This post is written in German. It shares personal reflections on violence, humanity, and what I’ve learned while traveling and observing the world.
Als ich dieses Bild gemacht habe, lag Nebel über dem Wasser. Eine dunkle Wolke zog langsam weiter. Und irgendwo dahinter ging die Sonne auf. Dieses Gleichzeitige – Dunkelheit und Hoffnung – kommt mir vor wie unsere Zeit.
Bild:
Ausgelöst wurde dieser Text durch einen Kommentar. Nicht aus Ärger. Sondern, weil er etwas in mir berührt hat, das schon lange da war.
Unterwegs mit Nachrichten und Fragen
Manchmal sitze ich irgendwo unterwegs. Auf einem Parkplatz. An einem Strand. In einem kleinen Café. Und lese Nachrichten aus einer ganz anderen Welt. Jeden Tag. Aus verschiedenen Quellen. Mainstream. Alternative Medien. Oft dieselben Meldungen. Mehrmals. In unterschiedlichen Worten. Bilder von Gewalt. Von Hass. Von Menschen, die anderen Menschen Dinge antun, die man kaum in Worte fassen kann.
Und ich frage mich: Warum eigentlich?
Warum passiert das immer wieder? Nicht aus Versehen. Nicht nur im Affekt. Sondern geplant. Wiederholt. Systematisch. Warum werden Körper zu Schlachtfeldern? Warum wird Nähe zur Waffe? Warum wird Würde zerstört, um Macht zu demonstrieren?
Nähe zu Schutz und Gewalt
Ich frage mich das nicht nur als Beobachter. Ich frage mich das auch als jemand, der selbst gelernt hat, wie nah Schutz und Gewalt manchmal beieinander liegen.
Als Kind hatte ich oft ein großes Messer an der Seite. Nicht aus Aggression. Sondern weil ich viel im Wald war. Weil es praktisch war. Zum Schnitzen. Zum Schneiden. Zum Überleben im Kleinen. Später hatte ich fast immer ein Taschenmesser in der Hosentasche. Es gehörte einfach dazu. Bis ich in London fast deswegen Probleme bekam. Plötzlich war das, was für mich immer normal war, etwas Gefährliches. Etwas Verdächtiges.
Später, im Van, hatte ich wieder ein Messer. Nicht zum Arbeiten. Sondern „für den Fall der Fälle“. Zur Verteidigung, dachte ich. Als ob ein Stück Metall Sicherheit geben könnte. Dann las ich, dass selbst das mittlerweile in vielen Ländern verboten ist. Also kam das Messer raus. Dafür ein Klappspaten. Und ich merkte: Ich hatte angefangen, in Kategorien von Bedrohung zu denken. Von „Was, wenn…?“ Von „Falls doch mal…“
Ich habe Kampfsport gemacht. Ich weiß, wie man sich wehrt. Und trotzdem: Auch ich habe begonnen, mich innerlich aufzurüsten. Nicht äußerlich. Innerlich.
Verantwortung im Moment
Manchmal frage ich mich auch, wie ich reagieren würde, wenn Gewalt nicht nur in Nachrichten stattfindet, sondern direkt vor mir. Auf der Straße. In einer Bahn. Auf einem Parkplatz. Ich glaube nicht an Heldentum. Nicht an schnelle Lösungen. Ich würde abwägen. Hilfe holen. Andere aufmerksam machen. Und eingreifen, wenn es nötig ist – so gut ich kann. Nicht aus Mut. Sondern aus Verantwortung.
Ist es Religion? Ist es Ideologie? Ist es fehlende Bildung? Oder ist das zu einfach?
Wenn man unterwegs ist, sieht man vieles. Freundlichkeit. Hilfsbereitschaft. Menschen, die teilen, obwohl sie selbst wenig haben. Aber man sieht auch Angst. Misstrauen. Und Geschichten, die selten laut erzählt werden. Geschichten von Frauen. Von Kindern. Von Gemeinschaften. Von Menschen, deren Leben gebrochen wurde – nicht zufällig, sondern gezielt. Als Strategie.
Wie Gewalt entsteht
Vielleicht beginnt Gewalt dort, wo Menschen aufhören, einander wirklich zu sehen. Wo aus Gesichtern Gegner werden. Aus Geschichten Kategorien. Aus Menschen Mittel zum Zweck oder zu Projektionsflächen. Vielleicht beginnt sie viel früher. In Gedanken. In Ängsten. In dem Moment, in dem wir glauben, uns nur noch mit Härte schützen zu können. Und dann kommen sie: Die einfachen Antworten. Die klaren Feindbilder. Die Parolen, die erklären, wer schuld ist. Sie versprechen Ordnung. Sinn. Zugehörigkeit. Aber sie kosten Menschlichkeit.
Unterwegs frage ich mich oft, wie unterschiedlich Gesellschaften mit ihren Menschen umgehen. Wie man über Respekt spricht. Über Grenzen. Über Verantwortung. Und wie schnell all das verschwindet, wenn Macht wichtiger wird als Mitgefühl.
Was macht eine Gesellschaft mit Menschen, die nur noch funktionieren sollen? Die lernen, sich zu vergleichen, statt zu verstehen? Die früh merken, dass Stärke mehr zählt als Würde? Und was ist mit Moral? Wird sie noch vermittelt – oder nur vorausgesetzt?
Ich glaube Gewalt ist kein plötzlicher Ausbruch. Sondern das Endprodukt vieler kleiner Brüche. Von Entmenschlichung. Von Schweigen. Von politischer Kurzsichtigkeit. Ein leiser Prozess, den man lange ignorieren kann. Bis er laut wird.
Ich habe keine fertigen Antworten. Nur diese Fragen.
Eine tägliche Entscheidung
Vielleicht ist genau das meine Aufgabe unterwegs: Nicht nur schöne Orte zu sammeln. Nicht nur Geschichten zu erzählen. Sondern ehrlich zu bleiben. Auch dann, wenn es unbequem wird. Mir einzugestehen, wie schnell Angst Denken verändert. Wie leicht man bereit ist, sich innerlich zu bewaffnen. Und mich daran zu erinnern, dass Sicherheit nicht aus Waffen entsteht, sondern aus Vertrauen, Gerechtigkeit und Verantwortung. Jeden Tag neu.
Vielleicht ist es wie an diesem Morgen am See: Der Nebel verschwindet nicht auf Knopfdruck. Die Wolken ziehen nicht sofort weiter. Aber irgendwo dahinter ist Licht. Und wir entscheiden jeden Tag, ob wir ihm Raum geben.
Ich glaube an Gespräche vor Konfrontation. An Verständnis vor Verurteilung. An Menschlichkeit vor Ideologie. Aber nicht an Wegsehen. Nicht an Relativieren. Nicht an Ausreden für Gewalt. Wer andere verletzt, überschreitet eine Grenze. Immer. Und trotzdem dürfen wir nicht aufhören, nach den Ursachen zu fragen – wenn wir wollen, dass es weniger wird.