Gedanken über eigene Erfahrungen mit der Sprachlosigkeit – dieses Mal in Worte verpackt.
Es ist nur wenige Tage her, da stieß ich beim Blättern durch die Gazetten auf die Meldung, in England seien Lebensmittelgeschäfte dazu übergegangen, das Gemüseangebot zu rationieren.
Mein erster Gedanke dazu: Eine gute Nachricht für alle Hamsterkäufer von gestern – denn es lässt sich aus Toilettenpapier kein schmackhafter Auflauf zaubern – (wobei, in England vielleicht schon?)
Somit können die Papier-Fetischisten auf der Insel beruhigt durchatmen.
Rationiertes Gemüse? Ich versuchte, mittels projizierter Bilder vor das innere Auge, mich an die Realität im Einkaufsmarkt heranzutasten.
Der 5-kg Beutel, gefüllt mit Kartoffeln, ist somit Geschichte. Ab sofort wird jede Kartoffel einzeln abgewogen und spätestens nach dem zehnten Erdapfel schaltet die Waage ab oder der speziell eingestellte Rationalisierungsbeamte in Uniform mischt sich wichtigmachend ein. Gleiches gilt selbstverständlich für die Zwiebel, während Weiß- und Blumenkohl nie und nimmer im Doppelpack den Laden verlassen dürfen.
Kaum hat meine geistige Aufnahmefähigkeit sich mit diesen gewöhnungsbedürftigen Bildern arrangiert, komme ich zum nächsten Abschnitt des Zeitungsartikels, der unverhofft dem menschlichen Wahnsinn einen Sonnenplatz im Gemüseregal beschert.
Fish & Chips dürfen unbeschnitten in rauen Mengen weiterhin genossen werden. Es sind die Avocados und (noch viel schlimmer) die Tomaten, die sich auf ihrem Weg von Marokko, Israel, Spanien oder Tunesien in Richtung England wohl verirrt haben.
Höchstwahrscheinlich leidet der darbende Engländer, herausgerissen aus seinem kulinarischen Reich der Sinne, auch mitten im Februar unter der Knappheit des Spargel-Angebotes. Sowie der reduzierten Vielfalt an Tafeltrauben – und zwar jener fetten Sorte, die, mit ihrer knackigen Schale und dem unverwechselbaren Geschmack nach abgestandenem Leitungswasser zu überzeugen, aber auch als Wurfgeschoss universell einsetzbar ist.
Wer augenblicklich in seinem Körper eine kolossale Pestizid-Unterversorgung registriert, der sollte zwischen Dezember und April unbedingt für einen Nachschub an Tafeltrauben sorgen. Die Dinger sollen sogar vor Floh-, Zecken- und Lausbefall schützen.
Gemeiner kann man sich, einem ohnehin bereits geschundenen Land nicht verhalten. Nur mal kurz der EU den Rücken gekehrt und schon wird Großbritannien von der Zufuhr der wichtigsten Lebensmittel in den Wintermonaten abgeschnitten. Bei diesem Punkt bin ich mir vollkommen sicher: Müssten nicht momentan alle verfügbaren Waffen in die Ukraine geliefert werden, die königlichen Panzer nach Rabbat, Tel Aviv oder Almeria wären längst unterwegs.
Somit, bei genauerer Betrachtung, wahrhaftig eine Meldung, deren inhaltliches Potenzial zu einer ausgeprägten Sprachlosigkeit führen könnte. Doch gebe ich zu bedenken, dass mit der Kapitulation gegenüber der sich aufgebauten Situation, also dem Sog sich ergeben, der dich in die Sprachlosigkeit zieht, null und nichts erreicht wird. Außer der Einkehr einer unheimlichen Stille, die allerdings mit anzunehmender Sicherheit von jeder involvierten Partei nach eigenem Gutdünken interpretiert werden kann.
Sprachlosigkeit ist somit nicht viel anders, als sich selbst ans Bein zu pinkeln. Wir sollten uns überhaupt nicht an den Versuch wagen, die Sprachlosigkeit zu definieren. Damit erheben wir sie bereits auf ein Niveau, auf dem sie nichts verloren hat. Unfähig sein, Worte auszusprechen oder gar angemessen verbal zu reagieren – dieser Leerlauf mag sich vielleicht über Sekunden hinziehen. Doch spätestens dann muss der Schwall voller Wörter folgen, der dem Sog in die Sprachlosigkeit jegliche Kraft nimmt.
