Die weiße Taube.
Was hat überhaupt, wen, und konkret wann, wohl dazu bewogen, ausgerechnet die weiße Taube als Symbol für einen wünschenswerten, so heiß ersehnten, möglicherweise gar dauerhaften Frieden zu installieren? Geplant oder aus purer Naivität heraus? Sie dann anschließend nicht in den Schubladen der eiligst zusammengeschusterten Behausungen der Gutgläubigen zu belassen, sondern sie (nach volkswirtschaftlichen Kriterien bemessen) vollkommen unbedacht den Krallen der Vermarktungsstrategen zu überlassen? Gab es in diesem Zusammenhang je eine weltweit öffentliche Ausschreibung?
Trotz eiligst eingeleiteter Recherchen in den zugreifbaren Geschichtsbüchern und intensivem Surfen in der weltweit umspannenden Internetzstrumpfhose, ist mir nicht ein einziger Fall bekannt, bei dem es in diesem Zusammenhang zu einer umfangreichen Volksbefragung, geschweige zu einer öffentlichen Angebotseinholung gekommen ist. Sollte ich mich irren – ich bitte um aufhellende Informationen?
Wenn dabei Gegenteiliges ans Tageslicht befördert werden kann und es wahrhaftig mit rechten Dingen zugegangen sein sollte (wovon ich, dank meiner pränatalen, proportional umfangreichen Implantation von Misstrauen gegenüber allen bürokratisch abgesegneten Entscheidungen nicht ausgehen kann), dann scheint mir die geballte Lobby des Traubenzuchtvereins Recklinghausen nicht gänzlich unschuldig an dem, was die adaptierte Taube nun auszubaden hat.
In diesem Gestrüpp der wilden Spekulation gedeihen folgende Fragen prächtig, da der Grundlage, mit der sie verwurzelt sind, unentwegt Humus (in Form von unhaltbaren Hypothesen) beigesteuert wird:
- Hatte Recklinghausen in vor-biblischer Zeit städtepartnerschaftliche Beziehungen zu Ansiedlungen in und um Ägypten herum? Zu jener Zeit, als sich in der Region die Annahme zur Gewissheit verfestigte, dass die weiße Taube eine nicht unwesentliche Portion Frieden in ihrem Gefieder mit sich trägt?
- Warum kann sich heutzutage kein Händler auf dem Kairoer Wochenmarkt an eine offizielle Einladung zum jährlichen Schützenfest in der Ruhr-Metropole erinnern?
- Wie hieß der Kumpel, der damals der Gelegenheit (im wahrsten Sinne der Redewendung) in den Nacken griff und den penetranten Scheißer im weißen Gewand vom Nil an die Ruhr verfrachtete?
- Welcher Tölpel hat die ganze Sache (lange nach der erfolgreichen Inthronisierung der durch Kohlestaub bereits leicht angeschwärzten Taube) dann doch noch so verbockt, dass ein kleinwüchsiger, mäßig begabter Anstreicher und Farbmischer aus Spanien den Profit aus der Sache zog?
Pablo Picasso, zu dem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich gerade knapp bei Kasse – damit einhergehend auch an Farbtuben – ritt auf einem Stier nach Recklinghausen, ermächtigte sich der als gewaltfrei geadelten Taube, ließ sie in einem Vorort von Barcelona chemisch reinigen, erkor sie zu seiner Muse und stopfte ihr einen grünen Olivenzweig quer in den Schnabel. Exakt jenes mediterrane Gestrüpp, das bereits bei Noah auf dessen Arche eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Da Olivenbäume in ihrer Lebenserwartung über Vorgaben so manch biblischer Urväter nur milde lächeln können, sei dem Spanier das Plagiat verziehen. Aber für den Ideenklau im Anschluss den Nobelpreis samt finanzieller Beigabe einzusacken, das sollte in Recklinghausen so manchen Kumpel nachdenklich stimmen.
Ich, für meinen Teil, habe mir ernsthaft vorgenommen, mir ab sofort über die Erfindung eines bisher nicht vermarkteten Symbols den Kopf zu zerbrechen.
Hierbei (gewissermaßen als Beispiel) käme eventuell „der längst verlorene Dativ“ infrage. Frei aus dem alltäglichen Leben gegriffen. Da immer spärlicher nachgefragt, ein geradezu idealer Kandidat für das Symbol vor der Bewahrung des Vergessenwerdens. Da mir das Erschaffen von eindrucksvollen Symbolen definitiv nicht in die Wiege gelegt wurde, versuche ich mich erst gar nicht an stümperhaften Versuchen, sondern beauftrage damit einer dieser hochgejubelten Designer. Einer derer, die es bewerkstelligen, dass der konsumorientierte Bürger sich zum Kauf eines neuen Regenschirms verleiten lässt, allein aus dem Antrieb heraus, weil das Logo des medial geadelten Künstlers auf der Bespannung verewigt ist. Was sich schnell herausstellt – aber einziger Nachteil bei diesem Gebrauchsgegenstand – er taugt nicht bei einem Regenguss, da er nur für Schönwettertage konzipiert wurde. Das spielt letztlich keine Rolle. Hauptsache, der Gegenstand spült unaufhörlich Schotter in die Kasse
Doch wurmt in mir noch immer die Frage, aus welchem, mir nicht nachvollziehbaren Anlass heraus, ausgerechnet die Taube? Dies will und kann (untermauert von einer nachvollziehbaren Logik) nicht unter meine Hirnschale schlüpfen. Was hat die Taube, wie ich sie kenne, mit Frieden zu tun? Wäre es das Gefieder der Freiheit, das man ihr anzudichten versucht – mit einem erheblichen Magenknurren, könnte ich mich diesem Wunschdenken noch annähern. Dem entgegen thront geradezu der Sachverhalt, dass das Drecksvieh sich weltweit die Freiheit herausnimmt, im Sekundentakt dem unbescholtenen Passanten, sei es im Tiefflug oder aus luftiger Höhe, auf die Glatze, die Perücke, das frisch gestriegelte Kopfhaar oder auf die Schulter zu scheißen. Übelste Beschimpfungen im Anschluss perlen an ihrem Gefieder mühelos ab. Dazu gesellt sich, dass mit einer Korrektur in ihren Verhaltensmechanismen in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist.
