Liebe Naturfreunde,
als ich in der Zeitung las, dass im botanischen Garten der Universität Wien heute eine Titanenwurz blüht - zum allerersten Mal in Wien - musste ich sofort hin. Da die Blühzeit max. 2 Tage ist (und das nur alle paar Jahre) und sie seit gestern 14.30h blühte, war Eile geboten.
Offenbar war ich nicht der Einzige, der diese Idee hatte. Diese botanische Attraktion lockte eine Menge Leute an, und ich musste ca. 1½ Stunden Schlange stehen.
Das Gute daran war, dass während sich die Schlange langsam verkürzte, man zwangsläufig an vielen interessanten Pflanzen des Gartens vorbeikam und so die Zeit eigentlich recht kurzweilig wurde. Z.B. an einem Ginkgobaum (Ginkgo biloba) mit seinen unverwechselbaren Blättern.
Diese lebenden Fossile können bis zu 1000 Jahre alt werden, im Bild sieht man auch die männlichen Blüten. Die Gingkos sind zweihäusig getrenntgeschlechtig, es werden in den Parks weltweit lieber männliche Pflanzen gesetzt, weil die Samen, die sich aus den Blüten der weiblichen Pflanzen bilden, sehr unangenehm, nach ranziger Butter riechen.
Man kam auch an der Kakteenabteilung vorbei, hier ein blühender Christusdorn (Euphorbia milii).
Entgegen seines deutschen Namens (und des Aussehens) war diese Pflanze nicht benutzt worden als Dornenkrone bei der Kreuzigung von Jesus Christus, wie manche immer noch vermuten. Es wäre gar nicht möglich gewesen, denn Madagasker, von wo die Pflanze stammt, war von 2000 Jahren völlig unbekannt und sie wurde erst im 19.Jhd. von dort nach Europa importiert (Quelle)!
Aber all die Pflanzen des botanischen Gartens der Uni Wien auch nur annähernd zu erfassen, dazu bräuchte es mehrerer posts, immerhin ist er 8 ha groß und beherbigt 11500 Pflanzenarten (Quelle)!
Schliesslich war es soweit, ein erster Blick auf die wahrlich riesige, ca. 2,4m große Blüte war zu erhaschen.
Natürlich herrschte etwas Gedränge, aber es war mit Geduld trotzdem gut möglich, alles aus der Nähe zu sehen.
Was man von aussen sieht ist der riesige Blütenkolben, umhüllt von einem einzigen Hochblatt (Spatha) - aussen pfirsichartig rauh, aber die rötliche Innenseite glatt, sodaß die potentiellen (unfreiwilligen) Bestäuber abrutschen und in das Innere der Blüte fallen.
An einer Stelle war die Knolle freigelegt worden. Die ist derzeit ca. 80kg schwer.
Vor 3 Jahren hatte sich aus dieser Knolle zuletzt (damals war sie in Salzburg) eine Blüte entwickelt.
Es wurde auch ein Loch in das Hochblatt geschnitten, um in das Innere des Blütenstandes zu sehen.
Man erkennt gut die hunderten einzelnen Blüten, unten die größeren weiblichen, darüber die männlichen. Bestäubungsbiologisch ist die Titanenwurz eine Kesselfallenblume. Der riesige Kolben, der zum Zeitpunkt der Aufnahmen seinen Zenit schon überschritten hatte und schon am Verwelken war, produziert Wärme (es wurden gestern 36 Grad gemessen) und einen bestialischen Gestank nach Aas. Das lockt winzige aasfressende Insekten an (zumindest in Sumatra, in Wien haben sich bislang nur 2 Käfer in das Innere der Blume verirrt), die dann am glatten Hochblatt abrutschen und so die Blüten bestäuben. Es bilden sich dann Beeren, die nach dem Verwelken des Hochblatts von Vögeln verbreitet werden.
Zum Größenvergleich zeigte uns eine Führerin auch eine andere Amorphophallus-Art, mit einer winzigen Blüte, die aber im Prinzip gleich aufgebaut war wie die ihrer großen Artverwandten.
Entdeckt wurde die Titanenwurz, die zu den Aronstabgewächsen gehört, erst 1878 in Sumatra. In London blühte dann 1889 zum ersten Mal, unter großem Medienecho, eine Titanenwurz ausserhalb Sumatras und seither locken die spektakulären Blüten immer viele Besucher in die botanischen Gärten, so auch hier.
Mehr Infos (und noch bessere Fotos) zu der Pflanze hier.
PS: Hier zum Vergleich, wie der "professionelle Journalismus" darüber berichtete:
https://www.heute.at/s/so-mueffelte-stinkpflanze-willi-die-wiener-ein-100209680