Vorwort:
Wie üblich an Tagen, die dir bereits früh am Morgen die Hitzeglocke übers Haupt stülpen und jedes Vorhaben, eine auch noch so notwendige und lange eingeplante, körperliche Anstrengung im Freien in Angriff zu nehmen, wie eine Seifenblase zerplatzen lassen, rückt urplötzlich wieder all das in den Vordergrund, was normalerweise in den sehr frühen Morgenstunden oder später am Abend fällig wäre.
Der Spaten, die Sense, das nimmermüde Unkraut, auch die Kettensäge dürfen ungestört ihren freien Tag genießen, da ich meinem Schreibtisch auf unbestimmte Zeit Gesellschaft leiste. Liegengebliebener Schriftverkehr, Auftragsarbeiten, Übersetzungen oder das Konvertieren von umherirrenden Gedanken in eine Erzählung oder Prosa genießen dann meine volle Aufmerksamkeit.
Gestern kreuzte dann mal wieder, ein solcher Tag, noch vor der dritten Tasse Kaffee, bei mir vor der Haustür auf. Da noch immer vor dem Rechner sitzend, erteilte ich jeglicher aufkeimender innerlicher Unruhe eine Abfuhr und warf stattdessen einen Blick in mein Postfach, wo, zwischen dem üblichen Schrott, auch eine Nachricht einer meiner Freunde auf ihre Entgegennahme wartete. Der Inhalt ist rasch beschrieben: ein Foto und eine Frage, die darauf abzielte, von mir wissen zu wollen, was mir zu seinem Internetfund spontan einfällt.
Hier nun das Resultat.
Maja Zorn lässt das Wasser laufen.
Es überrascht mich keineswegs, dass ich mich beim Ortstermin exakt mit dem konfrontiert sehe, was mir Kurt Zorn, mein langjähriger Freund, Kegel- und Skatbruder, bereits prophezeit hatte.
Was war passiert?
Am heutigen Morgen, als Kurt mir, während der üblichen Skatrunde am Stammtisch, mit seiner wohl angeborenen, unsanften Art den Ellenbogen in die Rippen rammte, schien ihm offensichtlich der ideale Zeitpunkt gekommen, mir seine Vermutung bezüglich seiner Schwägerin zu übermitteln.
„Wolfram, wenn ich es dir sage, das Weib hat einen komplett an der Waffel. Ich frage mich ernsthaft, was mein Bruder an der bloß findet? Es wird mir wohl bis in alle Ewigkeit ein Rätsel bleiben. Aber vielleicht ist es auch besser, wenn ich es nicht alles weiß. Derartige Bilder im Kopf bekäme ich wohl nie wieder los.“
Natürlich war mir auf Anhieb klar, wem mein Kumpel da gerade das Zeugnis ausstellte. Jedoch konnte ich mir keinen Reim darauf machen, wieso er bereits so zeitig im Jahr ein so hartes Urteil fällt. Normalerweise sind doch Anlässe wie der Jahreswechsel oder (zumindest beim weiblichen Geschlecht) das Ausbleiben der Periode geradezu prädestiniert dafür, Mitmenschen hochzujubeln oder kurzerhand den Stab über ihrem Haupt zu brechen. In diesem speziellen Fall stand offensichtlich ein arg morscher Stab im Fokus des Geschehens. Also höchste Zeit für eine Nachfrage, bevor der Ellenbogen ein zweites Mal nahe meiner Rippen einschlägt.
„Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Ich dachte, zwischen Harald und Maja klappt es wieder bestens? Habe ich etwa was verpasst?“
An dieser Stelle sollte ich zum besseren Verständnis erwähnen, dass es vor circa einem halben Jahr zu einem kleinen Zwischenfall im Anwesen von Harald und Maja Zorn kam. Als nämlich, nach einem heftigen Disput, sich das Ehepaar nicht einigen konnten, wer aus lauter Verzweiflung zuerst aus dem Fenster springen soll. Hätte man dieser Angelegenheit eine Einigung gefunden, der Vollzug hätte sich trotzdem weiter verzögert, denn der nächste Streitpunkt lauerte bereits um die Ecke: Wenn schon springen, dann aus welchem Stockwerk?
