Eine Glosse über die letzte große Modekrankheit: das ganz normale Leben.
Früher nannte man es schlicht: 'Das Leben ist halt manchmal hart.' Heute hingegen klingt das so:
„Ich leide an einer situativ bedingten, post-erwartungsinduzierten Frustrationssymptomatik.“
Und weil diese Diagnose selbst für den ambitionierten Hobbytherapeuten etwas sperrig ist, hat man natürlich ein griffiges Kürzel parat: SPIFS. Kommt garantiert bald als Hashtag in die Top-Trends, gleich neben #SelfCare und #EmotionalDetox.
Diagnose-Karussell mit All-Inclusive-Programm
- Wer traurig ist, leidet unter chronischer Serotoninunterdeckung – selbstverständlich ein Fall für den zertifizierten Online-Coach.
- Wer mal wütend wird, kämpft heldenhaft gegen seine Aggressionsdysregulation – gut, dass es dafür das Achtsamkeitspaket „Innere Mitte in nur 7 Tagen“ gibt.
- Wer es wagt, klar und logisch zu denken, muss vorsichtig sein – er könnte unter kognitiver Überstrukturierung leiden. Empfohlene Therapie: Ein Waldspaziergang. Barfuß, versteht sich – am besten begleitet von einer Schamanin im Sabbatical.
Und für alle Lebenslagen, die bisher noch keinen Namen tragen, stehen schon die nächsten Kreativ-Teams bereit, um im Notfall ein Syndrom zu basteln. Keine Sorge – auch für Ihre ganz persönliche Malaise findet sich noch eine passende Abkürzung.
Die Heldenreise der Couch-Potatoes
Während frühere Generationen Kriege, Hungersnöte und echte Entbehrungen überlebten, kämpft man heute heldenhaft gegen toxische Schwingungen im Großraumbüro und emotional übergriffige Vibes im Team-Meeting.
Früher half ein kräftiger Schluck Schnaps. Heute?
Ein Smoothie gegen latente Traumata – wahlweise mit Matcha, Spirulina oder Mandelmilch, versteht sich. Und selbstverständlich glutenfrei, laktosefrei und moralisch einwandfrei – denn auch die Psyche ist neuerdings allergisch gegen das Wahre, das Harte und das Ungefilterte.
Enddiagnose: Alles wird gut – gegen Vorkasse
So funktioniert das neue Selbstverständnis:
Wer keinen Therapeuten hat, ist entweder längst verloren oder einfach noch nicht ausreichend „bei sich angekommen“.
Das Schöne daran? Für jede neue Störung gibt es sofort ein Premium-Programm mit automatischer Verlängerung. Man nennt das heute übrigens nicht mehr Abzocke, sondern Subscription-Based Healing.
Und wer es sich nicht leisten kann? Keine Sorge – auch Armut wurde bereits als psychisches Belastungssyndrom klassifiziert. Daran arbeitet man eifrig: Ein Stipendium für die ganzheitliche Resilienz-Ausbildung soll Abhilfe schaffen – gesponsert von der Pharmaindustrie.
Letzter Rettungsanker?
Bleibt nur noch eine offene Frage:
Wer erklärt den Menschen irgendwann, dass das Leben selbst die eigentliche Therapie ist – und dass die „Symptome“ einfach dazugehören?
Vermutlich niemand. Aber keine Sorge, auch das wird man bald pathologisieren.
Ich rechne fest damit, dass demnächst der ICD-Code URAS eingeführt wird:
„Unausgelebte Realitätsakzeptanzstörung“.
Unheilbar? Selbstverständlich. Aber keine Panik – vielleicht gibt’s ja wenigstens einen Steuerfreibetrag dafür. Und falls nicht: Bestimmt bald einen Podcast.
Bissiger Nachklang
Und wenn Sie das nächste Mal das Gefühl haben, völlig gesund zu sein, atmen Sie tief durch. Irgendwo wartet bestimmt schon jemand mit dem passenden Etikett – und einem QR-Code zum Bezahlen.