Es ist auch mir klar, dass unser Gehirn kein Anrufbeantworter ist, der zu jeder Gelegenheit das Vorgefertigte (möglicherweise sogar passende) ausspucken kann. Aber, mit ein wenig gutem Willen im Gepäck, lässt sich der Sprachlosigkeit locker aus dem Weg gehen.
Ich möchte es an einem kleinen Beispiel verdeutlichen.
Ich drehe die Uhr ein paar Jahre zurück und lande hinter der Bar des Pubs „The Kings Head“ in der Londoner Stafford Street, welche sich unweit des Piccadilly befindet. In jenem Pub jobbte ich regelmäßig, um mein überschaubares wöchentliche Salär aus dem Hauptberuf etwas aufzubessern. Wie üblicherweise an einem Freitagabend, war der Laden brechend voll, da an diesem Wochentag auf der Insel üblicherweise die Löhne ausgezahlt werden.
Da kein Neuling hinter jener Theke, waren mir viele der Gäste wohlbekannt, die sich ihre Getränkewünsche von mir erfüllen ließen. So auch Timothy, ein Herrenschneider, der in einem der noblen Läden (allesamt direkt nebenan in der Old Bond Street angesiedelt) teure Stoffe in Maßanzüge verwandelt. In dementsprechenden Arbeitsklamotten sitzt er dann Freitag für Freitag, immer am gleichen Platz vor der Theke. Er hält sich an seinem Glas mit Lager (helles Bier) fest und wartet auf Bernard, der sich schon mal verspäten kann, da er als Chef den Friseurladen gleich um die Ecke als Letzter abschließen muss.
Im Gegensatz zu Timothy hält Bernard nichts von Bier und vertraut uneingeschränkt dem schottischen Glenfiddich, Wasser aus dem Soda-Spender und seinem kleinen Etui, gefüllt mit dem ewig präsenten Amphetaminpulver (im Volksmund auch Speed genannt).
Das Freitagsritual der beiden Stammgäste läuft stets nach dem gleichen Muster. Der Begrüßung folgt ein kurzes Kopfnicken in meine Richtung, ich bringe die Getränke bei, schnappe nach dem bereitliegenden Geldschein, während auf der anderen Seite die ersten Tropfen bereits durch die Kehle rinnen.
Nun kann der Austausch hinsichtlich der Lage der Nation beginnen. Den Anfang machen neu eingesammelte Erfahrungen der vergangenen Tage mit der betuchten Kundschaft. Ist das Gebiet abgeerntet, holt sich Bernard eine angefeuchtete Fingerspitze Treibstoff aus seinem Etui und das weite Feld der Politik kann beackert werden. - Und immer wieder zwischendrin das unmissverständliche Kopfnicken in meine Richtung.
Mitunter, wenn der Lockenwickler und der Zwirnbändiger partout unterschiedlicher Meinung sind, wird in aller Regel meine Meinung eingeholt. Das hört sich dann wie folgt an:
- Geht es um allgemeine Themen: „Wolf, komm mal rüber und sag, was du darüber denkst.“ (Die kastrierte Version meines Vornamens nahm ich stets ohne Kommentar hin, da die beiden Artisten mit der Aussprache des eigentlichen Namens an unüberwindbare Grenzen gestoßen wären.)
- Standen politische Themen im Raum, spielte auch der Wolf keine Rolle mehr. Dann klang es so: „Adolf, wir benötigen die Meinung des Deutschen.“
Diese bekamen die beiden Kenner der Weltgeschichte dann auch auf die Ohren geklatscht. Die Zugabe aus dem Namensregister in meinen Stammbaum nahm ich gelassen hin, da ich wusste, über wessen Lippen sie in die Freiheit gelangte. Ohnehin hielt ich mich schon viel zu lange auf der Insel auf, um mich darüber zu echauffieren.
Ebenso zu den Stammgästen durfte sich Emma zählen, die den Feierabend stets im Kreis einiger ihrer Kollegen von und bei dem, was von British Gas übrig blieb, ausklingen ließ. Die Leiterin der Registratur des ehemalig in staatlicher Hand befindlichen Konzerns und ich, hatten uns über eine komplett andere Schiene kennengelernt. Bei der intensiven Recherche mit einem Kollegen nach dubiosen Hinterlassenschaften des ehemaligen Monopolisten, im unmittelbaren Anschluss der Privatisierung, wurde mir der Name jener Frau zugesteckt, die dafür Verantwortung trug, Licht ins tiefschwarze Chaos der Papierhinterlassenschaften zu bringen.
