Achte sorgfältig auf das, was dir wertvoll erscheint.
Die Vorgeschichte:
Auf welche Möglichkeiten besinnt sich ein Mensch, der sich wortgewaltig gegenüber einer breit gestreuten Öffentlichkeit als ein Jemand zu präsentieren gedenkt, der er nie war und sich selbst bislang sogar für unsichtbar hielt? (Klingt ein wenig nach Politiker.)
Oder er hier: Ihr seit Jahren in unendlicher Verliebtheit verbunden und der so unnahbaren Herzdame dennoch fern wie und je. Doch nun steht der Durchbruch bevor, denn er möchte ihr einen „selbst geschriebenen“ Roman als Liebesbeweis überreichen.
Möglicherweise auch jemand wie Arthur Klein aus Backnang, der seine heimlich, still und leise im Keller gefertigte Erfindung einem großen Publikum schmackhaft machen möchte? Jedoch, auf der Suche nach passenden Wörtern, regelmäßig seiner beschränkten Möglichkeiten des Machbaren auf diesem Terrain bewusst wird?
Solch ein Mensch verfasst und sendet anschließend das, was auch als Hilferuf bezeichnet werden könnte, an eine Adresse wie die meinige.
So ist es auch zu erklären, dass vor wenigen Tagen es die Bitte auf den Monitor schaffte, ein romantisches Ereignis, welches einst den Bittsteller emotional durch alle verfügbaren Winde der Gefühlswelt wehte, in passende Worte zu verpacken, damit am Ende nur noch die Trauzeugen und der Standesbeamte gesucht werden müssen.
Obwohl Gegebenheiten der Herz-aufblühenden-Art in der wirren Asservatenkammer meiner Gedankenwelt stets griffbereit scheinen, meldete sich in diesem Fall augenblicklich die tief in mir eingebaute Blockade-Applikation. Der Grund war offensichtlich und fand sich wieder im geschäftlichen Anhang der Mail.
Umfang: 200 bis 300 Wörter, maximal.
Bezahlung: 3 Cent pro Wort.
Letztlich nichts anderes, als der Zuhälter meines Wortschatzes.
Wie hoch muss die Temperatur des Badewassers gewesen sein, in dem dieser frustrierte „Freier“, auf der Suche nach günstiger Befriedigung eigener Wünsche, sich zuletzt suhlte?
Es war noch nicht einmal so, dass der angebotene Gegenwert für die zu liefernden Wörter mich auf die Palme jagten. Vielmehr stellte sich mir die Frage, wie es überhaupt möglich sein kann, eine überzeugende Liebesbotschaft auf das Niveau einer Packung Dübel aus dem Baumarkt zu reduzieren?
Ergibt pro Stück …
Es liegt nicht völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft (selbstverständlich nur bei völliger Nichterwähnung von Wortumfang und Stückpreis) dass meine Antwort so hätte lauten können:
»Einverstanden. Ich werde mein Bestes geben und dem Anlass entsprechend, etwas Brauchbares in Zeilen fügen. Endet es auf dem Standesamt, würde ich mich, sozusagen als Gegenwert, über eine Einladung zur Sause freuen.«
Doch hatte dieser Sonderzug den Bahnsteig bereits verlassen – und mit einem raschen Ersatz war nicht mehr zu rechnen.
Nicht unerwähnt sollte in diesem Zusammenhang bleiben, auf dem Gebiet für das Zwischenmenschliche und mit jeder Menge Schmalz auf der Rutsche ins Glück, auf eine ansehnliche Ansammlung abgeschlossener Texte zurückgreifen zu können. Name, Vorlieben, Haarfarbe und BH-Größe sind dann rasch geändert. Da schmerzt dann das von mir gemachte Sonderangebot auch nicht wirklich. Zumal gleich im Anschluss festlicher Trauungen Dinge passieren können, die anschließend meinen Katalog (gefüllt mit Irrsinn aus dem wahren Leben) um einige Seiten erweitern könnten.
Ohnehin gibt es oft reichlich Gründe, sich über den Einfallsreichtum beim Feilschen zu wundern, wenn es um den Gegenwert eines Wortes geht.
Es liegt nicht allzu lange zurück, da zerbrach sich kaum ein Schreiberling darüber den Kopf. Dreiviertel aller Aufträge kamen vonseiten der Gazetten, bei denen die Abrechnung über die Spalten-Zeile erfolgt. Doch, mit dem Dahinsterben der Printmedien hat sich auch in dieser Branche so einiges verändert. Wo zuvor fünf bis sechs Spalten gefüllt wurden, existiert heutzutage nur noch eine Zeile in der Online-Ausgabe. Die Vergütung berechnet sich nach geliefertem Wort.
Wobei dem Lektor im Verlag die enorm wichtige Aufgabe zufällt, im Originaltext nach möglichst vielen Möglichkeiten zur Gestaltung von Komposita zu fahnden. Also, mehrere Wörter zu einem einzigen zu vereinen. Und auf diesem Gebiet der Kostenreduzierung zeigen sich die Jungs und Mädels enorm einfallsreich. Ein zweifelhaftes Gebaren. Dennoch üblich unter den Angestellten, wenn jemand von außerhalb am gefüllten Geldbeutel des Chefs zu knabbern versucht.
Mit Abstand hinterlistiger sind die, die von null und nichts einen blassen Schimmer haben, jedoch inständig damit kalkulieren, mit der Investition in eine Wörter-spuckende Hure, eigene Geschäfte manipulativ auf die Erfolgsspur zu leiten. Ethische Grenzen zu überschreiten, gehört dabei zum Alltag.
