Heute ist die Tour zu Ende, es geht heimwärts. Noch rund 50 km und dann sollte Niederlehme erreicht sein.
Der Morgen begrüßte mich nicht sonderlich freundlich. Der Blick aufs Thermometer zeigte 13 °C, aber es war kein Stückchen blauer Himmel zu sehen. Grau in grau, diesig. Dafür kein Nebel wie in den vergangenen Tagen.
Strandidyll
Die Nacht hatte ich am km 81 in einem Seitenarm der SOW verbracht. So, wie der Name "Strandidyll" es versprach, war es nicht ganz. Die nahe Autobahn produziert einen gewöhnungsbedürftigen Schallpegel, der nur noch von der Eisenbahnstrecke im Norden überboten wird.
Ohne Morgenkaffee ging es um 07:20 Uhr auf den Kanal. Nach kurzer Fahrtzeit zeugen Industrie (die man übrigens auch riechen konnte...) und Bebauung davon, das Fürstenwalde naht und mit ihm die nächste Schleuse.
Fürstenwalde
Folgerichtig tauchte sie dann auch irgendwann aus dem Dunst auf.
Schleuse Fürstenwalde
Da der Sportbootliegeplatz unmittelbar beim Schleusenwärter ausgewiesen war, habe ich auf das Telefonat verzichtet, festgemacht und die Schleusenwärterin höchstpersönlich erschreckt. Folgerichtig gingen die Lichter schnell auf grün.
Schleuse Fürstenwalde
08:25 Uhr war die Schleusung beendet und es ging wieder auf den Kanal, der sich kurz nach der Schleuse Fürstenwalde erst mal zum See weitet. Mit entsprechender Infrastruktur wie Gastlieger und Wirtshaus. Gut, nicht um halb neun morgens Ende September, aber in der Saison.
Gastlieger ohne „Fluchtmöglichkeit“
Marco Polo
Die nachfolgenden Kanalkilometer boten viele Seitenarme, die zum Anlegen und Verweilen einladen, aber erst am km 68,75 kommt nach der Mündung der (mit Motorkraft) nicht zu befahrenden Müggelspree die ehemalige Schleuse Große Tränke in Sicht.
Einfahrt in die Müggelspree
Große Tränke
Und einige km später stellte sich die Frage, wer hier am Werk war: Tier oder Mensch? Ich tippe auf Tier.
Biberspuren
Nach dem km 59 folgen erst einmal wieder langweilige Kanalstrecken, die vor allem wegen der langen Geraden nerven. Man fährt an der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und auf so einem Schlauchi will es kein Ende nehmen.
scheinbar endlos
Da freut man sich über jede Kleinigkeit und hat Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen.
Hier wird Sand verladen,
Sandverladung
Hier kann man rasten,
Rast am Kanal
Hier gibt es eine Versammlung von Dükern.
Düker
Und dann kam das Unvermeidliche: Es fing an zu nieseln, zwischendurch auch richtig zu regnen.
Regen
Es traf mich nicht unvorbereitet, der Wetterbericht am Vorabend hatte ja schon davon gesprochen. Zeit also, sich Gedanken zu machen, wo die Regenbekleidung liegt. Zwischendurch erlahmte der Regen immer ein bisschen und es blieb Zeit, solche Brückenreste zu betrachten.
Brückenreste
Punkt 11 Uhr ging es unter der Brücke der A 10 hindurch. Upps, das ging ja schnell. So zeitig hatte ich das gar nicht erwartet. Was sicher auch daran lag, das ich für die "Navigation" auf der SOW eigentlich gar nichts nutzte und für die nachfolgenden Seen nur einen OSM-Ausdruck zur Verfügung hatte. Gut, das war schlampig aber irgendwie zu vertreten.
A 10
Und danach brach die Hölle los. Es goß in Strömen und kurz vor der Wernsdorfer Schleuse knisterte es plötzlich hinter mir. Wattn das? Es klärte sich Sekundenbruchteile später mit einem Donnerschlag. Nur schnell anlanden, denn so ein Gewitter auf dem Kanal ist nicht sehr spaßig. An einem kleinen Steg habe ich das Gröbste abgewettert. Durch die Brille war nichts mehr zu erkennen, also ab damit. Es regnete immer noch, als ich in die Schleuse führ. Der Schleusenwärter hatte Mitleid, ich brauchte mich nicht anmelden, bei Annäherung gingen die Lichter auf Grün.
Schleuse Wernsdorf
Mit dem Wasser unter mir verschwand auch der Regen. Noch mal Glück gehabt! 11:55 Uhr war die letzte Schleusung der Tour erledigt. Unmittelbar nach der Schleuse konnte ich nach Süden abbiegen. Es ging auf die Seen.
Alter Wernsdorfer See
Stellnetze
Durch diese Brücke geht es weiter
Aus der Rubrik schöner wohnen
Kleinboot vor Bungalow
Fragt sich, ob mich hier jemand auf einem 3,60 m- Schlauchboot mit 5 PS grüßt. Um es vorwegzunehmen: Angler ja, Anwohner nein...
Zweckentfremdetes Hinweisschild
Marina
Überhaupt ist mir aufgefallen, dass auf den Seen viele Segelboote liegen, darunter auch größere.
Irgendwann deuteten nach etlichen nicht ganz kleinen Seen Industrieanlagen an, dass mein Ziel naht. Dann tauchte die Autobahnbrücke mit der dahinter liegenden Fußgängerbrücke vor mir auf. Links war der Wasserturm von Niederlehme zu sehen. Ich war fast am Ziel.
