Oder liegt doch in der Kürze die Würze?
Der Tag scheint gelaufen.
Endlich rollt er wieder
Diese Nuss scheint schwer zu knacken.
Die Schotten sind dicht.
Aller Anfang ist schwer.
Ich habe die Faxen dick.
Mich oder keine.
Der Weg dahin scheint steinig.
Ich hatte das Grauen zu Besuch.
Dummheit ist keine anerkannte Krankheit.
Allesamt kurze Sätze, die bei mir, ohne vorherige Anfrage, eine Rast einlegen, womöglich es sich in meiner intimsten Stube einen gemütlichen Platz suchen und dann nicht mehr (aus unterschiedlichsten Gründen) weichen wollen. Dabei teilweise meine Nervenstränge so lange einer Belastungsprobe unterziehen, bis ich nicht klein beigebe und jeden einzelnen als unauslöschliche Kopie auf einem Blatt Papier verewige.
Erst, wenn ich diesem Verlangen Folge geleistet habe, dann zeigen sie eine erkennbare Bereitschaft, ihre Reise auf der Suche nach Zuwachs fortzusetzen. Ich möchte Wetten darauf abschließen, dass jeder kurze Satz stets davon träumt, eines Tages all das in sich bergen zu können, was Spannung erzeugt und gleichzeitig zum Träumen anregt. - Oder den Glauben an das Gute, wie einen überstrapazierten Ballon, beinahe lautlos platzen lässt
Ewige Skeptiker greifen an dieser Stelle rasch zu einer abgedroschenen Volksweisheit, die besagt, mit dem Träumen mache man sich die Sache doch recht einfach. Verwertbare (in diesem Fall lesbare) Fakten zu schaffen, stelle den Wortakrobaten dagegen vor mannigfaltige Herausforderungen in jeglicher Hinsicht. Vergleichbar dem ambitionierten Freizeit-Turner, der zwar die verbale Rolle rückwärts vor der Glotze, aber auch in der Tiefschlafphase, perfekt beherrscht, am Pauschenpferd sich jedoch in aller Regel einen Knoten in die Unterarme turnt.
Um dem Nagel den Bestandteil zu verpassen, welcher ihn als solcher erst komplett macht und ohne den es nahezu unmöglich scheint, ihn im Sargdeckel versenken zu können, sollte ihm ein Kopf geschmiedet werden. Für dieses Unterfangen schnappen wir uns im übertragenen Sinn den Satz »Der Tag scheint gelaufen.« und schmieden daraus ein Konstrukt, welches all das besser verständlich macht, was uns der Satzschmied damit zu veranschaulichen versucht.
Was mir sofort auffällt, sind zwei Besonderheiten, die es lohnt, einer näheren Begutachtung zu unterziehen. Als da wären:
- Mein über die Jahre hinweg angesammeltes Wissen über zeitspezifische Begriffe wie die Sekunde, Minute, Tag, das Lebensjahr und – nicht außer Acht zu lassen – das intensive Liebesspiel. Diese Freizeitbeschäftigung fällt übrigens in das beliebig einsetzbare Zeitfenster der dehnbaren oder gar schwer zu definierenden Art. All das lässt keinen anderen Rückschluss gelten, als das nun Folgende zu behaupten. Keines dieser Substantive war je in der Lage (wird es auch in Zukunft nicht sein) Dinge zu vollführen, die mit dem Laufen, Rennen oder Stehenbleiben für internationales Aufsehen gesorgt haben (oder je könnten).
- Anbei gesellt sich erschwerend das Faktum, mit »gelaufen« einem Partizip gegenüberzustehen, welches zwar ursprünglich in der Großfamilie »Verb« eingebunden, doch inzwischen Bestrebungen offenbart, dort auszubrechen, um sich den »Adjektiven« anzuschließen. Ähnlich, wie wir es von der F.D.P. kennen, die ebenfalls Treueschwüre verabscheut und stattdessen den Ringelpiez mit Anfassen bevorzugt. Ergo: Etwas Unzuverlässiges mit dem Tag oder einer anderen festgezurrten Zeiteinheit (das Liebesspiel fällt nicht in diese Kategorie) in Verbindung zu bringen, gleicht einem mathematischen Frevel. Da hilft dann auch die neu zugelegte Kennzeichnung »Verbaladjektiv« nicht wirklich weiter.
So liegt es jetzt an uns, aus diesem viel zu kurz geratenen Satz über den gelaufenen Tag, etwas zu schmieden, womit der Tag an sich, der Tüftler bezüglich Satzbau, der Träumer, der Abenteurer, als auch der Desillusionierte zufrieden sein und damit tiefenentspannt der unausweichlich sich nahenden Zukunft zuwenden kann. Um überhaupt das Feuer im Schmiedeofen auf Temperatur zu bringen, sollten wir uns darauf einigen, »gelaufen« erst einmal den Flammen zu übergeben.