Beinahe schon ungewöhnlich und somit bedenklich rasch wurde ein Kontakt hergestellt. Da solche Unterhaltungen möglichst nicht telefonisch geführt werden, kam es zwangsläufig zum persönlichen Aufeinandertreffen. Mir gegenüber stand eine Frau, die mit Sicherheit mindestens fünfzehn Jahre Lebenserfahrung mehr aufzuweisen hatte, als ich, der unterbezahlte Zeilenfüller vom Guardian, als welchen ich mich mit Fug, Recht und in Demut meines Arbeitgebers gegenüber, bezeichnete.
Alles visuell Wahrnehmbare, was Emma betraf, wurde von meinem bis zum Rand mit Vorurteilen gefüllten Einschätzungsvermögen geprägt.
Für englische Verhältnisse außerordentlich chic gekleidet, körperlich nicht aus der Form geraten und auch sonst mit einer Attraktivität ausgestattet, wie man sie auf der Insel nur sporadisch antrifft.
Während meiner gesamten Schaffenszeit in Großbritannien war es mir nie vergönnt, eine logische Erklärung dafür aufzubauen, wie es eine ganze Nation schafft, sich konsequent Tag für Tag so viel Müll in den Rachen zu schieben. Ein solcher Habitus muss zwangsläufig Auswirkungen auf das Aussehen des Menschen haben. Emma schien da eine rühmliche Ausnahme darzustellen.
Über das Privatleben der Dame kann und würde ich keinerlei Informationen preisgeben. Zum einen, weil es mich nie interessierte und es mich außerdem auch nichts anging und auch heute nichts angeht.
Kaum war das gegenseitige Vertrauen hergestellt, flossen auch Informationen, die bei meinen Recherchen den Turbo-Booster zündeten.
Recht kühle Außentemperaturen gaben dann den Ausschlag, für ein nächstes Treffen einen Ort zu wählen, von dem man annehmen konnte, einigermaßen angenehm, rundum beheizt zu sein. Emma war es letztlich, die den Namen The King’s Head ins Spiel brachte – weil (ihrer Ansicht nach) zentral gelegen und stets gut besucht. Sie war überzeugt, dies seien beste Voraussetzungen, in der Masse nicht aufzufallen.
Obwohl mir klar war, dass hier der Wunsch Vater des Gedankens war, stimmte ich zu. Schlug jedoch einen anderen Pub vor, da es, wenn auch lediglich als Aushilfe, nicht gerne gesehen wird, wenn Angestellte in ihrer Freizeit an der Theke ihres eigentlichen Arbeitsplatzes lungern.
„Noch besser“ kam es von Emma, „wenn ein Gast mit dem Barmann redet, ist dies ja wohl nicht ungewöhnlich.“
Fortan konnte The King’s Head einen weiteren Stammgast ins reichhaltige Angebot aufnehmen.
Timothy und Bernard waren zwar, was die Getränke betraf, von mir bestens versorgt, doch schien der Gesprächsfluss an jenem Abend, an dem die Sprachlosigkeit noch eine wichtige Rolle spielen sollte, leicht ins Stocken geraten sein. Der eine starrte auf sein Helles ohne Schaum, so als wolle er sich als Hypnotiseur versuchen, während der andere seinen Glenfiddich anlächelte, als habe er gerade dem Schotten den Bund fürs Leben versprochen.
Und da kam sie auf mich zu.
Rechts zwei leere Biergläser, in der Linken das leere Weinglas und auf Emmas Gesicht spiegelte sich ein Lächeln, welches auf beste Laune schließen ließ. Mitverantwortlich für dieses Stimmungshoch war womöglich auch der Chardonnay, den sie stets konsumierte und von dem sie an diesem Abend selbstverständlich auch nicht lassen wollte. Ich ahnte instinktiv, was folgen würde: „Bitte, noch zwei Light & Bitter und aus meinem Glas rasch die Luft vertreiben.“
Bevor Emma auch nur ein Wort sagen konnte, standen die beiden Pints auf der Theke und ich griff nach der Flasche Weißwein im Kühler. Direkt neben Bernard stehend, mir das Leergut rüberreichend, folgte jedoch nicht, wie von mir erwartet, die übliche Bestellung. Nein, Emma hatte mir was ganz anderes zu sagen. Und dies vollzog sie in einer Lautstärke, wie sie vonnöten ist, wenn in einer voll besetzten Kneipe der Barkeeper deine Bestellung auch verstehen soll.