Autobahnbrücke Niederlehme
Im Hintergrund sieht man schon den Binnenhafen von Königs-Wusterhausen.
Binnenhafen
Links verweist im Hafengebiet die Richtung zur SB-Tankstelle - dort geht es dann weiter zur Schleuse Neue Mühle. Rechts geht es ins Stadtgebiet von Königs-Wusterhausen. Die Tankstelle kam auch bald in Sicht und neben ihr die Steganlage, die das Ende meiner Reise sein sollte.
Tankstelle
Zuvor gab es noch Gelegenheit zu sehen, wie die Kohle in den Kahn kommt. Sie wird einfach reingekippt...
Kohleverladung
Um 13:20 Uhr war die Tour eigentlich vorbei. Das Boot lag am Steg.
Am Ziel
Eigentlich... Ich war zu zeitig und die Ehefrau zur Abholung noch auf der Autobahn. Also habe ich noch ein paar Runden auf den angrenzenden Seen und Kanälen gedreht. Um 16:20 Uhr tauchte dann das Empfangskomitee auf.
Empfang
In einer Stunde war alles an Ausrüstung im Auto und ich auf dem Weg nach Hause. Das Verladen hat noch einmal Schweiß gekostet, alles musste schließlich vom Boot über den schmalen Steg und eine Treppe ins Auto. Premiere: Zum ersten Mal habe ich das Schlauchi auf einem Steg auseinandergebaut…
Eine erlebnisreiche Woche war zu Ende...
Das war sie also, meine Tour von Breslau nach Berlin.
Ich wollte nachweisen, das man mit 5 PS und einem 3,60 m langen Schlauchboot die Tour ohne fremde Hilfe und ohne Nutzung irgendwelcher Infrastruktur auch im Alter von über 50 bewältigen kann. Und das habe ich. Es wurden 366 km zurückgelegt und dabei 23 Liter Benzin verbraucht. 22 Liter hätte ich noch übrig gehabt. Auch an Verpflegung war noch sehr reichlich übrig. Während der Tour habe ich keine Entbehrungen zu erleiden gehabt, nicht gefroren (sieht man mal von den Folgen des Sonnenbrandes ab), nicht gehungert und auch sonst nichts vermisst. Gut, wo nun die Sonnenschutzcreme mit dem LSF 50 abgeblieben ist, weiß ich bis heute nicht. Ich bin aber fertig mit der Häutung…
Bleibt die Frage, ob das jeder kann. Na klar kann das jeder. Aber nicht bedingungslos. Ein paar Voraussetzungen gehören schon dazu:
sichere Beherrschung des Bootes und Erfahrung auf größeren Flüssen
Die Oder weist zum Teil große Strömungsgeschwindigkeiten auf. Das sichere Anlanden bedingt Kenntnisse der Wassertiefen und Strömungsverhältnisse in den Buhnen. Man sollte vorher schon mal auf einem entsprechenden Fluß gefahren sein und das geübt haben.
Regelkenntnis
Egal, ob mit 5 oder 50 PS: Solche Fragen wie die nach dem Verlauf und der Kennzeichnung der Fahrrinne, der Funktion der Fähren oder nach der Vorfahrt sollten schon im Vorfeld klar sein. Es bleibt wenig Zeit, im Fall der Fälle darüber nachzudenken. Völlig unabhängig vom Schein. Auch eine Schleuse sollte man natürlich schon mal von innen gesehen haben.
Outdoorerfahrung
Die größte Herausforderung auf solch einer Tour ist das autarke Leben. Mit dem, was man mitnimmt, muss man eine Woche auskommen. Was man vergessen hat, wird einem draußen nicht helfen. Was man mitnimmt, muss auch aufs Boot passen. Und man muss sich auf die Ausrüstung verlassen können. Der defekte oder unsachgemäß ausgewählte Kocher bedeutet die Entscheidung zwischen der Mühe eines offenen Feuers oder kalter Küche. Der unzweckmäßige Schlafsack wird zu erheblichem Zittern in der Nacht führen. Da sollte man schon wissen, was man tut und was von seiner Ausrüstung zu halten ist.
Planung
Auch wenn es sich sehr spielerisch liest, was ich zur Tour geschrieben habe: So was geht nicht ohne exakte Vorbereitung. Meist kommt es dann eh anders, als vorher gedacht, aber die Risiken kann man minimieren. Redundante Hilfsmittel zur Orientierung, ausgedruckte Karten als Ergänzung zur elektronischen Spielerei, praxisgerechte Berechnungen zu Benzin und Verpflegung mit erheblicher Reserve, Denken des schlechtesten anzunehmenden Ereignisses, Einplanung unerwarteter Schlechtwetterfronten etc.
Berücksichtigt man das oben Geschriebene, kann so etwas jeder.
Ich war outdoor viele Jahre lang in Osteuropa und der GUS unterwegs. Im Ural, in entlegenen Höhlen Rumäniens, in Bunkersystemen in Polen oder in den Bergen der Slowakei. Die Odertour hat Spaß gemacht und ist ein bleibendes Erlebnis, das keinen Vergleich scheuen braucht. Die Veröffentlichung soll übrigens auch dem Zweck dienen, das Interesse an den Wasserwegen beim östlichen Nachbarn zu wecken. Und der hat viele davon. Sie warten darauf, entdeckt zu werden...
PS: Natürlich geht bei solchen Touren nicht immer alles so glatt wie hier. Auch bei mir nicht. Vielleicht schreibe demnächst mal was vom Scheitern...