Erfahrungen, die unter die Haut gehen.
Lassen wir einmal die Bandnudeln (laut Packungsaufdruck längst volljährig und hinsichtlich des Mindesthaltbarkeitsdatums zumindest bereits dreimal wiederauferstanden) für einen Moment im kochenden Salzwasser unbeobachtet und konzentrieren uns gänzlich auf unser eigenes, ganz und gar kümmerliches Dasein.
Beordern wir für einen ausgedehnten Moment der Selbstreflexion diese Sorte von Ehrlichkeit an deren Seite, auf die wir so liebend gerne verzichten würden, wenn es um die eigene Bestandsaufnahme geht.
… und widmen uns, vollkommen ohne Rücksicht auf eigene Verluste im Hinblick auf das Ego, dem unverrückbaren hier und jetzt zu. Ehrlichkeit und Ernüchterung, von Geburt an unzertrennliche Kumpels, ersticken dabei jegliche aufkeimende Hoffnung im Ansatz, die darauf abzielt, Selbstzufriedenheit in Einklang mit dem eigenen Leben in eine enge Verbindung zu bringen.
Dem Egoismus frönend, tendiere ich zur einfachsten Variante. Dabei wollen wir Cicero’s überlieferter Aussage Vertrauen entgegenbringen, die da lautet: „Dum spiro, spero.“ Frei übersetzt: „Solange ich atme, hoffe ich.“
Was bleibt mir auch anderes übrig?
Ich habe es bislang in meinem Leben nicht in den Rang eines Fußballspielers geschafft, der vor laufender Kamera seine Muttersprache ad absurdum führen darf und sich trotzdem der begeisterten Schulterklopferei nicht zu erwehren weiß und will. Noch gelang es mir ein Mandat im Europäischen Parlament zu ergattern, welches meine offenkundige Kleingeistigkeit mit einer beachtlichen Abgeordneten-Diät Monat für Monat honoriert. Stattdessen sitze ich nun hier und gerate in einen seltsamen Diskurs mit dem Zweifel, ob meine Zukunft als Nadelkissen dazu Beihilfe leisten kann, meine stets unter den Tisch gekehrten Einschränkungen schadstofffrei zu entsorgen?
Nochmals Cicero. (Obwohl bereits nervig und überheblich daherkommend.) „Dum vita est, spes est.“ Die lockere Übersetzung aus dem Ärmel heraus: „Solange man lebt, gibt es auch Hoffnung.“ Denn es handelt sich in meinem Fall lediglich um einen wagen Versuch, mit eigenem Engagement einen Schritt näher in Richtung Sonnenseite des Lebens zu gelangen. Und dorthin gelangt man nur mit selbstlosem Einsatz für das allgemeine Wohlbefinden der Gemeinschaft (wer immer darin auch seinen Platz gefunden hat).
Eine willkommene Gelegenheit, mich richtungsweisend positiv einzubringen, glaubte ich in der Gelegenheit erkannt zu haben, den Kampf um Gebietsansprüche auf meiner Haut mit einem Eindringling namens „Herpes Zoster“ (auch bekannt unter dem bürgerlichen Namen Gürtelrose*****) erfolgreich beigelegt zu haben. Doch deuten alle Anzeichen (insbesondere mit der Einbeziehung des Verbs glauben) darauf hin, mich mit meiner voreiligen Vermutung auf dem breit ausgebauten Holzweg zu befinden. Zwar gelang es mir (zumindest im Auge des Betrachters*), die umkämpften Hautpartien zu befrieden, doch ereilte mich bereits beim ersten Wetterumschwung die Erkenntnis, dass dieses Virus „unterirdisch“ weiter in mir wütet. Die nicht zu ignorierenden Anzeichen dafür: stechende Schmerzen, die sich ohne vorherige Anmeldung in mein Wohlbefinden drängten, um dann (ähnlich rasch) sich auch wieder kurzfristig abzumelden.
Da ich selbst nicht die notwendige Begeisterung für Pillen aufbringen kann, welche mir vorgaukeln, den Schmerz zumindest zeitweise besiegt zu haben, begann meine Suche nach einer Alternative zur handelsüblichen Pharma-Chemie, die zur Verbesserung meiner Situation beitragen könnte. Letztlich brachte mich dann ein Gedankenaustausch mit auf die Idee, mich ein wenig intensiver mit einer Akupunktur-Therapie zu befassen. Da ich Prof. Dr. habil. Mag. rer. nat Manfredo Ernesto Google bereits ohne viel Aufhebens vor Jahren die Approbation aberkannte und auf den Rang eines handelsüblichen Dummschwätzers und Besserwissers heruntergestuft hatte, blieb mir „nur“ der Weg zum Hausarzt.