Als Auslöser des Ehekrachs konnte eindeutig der gemeinsam gezeugte Sohn ausgemacht werden, dem, inzwischen volljährig, eklatante Mangelerscheinungen im Denkstübchen schwerlich abzusprechen sind. Die Erzeuger konnten sich damals über die prozentuale Verteilung der Schuld für die Schwachköpfigkeit des Sohnes nicht einigen. Harald Zorn wollte und konnte die ihm zugeteilten 100 % so einfach nicht widerspruchslos akzeptieren.
Die Fenster im Erdgeschoss und am Zugang zum Keller wurden sperrangelweit mit viel Geschrei aufgerissen. Doch, wie es sich in einer gut geführten Gemeinde gehört, war die Freiwillige Feuerwehr mit dem sauber gefalteten Sprungtuch rechtzeitig vor Ort. Außerdem erklärte sich der protestantische Pfarrer (vorsichtshalber bei jedem vergleichbaren Einsatz dabei), ohne lange darüber nachzudenken, 36 % der Schuld von Harald zu übernehmen. Dieses großzügige, christliche Verhalten löste prompt Diskussionen in Wohnviertel aus, die nur sehr wenig mit der Blödheit des Juniors zu tun hatten.
Kurts Mitteilungsbedürfnis hatte inzwischen Fahrt aufgenommen.
„Jetzt erzähle mir nicht, du hättest noch nicht die neue Dachrinne und das Fallrohr gesehen, das die hohle Nuss ans Haus hat anbringen lassen. Das ganze Viertel redet bereits nur noch über den Blödsinn. Und jedes Mal fällt dabei der Name Zorn. Das Weib scheint keine Ruhe geben zu wollen, bis unser Nachname komplett im Abwasserkanal weggespült ist. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele dicke Klöße mir augenblicklich im Hals stecken.“
Dieser Behauptung konnte ich nicht widersprechen, obwohl ich mir einen aufgeblähten Hals definitiv immer anders vorgestellt hatte. Aber vielleicht dachte Kurt dabei wohl eher an Grießknödel, wie ich sie, aber nur bei genauer Beobachtung, vereinzelt in der klaren Brühe vorbeischwimmen sehe? Eine unverkennbare, innere Verärgerung konnte jedoch dem Leidgeprüften nicht abgesprochen werden. Ein triftiger Grund mir das Anwesen in der Blumenstraße etwas genauer anzuschauen, da ich meinem Freund nicht zumuten konnte, dass er sich auf seine alten Tage nach einem neuen Nachnamen umschauen muss. Und dies nur, weil die Stadt über eine funktionierende Kläranlage verfügt.
Nach dem Stammtisch erwartete mich dann beim Mittagstisch die nächste Botschaft, auf die ich auch hätte gerne verzichten können. Gerade so, als wäre die Regenrinne von Maja Zorn nicht bereits genügend störender Ballast bei meiner sonntäglichen Bemühung wieder in Harmonie mit meinem Körper und vor allem mit dem meiner geliebten Ehefrau zu kommen. Doch, fast wie ein kleines Wunder aus der Katastrophenschublade, überraschte mich selbige zum Mittagessen mit einem Spinat-Nudelauflauf, gerösteten Sonnenblumenkerne und kratzigem Endiviensalat. Meine sofort eingeleitete Suche nach dem panierten Kalbskotelett brach ich bereits nach wenigen Augenblicken ab, da überhaupt kein einziges Messer auf dem Tisch zu finden war.
Mein fragender Blick wurde mit so etwas wie protestantischer Demut gegenüber dem hilflosen Tier beantwortet. Automatisch kam in mir erneut die Frage auf, was an den Gerüchten um den evangelischen Geistlichen und Kurts Schwägerin wirklich dran ist und ob ich meine Frau nicht doch lieber auf der anderen geistlichen Seite anmelden sollte?
Jedenfalls war es höchste Zeit für frische Luft und eine Bildstörung in meiner Gedankenwelt. Damit auch endlich das fehlende Kalbskotelett vor meinen Augen verschwindet. Um unnötige Spannungen bei der Auslegung sonntäglicher Liebesbekundungen mit dem Anreichern einer tierischen Opferbeigabe nicht auf die Spitze zu treiben, bat ich meine Frau mich in die Blumenstraße zu begleiten.
Dort sind wir nun angelangt und uns mal wieder uneins in der Interpretation dessen sind, was uns da gerade präsentiert wird.
Die ausgeprägte Sprachlosigkeit meiner Herz-Dame, die, ganz nebenbei bemerkt, fast jeden Stich fernab vom Stammtisch macht, weist darauf hin, dass bei ihr die, vor ihren Augen präsentierten, visuellen Einschläge noch nicht ganz verarbeitet sind. Eine ideale Gelegenheit, meinen ersten Eindrücken den Weg in die Freiheit zu gewähren.
