Die Vogelgrippe 1. Teil
Ausgelöst durch diesen Beitrag bei SPIEGEL-Online
Wenn die Satire sich mit dem Humor zum Gedankenaustausch trifft.
Des Dramas 1. Teil
Mitwirkende:
Oskar Bärenklau
Ein humaner Mediziner
Elfriede Koslowski
Helga Tünkes
Ein tierischer Mediziner
Kevin Steinbeck
Roswitha Schönefeld
Fridolin Pauke
Alfons Steinbeck
Egon Tausch
Otto Krawallke
Therese Kummer
Hertha Steinbeck
Erna Bodenkamm
Norbert Krug
Egon Hasenclever
Eine ungezogene Taube
Eilmeldung
Die Nachrichten an das noch unwissende Volk verbreitet durch den Saarländischen Rundfunk am 01. April 2022:
Emil Hasenclever und Erna Bodenkamm wurden vor zwei Stunden beim Verlassen des Friedhofes in Ottweiler von einer Taube unbekannter Abstammung nicht nur von steil oben nach senkrecht abwärts attackiert, sondern obendrein im Anschluss an den Luftangriff in einen ausgiebigen Dialog verwickelt.
Jene Eilmeldung, ausgestrahlt um exakt 10:24 Uhr im laufenden Programm, sorgte in der kleinen Stadt an der Blies für dermaßen viel Aufregung, dass still und heimlich gehortete Sonderposten Baldrian-Pillen an das in Aufregung gebrachte Volk verteilt werden mussten. Ein eiligst eingerichteter Alarmsonderstab zur Aufklärung des Vorfalls vom 1. April, soll nun versuchen aufzuarbeiten, wie es überhaupt so weit kommen konnte und die Stadt seither nicht wieder in ihren üblichen Tiefschlaf versinken mag.
Vom Leiter des zusammengetrommelten Stabes, Herrn Oskar Bärenklau, der ansonsten hauptamtlich und manchmal auch ganztägig damit betraut ist, dem amtierenden Bürgermeister in jedem Ortsteil der ehemaligen Kreisstadt einen Parkplatz freizuhalten, waren jetzt erste detaillierte Informationen zu erhalten. Nach Aussage Bärenklaus, der mir diese Erkenntnisse vorab und unter schwersten körperlichen Strapazen zwischen den verstaubten Regalen der Stadtbücherei zusteckte, nahm das Drama in dem Augenblick seinen Lauf, als die, polizeilich zuvor nicht in Erscheinung getretene Elfriede Koslowski, sich ihrer Bürgerpflicht, als Augenzeugin dem Rechtsstaat den Rücken freizuhalten, erinnerte.
Bei der ersten Kontaktaufnahme des Flugobjektes mit den Friedhofsbesuchern sah es, laut Aussage von Frau Koslowski, so aus, als wollte sich der sonderbare Fremdling nur nach dem kürzesten Weg nach Saarbrücken/Dudweiler erkundigen. An diesem Punkt bereits irrte sich die Augenzeugin, als sie das subjektiv Wahrgenommene gegenüber der Polizei zu Protokoll gab. Zudem hatte Elfriede in ihrer Aufregung nicht beachtet, dass Aussagen dieser immensen Wichtigkeit nicht gegenüber, sondern im Beisein der Polizei getätigt werden sollten.
Ferner deutete sie die Flügelsprache des orientierungslosen Flattermanns von A bis Z fehl. Denn die Taube war nicht am kürzesten Weg zur nächsten METRO-Filiale interessiert, sondern hatte sich vorgenommen, schlicht und einfach, ohne große Umstände, mal jemandem auf die Sakko-Jacke zu scheißen und anschließend in aller Form dafür um Entschuldigung zu bitten. Selbstverständlich will und kann niemand Elfriede Koslowski böse Vorwürfe mit auf ihren weiteren Weg in die ungewisse Zukunft geben. War sie doch, während des Vogel-Vorfalls, eigentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Friedhofes intensiv auf der Suche nach einem einzigen verständlichen Satz in der gerade verabschiedeten Rentenreform seitens der neuen Regierung.
Nun stellt sich die Frage, welche Zufälle wohl ein geselliges Stelldichein gaben, damit dieser Augenzeugenbericht direkt, ungefiltert und nachträglich reichlich ausgeschmückt, nicht ausschließlich an den SR, sondern auch an die Saarbrücker Zeitung weitergeleitet wurde?
Auch dafür kann im Nachhinein eine logische Erklärung geliefert werden.
Fakt ist, dass genau vis à vis der polizeilich besetzten Uniformierten-Herberge der örtliche EDEKA-Markt angesiedelt ist, in den sich Elfriede im Dschungel der deutschen Grammatik verirrt hatte. Helga Tünkes, die Kassiererin im besagten EDEKA-Markt, notierte eifrig, was die aufgeregte Frau im blauen Faltenrock kurz nach dem Vorfall auf dem Friedhof zu berichten hatte. Entgegen aller arbeitsrechtlichen Vereinbarungen, fischte Helga Tünkes, ohne viel Zeit zu verlieren, ihr kleines Mobiltelefon aus ihrem blau-gelben Slip, da dort der Vibrationsalarm besonders angenehm zu spüren ist und informierte umgehend die Chefredaktion der Saarbrücker Zeitung. Aus deren Redaktionsräumen war es dann auch nicht mehr weit bis ins Funkhaus der Landeshauptstadt.