Adidas, Nike oder Puma scheiden der argumentativen Logik folgend frühzeitig als Werbepartner für noch kommende Tage aus. Aber womit lässt sich ein Tag dekorativ bestücken, damit wir ihm überhaupt in einem vollendenden Satz unsere Aufmerksam zukommen lassen? Er huscht nicht dahin, zieht sich nicht wie Kaugummi und hinterlässt erst recht keine Spuren. All das, was wir als solche zu deuten wissen/versuchen, kann beim besten Willen keinem Tag angekreidet werden.
Er erlaubt es sich doch lediglich seinem Job nachzukommen und unaufhaltsam dem bei aufkeimendem Tageslicht nachzukommen, wozu ihn die Gravitation eines Planeten zwingt. Erlischt dieses von der Sonnenseite gespendete Licht, ist es mit dem Tag auch schon vorbei. Da wir allerdings mit solch natürlichen Sachen wie Tag und Nacht nicht wirklich artgerecht umzugehen wissen, nahmen wir den Tag vorsichtshalber in Sicherheitsverwahrung. Um ihn besser von irgendwelchen Nachahmern, Doppelgänger oder mediengeilen Mitläufern unterscheiden zu können, kamen wir auf die geniale Idee, ihn mit einem Namen zu kennzeichnen.
Völlig überrascht von der eigenen Glückseligkeit, dass nach sieben mit Vornamen versehen Tagen nicht das Ende des Geländes erreicht ist, kam ein schlaues Kerlchen auf die Idee, jedes einzelne Familienmitglied mit einem spezifischen Datum zu versehen. Und genau dies war die Geburtsstunde des Kalendertages und der damit einhergehenden zeitlich einzuordnenden Denunzierung. Fortan wurden nämlich amtlich gekennzeichnete Tage für die hinterbliebene Scheiße verantwortlich gemacht, die ihr gieriger, menschlicher Parasit achtlos hinterlassen hat.
Jetzt stehe ich da und starre wie gebannt in das Feuer der literarischen Reinkarnation, in welchem ich aus dem als rachitischen diagnostizierten Satzgebilde »Der Tag ist gelaufen.« ein Geschenk an den Leser schmieden soll.
Da das Spektrum zwischen Schrott, Kitsch, alltagstauglich, bemerkenswert und „Nagel-auf-den-Kopf-getroffen“ gewaltig scheint, versuche ich mich (ganz ohne Sicherungsseile) am Erklimmen des Punktes/Satzzeichens, der/das einen aussagekräftigen Aussage/Botschaft allgemeingültig beendet.
Das geschmiedete Resultat:
Den Tag als solchen wahrgenommen zu haben, grenzt nahe an ein Wunder, da bereits der Übergang vom scheidenden in den taufrischen, aus meiner Perspektive leicht nebulös, in einem Zustand, der umgangssprachlich als feuchtfröhlich bezeichnet und getrost als Vorstufe zu besoffen betrachtet, sein Debüt gab, ich (da zu sehr mit mir selbst beschäftigt) ihm keine Aufmerksamkeit schenkte, stattdessen zu einem späteren Zeitpunkt mein Bett ansteuerte und umgehend feststellen musste, einen Tag erwischt zu haben, welcher sich nicht nur mit dem Planeten, sondern sich selbst zu schleudern weiß, was mich letztlich, kurz vor dem Verlust sämtlicher Sinne, zu der festen Überzeugung führte, es wohl mit einem gebrauchten Tag zu tun zu haben, dem daher auch keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.
Der Tag war gelaufen!
Eine kleine Randbemerkung:
Schachtelsätze (manchmal auch passenderweise als Satzlabyrinth bezeichnet) sind und bleiben nicht der Weisheit letzter Schluss. Zum einen sind sie meist mit allen Zutaten gewürzt, die den Leser der Konzentration zu berauben wissen und zum anderen hängt der Verfasser im Anschluss oftmals gefühlt ewig über dem Monstrum, um ganz sicherzugehen, dem »verschachtelten« auch etwas Sinnvolles abgewinnen zu können.
Kafka liefert uns in seinem »Prozess« ein wunderbares Beispiel.
K. achtete auf diese Reden kaum, das Verfügungsrecht über seine Sachen, das er vielleicht noch besaß, schätzte er nicht hoch ein, viel wichtiger war es ihm, Klarheit über seine Lage zu bekommen; in Gegenwart dieser Leute konnte er aber nicht einmal nachdenken, immer wieder stieß der Bauch des zweiten Wächters- es konnte ja nur ein Wächter sein- förmlich freundschaftlich an ihn, sah er aber auf, dann erblickte er ein zu diesem dicken Körper gar nicht passendes, trocknes, knochiges Gesicht mit starker, seitlich gedrehter Nase, das sich über ihn hinweg mit dem anderen Wächter verständigte.
Die Fotodokumente entstanden in meiner heimeligen Kuschelkammer.