Ich beginne mit einem Vorschlag.
Gönne dir einmal das Vergnügen (im Rahmen eines an dich selbst in Auftrag gegebenen Forschungsauftrages) und befrage deinen Nachbarn bei einer sich günstig bietenden Gelegenheit, welche Adjektive ihm im Kontext der Manipulation spontan einfallen.
Warum gerade der Nachbar?
Weil der einem ohnehin ständig über die Füße stolpert und ein in die Tiefe gehender Gedankenaustausch über die Beschaffenheit eines guten Straßenbesens nicht hinauszugehen scheint. Was dich allerdings dann auch wenig verwundert, da du dir gleichzeitig zu annähernd hundert Prozent sicher bist, dass der Pantoffelheld nur das fleischgewordene Sprachrohr seiner Gattin zu sein scheint.
Ich verwette nicht unwesentliche Teile meines Allerwertesten, dass in der Antwort des pedantischen Asphaltpolierers sich die drei Begriffe betrügerisch, unehrlich und trickreich ein gemütliches Zuhause eingerichtet haben. Kein Wunder, da es nahezu exakt das wiedergibt, was allgemein mit der Manipulation unzertrennlich in Verbindung gebracht wird. Da auch die manipulierte Katze jedoch ungern auf drei Beinen unterwegs ist, füge ich (aus Gründen der Stabilität) noch subtil hinzu. Schwuppdiwupp, und schon steht die manipulative Trickserei auf einem festen Fundament.
Doch lässt sich dieser komplexe, beinahe gar übergewichtige Begriff mit nur vier Adjektiven seiner multiplen Masken entledigen? Schwer vorstellbar. Denn so manches Mal taucht die Manipulation auch vollkommen ohne Verkleidung auf. Doch trotz aller Transparenz wird sie nur in den seltensten Fällen als solche entlarvt.
So wurde ich als Dreikäsehoch von meiner Mutter viel zu oft am ohnehin konstant langweiligen Sonntagnachmittag mit zu Freundinnen geschleppt, wo dann im auf Hochglanz getrimmten Wohnzimmer dem Kaffee, Kuchen, Tratsch und Eckes-Edelkirsch gehuldigt wurde.
Nachdem (bei einer wahren Tortur für jedes Kind) meine beiden Nasenlöcher ausgiebig erkundet, das lauwarme Mineralwasser mir aus den Ohren zu laufen drohte und das Gesabbel der Erwachsenen das Unerträgliche erreicht hatte, schien es mir an der Zeit für eine immens wichtige Frage:
»Wann redet ihr endlich über mich?«
Nachdem die spontan aufgekommene Erheiterung sich wieder gelegt hatte, rückten beschönigte Episoden aus meinem bisherigen Leben unangefochten in den Vordergrund.
Offensichtlicher kann Manipulation (obwohl nicht bewusst angewandt) dennoch das erhoffte Resultat liefern.
Unzweifelhaft erscheint mir allerdings die kognitive Anwendung der Manipulation, bei der letztlich nur die Frage im Raum steht, wer von der bewussten Trickserei am meisten profitiert?
Die Argumentation des mehr oder weniger gewieften Bauernfängers:
»Ich habe es ja nur gut gemeint. Man hilft nun mal, wo man nur kann.«
Ehrenwert, fürsorglich und verdammt nahe an der selbstlosen Wohltätigkeit.
Die von Erleichterung geprägte Reaktion des/der „Verarschten“:
»Jetzt bin ich erleichtert. Ich glaube, allein wäre ich da nie und nimmer drauf gekommen?«
Gutgläubig, nachvollziehbar und verdammt nahe an der Alltäglichkeit.
Nehmen wir als Beispiel die zwischenmenschliche Manipulation im intimsten Bereich. Auch hier wird sich herausstellen, dass es sich äußert schwierig gestaltet, klare Gewinner oder Verlierer eindeutig zu benennen.