Die Einbeziehung des fett hervorgehobenen Adverbs mit den drei Buchstaben wird in dem Augenblick nachvollziehbar, wenn dem Zustand Beachtung geschenkt wird, den man oft als „funktionierende Chemie“ zwischen zwei menschlichen Individuen bezeichnet. In einem Anfall übersprudelnder Ehrlichkeit, ließ ich an jenem denkwürdigen Tag, den immer zu spät zum Dienst erscheinenden Mann mit dem weißen Kittel wissen, ihn als aus Fleisch und Blut bestehenden Drucker für Rezepte und Überweisungen überaus zu schätzen. Seither kann ich mich dem inneren Gefühl nicht erwehren, vom eigenen Hausarzt mit anderen Augen betrachtet zu werden. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein?
Wie immer das Weltbild auf Patient und Hausarzt in diesem speziellen Fall auch gerahmt sein mag, die Empfehlung des Mannes, der in der Dorfhierarchie gleich hinter dem Pastor (also meilenweit vor mir) geführt wird, entfiel eindeutiger, als man es von einem handelsüblichen Drucker aus Fleisch und Blut (aber mit Doktortitel) hätte erwarten können. Mit der für die Bürokratie unerlässlichen Überweisung in der Hand saß ich wenige Tage später in der Ambulanz für Schmerztherapie im Klinikum Karlovac (Hrvatska/Kroatien). Der diensthabenden Ärztin erschienen meine Hoffnungen in einen Versuch mit gestochenen Nadeln in menschlicher Haut nicht vollkommen abwegig. Dies erklärt wiederum, weshalb ich drei Tage später mit einem von Textilien befreitem Oberkörper geduldig auf die Attacke der magischen Nadeln wartete.
Obwohl in Karlovac sich meine ureigens zusammengeschusterte Hoffnung nicht bewahrheitete, die Nadeln von einer leicht bekleideten Asiatin mit devoter Grundeinstellung gestochen zu bekommen, übernahm dieser Job eine kräftig gebaute Person, mit einem ausgeprägtem Interesse an meiner medizinischen Vorgeschichte. So verflüchtigte sich auch meine intimste Hoffnung, die stechende Heilsbringerin möge im Vorfeld eines Einstichs die betreffende Hautstelle mit einem Zungen-Schlecker gütig stimmen.
Stattdessen fand ich mich in einem Raum wieder, den ich mit vier anderen Personen teilte, die ebenfalls lästigen Schmerzen zu entfliehen versuchten. Wenn schon so zusammengepfercht, schien es mir normal bis gar unvermeidbar, dem zuzuhören, was meine Leidensgenossinnen der Nadelkönigin im Vorfeld zu berichten hatten. Um es gleich vorwegzunehmen – Herpes Zoster (Gürtelrose) spielt in der Geschichte des Schmerzes eine eher nebensächliche Rolle. Ganz weit oben auf der Rangliste scheint sich die Migräne festgesetzt zu haben. Direkt gefolgt von den Schmerzen, erfühlt von der alten Dame, positioniert links neben mir, der vom Kopf bis zu den Füßen alles wehtut und die dafür alle Chirurgen verantwortlich macht, die je Hand an sie gelegt haben.
Da saß ich dann mit all den eingesammelten Informationen und meiner Gewissheit ein eher schummriges Licht in Sachen täglich zu erleidender Schmerzen zu sein. Fragte mich beiläufig, wieso Nadeln in meine Kopfhaut, Schläfen, Handballen und Schulter gerammt werden, wo doch die verminten Stellen eindeutig auf dem Rücken auszumachen sind. Wagte allerdings kein Einwurf des Zweifels, da ich beobachten konnte, wie der Migräne-Patientin Nadeln in den Fußrücken gestochen wurden. So begnügte ich mich mit einem Bibelvers, der auch mir als Ungläubigem jede Menge von Möglichkeiten zur Interpretation lässt: Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und Gebote halten. (Für mich übersetzt: Nimm es, wie es ist und denk nicht weiter darüber nach.)
