Da kann ich noch so lange überlegen, es gibt in der Stadt nur eine einzige Anlaufstelle, in der psychologischer Rat kostenlos, Neuigkeiten ohne einen Blick in die Zeitung und Prognosen ohne Glaskugel und Tarot-Karten abgeholt werden können. Dieser Behandlungsraum nennt sich EDEKA und Ella, das Multitalent im weißen Kittel, sitzt (ausgenommen die Sonn- und Feiertage) an der Kasse. Direkt hinter der Regalwand mit den Sonderangeboten für den Hygienebereich schiebt sie Barcode nach Barcode über den Scanner und erteilt ganz nebenbei ihre Ratschläge. Gefragt oder ungefragt, das spielt dabei eine absolut untergeordnete Rolle. Mit einem Blick auf die Räumlichkeit der Praxis müssen die Patienten bei der Einhaltung der Privatsphäre starke Einschränkungen akzeptieren. Bei heiklen Themen, wie Schweißfüße oder die zum sechsten Mal infolge ausgebliebene Menstruation darf bis hin zum letzten Kunden in der Warteschlange der Ratschlag der Frau im weißen Kittel ungefiltert mit in den Einkaufskorb gelegt werden.
Ich stehe wohl nicht allein mit meiner Einschätzung, dass Ella alles kann, nur nicht den Mund halten. Da ist es dann wenig verwunderlich, wenn auch ich nicht ungeschoren davonkomme. Abgesehen von ihren wiederholt vorgebrachten Befürchtungen, bezüglich dem Lotterleben, das ich ihrer Meinung nach führe, kam in den letzten Jahren noch eine fast philosophische Weisheit dazu, deren tiefgründige Botschaft mich von Zeit zu Zeit von der Kasse bis zum geparkten Auto beschäftigt. Ella wird nicht müde zu behaupten, solange keine Frau bei mir die Zügel fest in ihre Hände nähme, könne es mit mir ausnahmslos bergab gehen. Dabei ist es gar nicht abwegig, die Theorie aufrecht zu halten, die vorlaute Koryphäe sei nicht gänzlich unschuldig an meinem Single-Dasein.
Noch lief das Band mit den Waren aus meinem Einkaufskorb, da klebte an jenem Tag (ohne jegliche Anforderung meinerseits) Ellas Einschätzungen zu meinen Charakterschwächen bereits an meiner Backe. Um vor diesem Gebabbel der Kassiererin zukünftig gefeit zu sein, unterbreitete ich Ella ein meiner Ansicht nach tolles Angebot, das sie nicht hätte ausschlagen dürfen, wenn ihr wirklich dermaßen viel an meiner Gesundheit läge, wie sie ständig vorgibt. In einer ähnlichen Lautstärke, wie alle Ratsuchenden es normalerweise von Frau Doktor gewohnt sind, fragte ich sie: »Ella, warum übernimmst du nicht kurzerhand diese Rolle? Ich helfe dir nach Feierabend aus dem weißen Kittel und kümmere mich aufopferungsvoll um dein körperliches Wohlergehen. Wenn es nach mir geht, stehe ich direkt nach dieser Schicht parat. In der kommenden Nacht könnte der erste Probelauf starten. Was hältst du davon? Sind wir im Geschäft?«
Die Frau, der ich spontan mein Intimleben anvertrauen wollte, gab mir mit einem Lächeln garniert eine klare Abfuhr: »Vasco, was willst du mit einer alten Frau wie mir? Außerdem habe ich seit gefühlt ewiger Zeit ein Exemplar zu Hause, dem ich gelegentlich die Hörner abfeilen muss.« Ella trug möglicherweise einen Moment die Hoffnung mit sich, den Fokus nicht weiter auf ihre Person gerichtet zu sehen, um mich wieder als Patient in den Vordergrund zu schieben – schon wegen des sich langsam bildenden Staus hinter meinem Rücken. Diesen Gefallen tat ich Miss EDEKA an jenem Tag nicht! »Stiere mit stumpfen Hörnern sind Langweiler. In meinen Augen bist du eine echte Matadorin. Ziehe einen Strich unter die Vergangenheit und wage dich in meine Corrida. Außerdem bist du genau im richtigen Alter. Zu junge Frauen bedeuten in der Regel durchgehend unnötiger Stress.«
