„Die Schwierigkeit, mit den meisten Leuten umzugehen, besteht darin, zu ihnen gleichzeitig ehrlich und höflich zu sein.“
Eine Hommage auf André Heller
Dienstag – und wo bleibt der Gemischtwarenladen?
Der bleibt aus gegebenem Anlass geschlossen. Der Betreiber des Ladens muss sich nämlich dringend hinterfragen, auf welche Wiesen er seine Gedanken zum Grasen schickt und dabei den 75. Geburtstag einer seiner größten Idole verschläft. Also höchste Zeit für einen Ruhetag zwischen und auf den Regalbrettern, um Versäumtes nachholen.
Wann wir erstmals zueinander fanden? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Ich bin mir lediglich dahin gehend sicher, wo es war. Er verlieh, wohl nicht ganz uneigennützig, seine Musik und den Gesang dem Radio, die ließen sich nicht lange bitten, während ich an einem Ort nahe der Schweizer Grenze vor dem dröhnenden Dudelkasten saß und gierig aufsaugte, was mir aus dem Äther serviert wurde.
Und da war er dann. Galaxien entfernt vom Rock ’n’ Roll, kein Protest und weitab der Liedermacherei. Herr Heller aus Wien hatte sich fest vorgenommen, mich mit einer gewissen Jean Harlow bekanntzumachen.
Wie bitte? Wer ist Heller, wer diese Harlow und noch viel wichtiger: Was hat der Mann noch so auf Lager? Was sich damals bei mir, wie eine kleine, fiebrige Neugierde anfühlte, sollte sich als eine lang anhaltende Infektion herausstellen.
Ich musste mehr, viel mehr über den Künstler erfahren, der es wagt, so voller Selbstbewusstsein sein Ding durchzuziehen! Da die Ankündigung: „Ich gehe mal kurz auf die Suche im Internet.“ , mich zur damaligen Zeit wohl eher in eine Abteilung für neurologische und psychische Erkrankungen, als einen Schritt näher an brauchbare Erkenntnisse gebracht hätten, galt es den Vinyl-Scheiben-Dealer meines Vertrauens so lange zu nerven, bis er verwertbaren Stoff über die Ladentheke schieben konnte.
Heller schrieb Gedichte, die vielleicht so manch einer hören, aber keinesfalls in gedruckter Form erst kaufen und dann auch noch lesen wollte. So nahm er sich seiner Worte an, tauchte sie in den riesigen Notentopf mit der Vielfalt seiner Farben und formte Lyrik in Lieder. Dass es ihm noch nie an der notwendigen Prise Selbstbewusstsein fehlte, bewies er mit der Auswahl der Titel für seine ersten drei Veröffentlichungen: Nr.1 (1970) ließ er Platte (1971) folgen, um dann 1973 den eigenen Abklang einzuläuten, indem er die Platte mit Das war André Heller in Umlauf brachte. Dass es dann doch nicht DAS mit dem Heller war, bezeugen weitere 18 LPs.
In all der Zeit, die wir seit jenen Tagen, Heller in Wien und ich in Griffnähe zu Basel, miteinander verbracht haben, verfestigte sich meine Überzeugung, dass dieser Francis Charles Georges Jean André Heller-Hueart mit einem 10-Gang Getriebe unterwegs sein muss, dem die Mechaniker jedoch vergaßen, den Leerlauf, respektive den Stillstand zu integrieren. Vom Schreibtisch ins Theater, aus dem Zirkus vor die Kamera, mitten aus dem Feuerwerk erneut vor das offene Mikrofon – niemals ein Kreis, sondern immer auf der Suche nach Veränderung.
Für immer jung!
Wie so oft, bei solch festlichen Anlässen, wie es das Erreichen des 75. Lebensjahres mit Sicherheit ist, kommt auch der Laudator nicht ganz mit leeren Händen. Da wir nun so viel von der Musik und ihren oft prägenden Worten sprachen, schenke ich Ihnen einige meiner Gedanken.
Wörter
Sie verführen mich
Begeistern mich
Begleiten mich in eine andere Welt
Zwischen verwunschenen Korkeichen
Mit meterdicken Stämmen
Und Zitronenfaltern
Die an ihrer Eitelkeit zugrunde gehen
Wörter, die ich suche
Verstecken sich oft wochenlang
Sie kommen mal schwungvoll
Manchmal stotternd oder gar lasziv
Bisweilen nachdenklich
Leider oft vorgeeilt dem Verstand
Doch die Geschichten
Die sie konstruieren
Bergen einen Zauber
Der mich mit tausend Knoten fesseln kann
Wörter, die ich schreibe
Sind aber auch oft farbloser als das Papier
Sie bringen Kälte
Verachtung und den Schmerz
Sie biegen, zerreißen und erschlagen
Manchmal erzählen sie ungeschminkt
Von der Wahrheit
Doch meist setzte ich mich mit ihnen
Gleich einem Narziss
Lediglich in ein schöngefärbtes Licht
Wörter, die ich liebe
Beißen sich unerbittlich an mir fest
Da hilft kein Reißen
Kein Zerren
Auch wenn ich spüre
Wie sie oft rasend schnell
An Kraft verlieren
Doch giere ich nach ihrem Verbleib
Als stete Begleiter durch den Tag
Es war mir eine Freude, Herr Heller.