Wenn mein Leben nicht ständig von lästigen Kleinigkeiten beeinträchtigt werden würde …
Stets, wenn meine Oma auf einer der langweiligen Familienfeiern jeden Anwesenden zum wiederholten Mal wissen ließ, was es für ein Jammer sei, dass die Zeit viel zu schnell vergehe, fragte ich mich, wieso das ausgerechnet nicht auf mein Leben zutrifft? Das lange Warten auf ein verbrieftes Mitspracherecht bei Entscheidungen im Familienrat zog sich nahezu bis zur gefühlten Unendlichkeit durch mein bis dahin in der Mittelmäßigkeit angesiedeltes Leben. Denn meiner Wahrnehmung nach war in meinem irdischen Dasein noch null und nichts wie im Flug geschehen. Das Einzige, was diesbezüglich ziemlich flott vonstattenging, war mein ungewollter Absturz vom Hochreck, der zur Folge hatte, hinterher den linken Arm mit Gipsbinden ummantelt mit durch die Tage schleppen zu müssen. Von solchen Kleinigkeiten mal abgesehen, gestaltete sich mein Streben als eigenständiges Individuum, mit gewissen Rechten wahrgenommen zu werden, als ein mühseliger Versuch, wie bei einer mechanischen Uhr den Ablauf zu beschleunigen, der das entscheidende Zahnrad fehlt. Ganz im Gegensatz zu meiner Oma, konnte ich mich nicht von dem Gefühl nicht befreien, als habe man in meinem Leben vergessen, im Getriebe den Vorwärtsgang einzubauen!
Da mir, im krassen Gegensatz zu meinen beiden Schwestern, der Zugriff auf die Familienschatulle, zur Finanzierung meines Führerscheins verwehrt blieb, musste unbedingt eine andere Lösung gefunden werden. Der einstimmig gefasste Grund für die Ungleichbehandlung: „Du bist kein Team-Player.“
Am liebsten hätte ich mir das benötigte Kapital als Mitglied in der Truppe erarbeitet, die mich seit meiner Kindheit mit schief stehenden Augäpfeln, viel Durst, ständig gefüllter Blase und einem Chef mit dem Hang zu offen ausgesprochen Morddrohungen und einer dunkelgrünen Jaguar-Limousine in ihren Bann zog. Es wird das Geheimnis des Erschaffers und Lenkers unserer aller Leben bleiben, warum er grundsätzlich meine Wunschgebete nie berücksichtigt? Meine Mutter dagegen, schien in alle Himmelsrichtungen offensichtlich die besseren Verbindungen zu pflegen. Sie entlud kurz vor dem Einschlafen Gott ihre Sorgen-Kiste mit all dem beiliegenden Frust, was zur Folge hatte, dass mein Wunscharbeitgeber am Ende des damaligen Jahres mitsamt seiner Firma aus allen Gewerberegistern gestrichen wurde. Möglicherweise (zumindest nicht gänzlich ausgeschlossen) hatte das Finanzamt, neben meiner Mutter und ihrem göttlichen Wegbereiter, in der Angelegenheit ein nicht unbedeutendes Wort mitzusprechen.
Derart unversehens in Beschaffungsnot geraten, verrichtete ich (weil nahezu alternativlos auf dem Sektor Ferienjob) auf einer Baustelle zwei Monate Arbeiten, zu denen in früheren Zeiten Lastesel, Zwangsarbeiter oder hauseigene Sklaven eingesetzt wurden. Mein mit harschem Sarkasmus unterlegter Dank geht daher an gut organisierte und stets gewaltbereite Tierschützer, Spielverderbern wie Abraham Lincoln und Karl Marx, die die Vorteile des Leib-Eigentums schlicht nicht zu schätzen wussten und den Bürohengsten und Wetteiferern nach Vollbeschäftigung eifernd, hier und heute Menschen wie mich als Eselersatz zu halten, wobei ich gerade mit Mühe und Not Schulabschluss eingetütet hatte.
Wie gerne hätte ich zum Frühstück mit dem schrägen Otto oder mit dem Schtrulle den ersten Kronkorken über den Bürgersteig rollen lassen, an egal welchen Reifen eines stinkenden Lkws gepinkelt und mich mit einem anständigen Rülpser auf den Beifahrersitz eines Knochentransporters gehievt. Aber der Staat, insbesondere das Finanzamt, (wegen einiger kleinerer Versäumnisse vom Backfisch) hatte ja meinen Wünschen eine herbe Abfuhr erteilt.
Der unaufhaltsame Abstieg des Knochen-Giganten und Tierkadaver-Verwerters aus meiner direkten Nachbarschaft begann exakt 18 Monaten zuvor, als die Behörden sich mit der lukrativen Umtriebigkeit des Mannes intensiv beschäftigten, von dem der Backfisch bis zuletzt regelmäßig seine Entsorgungsaufträge erhalten hatte.