Beim zweiten Aufeinandertreffen mit der Magierin der spitzen Nadel (also exakt vierundzwanzig Stunden später), wurde es dann richtig spannend. Während ich mich freiwillig dem Schicksal des Ungewissen hingab, muckte meine Nachbarin (die mit den Schmerzen von Kopf bis zu den Füßen) lauthals auf.
„Wieso bekomme ich heute keine Strom-Therapie?“
„Weil es die nur jeden zweiten Tag gibt.“
Während die Stromfetischistin über diese Antwort noch nachdachte, übernahm die Migräne die Regie und erkundigte sich, wieso Frau Rundumschmerz so kurzsilbig abgefertigt wird? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, konnte aber dennoch von mir nicht als Offenbarung gedeutet werden.
„Medizin hat viel mit Wissen und nur wenig mit dem Glauben zu tun.“
Zumal ich zu beiden genannten Fachgebiete nur wenig fundiertes Wissen einzubringen hatte, verharrte ich weiter im ausgiebigen Schweigen. Wie sich herausstellen sollte, eine recht kluge Entscheidung, da die nächste Frage, die in den Raum gestellt wurde, mit allerlei Fußfallen bestückt schien.
„Glaubt jemand von euch, dass das tägliche Gespräch mit Gott die Wirkung der Akupunktur verstärkt?“
Instinktiv fiel mein Blick auf meine Uhr am linken Arm. Die Zeigerstellung verriet mir, dass in spätestens zehn Minuten die Krankenschwester im grünen Hosenanzug erscheinen wird, um uns wieder von den Nadeln zu befreien, welche die kräftig „Gebaute“ (also die mit dem fundierten medizinischen Wissen) zuvor versenkt hatte. Wenn andere das Schweigen in den verschiedensten Klöster über Jahre hinweg praktizieren können, werde ich selbiges wohl lasche zehn Minuten durchhalten? So meine Hoffnung.
Ohne explizit meine Meinung zu der Sache einzufordern, schienen die Damen sich in einer Sache einig zu sein: Der Dialog mit dem stets ansprechbaren Therapeuten, weit oben im Weltraum, kann behilflich sein. Richtet aber mit Sicherheit keinen Schaden an.
Mit dieser Rundumweiterbildung ausgestattet, bleib mein Blick noch einen Moment am Ansatz eines Tattoos am Fußknöchel unter dem grünen Hosenanzug hängen. Für meinen nächsten Einsatz als Nadelkissen nahm ich mir vor, dieses Kunstwerk im Verborgenen zum Thema zu machen – rechtzeitig, bevor mich Damen erneut in andere Sphären verbannen.
Das Geheimnis um das Tattoo wurde leider nicht gelüftet. Mein bekundetes Interesse an dem verborgenen Kunstwerk brachte mir allerdings ein vieldeutig interpretierbares Lächeln und ein Augenzwinkern ein. Außerdem wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Migräne ebenfalls ein Tattoo an ihrem Körper trage, dies mir aber nicht zeigen möchte, da es an einer Stelle sei, die man nicht so mir nichts, dir nichts öffentlich freilegt. Es fiel mir nicht schwer, die Frau in ihrer unumstößlichen Haltung zu bestärken, da ich irgendwann zuvor mal gelesen habe, plötzlich einströmende visuelle Erscheinungen, können den Heilungsverlauf negativ beeinflussen.
Insgesamt habe ich bis zum jetzigen Zeitpunkt zehn Einsätze als menschliches Nadelkissen absolviert. Die meteorologische Gesamtwetterlage hat sich seither mehrmals grundlegend verändert, wobei der dabei stets auftretende, stechende Schmerz in meiner Schulter und dem Rücken seinen Jahresurlaub angetreten zu haben scheint.
Mein Einsatz als Nadelkissen für das gesundheitliche Wohlergehen der Gemeinschaft, scheint sich als voller Erfolg zu erweisen. Ob ich den mir offerierten Nachschlag von weiteren zehn, durchaus unterhaltsamen Nadel-Einsätzen wahrnehme, wage ich momentan zu bezweifeln, da ich zu der Sorte gehöre, die Licht am Horizont auch gerne als dauerhafte Schönwetterperiode deuten.