, wenn ich eine Adresse mit ihm tausche (auf Einladung nach Europa). Jetzt können wir endlich die Pelikane, Geier, Adler und viele uns unbekannten Vögel in Frieden beobachten.
Traditionelle Papyrusboote
Nach der herrlichen Federvieh-Schau geht es mit dem Kleinbus zum Nil. Dass Ufer ist belebt, Wäsche wird gewaschen, Kinder baden und die Männer machen ihre Autos sauber. In der Mitte des Flusses, etwa 50 Meter vom Ufer entfernt, befinden sich kleine Haufen. Die Einheimischen sagen, dass es Flusspferde sind, was Zdenek nicht glaubt und 100 Birr wetten will. Ich ziehe ihn schnell weg, bevor ihn ein Schwarzer um die 100 Birr bringt. Natürlich sind es Flusspferde. Plötzlich taucht so ein Berg auf und da sieht man ihn richtig, seine kleinen Äuglein und riesige Zähne. Ruhig, gelassen, obwohl auf der Brücke über seinem Kopf der Verkehr lärmt. Es gibt mehrere entlang des Nilufers. Da führt eine wunderschöne Allee aus blühenden lila Jacaranda-Bäumen vorbei, zum ehemaligen königlichen Palast von Haile Selassie. Den Eindruck stören nur zahlreiche Schüler, die hier Geld für etwas sammeln, oder nur einfach betteln.
Allee zum Palast vom Haile Selasie
Nach 3 km gibt Zdenek auf und kehrt auf die Straße zurück, ich gehe allein die Serpentinen zum Palast auf dem Hügel hoch, aber das Tor ist geschlossen und es gibt nicht viel zu sehen. Zurück nehme ich eine Abkürzung an einem Ziegenweg, er führt durch ein Wäldchen in die Stadt. Ein etwa 10-jähriger Junge gesellt sich zu mir und versucht penetrant aus mir Geld herauszupressen. Er nervt, im Wald packt er mich an der Taille und verlangt einen Kiss. Ich stoße ihn grob weg und laufe durch einen Slum, wo mich die Leute unfreundlich beobachten. In der Allee atme ich auf, aber nicht für lange, zwei Jungs auf Rädern kreisen um mich und wiederholen money money money. Endlich auf der Straße und fertig mit den Nerven kaufe ich in einem Kiosk bei einem netten Mann Cola, nach dem Bezahlen verlangt er aber einen oral Kiss von mir. Das verschlägt mir die Sprache. Sind hier alle verrückt? Ich finde Zdenek, erzähle ihm meine frischen Erlebnisse. Höchste Zeit, mit einem Minibus nach Gondar zu fahren. Als der Fahrer mich vorne neben sich setzen will, schreitet Zdenek energisch ein.
Das Hotel im Zentrum von Gondar hatte noch ein paar freie Zimmer. Alle mit heißer Dusche. Das wollen wir uns anschauen. Im ersten Zimmer gibt es kein Wasser, das zweite hat keinen Strom zum Boiler, das dritte ist ohne Fenster und im vierten gibt es keinen Boiler. Zdenek beschließt, sich diesmal nicht übers Ohr hauen zu lassen, so suchen wir eine andere Bleibe. Nach einer Stunde ergebnisloser Suche kehren wir zurück, drücken den Preis auf 60 Birr. Und bekommen ein Zimmer mit warmem Wasser. Nur fließt es nicht, nur tropft. Zdenek ist auf hundertachtzig, das Mädchen in der Rezeption versteht überhaupt nicht, worum es ihm geht. Sie spricht nur Amharisch. Ich brauche einen ganzen Abend, um Zdenek davon zu überzeugen, dass von der vorhandenen Wassermenge in der Dusche keine Rede war. Glücklicherweise wird er von einem anderen Problem abgelenkt. Auf der abendlichen Suche nach einem Hotel hat er seine hässliche chinesische Baseballkappe verloren, die er in Dodola gekauft hat, nachdem ihm sein abgetragenes Sonnenkäppi abhanden gekommen ist.
31.3., Gondar
Eine Führung durch mittelalterliche Paläste steht auf dem Plan. Doch erst einmal muss Zdenek eine neue Kopfbedeckung kaufen. Als wir über die Hauptkreuzung gehen, rennt ein Junge zu uns und reicht Zdenek seine verlorene Baseballkappe. Und ohne auf eine Belohnung zu warten verschwindet er. Ein Land voller Gegensätze!
