- da bleiben Überraschungen nicht aus
Ich muss unumwunden zugeben, mich momentan nicht besonders wohl in meiner Haut zu fühlen. Zuhauf prasselten Neuigkeiten auf mich ein, die sich mitsamt einem kompletten Fragenkatalog urplötzlich vor meiner Haustür türmten.
Das Bemerkenswerte dabei, da absolut untypisch für mich, dass ich ganz allein für das Kopfwirrwarr verantwortlich bin. Normalerweise fällt es mir keineswegs schwer, rasch Schuldige für derartige Schieflagen ausfindig zu machen.
Alles begann am letzten Mittwoch, der sich mit viel Sonne ins rechte Licht rückte und mich am Nachmittag dazu einlud, ausgiebig in jenen Gedanken zu versinken, die sich überraschenderweise allesamt mit meiner Person zu beschäftigen gedachten. Im Laufe dieses gedanklichen Spazierganges fiel mir auf, dass in regelmäßigen Abständen immer wieder dieselbe Frage meinen Weg kreuzt:
»Wie siehst du dich eigentlich selbst?«
Eine passende Antwort darauf zu finden, ohne mich persönlich bereits mit wenigen Silben verärgern wollen, schien nicht weit entfernt von dem, was üblicherweise als unlösbare Aufgabe bezeichnet wird. Gleichwohl aktivierte ich eine kleinere Portion meines ohnehin nicht reichhaltig vorhandenen Feingefühls und machte mich mit der gebotenen Vorsicht an die Beantwortung.
Kopflastig – dies war das erste Adjektiv, welches ich im Kontext meiner Person annehmbar, tatsächlich sogar auf unbekannte Weise sympathisch fand. Nicht zu verwechseln mit engstirnig oder dickköpfig, beide vom Klang her attraktive Beigaben, doch irgendwie nicht derartig kleidsam wie das klassische kopflastig.
Würde ich allerdings die Person befragen, die in meinem Leben den Taktstock schwingt, welchen dieser Kandidaten sie im Orchestergraben mir an die Seite stellen würde, höchstwahrscheinlich würde kopflastig den Platz für die erste Geige, trotz meiner Begehren, nicht ergattern können.
Was drängt sich mir an Erwähnenswertem noch auf, wenn es um meine Person geht? - Da wären unübersehbar die Haare!
Die Dinger wachsen mir nicht ausschließlich auf dem Kopf, sondern ärgerlicherweise auch mitten aus dem Gesicht heraus. Hierbei, mit Abstand die nervigsten ihrer Sorte, wuchern aus der Nase und den Ohren. Meiner Ansicht nach ein erheblicher Konstruktionsfehler, der sich, soweit ich informiert bin, über den Tod hinaus nicht beheben oder abstellen lässt.
Ansonsten, dies glaubte ich zumindest bis letzten Mittwochnachmittag, existiert da nicht sonderlich viel. Direkt unterhalb der behaarten Eierfrucht flanschte mir der Schöpfer von all dem, was wächst und gedeiht, eine Art Energieerzeuger an. Um es Interessierten anschaulicher zu beschreiben, bemühe ich mein minimales Wissen, was technische Zusammenhänge und die Physik in ihrer Gänze betrifft.
Es handelt sich um einen beinahe rechtwinkliger Kasten, ausgestattet mit der Hochleistungspumpe und einer integrierter Luftkühlung. Ein zwar uraltes Prinzip, das sich vielfach im Citroën 2CV und im Porsche bewährt hat und, wenn man dem ADAC Glauben schenken darf, als äußerst zuverlässig, langlebig und sparsam im Verbrauch, in das Guinness-Buch der Rekorde eingegangen ist.
Bemerkenswert (an dieser Stelle sollte unbedingt dem göttlichen Konstrukteur ein Kompliment ausgesprochen werden) ist zweifelsohne der zusätzlich verarbeitete Durchlauferhitzer, der in der sanitären Heiztechnik in seiner unnachahmlichen Effizienz seinesgleichen sucht.
