Der unbedarfte Bürger und dessen Schwierigkeiten mit der Orientierung.
Annäherung an das eigentliche Thema.
Kürzlich landete das Ergebnis einer Umfrage des Institutes für Schreibmotorik (gemeinsam mit dem deutschen Lehrerverband) auf meinem Schreibtisch, welches exakt das offenbart, was ich bereits vor Jahren befürchtete. Ein beträchtlicher Teil der Kinder und Jugendlichen sind nicht mehr in der Lage, einen Text handschriftlich und dazu auch noch leserlich (lesbar) auf ein Blatt Papier zu übertragen.
Um den Verlust dieser Fähigkeit etwas besser zu veranschaulichen, bediene ich mich eines Vergleiches.
Das Kind bekommt es zwar hin, die Schuhe anziehen – ist allerdings nur mit erheblichen Schwierigkeiten in der Lage, die Schnürsenkel zu binden. Kann mit der Schere in der Hand Tante Ella den Oberschenkel perforieren, ist dennoch unfähig dazu, das vorgezeichnete Schneewittchen strich-genau auszuschneiden.
Zusammengefasst: Die Grobmotorik funktioniert – die Feinmotorik ist allerdings für den Arsch (ausbaufähig).
Da es hilfreich sein kann, sich selbst auf den Prüfstand zu begeben, schnappte ich mir Griffel und Papier und startete mit dem Projekt, die Zutaten für den dieswöchigen Gemischtwarenladen handschriftlich aufzulisten, lange bevor das erste Regal überhaupt gefüllt wird.
Als essenziell wichtige Zutaten für das heutige Angebot wurden auserkoren: Unkraut, Gestrüpp, die paar Krümel, die von der Demokratie aktuell übrig blieben, ein Käfer (ob der Gemeine oder der mit dem Mist bleibt unerheblich) und das komplizierte Ding mit den zwei Staaten.
Zwei-Staaten-Lösung
Der, der denkt, demokratisch zu sein und der, der wahrlich glaubt, das Rechte zu tun.
Warum?
Es zeigt sich erneut, dass Deutschland mit all jenen, die sich unter diesem Dach wohlzufühlen scheinen und deren praktizierter Meinungsvielfalt, nicht so wirklich umzugehen weiß. Denn sie schwirren wieder umher und bahnen sich ihren Weg in die Köpfe.
Begriffe wie Parteienverbot oder am Ende gar das Berufsverbot. Auch durchlebt in Zeiten der BRD oder der DDR. Was diese Begriffe betrifft, waren beide Staaten bereits lange vor dem Mauerfall innigst vereinigt.
Um es kurz und knapp auf den Punkt zu bringen: Wenn es darum ging, Andersdenkende zum Schweigen zu bringen, waren sie eigentlich nie wirklich getrennt.
Allerdings holte man in früheren Jahren die große juristische Keule aus dem Keller, um Schmeißfliegen und Mistkäfer, also ausgemachte Schädlinge in der demokratischen Vegetation, zu eliminieren (kaltzustellen), als die sich (wenn auch nur kurz) an der Oberfläche zeigten oder versuchten an der 5 %-Hürde zu knabbern. Lediglich an diesem Punkt werden minimale Unterschiede deutlich, da die demokratisch-sozialistischen Bauern im Osten es nicht auf Parteien abgesehen hatten, sondern gleich jede einzelne Stinkwanze an die Mauer drückten oder an dem Betonmonster zerquetschten.
Hier und heute hat der vermeintliche Schädling längst die nahrhafte Humuserde durchforstet, genießt das helle Tageslicht und ernährt sich Biss für Biss von dem mehrfarbigen Parteiengestrüpp, welches sich in den vergangenen Jahrzehnten recht üppig ausgebreitet hat.
Diese, aus einst zarten Wurzeln (wie bei demokratischen Pflanzen allgemein üblich) gesogene oberirdische Üppigkeit, ging nicht nur mit dem Verlust der Widerstandskraft gegen sich anklammernde Schmarotzer einher, sondern reduzierte in dieser unstillbaren Gier auch die eigene Fähigkeit, leuchtende Blüten mit kräftigen Farben zu produzieren, an denen sich der Gärtner (das Volk) erfreuen könnte.
Das Resultat sind unausgereifte Knospen, die wie Fallobst im Spätherbst beim ersten leichten Gegenwind vom Geäst fallen; und sollte es doch zur Blüte kommen, sind sie farblich kaum noch voneinander zu unterscheiden. Kaum wahrnehmbare Nuancen spielen dann eine untergeordnete Rolle, da mit etwas mehr Abstand betrachtet, die Auswirkungen der parteipolitischen Inzucht (Inzest) anhand der präsentierten Tristesse unverkennbar ist.
