Lange Zeit vor der Christianisierung, der Einflussnahme einer Religion aus dem Nahen Osten, war die Glaubensgrundlage und grundlegende Ethik des Europäischen Kontinents das Heidentum, meistens als Polytheismus. Nietzsche, den ich sehr schätze, sieht die „abgeschlossene“ Christianisierung Europas als größte Katastrophe der Geschichte. Ich denke, anders als er, dass eben diese Christianisierung nie abgeschlossen wurde. Das Heidentum war nie weg. Die heidnischen Werte haben stets überlebt, im Unbewussten, im Volkstümlichen wie Sagen, Märchen oder Bräuchen.
Spätestens in der Renaissance beginnt die bewusste Neuinterpretation, Neuformung (nicht Nachbau) der Antike in den schönen Künsten. Bewunderung der alten Götter, gab es auch in Form einer nationalen Renaissance. In Deutschland entdeckte man die Götter und Sagen des Nordens wieder. Diese Entwicklung fand überwiegend im 19. Jahrhundert in Form der Strömungen der Romantik und Neoklassik statt. Dabei kam es zu einer Wiederentdeckung des Eigenen, des Mythos, vor allem des germanischen Altertums, nach jahrelanger Vorherrschaft des jüdisch-christlichen Monotheismus.
Auch heute findet ein Kampf zwischen Mythos (Heidegger als beispielhafter Vertreter) und Logos (von Descartes bis Adorno) statt. Was Heidegger als „Entgötterung der Welt“ sah, findet im kapitalistischen Mainstream zwar statt, die Welt kann aber für sich nicht entgöttert werden. Auch mit der Vorherrschaft der lauten Maschinen, der Zurückdrängung des Ursprünglichen wird die Welt beseelt bleiben. Zumindest meine Welt.
Im Folgenden rezitiere ich zentrale Textstellen aus Benoist‘ Buch, die ein Gefühl des heidnischen Weltbildes wiedergeben sollen.
Das Buch gibt es ausschließlich antiquarisch zu erwerben.
„Im alten Europa wird das Heilige […] nicht als Gegensatz zum Weltlichen aufgefasst, sondern als dessen Hülle, um ihm einen Sinn zu verleihen. […] Die heidnische Anschauung […] bringt zum Ausdruck, dass das menschliche Bewusstsein zur Welt gehört und als solches überhaupt nicht von der Substanz Gottes zu trennen ist.
Eine der Quellen des heidnischen Gedankengutes bildet die Vorstellung, dass die Welt beseelt ist, dass ihre Seele göttlich ist. Die Urquell dessen, was der Welt eine Form gegeben hat, geht ausschließlich aus der Natur und der Welt selbst hervor. [...] Die Seele ist ein Teilchen der göttlichen Substanz, mit anderen Worten: Gott und die Welt haben dasselbe Wesen. Das Göttliche ist in der Welt, mit der Welt wesensgleich. Die Welt ist also ebenso vollkommen (und fehlerhaft) wie Gott.“
„[…] Bestimmung der kennzeichnenden Merkmale des Heidentums […]: eine auf der Ehre gründende Ethik, eine heroische Haltung gegenüber den Herausforderungen des Daseins; die Erhöhung sowie Heiligung der Welt, der Schönheit, des Körpers, der Kraft und der Gesundheit; die Ablehnung einer jenseitigen Welt; die Untrennbarkeit von Ästhetik und Moral. In dieser Sicht hat den höchsten Wert all das, was den Menschen dazu befähigt, über sich selbst hinauszuwachsen.“
Das Leben stirbt niemals, sondern erneuert sich ständig, wonach selbst die Geschichte erneuerungsfähig ist, wonach schließlich eine ewige dialektische Solidarität zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Göttern besteht. Dieses zyklische Weltbild und die Fokussierung auf das Diesseits, statt jener Lüge des Jenseits nachzueifern, haben mich zur Heidin gemacht. Die Hochhaltung des Lebens und nicht der (Erb)Sünde, haben mich zur Heidin gemacht. Die Auffassung, dass nur ich selbst und kein Heilland mich erlösen kann, haben mich zur Heidin gemacht.