Warum hält sich in unseren Breitengraden die Mär vom Auto als "Gut der Freiheit" so hartnäckig? Es ist schon erstaunlich, dass das Auto in (fast) keinem anderen Land so stark polarisiert wie in Deutschland. Diskussionen werden nicht auf ökologischer oder logischer, sondern auf idiologischer Grundlage geführt. Gut, das Auto wurde hier erfunden, unsere Wirtschaftskraft ist stark an den vierrädrigen, motorisierten, fahrbaren Untersatz geknüpft. Geschenkt. Das erklärt nicht, warum wir immer mehr und mehr Autos kaufen...
Das Auto hat 2021 einen neuen Rekordwert erreicht, 48,5 Millionen Fahrzeuge waren zugelassen - bei einer Einwohnerzahl von ca. 83 Millionen. Und die Zahlen steigen rasant. Waren wir 2011 noch bei 517 Autos pro 1.000 Einwohner, liegen wir 2021 schon bei 580 Autos pro 1.000 Einwohner. Und wenn wir als Referenz-Wert die USA im weltweiten Vergleich nehmen, sind wir nicht mehr weit von deren Spitzenwert entfernt - immerhin führen die USA seit Jahren das Ranking an. Zuletzt waren hier im Jahr 2015 788 Autos pro 1.000 Einwohnern zugelassen - es dürften mehr geworden sein. Den Vergleich zwischen Deutschland und den USA ziehe ich deshalb, weil die USA als absolutes Autoland gelten - haben sie doch einen extrem schlecht ausgebauten ÖPNV, setzen nach wie vor voll aufs Auto, zudem ist dort die Auto-Lobby ähnlich stark wie hier bei uns in Deutschland.
Nun höre und lese ich in letzter Zeit ständig, dass wir aufgrund der Autodichte mehr Straßen, mehr Autobahnen, mehr Stellplätze benötigen, ja sogar von "Klimaautobahnen" (kann es noch aberwitziger werden?) ist die Rede - weil, es werden ja noch mehr werden. Die Frage, die sich stellt ist doch, warum ist das so? Warum haben immer mehr Menschen ein, zwei oder gar 3 Autos?
Traut man Umfragen, so ist am häufigsten genannt, das Auto würde die persönlichen Bedürfnisse am besten befriedigen - vor allem wurde der Transport von Dingen genannt. 70 Prozent meinten bei der HUK-Umfrage, das Auto sei ihnen das liebste Verkehrsmittel. Dagegen meinten aber 49 Prozent, Mobilität müsse für alle erschwinglich sein. Und 26 Prozent erklärten, Mobilität sollte keine Treibhausgase verursachen.
Diese Zahlen sagen eigentlich recht eindeutig, wo es in Sachen Auto hingehen sollte: hin zur E-Mobilität. Allerdings ist es nur damit nicht getan. Zudem muss die Pro-Kopf-Dichte an Autos abnehmen. Warum? Weil wir sonst in Straßen und Flächenversiegelung ersticken.
Die Lösung kann nur sein: alle Mobilitätsmöglichkeiten werden gleichermaßen gefördert. ÖPNV, Bahn, Rad, Fuß und E-Auto. Nur dann hat man in unserem Land eine wirkliche Wahlmöglichkeit - also wirkliche Freiheit! Freiheit ist nicht, vom Auto abhängig zu sein, weil mein Arbeitsplatz mit dem Zug nicht zu erreichen ist. Freiheit ist nicht, das Auto nutzen zu müssen, weil der nächste Supermarkt nicht per Rad angefahren werden kann.
Ich für meine Person finde es erstaunlich, dass in einem Land wie Deutschland nicht endlich eine flächendeckende Mobilitätswende gefordert wird - von allen Bürgern! Nur wer die Wahlmöglichkeit hat, kann sich für den für sich selbst besten Weg entscheiden.
Haben wir in den letzten Jahrzehnten nicht eher verpasst auf den Zug erneuerbarer Energien, vor allem im Bezug auf das Auto, aufzuspringen? Haben wir es nicht verpasst, zukunftsträchtige Branchen zu fördern und zu fordern, statt sie, wie die Solar-Branche, zu begraben? Ähnliches droht der Windkraft-Branche, wenn wir jetzt nicht gegensteuern... Sind wir doch mal ehrlich, Deutschland hat geschlafen, weggeguckt, sich zugunsten des einfachen Wegs weggeduckt.
Und nun, nun stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Nun muss der Wandel so schnell vollzogen werden, dass es vielen schwindelig wird. Statt eines langsamen, stetigen Wandels, der vor 10 Jahren noch möglich gewesen wäre, müssen wir jetzt Purzelbäume schlagen. Durchaus verständlich, dass viele dazu nicht fähig sind. Und dann, dann hält man an Jetzt-Zuständen fest, weil es das ist, was einem noch Halt und Sicherheit gibt, weil es das ist, was man kennt. Und dazu gehört wohl auch der gute, alte Verbrenner...