„Wolfram, ich hätte Lust, mit dir zu schlafen.“
Ich weiß, es hat lange gedauert, aber jetzt sind wir beim Thema angelangt – also mitten in der Sprachlosigkeit. Doch (und jetzt wird es so richtig interessant) nicht, wie zu erwarten, bei mir, sondern beim Haarspalter und dem Edelzwirn-Dompteur. Mit der Aufnahme von Emmas Botschaft an mich, schien die Phase des Schweigens, in die sich Bernard und Timothy zurückgezogen hatten, eine vollkommen neue Dimension zu erreichen. Timothy konnte, so schien es mir, sich offensichtlich nicht entscheiden, ob er sein abgestandenes Bier auf ex kippen oder einen kräftigen Biss ins Glas wagen sollte.
Bei Bernard bewirkten jene von Emma an mich gerichtete Worte eine vollkommen andere Reaktion. Er ließ seinen geliebten Whisky, Whisky sein, öffnete fast schon hastig sein berühmtes Etui und versorgte seine Zunge mit einer doppelten Portion Speed.
Viel besser kann eine ausgewachsene Sprachlosigkeit wahrlich nicht dokumentiert werden.
Emmas, vollends auf mich gerichteter Blick ließ mich erahnen, dass sie möglichst zeitnah eine verbal geprägte Reaktion von mir erwartete.
Somit schieden aus dem mir zur Verfügung stehenden Angebot an Möglichkeiten - nämlich dem Sturz ins tiefe Koma, dem unangekündigten epileptischen Anfall und eben jene Sprachlosigkeit automatisch aus. Das Denkzentrum einzuschalten und hektisch nach einer diplomatischen Formulierung suchen, stand ebenfalls nicht zur Debatte, da jener Teil meines Gehirns eine viel zu lange Warmlaufzeit benötigt, um überhaupt Betriebstemperatur zu erreichen. Mein, an mich selbst gerichteter Befehl, lautete somit: Bring endlich die Zahnreihen auseinander und sag zumindest irgend etwas.
„Hoffentlich nicht hier? Auch noch jetzt und sofort?“
Das ist es, was ich anfänglich ins Spiel brachte. Der Sprachlosigkeit darf man überhaupt keinen Spielraum offerieren, geschweige denn, selbst an sich gerissene Machtbefugnisse tolerieren. Die Sprachlosigkeit, die es ursprünglich auf mich abgesehen hatte, konnte ich in letzter Sekunde an Timothy und Bernard umleiten. Diesem Schicksal entronnen, eine locker aus dem Ärmel geschüttelte Frage (ähnlich einem gekonnten Rückhand-Slice beim Tennis) zurück über das imaginäre Netz gespielt und schon schien der Schwarze Peter neu verteilt.
Noch immer dieses wunderbare Lächeln im Gesicht und in unveränderter Lautstärke:
„Nein, keine Angst. Aber demnächst, wenn es die Situation hergibt.“
Amphetaminpulver scheint nicht immer das einzuhalten, was sein Konsument sich von dem synthetisch hergestellten und meist gestreckt verkauften Scheiß einst erhoffte. Da konnte eine Auffrischung und ein kräftiger Schuss schottischer Whisky nicht schaden. So zumindest aus der sprachlosen Reaktion von Bernard herauszulesen.
Dass die plötzlich attackierende Sprachlosigkeit auch Ermüdungserscheinungen hervorrufen kann, bewies Timothy, der von Bier und Glas abgelassen hatte und seinen Kopf auf die Theke bettete.
Aber vergeuden wir nicht weiter unsere Energie im sinnlosen Kampf gegen die menschliche Dummheit, der wir ohnehin mehrheitlich sprachlos gegenüberstehen, sondern schnappen uns die Angel und halten Ausschau nach reichhaltiger Beute im Wörtersee.
Ich vergaß zu erwähnen, dass diese kleine Episode nicht möglich gewesen wäre, hätte ich mich nicht rechtzeitig in diesen Regalen umgeschaut.
Beste Grüße, ein reichhaltiges Repertoire an verfügbaren Wörtern, viel Gesundheit und immer ein Lächeln im Gesicht!
Übrigens – die Gelegenheit zum und was immer auch mit Emma, die hat sich nie ergeben.