Es war nämlich kein Geringerer als Dieter Holzer,
der zusammen mit Karlheinz Schreiber und Ludwig-Holger Pfahls etwas später einen gewissen Herrn Kohl in den vorzeitigen Ruhestand schicken sollte.
Einen eher ungünstigen Unternehmensverlauf für den Backfisch zeichnete sich ab, als er registrierte, dass die Fachleute, die 45 Minuten zuvor das Büro der Steuerfahndung, genauer gesagt des Landeskriminalamtes hinter sich geschlossen hatten, sich plötzlich für seine Unterlagen als Subunternehmer interessierten. In diesem Zusammenhang als nicht unbedingt hilfreich für meinen Beinahe-Arbeitgeber, erwies sich das plötzliche Verschwinden seines ehemaligen Auftraggebers in ein solches Land, das gegen kleine Gefälligkeiten auf lästige Anfragen zu einer Auslieferung gelassen oder viel wahrscheinlicher – erst gar nicht reagiert. Dies bescherte den ermittelnden Beamten erheblich mehr Zeit, die sie nun für die Zerschlagung des winzigen Imperiums nutzen konnten, das aus Erwin Müller über die Landesgrenzen hinweg kurz und bündig den Backfisch gemacht hatte. Zuerst verschwand der Jaguar. Dann parkten plötzlich die geruchsfreien Autos des Landesamtes für Umweltschutz und des THW vor dem Anwesen, wo jahrelang stinkende Kadaver ihre letzte Nacht vor einer zweifelhaften Entsorgung verbrachten. Die Limousine weg, das Haus weg und die langsam vor sich hin alternden Nutten, in der seit geraumer Zeit äußerst mäßig frequentierten Bar, ließen Erwin eines Tages im Stich. Die Einzigen, die während dieser schweren Zeiten fest an der Seite des vermeintlich gescheiterten Unternehmers standen, war sein eingespieltes Team aus Flaschenbiertrinkern und gestandenen Stehpinklern.
Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Der schräge Otto, der Backfisch, der Schtrulle, der Knauper und das krumme Karlchen fanden verhältnismäßig schnell ein neues Zuhause in einem städtisch dauerhaft subventionierten Haus, in dem man augenblicklich (nachdem die Reviere aufgeteilt waren) erste Pläne schmiedete, wie man an den Behörden vorbei die Haushaltskasse zumindest so weit auffüllt, damit ein lebensnotwendiges Element, wie es das Flaschenbier nun einmal ist, nie auszugehen droht. Dass dies nicht als leeres Geschwätz in die Geschichtsbücher der Stadt eingehen sollte und die Truppe unter Garantie hinter den Kulissen aktiv ist, konnte ich eines Morgens live und in Farbe auf der Kfz-Zulassungsstelle mitverfolgen.
Drei Monate Sklaverei auf der Baustelle und der (trotz aller finanzieller Rückschläge) weiterhin beste Kontakt zu dem Chaoten-Trupp rund um den Backfisch, bescherten mir die Möglichkeit, nicht bloß die Fahrerlaubnis zu finanzieren, sondern obendrein einem Auto ein offiziell abgestempeltes Nummernschild anschrauben zu können, welches ich aus eigener Tasche bezahlt hatte.
Während ich geduldig in der Menschenschlange auf meine Zulassung und Fahrzeugschein wartete, fiel der Blick eines der Angestellten in der Zulassungsbehörde aus dem großen Fenster im Erdgeschoss. Keine 20 Meter entfernt stand ein etwas in die Jahre gekommener Lkw und wartete an der Ampel auf das aufleuchtende Grün. Der Angestellten der Kreisbehörde hatte eine spontane Frage an seinen Kollegen: „Haben wir nicht vorgestern an diesem Schrott das Nummernschild abschrauben lassen?“
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Da könntest du recht haben.“
So leicht zieht man einen Backfisch nicht aus dem Verkehr!
Wie ich in die Lage kam, mit triftigem Grund überhaupt eine Zulassungsstelle zu betreten, erzähle ich euch in der nächsten Woche. Denn der große Kenner der illegalen Knochenentsorgung machte mich bekannt mit dem unumstrittenen Zampano des illegalen Handels von Waren, auf die der Normalbürger im alltäglichen Überlebenskampf grundsätzlich angewiesen ist und daher ungern verzichten möchte. Wobei anzumerken bleibt, dass der Handel mit Waren nicht grundsätzlich illegal ist. Unbestritten ist, dass jeder Gegenstand, den Adi Breit in seinen Warenaustausch einfließen lässt, mit Sicherheit gestohlen oder aus unerklärlichen Gründen während einer Mondfinsternis von einer Ladefläche gefallen ist.