Gestern war ich mit meinem Van vollkommen zufrieden.
Dann parkte ich neben diesem Liner.
Bild:
English teaser:
A small observation next to my van led me to a bigger question:
Are our desires really our own – or do we simply copy them from others?
Neulich habe ich einen Podcast gehört, der eine einfache, aber unangenehme Frage stellte:
Sind unsere Wünsche wirklich unsere eigenen –
oder kopieren wir sie einfach von anderen?
Während ich zuhörte, musste ich an eine Situation aus meinem eigenen Alltag denken.
2019 war ich auf einer Messe und eigentlich mit einer ziemlich klaren Entscheidung dorthin gefahren. Ich wollte mir ein großes Wohnmobil kaufen. Ein Bekannter hatte mir zuvor seines gezeigt. Er erklärte mir alles: worauf er Wert legt, welche Ausstattung wichtig ist, welche Freiheit ihm dieses Fahrzeug ermöglicht. Seine Begeisterung war ansteckend.
Und plötzlich brodelte es auch in mir. Ich wollte ebenfalls so ein Fahrzeug. Vielleicht sogar ein noch besseres. Also fuhr ich zur Messe. Doch im Gespräch mit einem Verkäufer begann sich etwas zu verschieben. Plötzlich tauchten Fragen auf, die ich mir vorher gar nicht gestellt hatte: Passt so ein großes Fahrzeug überhaupt auf mein Gelände, auf dem ich es abstellen würde? Wie schwierig wird es, in Städten einen Stellplatz zu finden? Brauche ich all diese Funktionen wirklich? Innerhalb kurzer Zeit kippte meine Perspektive.
Heute denke ich manchmal: Wäre der Verkäufer etwas geschickter gewesen, hätte ich vermutlich jetzt ein riesiges Wohnmobil vor der Tür stehen. Und die eigentliche Frage wäre mir vielleicht nie aufgefallen: War das wirklich mein Wunsch – oder nur eine Kopie?
Warum wir wollen, was andere wollen
Der französische Philosoph René Girard hatte eine radikale These: Viele unserer Wünsche entstehen nicht aus uns selbst. Wir übernehmen sie von anderen. Girard nannte das mimetisches Verlangen.
Ein einfaches Beispiel lässt sich bei Kindern beobachten. Wenn ein Kind sieht, dass ein anderes unbedingt ein bestimmtes Spielzeug haben möchte, will es dieses plötzlich auch. Nicht unbedingt wegen des Spielzeugs selbst – sondern weil jemand anderes es begehrt. Das Verlangen entsteht also nicht aus dem Objekt, sondern aus der Beobachtung.
Was bei Kindern offensichtlich wirkt, funktioniert bei Erwachsenen oft nur etwas subtiler. Der Nachbar kauft sich zum Beispiel einen neuen Mercedes – einen 220er. Mein eigenes Auto ist zwar ebenfalls neu, aber es ist „nur“ ein 200er. Plötzlich fühlt sich das eigene Fahrzeug ein wenig kleiner an als zuvor. Dabei hat sich objektiv nichts verändert. Gestern war ich mit dem Wagen noch vollkommen zufrieden. Doch mein Nachbar hatte vorher einen 190er. Jetzt fährt er den 220er. Also beginne ich zu überlegen, ob der nächste Wagen vielleicht doch ein 250er sein sollte. Nicht unbedingt, weil ich ihn wirklich brauche – sondern weil sich das Verlangen verschoben hat.
Girard beschreibt diesen Mechanismus als eine Art Dreieck: Wir begehren ein Objekt nicht nur wegen seiner Eigenschaften, sondern weil ein anderer Mensch es begehrt oder besitzt. Unser Wunsch orientiert sich also nicht nur am Objekt selbst – sondern am Modell, das wir beobachten.
Was zwischen zwei Nachbarn noch wie eine kleine Eitelkeit wirkt, folgt im Grunde demselben Mechanismus, der auch ganze Gesellschaften beeinflussen kann. Früher spielte sich dieses Nachahmen vor allem im direkten Umfeld ab: im Freundeskreis, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz. Heute sehen wir ständig, was andere wollen, kaufen, empören oder feiern. Nicht mehr zehn Menschen. Sondern tausende.
Digitale Plattformen zeigen uns permanent, was andere gut finden. Likes, Trends und Reichweiten wirken dabei wie ein Verstärker für mimetisches Verlangen. Plötzlich scheint etwas wichtig zu sein, nur weil viele Menschen gleichzeitig darauf schauen. Und genau in diesem Moment beginnt sich Verlangen aufzuschaukeln.
