Mitten in das unproblematische Miteinander
„Ist Fofan daheim?“ - Die Geschichte einer Freundschaft
Es soll hier bei Hive den einen oder anderen Schürfer*in nach Ideen, Anreizen oder Antworten auf nie gestellte Fragen geben, die oder der sich ganz beiläufig, sozusagen zwischen Leberwurst aus dem Bio-Labor und veganem Joghurt, mit solch Unwichtigkeiten beschäftigt, sich einer Entschlüsselung für das zu nähern, was sich hinter dem Kürzel w74 verbirgt. Wer könnte berufener als der Autor dieser kleinen Episode sein, einem hauchdünnen Lichtstrahl Einlass in die Dunkelkammer zu gewähren, um zumindest die überköchelnde Neugierde zu befriedigen.
Wer jedoch augenblicklich auf einen Seelenstriptease wartet, sollte zeitnah zur Schüssel, geeignet zum Auffangen der Tränen brodelnder Enttäuschung greifen, da, meiner subjektiven Einschätzung nach, der gedankliche Salto rückwärts mehr Potenzial zur Unterhaltung als seelischer Offenbarung in sich birgt.
Unbestritten scheint mir jedenfalls, dass 1783 ein gewisser Juan José Elhuyar das Metall Wolfram für sich und den Rest der Welt entdeckt hat. Weil Chemiker gerne immer alles ansatzweise kompliziert halten, beließ man es nicht schlicht und einfach bei Wolfram, sondern suchte händeringend nach einem passenden Symbol. Da Einfallsreichtum nicht unbedingt die Stärke der Naturwissenschaftler zu sein scheint, einigte man sich auf den Buchstaben W.
Okay, damit wäre die Nachwelt noch gut zurechtgekommen. Um jedoch ein erhöhtes Aufkommen an Chemie-Studierenden zu unterbinden, fügten sie dem Buchstaben noch schnell eine Ordnungszahl bei. Wie und warum sie gerade bei der 74 gelandet sind, wissen wohl nur die, die jeden Bunsenbrenner in Windeseile zum Explodieren bringen können. Wenn es um Protonen und Atomkerne geht, bin ich jedenfalls raus.
Warum nun ausgerechnet meine Eltern bei dem Metall gelandet sind, das mich ein Leben lang am Leuchten halten soll und sich daher entschlossen, mir das Wolfram (W74) ins Taufbecken und in den Annalen des Einwohnermeldeamtes zu legen, wird für immer ihr Geheimnis bleiben. Die unkoordinierten Gedankengänge fehlgeleiteter Akademiker sollte auch der Nachwuchs nicht hinterfragen.
Möglicherweise durchforsteten sie auch noch Tage vor meiner Geburt die germanische Mythologie und erhofften sich, mit der Namensübertragung zumindest anzubahnen, welch hoher Stellenwert der Filius einmal in der Chronik des Deutschtums einnehmen könnte. Eines kann ich verraten: Sie scheiterten mit all ihren hochfliegenden Erwartungen – links wie rechts, vorn und hinten und wo immer auch sonst. Wolf und Rabe, in dem Verbund als Wolfram reinkarniert, hielt sich nicht wirklich an die Regieanweisungen.
Dies spielt heute auch keine Rolle, denn ich erinnere mich gerade an Werner. Ein beinahe gleichaltriger Junge aus der Nachbarschaft, der das Problem mit sich trug, innerhalb der eigenen Familie lediglich als Coecum (Blinddarm) wahrgenommen zu werden, von dem es jeder hoffte, er möge sich nie entzünden. Der Vater und der ältere Bruder ständig mit dem Schrauben an Motorrädern beschäftigt, die Mutter immer einen harschen Spruch auf den Lippen und Werner in ständiger Lauerstellung. Denn aus dem Fenster im Treppenhaus genoss er freie Sicht auf unsere Behausung. Sobald ihn das Gefühl beschlich, ich hinge gar arg lange über den Büchern, klebte sein Daumen auf dem Knopf unserer Türklingel.
Das Türöffnen übernahm meist meine Mutter, da sie stets mit der Hoffnung schwanger ging, eine Freundin oder eine Partnerin zum Tratsch begrüßen zu können. Der auf Werners Klingelattacke folgende Dialog darf mit Fug und Recht als Kabarett vom Feinsten mit reduziertem Wortverbrauch bezeichnet werden.
Der erste Satz gehörte selbstverständlich meiner Mutter.
„Werner, einmal kurz mit dem Finger auf die Klingel, das reicht vollkommen aus.“
„Ist Fofan daheim?“
„Um Gottes willen, wie oft muss ich dir noch sagen, dass er Wolfram und nicht Fofan heißt? Wolfram, Wolfram – ist das denn so schwer?“
Ab diesem Moment wechselte der Dialog in den Monolog, da der Unbelehrbare die Mutter seines Freundes ignorierte und stattdessen lieber gespannt auf die Stufen der Treppe blickte, die ich jeden Augenblick herunterstürmen sollte. Doch die Logopädin hatte noch längst nicht fertig.