Nur wird hier etwas ganz Wesentliches übersehen. Ich sehe mich ausschließlich in der Rolle als Beschützer (Zuhälter, Stenz oder Kuppler) meines Wortschatzes und versuche dabei, stets die Würde dieses kostbaren Schatzes zu bewahren.
Wenn einer der irrigen Meinung nachhinken sollte, Wörter (passend für den gewünschten Augenblick) seine unaufhörlich abrufbar, der müht sich auf dem Holzweg durch sein geistig eingeschränktes Leben.
Nehmen wir als einfaches, aber sehr anschauliches Beispiel, die Worte Kabale und Liebe. Unterschiedlicher in ihrer herkömmlichen Bedeutung, wie es kaum sein kann und trotzdem von Schiller vereint. Der Meister war sich wohl selbst nicht ganz sicher, ob die beiden Gegensätze sich auf Dauer zu einem tragischen Zusammenspiel finden könnten. So versuchte er es ursprünglich mit einem Kompromiss und nannte sein Trauerspiel schlicht nach der Hauptdarstellerin: Louise Miller.
Da jedoch der geniale Hüter der Worte, Friedrich Schiller, so sorgsam und voller Hochachtung gegenüber den Wörtern Kabale und Liebe umging, vertragen sich beide bis zum heutigen Tag.
Es ist also kein leichter Job, für den Zuhälter der Worte.
Für heute liegen etwa folgende Krankmeldungen vor:
Der Beinbruch fehlt wegen einer akuten Mandelentzündung, was bedeutet, dass ich auf absehbare Zeit über Polizeieinsätze und ihre unabsehbaren Folgen nicht berichten oder diese kommentieren kann.
Die Nierensteine stehen vor einer schmerzhaften Trennung und baten um eine Auszeit von zumindest 12 Tagen. Nicht besser steht es um die Augenhöhe, die vom Grauen Star befallen scheint. Ein Termin beim Facharzt kann sich über Monate hinziehen.
Zudem steht die 2. Runde der Tarifverhandlungen mit den Adjektiven an, wobei sich deren zwei Verhandlungsführer Echt und Mega-Cool als wenig kompromissbereit zeigen. Wohl sich dessen bewusst zu sein, dass der gesamte Laden ohne irre, voll geil und affen-super-extra-scharf überhaupt nicht am Laufen gehalten werden kann. Adjektive entpuppen sich immer mehr als die Weichensteller für eine wortgewaltige Fahrt in den wirtschaftlichen Abgrund oder auf das Matterhorn der irrationalen Silbentrennung.
Selbstverständlich beschäftigten sich auch meine Gedanken bereits mit der Möglichkeit, Wörter von jenseits der Sprachbarriere in mein Repertoire einzubeziehen. Aber kann mir bitte jemand erläutern, wie ich dabei den Beinbruch ersetzen soll? A broken leg hat nun mal rein gar nichts mit dem Halsbruch zu tun, mit dem der Beinbruch so eng verbunden scheint.
Außerdem begibt sich ungern jemand u visini očiju wenn er unbedingt auf Augenhöhe agieren möchte.
Zudem sollte sich vonseiten der gierigen Freier die Tatsache etablieren, dass die „Zuwanderer“ nicht günstiger zu haben sind, nur weil sie mit dem ö, ä oder ü nicht sachgemäß umzugehen wissen.
Als abschließendes Beispiel will ich die Alternative in den Vordergrund meiner Besorgnis hieven, da sie sich zurzeit recht intensiv mit Auswanderungsgedanken beschäftigt. Anfänglich war noch als Ziel von einem Campingplatz nahe Maastricht, nahe der deutsch-belgischen Grenze, die Rede. Jetzt plötzlich könnte auch als Destinationen Hammerfest infrage kommen. (Wem der Ort kein Begriff sein sollte, dem sei verraten, dass gleich hinter dem Ortsausgangsschild der Stadt die Welt aufhört.) Jetzt mag wohl jeder erkennen, wie ernst die Lage ist.
Bei meinem letzten Versuch der Beeinflussung machte mir die Alternative jedoch klar, dass es möglichst weit weg vom Landkreis Lippe und Thüringen sein muss, da ihre Befürchtung Tag für Tag wachse (und nicht nur in jenen Regionen), in naher Zukunft bewusst missbraucht zu werden. Wie bereits vor 1945 geschehen.
Die Zeiten seien nämlich passé, in denen sie als Alternative Anwendung fand, wenn es darum ging, sich zwischen Butter und Margarine zu entscheiden, die Jeansjacke aus dem Schrank zu holen oder doch lieber in das Leinen-Sakko vom Designer zu schlüpfen?
Oder helfend bei der Lösung von proportionalen und antiproportionalen Aufgaben, wie einem doppelten Dreisatz, bereitzustehen. All das sei beinahe gänzlich in den Hintergrund gerückt, seit man sie zu Werbezwecken mit zwei weiteren Buchstaben in einen zweifelhaften Verbund gedrängt habe.
Sie suche daher lieber nach der Alternative zu Deutschland, anstatt die Alternative für das „deutsche“ Land zu sein.
Ganz zum Schluss möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der akribische Wortzähler, mit seien empathielosen, aber dafür umso wirreren kapitalistischen Wertschätzungen, sich anderswo nach einem schriftlichen Katapult in den siebten Himmel umschauen muss.