… mit eingravierter Widmung am Öffnungsventil
Bevor der Einstieg in diese kleine Geschichte aus dem realen Leben in Angriff genommen werden kann, sollten die agierenden Hauptdarsteller kurz und knapp vorgestellt werden.
Alfons Zimmer: Der Mann, der fest daran glaubt, auserkoren zu sein und bis zur offiziellen Bestätigung dessen, alles in seiner Macht Erdenkliche unternimmt, den Weg staubfrei zu halten.
Karl Stammknecht: Erfolgreicher Schlachter mit fatalem Hang zur Lyrik. So lautet der Slogan, der Kundschaft in seinen Laden locken soll. »Bei mir hat keine Taube schon die Welt umrundet und kein Huhn den Mars erkundet. Gestern noch entschlüpft dem warmen Ei und heute schon in meiner Schlachterei.«
Theo Baltes: Eine Legende mit feuchter Vergangenheit, dessen Weg ins eigene Grab über den Edelstahltisch in der Pathologie führte.
Harald Weinknecht: Ein junger Mann, der zu seinen Lebzeiten es einfach nicht wahrhaben wollte, dass Alleebäume und fahrbare Untersätze auf vier Rädern sich nicht innig umarmen sollten.
Der Pathologe: Zwar nie in die engere Auswahl für den Nobelpreis im Bereich der Medizin gerückt, aber selbst fest davon überzeugt ist, diese Anerkennung mehr als verdient zu haben.
Doch jetzt zu eigentlichen Geschehen.
Was Alfons Zimmer mit sich trägt, ist nicht nur sein stabiler Straßenbesen, der für eine sterile Auffahrt zum Feuerwehrgerätehaus unerlässlich scheint, sondern auch diese Art von Unruhe, die oft genug ihr Heil in einem ausgewachsenen Durchfall sucht. Sich in letzter Sekunde dann doch die Sache anders überlegt und zwischen Magen und Darm ein gemütliches Zuhause einrichtet.
In diesem Augenblick den Besen als stabile Abstützung für seinen Körper nutzend, verfolgt Herr Baltes gespannt den Bemühungen des örtlichen Fleischermeisters, wie dieser versucht das große Blech mit dem gefüllten Spanferkel aus dem Lieferwagen zu ziehen. Innerlich brodelt es in Karl Stammknecht. Nicht nur, weil das auszuliefernde Gut sich verklemmt zu haben scheint, noch mehr regt ihn auf, dass sein stummer Beobachter keine Anstalten macht, ihm behilflich zu sein.
Nicht unbedingt Erfolg versprechend, beim Versuch der inneren Gemütsabkühlung, ist des Metzgers Wissen, dass diese junge Sau nur deshalb mit Majoran-Kartoffeln befüllt wurde, weil der passionierte Straßenbesen-Jongleur, keine drei Meter neben ihm, beim morgigen Feuerwehrfest zum großen Helden aufsteigen soll. Und jetzt hält er sich an seinem Feger fest und benimmt sich, als gehe ihn das ganze Tohuwabohu nichts an.
Alfons Zimmer ahnt zwar, wie es um den Blutdruck von Stammknecht bestellt ist, verharrt dennoch in seiner Untätigkeit. Aus gutem Grund. – Zumindest, wie er die Sachlage einschätzt.
Beim Anheben der sicherlich schweren Ladung sich jetzt den Ischias-Nerv einzuklemmen oder gar unter dem Blech und dem Spanferkel zu enden, das wäre wohl das Letzte, was ihm noch passieren sollte.
Es wird zwar noch als Gerücht gehandelt, mit dem die Kameraden in den vergangenen Tagen hausieren gingen, wonach er, beim diesjährigen Feuerwehrfest, mit der Verleihung der Feuerwehrspritze in Gold mit eingravierter Widmung am Öffnungsventil rechnen darf. Doch reicht das Brodeln in der Gerüchteküche vollkommen aus, um jeglichen Missgeschicken weiträumig aus dem Weg zu gehen. Schließlich soll die Geschichte sich nicht wiederholen.
Was war geschehen?
Dass diese wertvollen Exemplare im Landkreis nicht gerade in jeder Schublade zu finden sind, weiß der erfahrene Brandlöscher sehr wohl. Eine solche Auszeichnung muss man sich hart verdienen und wird auch nur vom obersten Chef verliehen, der sein Büro in der Landeshauptstadt rauchfrei hält. Soweit Alfons sich erinnern kann, ist diese Auszeichnung in seinem Löschbezirk überhaupt noch nie verliehen worden. Der Letzte, der für diese Ehrung zur Debatte stand, war sein ehemaliger Ausbilder und Feuerwehrkamerad Theo Baltes.
Theo Baltes, Jahrgang 1895, Eintritt in die Freiwillige Feuerwehr 1918. Jahre danach, also ab dem Zeitpunkt, als sich allerorten herumgesprochen hatte, dass Gotteshäuser, Bücher und das Hab und Gut ehemaliger Nachbarn auch entflammbar sind, erfolgte seine Beförderung zum Gauleiter im Sondereinsatz „Löschen für das Vaterland“.
Von Mitte 1945 bis zum 28. Februar 1985 war er dann erster demokratisch bestimmter Einsatzleiter und Träger der Schirmmütze mit goldener Kordel im freiwilligen Einsatz gegen Feuer, Wasser und nicht vom Aussterben bedrohter Schwachköpfe. Diese Sorte von Menschen also, zu denen es sich noch immer nicht herumgesprochen hatte, dass ein Sprung mit viel Geschrei und sonstigem Tamtam aus dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss nur selten den Weg in die Hauptnachrichten findet.