Wenn Ideen ansteckend werden
Vielleicht erklärt das auch, warum sich falsche Informationen oft schneller verbreiten als wahre. Eine Lüge zu teilen ist einfach. Eine Wahrheit korrekt weiterzugeben erfordert mehr kognitive Anstrengung.
Unsinn trägt oft die Maske der Gewissheit. Menschen spiegeln Selbstsicherheit. Wer überzeugt wirkt, erscheint glaubwürdig – selbst dann, wenn seine Aussage falsch ist. Absurde Ideen haben dabei eine besondere Eigenschaft: Sie schaffen starke Stammesbildungen. Weisheit ist häufig vorsichtig und leise. Wahnvorstellungen dagegen feiern gerne Party.
Digitale Plattformen verstärken diese Dynamik zusätzlich. Sie zeigen uns vor allem Inhalte, die bereits viel Zustimmung erhalten haben. Der Algorithmus belohnt Aufmerksamkeit – nicht unbedingt Wahrheit. So kann sich Verlangen gegenseitig hochschaukeln, bis irgendwann eine Art kollektiver Wahn entsteht. Beweise spielen dann oft keine große Rolle mehr.
Wenn Verlangen zu Konkurrenz wird
Girard beschrieb auch eine zweite Phase: die mimetische Rivalität. Wenn viele Menschen dasselbe wollen, entsteht Wettbewerb. Und Wettbewerb bestätigt wiederum den Wert des Begehrten. Ein gutes Beispiel sind Immobilienblasen. Preise steigen nicht unbedingt, weil Häuser plötzlich besser werden – sondern weil immer mehr Menschen glauben, dass sie wertvoll sind. Der Wettbewerb selbst wird zum Beweis. Kritik wird in solchen Momenten schnell als Angriff empfunden. Denn irgendwann wird das Verlangen Teil der eigenen Identität. Wer die Idee infrage stellt, stellt plötzlich auch die Gruppe infrage.
Der Sündenbockmechanismus
Wenn Spannungen zu groß werden, suchen Gesellschaften oft einen Ausweg: den Sündenbock. Plötzlich wird jemand verantwortlich gemacht. Die Verwirrung verschwindet – weil die Schuld einen Namen bekommt. Doch die eigentlichen Mechanismen bleiben bestehen. Im digitalen Zeitalter scheint sich diese Dynamik sogar noch verstärkt zu haben. Wir legen heute einen großen Teil unseres Innenlebens öffentlich aus: Meinungen, Empörung, Begeisterung. Alles wird sichtbar – und damit auch kopierbar.
Woran erkennt man die Falle?
Die schwierigste Frage ist vielleicht nicht, ob diese Mechanismen existieren. Sondern: Woran erkennt man, dass man selbst gerade darin gefangen ist? Ein mögliches Warnsignal ist wettbewerbsorientiertes Verlangen. Wenn Anerkennung wichtiger wird als Wahrheit. Eine einfache Selbstprüfung könnte sein: Wann hast du deine Meinung das letzte Mal geändert?
Vielleicht geht es gar nicht darum zu entkommen
Girard glaubte nicht, dass wir diesen Mechanismen vollständig entkommen können. Nachahmung ist ein Grundprinzip menschlicher Kultur. Aber wir können bewusster damit umgehen. Vielleicht beginnt es mit einem einfachen Moment des Innehaltens: Woher kommt dieser Wunsch eigentlich? Ist er wirklich meiner? Oder habe ich ihn nur übernommen?
Schlussgedanken
Vielleicht besteht Weisheit nicht darin, nichts mehr zu kopieren. Sondern darin, sehr sorgfältig auszuwählen, wen wir kopieren. Denn die eigentliche Frage ist am Ende nicht, worin wir gefangen sind. Sondern was wir als Nächstes kopieren werden.
Vielleicht können wir diesen Mechanismen nie ganz entkommen. Nachahmung gehört vermutlich einfach zum Menschsein. Aber vielleicht können wir bewusster damit umgehen.
Vielleicht kennt jeder solche Momente, in denen ein Wunsch plötzlich auftaucht – und erst später merkt man, dass er gar nicht wirklich der eigene war.
Wann hast du das letzte Mal deine Meinung geändert – und warum?
🟠Gedanken wie diese entstehen oft unterwegs – manchmal aus Gesprächen, manchmal aus Beobachtungen, manchmal aus einem Podcast, der länger nachwirkt als erwartet.