Dabei noch Schärfe in den Alltag bringen und die Gedanken neu ordnen.
Die Tankstelle für Neuigkeiten und Anlaufpunkt für Vergessliche
Den Gemischtwarenladen im Hinterhof eines recht hügligen Landes zu betreiben, ist und bleibt für mich einerseits ein Vergnügen und gleichzeitig Herausforderung von Woche zu Woche.
Da seither nur wenige Tage verstrichen und so betrachtet, ist das folgende Ereignis (im Hinblick auf das Haltbarkeitsdatum) bestens geeignet, in verbraucherfreundliche Sätze verpackt zu werden.
Um etwas Abstand von Kopflastigkeit und Routine zu bekommen, entschloss ich mich zu einem Abstecher ins Dorf der Dörfer. „Dorf der Dörfer“, eine Auszeichnung, die ein Wohnort (nach meiner Einschätzung) nur deshalb führen darf, da das Landesamt bei der letzten Viehzählung zu dem Ergebnis kam, dass 1.500 registriertem Schlachtvieh 500 mehr oder minder schlecht motivierte Steuerzahler zuzuordnen sind. Somit eine Anzahl von zweibeinigen Hornochsen und fehlgeleiteten Schafen, die in meinem gemütlichen Umfeld als unerreichbar gilt.
Zudem kann es nie ein Fehler sein, wenn ein Blick auf das geworfen wird, was die Konkurrenz an Angeboten gerade aus der Tasche zaubert. Doch bevor der Tempel des Dosenfutters betreten wird, werfe ich zuerst einen Blick auf den Stamm des opulenten Laubbaums im Zentrum des Dorfes aller Dörfer.
Die Rinde dieses Baumes scheint mir die schmerzunempfindliche ihrer Art zu sein, denn sie erträgt Tag für Tag, dass jemand daherkommt, der mit dem Annageln eines Zettels bekundet, ein namentlich benanntes Mitglied seiner Familie zukünftig besser direkt auf dem Friedhof zu kontaktieren.
Heute erscheint die Rinde unberührt, was andererseits jedoch den Umstand verdeutlicht, dass Erna, die bisher stets zuverlässige Milchkuh und Elvira, die langjährig fürsorgliche Ferkelsau, ohne öffentliche Bekundung über ihr Ableben, in den Händen des Metzgers gelandet sind. Also keine Todesanzeige am Stamm. So weit geht die Gleichberechtigung im Zusammenleben von Tier und Mensch dann doch nicht.
Vor dem Baum der Todes stehend, braucht es einer halben Körperdrehung und mein Blick ruht auf der Fassade und dem Eingang zu meiner indirekten Konkurrenz und Tankstelle für alle verfügbaren Neuigkeiten aus dem Dorf. So klein das Kaff auch sein mag, der KONZUM ist überraschenderweise nicht die einzige Tankstelle ihrer Art.
Keine hundert Meter weiter, in Richtung Ortsmitte, öffnet nämlich jeden Morgen um 07:00 Uhr die Kirche ihre Pforten zur Frühmesse. Zwischen Kreuz und Weihwasser wird vorgekaut, was eine halbe Stunde später, nun jedoch zwischen Aufschnitt und Weißbrot verhackstückelt wird.
Der Eintritt in die Räumlichkeit, in der sich das Überholen rechts wie links als äußerst schwierig entpuppt, ist der Moment, in dem alle Sinne auf Hochtouren laufen. Die Geschmacksnerven tendieren zwar Richtung geräucherten Schweinebauch, wobei der Kopf (mit der Erinnerung an das Resultat des letzten Blutbildes) eher zum Putenschnitzel rät. Da die Entscheidung auch nicht sofort getroffen werden muss, landet zuerst einmal die Plastikflasche mit raffiniertem Sonnenblumenöl im Körbchen.
Was für ein Zufall, dass Frau Penić aus Haus Nr. 162 (Straßennamen sucht man im Ort vergebens – es wurde schlicht durchnummeriert) exakte das gleiche Vorhaben in die Tat umsetzt. Und schon ist die Grundlage für einen ausgiebigen Austausch von Neuigkeiten, zufällig Aufgeschnappten und frei Erfundenem geschaffen.
Das Problem dabei – wenn du als Kunde jetzt zur Butter am Kühlregal vordringen willst, hast du miserable Karten. Zwar bestünde die Möglichkeit, es auf der anderen Seite des Regals gegen den Verkehr zu versuchen. Doch dann muss die Kasse passiert werden – und dort ist grundsätzlich Stau angesagt. Der löst sich meist auch nicht so rasch auf, da Marija, die eigentlich für die Kasse eingeteilt ist, hinter der Wursttheke eine Horde Waldarbeiter mit belegten Brötchen versorgt.