An dem bereits erwähnten 28. Februar 1985, drei Tage vor seinem 90. Geburtstag und genau so viele Tage vor der fest eingeplanten Überreichung der Feuerwehrspritze in Gold mit eingravierter Widmung am Öffnungsventil, spielte sich das Folgende ab.
Während einer kleinen Übung der Jugendfeuerwehr, bei der der VW Golf GTI im Mittelpunkt stand, den Harald Weinknecht einige Tage zuvor vergebens versucht hatte, am Ortseingang unter Zuhilfenahme einer stabilen Pappel in seine Einzelteile zu zerlegen, sagte Theo Baltes etwas unbedacht dem jungen Feuerwehrnovizen an der Spritze: „Junger, mich plagt ein Durst wie kein Mensch. Hättest du mal einen Schluck Wasser für mich über?“
An dieser Stelle (für alle Chronisten) sei noch erwähnt, dass Harald Weinknecht bei der innigen Umarmung mit dem Baum nicht nur das Auto, sondern auch sich selbst zerlegte.
Doch zurück zum vom übermächtigen Durst geplagten Herrn Baltes.
Selbstverständlich hatte der junge Feuerwehrmann einen Schluck über. Welch fatale Auswirkung ein Schluck Wasser, mit 18 bar in den zahnlosen Rachen eines fast Neunzigjährigen eingeschenkt, haben kann, dies ist im meistgelesenen Nachrichtenblatt der Region vom 1. März 1985 emotionslos und sachlich korrekt dokumentiert.
Fein sauber und ohne hässliche Narben entfernte der Wasserstrahl sekundenschnell die leicht entzündeten Mandeln aus dem Rachen von Theo Baltes. Ein wissbegieriger HNO-Arzt aus der nahen Klinik, der immer auf der Suche nach neuen Schnitttechniken war, begutachtete die Leistung des jungen Mannes mit Spritze zwei Tage später in den gut gekühlten Räumen der Pathologie.
Käme es nicht zu diesen fatalen Nebenwirkungen, ließ er den Kollegen wissen, der gerade dabei war, den Brustkorb des alten Mannes notdürftig zu schließen, er würde die Methode sofort übernehmen. Doch, wie schon gesagt: Diese schlimmen Nebenwirkungen galt es noch in den Griff zu bekommen.
Denn, nachdem die Tonsillen entfernt waren und somit der erste Durst des Wehrführers gelöscht schien, musste etwas passiert sein, was erst nachher in mühevoller Kleinarbeit von einem Zugführer der Wasserwerfer-Staffel aus dem Hamburger Schanzenviertel und dem besagten Pathologen aus der Kreisstadt zu einem stimmigen Bild zusammengesetzt werden konnte.
Der etwas übereifrige Feuerwehr-Neuling hatte wahrscheinlich, denn anders lässt sich das, was anschließend passierte, nicht erklären. Anstatt das Ventil nach ausgeführtem Auftrag direkt wieder zu schließen, jetzt volle Kanne geöffnet. Der noch stärkere Wasserstrahl verabschiedete sich aus dem Rachen des Wehrführers und bahnte sich seinen Weg zu dessen Brustkorb. Kaum an dieser breiteren Angriffsfläche angelangt, hob Theo Baltes regelrecht ab. Samt Socken, Stiefel und Schirmmütze mit goldener Kordel klatschte das noch lebende Feuerwehrdenkmal an den Stamm der Pappel, an der auch schon Harald Weinknecht kläglich scheiterte.
Wehrlos dem Strahl ausgeliefert, da der massive Baumstamm jede Ausweichmöglichkeit nach hinten unmöglich machte, musste die restliche Truppe mit ansehen, wie das Wasser dem kleinen, alten Mann erst die Jacke auszog. Dann das frisch gebügelte Hemd und schließlich die Feinripp von Schiesser. Anstatt dem überforderten Jüngling einfach die gefährliche Waffe aus den Händen zu nehmen, kommentierte der Jugendführer den unfreiwilligen Striptease seines Vorgesetzten mit den Worten: „Wow, der Strahl hat richtig Schmackes. Wenn ich vieles gedacht hätte, aber das mit Sicherheit nicht.“ (Hier sollte vielleicht angemerkt werden, dass im Ort die Meinung weitverbreitet schien, jenem Jugendlichen in Uniform fehle ohnehin ein wichtiges Organ, welches beim Denken gute Dienste zu leisten imstande ist.)
Leider, und dies galt insbesondere für den alten Herrn an der Pappel, ging dem Tankwagen das Wasser nicht aus. Herrn Baltes wurde (vergleichbar vor einem operativen Eingriff) die Brust rasiert. Kurz darauf gaben Haut und Knochen ihren Widerstand auf. Die Feuerwehrspritze in Gold mit eingravierter Widmung am Öffnungsventil, die schon in der Obhut des Ortsvorstehers auf ihre Überreichung wartete, wurde schleunigst wieder verpackt und zurück in die Zentrale geschickt.
Doch jetzt, so hofft zumindest Alfons Zimmer, findet das begehrte Stück den Weg zurück. Um es genauer zu sagen, hinter die Glasscheibe der Vitrine in der frisch tapezierten »guten Stube«, die nur genutzt wird, wenn Besuch im Anmarsch oder sonst etwas Festliches passiert.
Genau ein solcher Termin scheint in naher Zukunft anzustehen.
Bis dahin gilt es für ihn, nur ja nicht über den Besen zu stolpern, Karl Stammknechts Leiden zu ignorieren und vor allem an keiner Übung der Jugendwehr teilzunehmen.