So, und nun ist da einer dieser Käfer, der nagt Blatt für Blatt, Knospe für Knospe und Ast für Ast von der vermeintlichen Herrlichkeit ab und hortet das Eingeheimste in seinem Bau. Das aufkommende Geraschel im noch verbliebenen Blätterwald der Altparteien entwickelt sich dementsprechend heftig. Übergroß scheint plötzlich die Sorge, dass das Eingeheimste (Abgenagte) des Käfers sich zu dem entwickeln könnte, wozu es in der Natur vorgesehen ist – einer neuen Pflanze das Wachstum zu ermöglichen.
Dies birgt wiederum die Gefahr in sich, der Gärtner (Wähler) könnte beim nächsten Gießen oder Düngen, den einen oder anderen Busch aus dem alten Gestrüpp übergehen. Denn nichts schmerzt eine Pflanze mehr, als ihr die Nahrung zu verweigern. Kein Mandat – und schon bleibt der Guss aus der Finanzierungskanne aus. So einfach ist das.
Ein letztes gar an Verzweiflung grenzendes Aufblühen soll den Gärtner nun so beeindrucken, dass dieser, den inzwischen stattlich angewachsenen Käfer mit einem mannigfaltigen Aufstampfen beeindruckt und anschließend unter der Schuhsohle zerreibt.
Diese naive Hoffnung ruft bei mir Erinnerungen wach: Warten auf das Christkind oder auf den Osterhasen.
Eines sollte nicht unbedacht bleiben: Auch wenn in München 100.000 auf die Straße gehen, bedeutet dies noch lange nicht, dass alle willfährige Gärtner sind.
Da also der einfache Dreisatz, noch eine andere Form der Vergleichsrechnung zu den Stärken der Vorsitzenden und deren Generalsekretäre gehört, schlage ich daher das Model vor, welches man liebend gerne anderen Staaten überstülpen möchte.
Die Zwei-Staaten-Lösung.
Wie könnte letztlich so etwas aussehen?
Da Käfer und Wildwuchs sich flächendeckend, somit landesweit, um Futter mühen, scheidet der glatte Grenzstrich von Norden nach Süden oder vom Rhein bis an die Oder vorzeitig aus dem Angebot der praktikablen Möglichkeiten aus. Dagegen anbieten, würde sich eine Art Schachbrett über das Land der Dichter und Denker zu legen, auf dem Sympathisanten (je nach Gusto) die Felder wechseln könnten. Ausgenommen lediglich die propagandistisch aufgeladenen Läufer, ohne die keine Partei langfristig überleben kann – denn die halten blind, stets und eisern die Spur.
Obwohl diese Schach-Variante sich als gangbarer Weg anbietet, lohnt es vielleicht doch, auch den Blick auf die Friedensreich-Hundertwasser-Alternative zu riskieren. Diese sieht keine festen Grenzziehungen vor, sondern offenbart sich als eine Möglichkeit, bei der, dem stets fließenden Umbruch, alle Türen und Tore geöffnet sind. Daher ein überaus interessanter Ansatz, zumal es auch nicht das erste Mal wäre, dass ein Österreicher mit der »Deutschen Lösung« um die Ecke kommt.
Fließende Grenzen – was kann man sich darunter vorstellen?
Die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten sind weitestgehend selbsterklärend. Es ist nämlich am demokratisch verkrusteten Wildwuchs augenblicklich zu beobachten, wie so manche Seitentriebe, die gestern noch kräftig am Mutterstamm saugten, heute jedoch ihre Blätter nahe dem Boden neigen, um dem Käfer nicht nur entgegenzukommen, sondern regelrecht sich zum Fressen anbiedern.
Es könnte schließlich sein, dass man auf diese Art vom unbeachteten Seitentrieb zu einer eigenständigen Pflanze mutiert. Ab dann eben unter einer anderen Obhut. Hier liegt klar erkennbar der Vorteil der Friedensreich-Hundertwasser-Alternative: Einst nahezu unüberwindbare Abschottungen werden über Nacht urplötzlich zu so etwas wie einer grünen Grenze.
Wenn ich je gefragt werden würde, mein Rat ginge in Richtung Zwei-Staaten-Lösung. Denn Verbote haben bekanntlich noch nie geholfen.
Da mich jedoch niemand um meine Meinung bittet, sitze ich weiterhin brav an meinem Schreibtisch südlich der Karawanken und bemühe mich um eine bessere Handschrift.
Es ist vielleicht auch besser so …