Was hat sich also tatsächlich zugetragen, dort oben auf dem Hügel, auf dem Ottweiler Bürger kostenlos Ausschau halten können, ob noch ein Plätzchen frei ist für das Leben nach dem unendlichen Tiefschlaf im Dauerkoma weilenden Stadt?
Emil Hasenclever und Erna Bodenkamm, seit Jahren liebevoll miteinander verbandelt und Dauermieter im örtlichen Altersheim, wurden direkt vor dem Friedhofseingang von einer Taube überflogen. Diesem Vorgang maßen die beiden keine große Bedeutung bei. Erst als der Flugakrobat eine nicht zu erwartende Wendung in seiner Flugbahn vollzog und sie erneut ansteuerte und ganz gezielt eine Ladung Ballast abwarf, kam es zu ersten lautstarken Spannungen zwischen Fußgänger und gefiedertem Flügelschwinger. Genau diese lautstarke Auseinandersetzung ward von Elfriede Koslowski akustisch vernommen. Man könnte somit die Behauptung aufstellen, dass ab diesem Zeitpunkt das Drama seinen Lauf nahm.
Den ganzen, langen Weg bis in die Straße, in der die Autos mit dem Blaulicht parken, schwirrte Elfriede nur ein Gedanke durch den Kopf: Vogelgrippe!
Sieben Minuten nach der Eilmeldung im Radio, hatten sich am Friedhof in der Seminarstraße fünf THW Noteinsatzfahrzeuge, ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes, der stellvertretende Bürgermeister und die Vorsitzenden der selten erwähnten Parteien eingefunden und sich sogleich (streng nach geltenden Statuten und Richtlinien) versammelt.
Der herbeigeeilte Notarzt und der diensthabende Veterinär konnten derweil nicht zu Emil Hasenclever und Erna Bodenkamm vordringen, um überhaupt auf ihrem jeweiligen Fachgebiet Erste Hilfe leisten zu können. Daran nicht ganz unschuldig, der kirchliche Gesandte im schwarzen Kittel, der inzwischen ebenso vor Ort weilte. Seine Schar Weihrauch schwingender Jünglinge hielt ihm pflichtgetreu dabei den Rücken frei.
Nur wenige Meter entfernt, inmitten einer Menschenansammlung neugieriger Friedhof-Gänger, mit grünen Gießkannen und kleinen, handlichen Harken ausgestattet, saßen Emil und Erna und lauschten gespannt den Worten des Gott-Vertrauten. Nach ein paar wenigen lateinischen Floskeln als Einleitung, kam der Geistliche auch sogleich auf den Punkt. Genauer gesagt – in diesem Fall eigentlich eher zum Fleck, der inzwischen als ordinäre Vogelscheiße nicht mehr eindeutig zu identifizieren war. Denn Erna Bodenkamm hatte, direkt nach dem hinterlistigen Anschlag der Taube, versucht, mit ihrem umhäkelten Taschentuch den abgeworfenen Ballast des „Sauviehs“, wie Erna das Symbol des Friedens abfällig bezeichnete, rückstandsfrei zu entfernen.
Letztlich war es nur dem handgreiflichen Einsatz zufällig vorbei flanierender Mitglieder religiöser Ordensgemeinschaften zu verdanken, dass der katholische Prediger durch einen selbstlosen Einsatz und einem Vergrößerungsglas letzte Spuren auf Emils Sakko sichern konnte. Erna protestierte zwar heftigst gegen die ihr zwischenzeitlich angelegten Hand- und Fußfesseln, doch ließ sich der von Gott geweihte Tatort-Ermittler dadurch nicht von seiner heiligen Mission abbringen.
Nur kurz schien der geweihte Hercule Poirot seine Fassung zu verlieren. Nämlich dann, als Emil Hasenclever einen der kleinen Weihrauchschwinger fragte, was die schwarze Schwuchtel an seiner Jacke zu fummeln habe? Zwar konnte auch der daraufhin angedrohte Entzug der Heiligen Kommunion den Zweifelnden nicht ganz zum Schweigen bringen, doch zumindest mäßigte Hasenclever die Wahl seiner Worte, da er sich als überzeugter Kommunist nicht ganz sicher war, welche Auswirkung alles Weitere auf seine für den Monat noch ausstehende Telefonrechnung haben könnte.
Der Priester informierte das gaffende und nach Informationen darbende Volk in knappen Sätzen über die wahre Tragweite dessen, was er hier durch die Lupe (übrigens, erstanden im Optiker-Fachgeschäft Albrecht für drei Euro neunzig) erkennen und religiös deuten konnte. Wenn man den Worten des Propheten Glauben schenken durfte, was, außer Emil, Erna, dem Humanmediziner und dem Tierarzt, alle taten, sei zu befürchten, dass der Preis für Heizöl im nächsten Jahr wieder um 28 % steigen wird. Nicht anders könne die Botschaft Gottes gedeutet werden, die dieser per Tauben-Luftpost seiner Gemeinde hat zukommen lassen.