Lars baggert mit vollem Einsatz seit einer gefühlten halben Ewigkeit (ugs. übersetzt: exakt 2 Wochen) an Tanja, um endlich zumindest dort eine Hand anlegen zu können, wo augenblicklich noch zwei Körbchen mit zwei über die Schulter führenden Träger für eine vertikale Stabilität sorgen. Wobei von der danach erhofften extensiven, ins Intensive übergehenden Beinschere noch gar nicht die Rede sein kann. Schritt für Schritt, wie Lars seinen Tanz auf der Stelle Freunden gegenüber zu erklären versucht, die bereits seit Tagen auf die Meldung vom Vollzug warten.
Der auf diese Art so furchtbar darbende Schwerstarbeiter, unter Sportlern und bei den Kumpels nicht unbedingt als ausdauernder Geher bekannt, ändert seine bislang fruchtlose Taktik und greift zum Getriebeöl für den Vorwärtsgang – die perfide Manipulation. Aus dem Grund die hinterlistige Variante, weil es für die plumpe Vorgehensweise bereits viel zu spät ist.
Am darauffolgenden Abend, wie üblich am Rand des kleinen Teichs im Stadtpark, als Lars die Erkenntnis nicht weiter ignorieren kann, dass das Zungenspiel mit Tanja erneut in der Sackgasse enden wird, greift er in seinen sorgfältig vorbereiteten Wortschatz, dem er mit einer extra großen Portion Blüten einen verführerischen Duft zu implantieren versucht.
Er schwafelt, was das Zeug hergibt von schlaflosen Nächten, nie enden wollenden Gedanken, Tagträume im rosaroten Licht und einer Zukunft in ewig verliebter Zweisamkeit. All das nur möglich, da sie, seine Tanja, für ihn wie ein unverzichtbares Lebenselixier scheint.
Lars scheint wie im Wahn und Tanja verabschiedet sich gleichzeitig spontan von ihrem Verstand. Kurze Zeit später gleicht das Ufer am Weiher einem nordafrikanischen Textilbazar. Tanja definiert das Glücklichsein grundsätzlich neu, während Lars noch weiter von der ewigen Liebe faselt – haltbar zumindest eine halbe Ewigkeit. Wohlgemerkt für seine Verhältnisse, was die halbe Ewigkeit betrifft.
In Fachkreisen bezeichnet man diese Form der Manipulation als „Love-Bombing“.
Ob Lars das auch weiß?
Ich könnte einfachheitshalber bei Tanja und Lars verweilen, um dem Phänomen Manipulation weitere Masken von dessen Angesicht zu reißen. Doch gönnen wir den beiden ihren gemeinsamen Ritt in Richtung Ernüchterung und wenden uns lieber Wendelin Koma aus Paderborn zu. Dieser deutsche Bürger mit seinem lebensbejahenden Nachnamen sonnte sich 1996 im gut behüteten Schoß des Staates als Oberstudienrat am örtlichen St. Michael-Gymnasium.
Wendelins kirchlich wie von Staatswegen angetraute Gattin Jolanda, geb. Scheintod, (wen wundert es, bei einer solchen Mixtur, dass Jolanda sich gegen einen Doppelnamen entschied) konnte zwar ebenfalls auf ein abgeschlossenes Pädagogik-Studium hinweisen, sah aber sehr früh von einem Aufeinandertreffen mit einem ganzen Klassenverband ab. Sie konzentrierte sich uneingeschränkt auf die Schwarzarbeit als Nachhilfelehrerin, Mutter und Köchin.
Die glücklicherweise von schweren Traumen bis in das Jahr 1996 verschonte Familie, die treu und brav stets ihr erwirtschaftetes Guthaben der Sparkasse anvertraute, sah sich in jenem Jahr zu einem revolutionären Schritt genötigt. - Vielleicht auch gezwungen oder gar durch eine außerirdische Hand geführt.