Da ließen Wortmeldungen aus dem Rückraum nicht lange auf sich warten. Einige forderten uns auf, möglichst bitte nach Ladenschluss die Sache bis zum Ende durchzukauen, während Herr Krause aus der Mozartstraße Ella eine Brücke in ein neues Leben zimmerte: »Ella, auf was wartest du noch? Klappe deine Kasse zu und schnappe dir den Vasco. Die Roten haben garantiert ständig Feuer unter dem Arsch?« Herrn Krauses Worte ließen die Nörgler und Drängler in der Warteschlange verstummen. Mehrheitlich machte sich die Pro-Vasco-Fraktion bemerkbar. Erneut befand sich Ella plötzlich, welch verkehrte Welt, als Patientin in ihrer eigenen Praxis, in der sie eigentlich das Sagen haben sollte. Ich hatte bereits mein Wechselgeld in der Hand, als ich noch einmal mein Angebot erhöhte: »Gib dir einen Ruck, Ella, ich küsse dir mit Sorgfalt den Geruch von Knollensellerie und Dosenerbsen von deiner Haut.« Wirkliche Überzeugung funktioniert wohl anders. Sie verabschiedete sich nämlich von mir mit einem Ratschlag: »Hau jetzt besser schnell ab, du Blödmann.«
Nach einer solchen Abfuhr braucht sich niemand mehr wundern, warum ich in dieser Sache nicht weiter am Ball blieb. Stattdessen entschloss ich mich, lieber auf dem Weg zu verweilen, der mich körperlich unweigerlich nahe zum Abgrund führen wird. Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass Ella, trotz ihrer anderen Verpflichtungen, gerne mit mir ein paar Kilometer auf dieser Erlebnisstraße zurücklegen würde. Meine Einschätzung basiert auf einem Vorfall, der sich nach dem Dialog an der Kasse zutrug, in den ich anlässlich einer Veranstaltung des Karnevalsvereins am Rosenmontag hineingezogen wurde. Ich stand ohne Kostüm und gänzlich ungeschminkt mit einem Glas Weißwein abseits des Trubels und wartete gelangweilt darauf, dass mein bester Kumpel mir endlich mitteilen würde, ob er gedenkt weiter an dieser Pippi Langstrumpf herumzuschrauben oder doch mit mir in unsere Stammkneipe zu wechseln, in dem Maskenträger, auch an solchen Tagen, keine tragende Rolle spielen. Mitten in diese eintönige Zeit des Wartens kam eine schwarz-weiße Katzenfrau geradewegs auf mich zu getigert, nahm mir ohne Worte das Glas aus der Hand, gönnte sich einen kräftigen Schluck von der Plörre, die Karnevalisten als Wein verkaufen, legte anschließend ihre beiden Tatzen um meinen Hals, um mich ohne Vorwarnung mit einem Zungenkuss der ganz edlen Sorte zu beglücken. An normalen Tagen läge nach einer solchen Aktion mein Fahrplan für die nächsten Stunden abgesegnet auf meinem inneren Schreibtisch. Aber an Fastnacht existieren für mich keine normalen Tage. Der Augenblick, den die Miezekatze für ihre Attacke gewählt hatte, konnte aus meiner Sicht beinahe schlechter nicht sein. Der Wein unfassbar schlecht, eine ausgewachsene Allergie gegen die Verkleidungs- und Besaufe-Rituale und noch dazu einen Freund, der nicht mehr in der Lage schien Entscheidungen zu treffen, die mich aus diesem Stimmungstief hätten herausholen können. Außerdem weiß ich stets liebend gerne im Voraus, wer da über mich herfällt und mir ungeniert die Zunge in den Rachen schiebt. Böse Überraschungen beim Auspacken solcher Geschenke hatte ich fraglos zu viele erlebt. Daher schob ich die Katze vorsichtig auf Distanz, überließ ihr mein Getränk und sorgte für klare Verhältnisse: »Vielleicht ein anderes Mal. Heute bin ich als Eunuch unterwegs.« Daraufhin schnurrte der Stubentiger: »Gib mir eine Chance. Unter meinen Händen wächst in aller Regel auch bei Eunuchen etwas heran.« Im selben Augenblick, als die Stimme an mein Ohr drang, hatte ich das komische Gefühl, als hätte das schwarz-weiße Raubtier mir gerade den alten Gauda empfohlen, der diese Woche im Angebot ist. Möglicherweise hätte ich einen zweiten Blick wagen sollen, ob auf dem Kostüm vielleicht irgendwo das kleine Emblem mit dem Schriftzug EDEKA zu erkennen ist?