Für eine zusätzliche Energiegewinnung dienen darüber hinaus noch die zwei Windräder, die mir links und rechts in diesen länglichen Korpus angehangen wurden. Ich schätze diese beiden Rotorblätter in besonderem Maße, denn bereits früh am Morgen beim Zähneputzen viel Wind zu machen, in der Disziplin glaube ich mich zweifelsohne als Könner und Experte bezeichnen zu dürfen.
Viel mehr fiel mir zu meiner Person (trotz längerem, teilweise intensivem Nachdenken) nicht ein.
Diese unübersehbare, haarige Angelegenheit hoch oben auf dem Gipfel ignorierend, verspürte ich eine unbändige Lust mein Spiegelbild innig zu küssen. Diese Aktion scheiterte leider in Ermangelung eines dieser mannshohen Spiegel, von denen es bis heute nicht ein Einziger in mein Büro geschafft hat.
Da ich allerdings dermaßen reichlich geschürfte Selbstzufriedenheit unbedingt mit jemandem zu teilen gedachte, wandte ich mich, ohne zu ahnen, welche Folgen es speziell für mich haben könnte, an die Dirigentin, der zwar keine Haare aus Nase und Ohren wachsen, die jedoch (neben dem Taktstock) mit einer spitzen Zunge einwandfrei zurechtkommt.
Keine zwei Minuten nach Überlieferung meiner Offenbarung schleppte diese Dame einen riesigen Spiegel in mein Büro und nahm ein Bad im Imperativ:
»Werfe hier mal einen genaueren Blick rein! In zehn Minuten reden wir dann nochmals über das Thema.«
Wo verbargen sich meine Alternativen? Etwa eine waghalsige Flucht in die Diskussion? (Falls es jemanden interessieren sollte? Das Wort Sinnlosigkeit wurde für derart prekäre Situationen eigens kreiert.) Der bodenständigen Logik folgend, wartete ich geduldig ab, bis die Taktgeberin ihren Durchlauferhitzer aus dem Büro geschoben hatte und setzte erst dann in die Tat um, was mir geheißen ward.
Ein Fehler, wie sich schnell herausstellen sollte, denn unmittelbar, dem ersten, vorsichtigen Blinzeln folgend, machten sich bei mir erste, erhebliche Zweifel an meiner Sehfähigkeit breit. Das tägliche, lange Sitzen am Schreibtisch hatte augenscheinlich meinen Blick auf mich als Gesamterscheinung schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Urplötzlich offenbarten sich mir Dinge, die ich in ihrem vollen Umfang nicht für möglich gehalten hatte. Das Spiegelbild zeigte mir, dass unterhalb meines Energiespenders, von mir vollkommen unbemerkt, sozusagen am Arsch des Systems, zwei Stäbe herausgewachsen waren, die, mit ihren beiden eingebauten Scharnieren, mich mehr oder weniger an Klapp-Spaten erinnerten.
Dieser Mittwoch, welcher sich zu einem besonderen in meinem Dasein entwickeln sollte, war fortan für mich gelaufen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie zufrieden ich mit dem war, was ich von und an mir bis dahin wirklich gut kannte. Wer um Himmels willen benötigt zwei Klapp-Spaten, die, einer genaueren Beobachtung obliegend, überflüssigerweise, wie sich am Tag danach herausstellen sollte, ständig frische Socken verlangen und am liebsten in ausgelatschte Pantoffeln schlüpfen?
Den Donnerstag verbrachte ich, der Gewohnheit folgend, dann vorsichtshalber sitzend und achtete peinlichst darauf, die beiden Fremdkörper unter dem Tisch möglichst konsequent zu ignorieren. Da für Freitag ein Termin in der Hauptstadt anstand, hielt ich mir geduldig die Hoffnung am Kochen, dass sich die Sache bis zu meiner Rückkehr von allein erledigen wird. Wie genau dies vonstattengehen sollte, darauf hatte ich selbstverständlich keine passende Antwort parat.
Ich kann es getrost vorwegnehmen, da das Hüten von Geheimnissen noch nie meine Stärke war. Sie taten mir den Gefallen nicht. Stattdessen klapperten die Teile am Freitagmorgen mit mir vor den Schuhschrank und bekundeten größtes Interesse an den feinst polierten Ausgehschuhen.
Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits erste Kämpfe mit der mir verbliebenen Zeit ausgefochten hatte, stand mir der Sinn nicht nach einem weiteren Disput und ich erfüllte ihnen den Wunsch, nahm mir jedoch fest vor, nach der Rückkehr die Quälgeister nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen. Was ich dann tatsächlich in die Tat umsetzte.
Völlig konsterniert musste ich dabei zur Kenntnis nehmen, dass eine vorzeitige Trennung überhaupt nicht zur Debatte stand. Mit dieser Erkenntnis im Gepäck, war es kein weiter Weg, mich flugs mit dem Gedanken anzufreunden, mir hier etwas Permanentes eingefangen zu haben. Dass die Selbsterkundung gar noch eine Steigerung für mich auf Lager bereithalten sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Direkt neben den Klapp-Spaten entdeckte ich eine Kleinigkeit, die meine bis dahin angehäuften Sorgen vollkommen in den Hintergrund drängte. Ohne einen Hauch Zweifel aufkommen zu lassen, hing da tatsächlich (im stumpfen Winkel zu den Klappmännern) etwas Unbekanntes mit einem kleinen, schrumpligen Rucksack und schaute herzzerreißend traurig zu den Socken herab.
Mein erster Verdacht ging in die Richtung, es könnte der dritte Klapp-Spaten sein, was mir zugegebenermaßen nicht ungelegen gekommen wäre. Es hätte mir zumindest das bei langweiligen Empfängen und sinnlosen Pressekonferenzen durchaus übliche stehend Schlafen erheblich erleichtert, da ich nicht mehr ständig von dem nach hinten oder vorn Wegkippen bedroht gewesen wäre. Somit stets gewährleistet, die permanent erhöhte Standfestigkeit.
Doch für einen solchen Nutzen war das Ding einfach zu winzig. Überdies fehlten ihm die Scharniere. Ohne große gedankliche Umwege fand ich mich wieder beim Uralt-Thema Contergan! Dies würde auch den traurigen Blick des mir unbekannten Objektes erklären. In einem ersten Anflug humaner Anteilnahme kam mir der Gedanke, ein wenig Trost könnte dem Kleinen tatsächlich guttun und streichelte ihm voller Mitgefühl über die Vollglatze.
Wer hätte es gedacht? Er schien tatsächlich Gefallen daran zu finden. In dem schrumpligen Winzling erwachte ein Hauch von Leben. Sichtlich angetan von derartig viel Aufmerksamkeit und eigener neuer Lebensfreude, verweilten wir in innigem Hautkontakt, herzten uns und beschlossen spontan einen kleinen Jogging-Ausflug zu machen.
Lebensfreude und Bewegung passen in derartigen Momenten meist wie Faust auf Auge.
Wir harmonierten von Beginn an wie zwei alte Bekannte. Man hätte denken können, wir hätten bereits den einen oder anderen Marathon gemeinsam bestritten. Nach einer ganzen Weile ereignete sich exakt das, wenn der zur Hochleistung getriebene Körper vor aufgeladener Euphorie zu explodieren droht. Mein neuer Partner begann sich plötzlich zu schütteln, spuckte dergleichen wie Schmieröl, zuckte noch einige Male kurz und legte sich kurze Zeit später flach auf seinen stets mitgeführten Rucksack.
Meine erste Vermutung orientierte sich in dem Bereich eines kapitalen Motorschadens. Vielleicht hatte aber auch das Getriebe einen kräftigen Hau abbekommen. Abseits der kalten Technik und hin zur Humanmedizin durfte sogar der größtenteils tödlich endende Genickbruch nicht rigoros ausgeschlossen werden.
Geschuldet meinem großen Herzen, trug ich den armen Teufel anschließend mit ins Büro. Ich nahm mir fest vor, bei sich nächst bietender Gelegenheit meine Chefdirigentin zu befragen, ob sie sich mit solchen Vorkommnissen auskennt.
Die weiß nämlich auch sonst jahrein jahraus alles besser.