Wendelin, dem bislang niemand so schnell eine Null für eine Eins vormachen konnte, erhörte die Nachricht des Propheten Manfred Krug. Ein Typ (zwar nirgendwo im Neuen Testament erwähnt) – aber doppelt überzeugend in seiner Botschaft als beispielsweise Nahum, der den Untergang der assyrischen Hauptstadt Ninive zwar großmäulig vorhersagte. Allerdings nur, weil er deren Zerfall selbst miterlebt hatte. Da ist doch dann Herr Krug ein ganz anderes Kaliber.
Trotzdem stellen sich die Fragen:
Prophet = Manipulator?
Eine Aufgabe für Mathematiker oder den Philosophen?
Wendelin Koma bezeichnete sich jedoch selbst mehr als den Experten für Werke der Bildenden Kunst und auf dem neusten Stand bei der ordnungsgemäßen Konjunktion von Voll-, Hilfs- und Modalverben. In seiner, für beamtete Lehrkräfte so typisch knapp bemessenen Freizeit, zog es Wendelin in der Regel in ganz andere Sphären.
Denn anders kann seine verbale Reaktion auf Manfreds Botschaft nicht gedeutet werden.
O-Zitat W. Koma, Paderborn in Richtung M. Krug: »Dein Wort in Gottes Ohr.«
Nur wenige Tage später saß der Oberstudienrat seinem Berater in Bezug auf Geldanlage bei der Sparkasse gegenüber und war mächtig stolz, da er sich ab sofort als Aktionär der Deutschen Telekom bezeichnen durfte. Was das Honigkuchenpferd unter den frisch gebackenen Anlegern bislang nicht ahnte, war die nicht zu leugnende Tatsache, dass Gottes Ohr die Signale falsch gedeutet hatte. Denn ab jenem Tag durfte er nur noch neidisch auf die Gewinner dieser Manipulation blicken.
Auf jeden Fall Manfred Krug und die Sparkasse.
Ein solches Verhalten bezeichnet man dann auch als die komplette Aufgabe jeglicher Autonomie des Denkens. Wendelin Koma blendete die grundsätzliche Regel des Kapitalismus aus (da bereits in jeder Hinsicht in den Klauen des medial bekannten Bauernfängers), die da lautet: „Hüte dich davor, in etwas zu investieren, wovon sich der Staat zuvor freiwillig getrennt hat.“
Käme der Staat heute auf die Idee, die Rentenversicherung aus dem staatseigenen Portfolio auszuklammern und als AG an die Börse zu bringen – wer wäre bereit, in das Papier auch nur die lauwarme Luft aus dem ständig leeren Portemonnaie zu investieren? Da Manfred Krug aus dem Geschäft scheint, hätte der Finanzminister wohl auf Guido Maria Kretschmer zurückgreifen müssen, der ja auch fähig scheint, seine Großmutter zum Schnäppchenpreis dem gutgläubigen Konsumenten schmackhaft zu machen.
Seien wir doch einmal ehrlich zu uns selbst. Tag für Tag sind wir der Manipulation ausgesetzt – und so manches Mal kommt sie uns auch gerade recht. So wie der Fernsehverkäufer, der (weil mit Sicherheit vorab am eigenen Leib getestet) keinen noch so gewieften Schachzug auslässt, um dich davon zu überzeugen, dass das neue Gerät dir zukünftig in allen nur erdenklichen Lebenslagen als Partner treu und hingebungsvoll zur Seite steht. Beim Matratzensport, Essen oder beim Pennen.
Das sind doch unschlagbare Argumente!
Nicht unberücksichtigt im Regal bleibt das 3-Wetter-Taft für den Intimbereich, da weder die üppige Lockpracht noch der stylishe Kurzhaarschnitt aus der Form geraten dürfen.
Mit dem neuen Auto zurück in die Zukunft und dem Gesundheitsminister auf die Schlachtbank.
Marionette oder folgsames Tier?
Ich bin mir augenblicklich nicht mehr ganz so sicher, wo ich meine Artgenossen und mich selbst einzuordnen habe?
Könnte mir jemand helfen, eine eigene Meinung zu bilden?