„Also, wenn du mich fragst, ist hier mit Kurt ein wenig die Fantasie durchgegangen. Ich kann zumindest keine Ähnlichkeit mit Harald erkennen. Okay, ich kenne ihn zwar nicht so genau. Zumindest standen wir noch nie zusammen unter der Dusche. Doch, und hier beginnen meine Zweifel, der mittige Abfluss ist schon eine Provokation. Da schneidet Kurts Bruder nicht sonderlich gut aus.“
Der unzweifelhaft strafende Blick meiner Trumpfkarte gibt mir sofort zu denken. Weiß sie etwa mehr, als sie vorgibt zu wissen? War da womöglicherweise etwas in der Vergangenheit, was ich verpennt habe? Ich bin gespannt, was jetzt kommen wird.
„Wieso schaut ihr Männer immer sofort dort unten hin und stellt umgehend Vergleiche an? Schau dir doch mal das Objekt als Ganzes an. Mir gefällt es jedenfalls. Nicht so langweilig, wie an unserem Haus. Ich sollte mich mit Maja vielleicht doch bei Gelegenheit treffen.“
Ich brauche mir überhaupt nicht die Mühe zu machen darüber nachzudenken, worüber bei einem solchen Treffen beratschlagt wird? Doch allein der aufkeimende Gedanke, dass so etwas unser Eigenheim zieren könnte, muss im Ansatz erstickt werden.
„Wage dich nur ja nicht, einen solchen Mist in Auftrag zu geben. Muss ich vielleicht auch noch als Modell zur Verfügung stehen? Vergiss es einfach. Unsere Regenrinne bleibt unangetastet. Und damit basta.“
Immer wenn ich mich der festen Überzeugung verschreibe und dabei glaube, mich klar und deutlich ausgedrückt zu haben, werde ich eines Besseren belehrt. Überzeugungen entpuppen sich daher immer öfter als kurzlebige Episoden ohne Happy End.
„Wie redest du überhaupt über eine Person, die du gar nicht richtig kennst? Du bellst doch nur das nach, was dein Kumpel Kurt dir vorgekaut hat. Schau dir lieber die Konstruktion genauer an. Hier hat jemand wirklich genau aufgepasst. Wozu tauglich ist der männliche Körper, wenn er nicht gerade an das Eine denkt? Du brauchst nicht zu lange nachzudenken, ich helfe dir auf die Sprünge. Ihr seid die idealen Durchlauferhitzer. Sobald es oben reingelaufen ist, kommt es kurz danach unten warm raus. Das ist auch der Grund, warum Maja Harald hier so einen opulenten Bauch verpasst hat. Der natürliche Warmwasserspeicher für die Autowäsche. Meiner Ansicht nach eine wirklich gute Idee, auf die wohl nur Frau kommen kann.“
Kann ich da etwa ein süffisantes Lächeln im Gesicht meiner Frau ausmachen? Höchste Zeit, hier ein paar Dinge geradezurücken.
„Wenn du ja den vollen Überblick darüber hast, was die Zink-Blech-Designerin hier im Schilde führte, dann sei mir die Frage erlaubt, warum Harald so dämlich grinst? Weil er endlich mal, ohne um Erlaubnis zu fragen, im Stehen pinkeln darf? Aber wenn ich mal ganz ehrlich sein soll, es macht auf mich eher den Anschein, als habe er sich gerade in die Hose geschissen. Dumm gelaufen für Maja. Ein eklatanter Konstruktionsfehler kann ich da nur sagen.“
Der Etappensieg im Kampf gegen Diskriminierung am Bau scheint mir sicher, da die Herz-Dame dem herzhaften, in ihr aufsteigenden Lachen keinen Einhalt mehr bieten kann. Zu meiner Überraschung legt sie sogar noch einen drauf und gibt sich der Vorstellung hin:
„Vielleicht ist das auch gar nicht Harald? Disput sich Es kann genauso gut sein, dass es jemand ganz anderes ist?“
Ich werfe noch einen letzten Blick auf den verzinkten Stehendpinkler, kann mich weder für Harald, noch für den Pfarrer entscheiden, bin mir aber 100 % sicher, mit der Herz-Dame an meiner Seite den höchsten Trumpf in der Hand zu haben.