„Werner, hörst du mir überhaupt zu? Ich nenne dich doch auch nicht Rudi. Und Fofan, was soll denn das überhaupt für ein Name sein?“
Antwort – Fehlanzeige.
Mit meinem Erscheinen auf der Bildfläche löste sich die Gesprächsrunde augenblicklich auf, da mein Kumpel mit meinem Vorschlag einverstanden schien, der da lautete: „Packen wir’s?“
Ein letzter, verzweifelter Versuch kam aus dem Loch, das üblicherweise von einer Eingangstür verschlossen ist.
„Wolfram, kannst du dem Werner nicht mal beibringen, wie du richtig heißt?“
Ich nahm das Wehklagen zwar zur Kenntnis, ließ jedoch nicht die geringste Reaktion folgen. Eine akute Hörschwäche vorzutäuschen, was bei Kindern, respektive Heranwachsenden ja nicht so selten ist, erschien mir ratsamer, als mir Informationen einzufangen, die weder mich – und Werner noch viel weniger interessierten.
Warum der Junge aus der direkten Nachbarschaft für mich den Rufnamen Fofan auserkoren hatte? Ich habe keine Antwort darauf. Ich habe ihn nie darauf angesprochen – weil es mir egal war! Höchstwahrscheinlich hatte sich eine kleine Schwelle in seinem Gehirn aufgebaut, die verhinderte, dass Wolfram über seine Lippen fließen konnte. Was meine Kumpels betraf, sah die Sache fundamental anders aus. Klaus, Kurt, Jörg und Lupu (der eigentlich Josef hieß) flutschten geradezu über Werners Lippen. Anfänglich dachte ich, es könne an der Anhäufung der Silben liegen, was jedoch auch nicht hinkommt, da Lupo auch ein Scheitern hätte in sich bergen müssen.
Gedanken in dieser Richtung suchten mich jedoch erst heim, als ich zur Kenntnis nehmen musste, dass Werner zukünftig den Lektionen meiner Mutter aus dem Weg gehen würde, da er, an die Dialyse gefesselt, die Hoffnung auf eine Spenderniere aufgegeben hatte.
Fofan ist zwar zu Hause – aber Werner klingelt nicht.
Werner, was mir auch bemerkenswert erscheint, klebte geradezu an meiner Seite, bis wir den Bolzplatz erreichten, wo der Rest der einsilbigen Clique meist schon zugange war. Während ich mich der Jagt um den Ball anschloss, blieb er etwas seitlich stehen und kommentierte das Geschehen auf dem Acker in Form eines Radioreporters oder er schlüpfte in die Haut des Trainers. Mit Abstand am nervigsten wurde es jedoch, wenn er den Schiedsrichter mimte. Ein Spruch dabei wird mir wohl für alle Ewigkeit im Gedächtnis bleiben:
„Fofan, du stehst mindestens einen Meter im Abseits.“
„Werner, halt die Klappe. Wir spielen ohne Abseits.“
„Ist egal, du stehst trotzdem im Abseits.“
Auch nicht von schlechten Eltern der kurze Dialog nach einem Murmelspiel, welches für mich eher suboptimal gelaufen war.
„Stimmts, jetzt ärgerst du dich, dass du die blaue Glaskugel verloren hast? Wie kann man auch in der Situation auf Bande zielen? Viel zu viel Risiko. Hättest du mich gefragt, ich hätte dir davon abgeraten.“
„Und wieso sagst du das erst jetzt? Eine halbe Stunde früher hätte es mir mehr geholfen.“
„Du hast mich ja nicht gefragt.“
Nun sitze ich hier, mehr als tausend Kilometer entfernt von dem winzigen Planeten, auf dem sich das alles einst abgespielt hat und such nach einem Lied, das ich Werner, auf seiner Reise bis zur Reinkarnation, liebend gerne in den Rucksack stopfen würde. Auch kein leichtes Unterfangen, denn Werners Interessengebiete waren doch arg begrenzt.
„Werner, hast du das Buch gelesen, Elf Freunde müsst ihr sein“?
„Nein, Bücher haben zu viele Seiten. Sag mir lieber, was drin steht.“
Fast identisch verhielt es sich mit der Musik. Und das, obwohl sein älterer Bruder, neben der Motorrad-Schrauberei, auch noch heute ein sehr brauchbarer Schlagzeuger ist.
„Werner, hör dir mal das Lied an. Es ist echt der Hammer.“
„Wenn du meinst, dann wird es wohl auch so sein.“
Werner, ich habe mich für Leonard Cohen entschieden.
Vielleicht macht er für dich den Weg beschreitbar, der in die neue Zukunft führt. Du benötigst für den Text keine Seite zu blättern und die Musik ist wie eine wärmende Decke für die frostigen Tage, die es wohl auch in deiner Neuen Welt gibt.
Alles Gute Werner, dein Freund Fofan!
Die Fotos fand ich bei Pixabay.