Ganz nebenbei bemerkt, ein Habitus, der sich über den gesamten Balkan zieht. Sich am Morgen selbst, oder von einer unterfordernden Hilfskraft, ein belegtes Brot zu fertigen, scheint wie ein Akt der Unmöglichkeit. Bevor das Auto, der Bus oder Zug bestiegen wird, steht man geduldig vor Marija und äußert seine Wünsche bezüglich der dicken Packung, welche die beiden Brothälften voneinander trennen sollte.
Da das körperliche Wohl der arbeitenden Bevölkerung stets Vorrang hat, wird an der Kasse die Schlange immer länger, der Tratsch intensiver und die eingeflochtene Fantasie blütenreicher.
Wer dem verbalen Sumpf nichts Essenzielles beizusteuern hat, der krallt sich eine der Tageszeitungen und lässt sich das bestätigen, was man ohnehin bereits geahnt hat: In Zagreb sind ausschließlich Lügner, Banditen und zwielichtige Gauner an der Macht. Daher ergibt es auch keinen Sinn, diese Zeitung zu kaufen.
Kaum kündigt Marija ihr baldiges Kommen an, findet sich das bedruckte Papier auch wieder auf dem dafür reservierten Platz. Kein Grund für andere Kunden sich zu echauffieren, schließlich befinden sich noch alle Buchstaben dort, wo sie auch hingehören.
Um nicht mit leeren Händen das News-Zentrum zu verlassen, hatte ich mir vorgenommen, mich mit einem Kasten Mineralwasser, Hunde- und Katzenfutter in die Schlange vor der Kasse einzureihen.
Doch was geschah im Vorfeld?
Da von der Neugierde an den Stamm der Todesanzeigen getrieben, ging der Griff nach dem Kasten Leergut vollends unter. So mussten sich lediglich Tierfutter und ich auf eingeengtem Raum in Geduld üben.
Kaum hatte der Scanner die Striche auf den Dosen in Ziffern verwandelt, folgte auch schon Marijas Frage: „War es das, oder soll noch was dazu?“
Was dazu, an einer kroatischen Kasse in einem Lebensmittelgeschäft, heißt übersetzt: „Und was ist mit Zigaretten und Kondomen?“
Da, weder noch, kein persönlicher Bedarf, übte ich mich im Kopfschütteln.
Erst jetzt offenbarte sich der Grund, weshalb das ewige Warten an der Kasse so klaglos hingenommen wird. Bei all dem Klatsch und Tratsch vergisst man auch so manches, was eigentlich ganz oben auf der Einkaufsliste stand. Somit ist Marija der lebende Spickzettel für die Schar der Vergesslichen.
„Und was ist mit Mineralwasser? Heute kein Bedarf?“
Hätte uns nicht die versiffte Plexiglasscheibe getrennt, ich glaube, ich hätte Marija spontan zu einem innigen Kuss eingeladen.
Wer es gerne etwas schärfer mag.
Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden hat, wenn die Speisen mit einer verträglichen Schärfe daherkommen. Also nicht übertrieben scharf – d. h. ohne mit Atemproblemen, Schweißausbrüchen und Kreislaufversagen rechnen zu müssen.
Ich beging einst in einem indischen Restaurant in London den Fehler, auf die Frage der Servicekraft, ob ich mein Pilzcurry mild, hot oder very hot möchte, mit hot zu antworten. So hungrig habe ich selten ein Restaurant verlassen. Ich habe keine Ahnung, mit welchen Rezeptoren am Gaumen Inder ausgestattet sind? Ich jedenfalls müsste mich bei einer solchen Ernährung nach kürzester Zeit an die Welthungerhilfe wenden.
Da in diesem Jahr die Chili-Ernte mehr als gut ausgefallen ist, bietet es sich geradezu an (neben dem Chili-Salz und dem Chili-Pulver) eine Chili-Paste sowie eine Chili-Soße süßsauer selbst zuzubereiten.
Chili-Soße süß-sauer
Die benötigten Zutaten:
Chili, Paprikaschoten, Zwiebeln, Äpfel, Ingwer, Salz, Zucker, Weißwein- oder Apfelessig, Knoblauch, Apfelsaft, Koriander, Petersilie und Speisestärke.
