Da läuft er wieder, der ein wenig klein geratene, auffällig hagere, alte Mann.
Strammen Schrittes, von Hose und Hemd umhüllt, beide wohl noch aus Zeiten stammend, als seine Dritten noch kein Eigenleben im Kiefer führten und erheblich mehr Gewicht auf seinen Gelenken lastete.
Längst vergangene Zeiten.
Und trotz alledem hat sich in seinem Tagesrhythmus nicht so wirklich viel verändert.
Nach wie vor schultert er früh am Morgen die Sense.
Die stets knarrende Haustür wird sorgsam verschlossen und der routinierte Marsch beginnt.
Hinaus aus dem Dorf, hin zu seinen Feldern, auf denen zurzeit der Klee und das Gras für das Herbstheu in vollem Saft stehen.
Warum tut er sich das noch an?
Diese Frage beschäftigt nicht nur mich. Auch den anderen Anwohnern, hier in dieser Ecke des kleinen Bauerndorfes, bleibt es ein noch ungelöstes Rätsel.
Über ein Jahr ist es nun her, da hat sein Vieh, fast schon gespenstisch, ja nahezu sang- und klanglos den Stall verlassen.
Seit jenem Tag lastet diese andauernde, traurig wirkende Ruhe über den in die Jahre gekommenen Hof.
Doch den hageren, ein wenig klein geratenen Mann, der mit der Sense auf der Schulter, scheint dies kaum zu scheren.
Er tut, ungeachtet aller Veränderungen, genau das, was er meint, erledigen zu müssen oder was er noch immer kann.
Und wir, das Ehepaar von schräg gegenüber, die mit dem Logenplatz hinter dem verschlossenen Fenster, glotzen, runzeln die Stirn, philosophieren über das Beobachtete und manchmal, jedoch eher selten, schütteln wir inständig mit dem Kopf.
Das Wunderbare an der Sachlage – solange wir uns (ein Dank des Füllhornes der schier unendlichen, ausgedehnten Werbeunterbrechungen im Film unseres faden Ehelebens) eine Auszeit nehmen, vergnügen sich die eigenen Probleme etwas abseits unter dem in die Jahre gekommenen Sofa.
Lieber so verharren, als den Nachbarn anzusprechen. Es ergäbe wahrlich keinen Sinn. Eine simple, klärende Antwort von dem ein wenig klein geratenen, hageren, alten Mann könnte nämlich bewirken, dass unter unserem Sofa ein heftiges Beben beginnt.
Die Gänse wirken auf erschreckend sichtbare Weise verzweifelt.
Das Ganze mit den Gänsen läuft in letzter Zeit nicht mehr wie gewohnt.
Sie folgen zwar brav der Gänsemutter – raus aus dem Nachtquartier und dann geradewegs (selbstverständlich mit dem notwendigen Geschrei) hinauf auf den ungeliebten Asphalt.
Doch diesen unangenehmen Untergrund, der im Sommer dazu unerträglich heiß werden kann, den nahmen sie stets gerne in Kauf.
Denn nach geschätzten hundert zurückgelegten Metern bog die gesamte Truppe scharf links ab und das reichhaltig gedeckte Frühstücks-Buffet mit den grünen Köstlichkeiten war erreicht.
Doch diese Zeiten haben sich auf tragische Art und Weise verändert.
Die Gänsemutter will zwar – aber kann nicht mehr.
Der Diabetes hat sich heimlich, still und leise, ihrer Füße angenommen.
Die Ärzteschaft faselt von etwas wie hoffnungslos bis nichts mehr zu retten.
Das Augenlicht lässt sie langsam aber sicher im Stich.
Jedoch das schlimmste von allem – jeder Schritt wird zur reinsten Höllenqual.
Sie weiß sehr wohl, wie auch ihre Gänse leiden.
Jeder Versuch, sie allein auf den Weg zu schicken, entpuppte sich bislang als vergebliche Liebesmüh.
Gänzlich Gänsemutter.
Dann lieber gar kein Futter?
Undenkbar.
Die Tiere abzugeben, kommt für sie überhaupt nicht infrage, da sie, nur bei dem Gedanken, die Hitze des in der Vorfreude entzündeten Backofen des Nachbarn, erahnen kann.
Manchmal schwebt am Abend der Wunsch im Raum, sie würde am Morgen die Augen nicht mehr öffnen.
Doch dann denkt sie an ihre Gänse und der letzte Funken Hoffnung lässt die Flamme des Mutes und der Zuversicht wieder leuchten.
Und wir, das Ehepaar von schräg gegenüber, die mit dem Logenplatz hinter dem verschlossenen Fenster, beobachten, runzeln die Stirn, reden über das Beobachtete und manchmal, jedoch eher selten, schütteln wir inständig mit dem Kopf.
Das Wunderbare daran – solange wir uns (ein Dank des Füllhornes der schier unendlichen, ausgedehnten Werbeunterbrechungen im Film unseres faden Ehelebens) eine Auszeit nehmen, vergnügen sich die eigenen Probleme etwas abseits unter dem Sofa.
Lieber so verharren, als die Gänsemutter anzusprechen. Es ergäbe wahrlich ohnehin keinen Sinn. Eine simple, klärende Antwort der leidenden, mit dem Lebenswillen kämpfender Dame, könnte unser Sofa zum Beben bringen.
So, nun sitze ich hier, vor mir die Flasche Bier und befürchte an der nächsten Frage zur Tauglichkeit für ein Leben in der Gemeinschaft zu scheitern.
Wer sitzt wohl, zur exakt gleichen Zeit, in der wir die Werbepausen in einem unfassbar hoffnungslosen Eheleben zu überbrücken versuchen, hinter zugezogenen Gardinen und beobachtet uns und fragt sich dabei, ob die, hinter den zugezogenen Vorhängen auf der anderen Straßenseite, nichts Besseres mit ihrem Leben anzustellen wissen, als die Tristesse des eigenen Daseins mit humanitärer Ignoranz zu übertünchen?
Es wird der sein, dessen Verhalten die Gesellschaft auf Messers Schneide katapultieren wird.
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