Zwar sichtlich überrascht von den plötzlich einsetzenden Nervenzusammenbrüche vor ihren Nasen, ließen sich die beiden Mediziner dennoch nicht aus ihrer angeborenen Lethargie verjagen und klingelten erst einmal bei Alfons Steinbeck, der direkt neben dem Krematorium sein kleines Eigenheim erbaut hatte. Alfons, als ehemals zugereister Ossi nicht Willens, sich ganz mit den saarländischen Gepflogenheiten vertraut zu machen, trug um diese Uhrzeit noch seinen blau-weiß gestreiften Schlafanzug zur Schau, als das nicht enden wollende Gebimmel ihn an seine Haustür zwang.
Auch jener sonderbare Anzug schien die beiden Weißkittel nicht weiter zu beunruhigen, obwohl sie sehr wohl wussten, dass der ordentliche Saarländer am Samstagmorgen zumindest einen blauen Arbeitskittel und einen Straßenbesen mit und bei sich trägt. Sie baten höflich, ohne auch nur einen Funken Hektik aufkommen zu lassen, um zwei gelbe Müllsäcke, eine Haushaltsschere, zwei Schutzbrillen und zwei rote Halstücher aus alten DDR-Beständen. - Also exakt um jene Utensilien, sieht man mal von den Müllsäcken ab, die jeder Ossi hütet wie seine Erinnerungen und die Verdienstorden vom Kombinat.
Dementsprechend zögerlich trennte sich Alfons Steinbeck dann auch nur von seinen Schutzbrillen und den roten Halstüchern. Letztere trugen er und seine jetzige Frau Hertha erstmals bei der Aufnahme zu den jungen Pionieren. Die Schutzbrillen erwiesen sich als noch unbenutzt. Die bekam zwar damals jeder Arbeiter und Bauer ausgehändigt, doch keiner wusste so richtig, warum und weshalb. Hauptsache, das Kombinat Lötkolben und Schweißnaht hatte über Monate volle Auftragsbücher.
Den beiden phlegmatischen Medizinern schien dies schnurzpiepegal zu sein. Sie stülpten sich die gelben Säcke über den Kopf, schnitten sich gegenseitig kleine Schlitze für die freie Sicht, eine ungehinderte Atmung und die Arme in das dünne Plastik, rückten sich die Schutzbrille zurecht und banden sich die roten Halstücher als eine Art Mundschutz um. Ordnungsgemäß geschützt (wie es übrigens in jedem Fachbuch nachzulesen ist) wagten die beiden wandelnden Müllsäcke erneut einen Vorstoß zu Emil Hasenclever und Erna Bodenkamm.
Denn ohne Zweifel aufkeimen zu lassen, handelte es sich hier, aus Sicht der Mediziner, um einen Angriff aus dem fernsten Teil des Universums oder um ein Virus, der alle Benutzer von Microsoft-Produkten in eine emotionale Ratlosigkeit stürzen könnte. Wen kann es da noch wundern, dass die Männer vom Technischen Hilfswerk sofort beim örtlichen Feuerwehrkommandanten das landesweite Sirenensignal für einen feindlichen Angriff aus der Luft anforderten?
Doch der über Funk angepeilte Oberwassermarsch-Kommandeur konnte nicht reagieren, da alle Kommunikationsmittel in seinem Umfeld besetzt waren, weil die angekündigte Preiserhöhung für Heizöl auch zu ihm durchgedrungen war. Nun versuchten all seine Familienmitglieder (seit einer geschlagenen Stunde) einen Heizungsmonteur aufzutreiben, der, unter Androhung von Gewalt bereit wäre, eine nagelneue Pellet-Heizung zu installieren.
Währenddessen interessierten sich Emil und Erna für die weitere Entwicklung auf dem Energiesektor keinen Deut, da sie seit vier Jahren schon ein Doppelzimmer im städtischen Altenheim bewohnen. Womit die dort heizen, so zumindest Emils Formulierung, wenn er seiner Verärgerung über die Einrichtung mal wieder Luft machen muss, sei ihm vollkommen egal. Hauptsache, die Bude sei warm. Ob die jetzt im Keller alte Socken, die Kleiderspenden vom letzten Weihnachtsmarkt oder die alte Schrulle aus Zimmer 1 verheizen, das rieche doch am Heizkörper keiner mehr. So war es nicht verwunderlich, dass er immer gereizter auf alles reagierte, was so um ihn herum und insbesondere an seiner Jacke vor sich ging. Mit einem leicht giftigem Unterton unternahm er einen letzten Versuch, dem Priester klarzumachen, dass er in diesem Moment die allerletzte Möglichkeit nutzen sollte, sich mit seiner Weihrauchbande schleunigst vom Acker zu machen.
Die Fortsetzung folgt im Laufe der kommenden Woche.