Ich verzichte ganz bewusst auf exakte Mengenangaben, da jeder für sich individuell entscheiden sollte, welches Mischungsverhältnis ihm zusagt.
Die Paprikaschote wird vom Strunk und den Samen befreit und in kleine Würfel geschnitten. Gleiches geschieht mit dem Apfel und den Zwiebeln. Der Knoblauch wird, wie üblich, mit etwas Salz bestreut und zu einer feinen Paste gerieben. Die Chilischoten werden ebenfalls vom Strunk befreit. Was den Samen (die Kerne) betrifft, gilt anzumerken, dass in ihnen viel Schärfe versteckt ist. Wer es also scharf mag, der lässt sie drin – andernfalls entfernen. Man kann sie nun in kleine Würfel schneiden oder, wie ich, kurz in den Mixer geben. Nicht pürieren! Es müssen noch kleine Stückchen zu erkennen sein.
Nun gebe ich in die heiße Wok-Pfanne einen kräftigen Schuss Olivenöl und schwitze die Paprika, Zwiebeln und den Knoblauch an. Erst danach folgen die Chili und der Apfel. Das Ganze noch kurz andünsten, Salz und Zucker beigeben und mit etwas Essig ablöschen. Was Zucker und Essig betreffen, muss jeder für sich selbst entscheiden, in welche Richtung es gehen soll – mehr süß oder mehr sauer?
Ich habe meine Chili-Soße mit naturtrübem Apfelsaft aufgefüllt, was nicht nur Zucker spart, sondern auch die süßsaure Note verstärkt. Wer zu Wasser greift, muss danach mit mehr Würze nachhelfen. Kocht die Soße auf, rühre ich die Speisestärke in etwas Flüssigkeit an und binde den Chili-Mix so ab, damit das Ganze eine sämige Konsistenz erhält. Erst ganz zum Schluss füge ich die gehackten Kräuter hinzu. Hierbei bleibt zu beachten, dass es durchaus Menschen gibt, die den intensiven Duft von Koriander nicht abhaben können. Die lassen ihn ganz einfach weg.
Noch einmal kurz aufkochen und heiß in Gläser oder Flaschen abfüllen.
Damit die Soße sich auch möglichst lange hält, stelle ich die Flaschen in eine, mit Wasser gefüllte Auflaufpfanne und schiebe sie bei 80° noch 40 min in den Backofen. Anschließend langsam abkühlen lassen.
Chili-Soße ist übrigens nicht nur lecker, sondern auch sehr gesund. Die Chilischoten sind reich an Vitamin B1, B6 und Vitamin C. Außerdem enthalten sie die Mineralstoffe Kalium, Calcium, Magnesium, Phosphor und Zink. Der für die Schärfe verantwortliche Stoff Capsaicin kurbelt die Durchblutung an, bringt die Verdauung in Schwung und stärkt das Immunsystem.
Guten Appetit!
Haben wir da vielleicht was missverstanden?
Sozusagen der Klassiker unter den falsch verstandenen Songs.
Alles Mögliche – nur kein Liebeslied!
The Police - Every Breath You Take
Sting, der Bassist von Police, schrieb dieses Lied 1982. Es fand seinen Platz in dem Album, das als Letztes von Police veröffentlicht werden sollte - Synchronicity.
Er schrieb dieses Lied in der Zeit, als seine erste Ehe mit Frances Tomelty vor dem Ende stand und seine Verbindung zu Trudie Styler langsam öffentlich wurde.
Das Problem dabei? Frances und Trudie waren seit jeher beste Freundinnen und wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft. Entsprechend heftig gestalteten sich die Eruptionen dieser Affäre.
Um dem Wirbel zu entfliehen, packte Sting seine Koffer, floh in die Karibik und schrieb dort dieses Lied.
Der Text, der als versöhnliches Liebeslied verstanden werden kann, handelt in Wirklichkeit vom Big-Brother-Syndrom (in Anlehnung an Orwells 1984), also totale Überwachung und Kontrolle. Zudem (und hier fließen seine Beziehungsprobleme ein) gesellt sich die Eifersucht und Besessenheit eines verlassenen Partners.
Sting selbst erwähnte einmal ein Ehepaar, das ihn auf dieses Lied ansprach und sagte: „Oh, wir lieben dieses Lied; es war der Hauptsong, der bei unserer Hochzeit gespielt wurde!“
Sting antwortete nicht. Er dachte sich lediglich: „Na, dann viel Glück“
Kommentarlos gebe ich für heute den Schlüssel an den Reinigungsdienst weiter.