Was der Taube außerdem vorgeworfen werden kann, ist ihre penetrante Anbiederung an den Menschen, von dem sie sich obendrein ihren Tagesablauf vorschreiben lässt, indem sie völlig überflüssige Nachrichten von A nach B überbringt. Die Vorteile eines gewerkschaftlichen Organisierens, bezüglich des bestehenden Beschäftigungsverhältnisses, welches alle Komponenten einer Ausbeutung beherbergt, bleiben auch zukünftig der Taube fremd, da sie im Fressen, Saufen, Scheißen und der menschlichen Bevormundung ihren Sinn für das Dasein gefunden zu haben scheint.
Wer mich fragt – reichlich wenig für ein akzeptables Friedenssymbol.
Damals, als es darum ging, endlich einmal wieder eine überflüssige Entscheidung zu treffen, weil die üblichen Verdächtigen in den verschiedensten Gremien dieser Welt sich inständig langweilten, da man sich gerade nicht mit einer Pandemie oder einer Heuschreckenplage herumschlagen musste, waren des Falken Hoffnungen auf den Vorsitz im Club der unbeirrbaren Pazifisten nicht unbedingt aus der Luft gegriffen. Letztlich landete er jedoch lediglich auf den hinteren Rängen, was ihn nicht nur bis tief ins Gefieder verletzte, sondern darüber hinaus seine persönliche Einstellung auf Dinge wie Friede, Freude und Eierkuchen rudimentär, wenn nicht sogar komplett veränderte. Zumindest einen Platz im erweiterten Vorstand hätte die Clique der Engstirnigen ihm zugestehen müssen. Eine wissenschaftlich belegte Ursachenforschung hat zwar in diesem Zusammenhang nie stattgefunden, doch setzte sich verhältnismäßig rasch die Einschätzung der geduldig ins Leere schauender Ornithologen durch, die noch heute mit der Botschaft auf Wanderschaft ziehen, der Falke hätte sich um einen effektiven Wahlkampf überhaupt nicht geschert, da für ihn von Anfang an die Taube lediglich ein unnützer Scheißer mit erheblichem Fortpflanzungspotenzial darstellte. Seine volle Konzentration in Zeiten des heißen Wahlkampfs, als die Juroren insbesondere auf das gelupfte Federkleid im Genitalbereich fixiert schienen, lag einzig und allein im Erlernen eines einzigen Satzes, der sich wie folgt anhörte.
»Sehr geehrte Juroren, ich nehme die Wahl an. «
Mir scheint geradezu, als hätte sich der Falke damals der Strategie bedient, mit der Kandidaten für den Aufsichtsrat der Deutschen Bank in eine Anlegerversammlung gehen.
Innerhalb der damals agierenden Jury verbreitete sich (leider erst kurz vor der Amtseinführung der Taube) überraschend schnell die Erkenntnis, dass, außer diesem einen Vorschlag, alternative Angebote an den gekränkten Falken, möglicherweise eine reibungslose Inthronisierung hätten gewährleisten könnten. Sie sollten ausnahmsweise mit ihren Vermutungen recht behalten, denn gleich den ersten Titel, einschließlich einflussreicher Funktion, der dem Falken angeboten wurde, riss er sich unter die Krallen. Fortan trägt der majestätische Mäuse-Jäger den Titel 'Unerbittlicher Hardliner für alle offenen Fragen in der internationalen Geld- und Entspannungspolitik' stolz in seinem Wappen.
Im Laufe der darauffolgenden, mitunter turbulenten Jahre, kristallisierte sich überdeutlich heraus, dass im Berufsstand der gewählten Volksvertreter, mit Vorliebe die weiße Taube von Mikrofon zu Mikrofon und vom Marktplatz zur nächsten Konferenz mitgeschleppt wurde. Die Taube, an die sinnfreie Unterwerfung bekannterweise gewohnt, lässt es sich bis zum heutigen Tag gefallen und fügt sich in ihr Schicksal.
Ganz anders der Falke, der meist das politisch glatte Parkett meidet und aus den Chefetagen der Konzerne und Banken die Richtlinien für die Zukunft vorgibt. Für die medienwirksamen Auftritte der Taube hat er lediglich ein mitleidsvolles Kopfschütteln parat.
Bei so viel gefiederten Nachrichten hat der Dativ jegliche Lust an einer erhöhten Popularität komplett verloren. Vielleicht ist es auch besser so, denn was die Vermarktung betrifft, scheint mir der Instrumentales die bessere Wahl. Der könnte sich möglicherweise auch in Musikerkreisen durchsetzen.