Palast von Gondar
Nach dem Frühstück – dreifarbiger Saft aus Mango, Avocado, Ananas, machen wir uns auf den Weg in den ummauerten Palast aus dem 15. Jahrhundert. Teilweise zerfallen, mit einem mehrstöckigen Palastbau, mit Resten von Wandmalereien an den Wänden. Außer uns ist hier nur eine kleine Gruppe äthiopischer Pfadfinder und Soldaten im Flecktarn bekommen Geschichtsunterricht.
Ehemalige Bäder in Gondar
Unten in der Stadt gibt es noch Bäder aus der gleichen Zeit, in denen baptistische Massentaufen durchgeführt wurden. Sie sind noch nicht so restauriert, die Wände rund um den Pool sind mit den Wurzeln von riesigen Bäumen umklammert und halb zerfallen. Das dritte Wahrzeichen der Stadt, die orthodoxe Kirche Debre Berhan haben wir ausgelassen, denn nach dem Bild sieht sie von außen nicht besonders spannend aus, dazu liegt sie außerhalb der Stadt. Wir gehen lieber durch einen Markt. Erst am nächsten Tag am Flughafen stellten wir fest, dass Debre Berhan von innen komplett mit schönen Engelsköpfen bemalt ist. Vielleicht die schönsten äthiopischen Wandmalereien. Schade, dass wir nicht dort waren.
Deckenmalerei in Debre Berhan
Markt in Gondar
1.4., Gondar – Addis Abeba
Das Flugzeug nach** Addis** fliegt am Nachmittag, wir laufen noch einmal durch den Markt und die Stadt zu Fuß zum Flughafen. In dem Vorort findet ein Viehmarkt statt. Gefleckte gehörnte Kühe, die Köpfe der Händler in bunte Stoffe gehüllt. Aus Respekt vor den Hörnern macht Zdenek Fotos von der Straße, ich schlendere zwischen Menschen und Tieren. Ein schönes Ende der Reise.
Viehmarkt
Das Flugzeug fliegt mit uns nur ca. 1000 m über dem Boden, wir sehen den Tana-See, die** Nil-Wasserfälle** und schließlich ganz Addis Abeba von oben.
2.4., Addis Abeba
Erkundung der Hauptstadt. Aber schon mittags finden wir nichts mehr zu erkunden, gehen durch Piazza, den alten Teil der Stadt auf einem Hügel, wo noch Überreste von schönen majestätischen Holzhäusern stehen, wahrscheinlich dem Baustil der Weißen nachempfunden. Wir stoßen zufällig auf ein Messegelände mit äthiopischen Waren. Lokale Produkte von Baumwolle über Honig und Gewürze bis hin zu elektrischen Kochplatten für Injera. So kaufen wir endlich Souvenirs für die Kinder und die liebe Nachbarin, die zu Hause unsere Blumen gießt. Sonst würden wir ohne Mitbringsel heimfahren, Souvenirs und lokale Produkte haben wir in den zwei Wochen nicht wirklich gesehen. Wir konnten nicht einmal die Postkarten versenden. In einer Stadt haben wie ein Postamt in einem Blechschuppen gefunden, dort hat es aber weder Postkarten noch Briefmarken gegeben, nur ein paar vergilbte Umschläge.
Unter einer großen Tribüne, die wahrscheinlich Militärparaden gedient hat, spielen Jungs Fußball und eine Gruppe Athleten trainiert auf den Tribünenstufen. In zerschlissenen Turnschuhen, aber mit umso mehr Enthusiasmus. Mit Blick auf sie, entspannen wir uns schön nach der Hitze des Tages, und nach dem Abendessen geht es zum Flughafen.
Auf Wiedersehen, Abessinien, ich glaube nicht, dass wir jemals wieder kommen. Es war eine interessante und lehrreiche Reise, die Menschen waren nett im Herzen, also die Erwachsenen, bereit zu beraten oder helfen. Die Empörung über die aufdringlichen Kinder wird bald vergessen, die Bilder von wunderschönen Frisuren, bunten Röcken, Strohhütten, Rinderherden und köstlichen Bananen werden bleiben.
Unsere Radstrecke
Helena
© {1995-2025} Travel. https://inleo.io/profile/travel.helena
[//]:# (!worldmappin 6.86492 lat 37.76053 long Etiopia, Sodo d3scr)
[//]:# (!worldmappin 6.97732 lat 39.18141 long Etiopia d3scr)
[//]:# (!worldmappin 6.24597 lat 37.57632 long Etiopia Chencha d3scr)