Liebe Leser,
Ende April/Anfang Mai waren wir in Attika und hatten noch Zeit, auf den Peloponnes runterzufahren.
Dabei überquert man auch den Kanal von Korinth, was immer ein Highlight ist.
Heutzutage gibt es aber eine Autobahn (die Brücke im Bild), sodass man, um den Kanal zu bestaunen, eine andere Route fahren muss.
Es fuhr gerade kein einziges Schiff durch (angeblich sind es ca. 30 pro Tag im Schnitt). Die Durchfahrt spart den Schiffen einen Umweg von ca. 700km um die Halbinsel Peloponnes herum.
Der Kanal wurde 1881 bis 1893 gebaut und ist 6343m lang. Die Felswände fallen fast 80m hinab, auf Wasserniveau ist er 24,6m breit. Die ganz großen Containerschiffe passen damit nicht hindurch, aber die gab es vor 145 Jahren noch nicht!
Auf dem Weg zu unserem Ziel lag der antike Ort Nemea, ca. 25km südwestlich von Korinth. Er war ein Zeusheiligtum und Austragungsort der Nemeischen Spiele, einer der vier Panhellenischen Wettkämpfe (von denen der von Olympia der bekannteste ist als Namensgeber für die Olympischen Spiele). Hier hatte Herakles auch den Nemeischen Löwen erwürgt, der Sage nach.
Der (teilrekonstruierte) Zeustempel im dorischen Stil, errichtet 350-330 v.Chr. Ursprünglich hatten nur noch 3 Säulen aufrecht gestanden, der Rest wurde wohl ab 453 n. Chr. zerstört, als Kaiser Theodosius alle heidnischen Aktivitäten verboten hatte.
Eine Rekonstruktion der Altstätte, wie sie vor 2300 Jahren ausgesehen haben könnte und dahinter, wie es heute aussieht!
Viele Säulentrommeln liegen (noch) in der Gegend umher und verwittern vor sich hin. Überhaupt strahlt der Ort um diese Zeit eine Ruhe und Verlassenheit aus, die wohltuend ist und angemessen erscheint. Eigentlich sollte man die mit Touristenscharen überfüllten griechischen Altstätten gar nicht im Sommer besuchen, schon allein wegen der brütenden Hitze!
Jetzt im Frühling stiehlt die Natur den Ruinen aber regelrecht die Show (zumindest für mich😃), hier ein wärmeliebender Zottiger Rosenkäfer an einer Resede.
Wilde Margariten, im Hintergrund die Reste eines "Umkleideraums", wo sich die Athleten entkleidet und eingeölt hatten.
Das 170m lange Stadion ist recht gut erhalten und eingebettet in eine malerische Landschaft. Man kann noch die Startlinie erkennen, wo Steine verlegt waren. Die Disziplinen waren Stadionlauf in voller Rüstung, Bogenschießen, Boxen, Ringen, Diskus- und Speerwurf. Mehr über den Tempel und das Stadion hier.
Durch diesen Tunnel hatten die Spieler das Stadion betreten.
An den Wänden kann man noch vereinzelt antike Kritzeleien erkennen.
Eine frühchristliche Siedlung, die auch eine Basilika hatte (gebaut aus Teilen des antiken Tempels) wurde um 580 n.Chr. endgültig aufgegeben. Im halbverschütteten Tunnel fanden Archäologen die Überreste eines Gestorbenen mit einer teilweise verheilten Kopfverletzung aus dieser Periode, um 585 n.Chr. Er hatte sich dort vor den marodierenden Slavenstämmen (unter Führung der Awaren) versteckt und hatte in die Tunnelwand "ewiges Leben" (ΑΙΘΕΡΙ ΖΩΗΣ) eingraviert.
Nemea war in der Antike nicht ganzjährig bewohnt, sondern füllte sich nur während der Spiele mit Leben, aber schon in der mykenischen Periode war der Ort besiedelt. Im Museum gibt es eine Ausstellung mit den unglaublichen Goldfunden aus erhaltenen Gräbern (andere wurden geplündert), die ca. 3500 Jahre alt sind!
Unsere Reise führte uns schliesslich nach Nafplio am argolischen Golf, das von 1829 bis 1834 nach der Befreiung von den Osmanen die Hauptstadt von Griechenland war. Entsprechend geschichtsträchtig und interessant ist der Ort.
An der Hafenpromenade.
Nur 400m vor dem Hafen liegt die Bourtzi-Festung auf einer kleinen Insel. Sie wird im Volksmund auch „Henkersinsel“ genannt, da sie noch vor 100 Jahren Wohnstätte des Henkers und Gefängnis der Delinquenten war. Die Festung war von den Venezianern im 15.Jhd. angelegt worden und später, bis zum Ende des 18.Jhd.s von den Osmanen ausgebaut worden. Im 20. Jhd. wurde sie in ein Hotel umgewandelt, das aber inwischen geschlossen ist.
Die 1550 erbaute Aga-Pascha-Moschee erinnert noch an die Zeit der osmanischen Herrschaft.
Genau an dieser Stelle, vor dem Seiteneingang einer Kirche, wurde am 9. Okt. 1831 der erste griechische Regierungschef Ioannis Kapodistrias ermordet. Eine Gedenktafel erinnert daran und ein original belassenes Wandstück (rechts von der Tür in dem Kasten), in der noch eine Kugel vom Attentat steckt.
Durch seine Reorganisationen hatte sich der auch international renommierte Politiker viele Feinde gemacht, was ihm zum Verhängnis wurde. Durch die Wirren nach seinem Tod wurde schließlich der in Salzburg geborene König Otto erster griechischer König.
Straßenszene (mit Popen).
Neben der Inselfestung Bourtzi hat Nafplio noch 2 weitere Festungsanlagen zu bieten. Akronafplia, direkt über der Altstadt, mit dem markanten Uhrenturm. Die Uhr wurde von König Otto gestiftet.
Die Nazis zerstörten den Turm bei einem Angriff 1944, doch die Griechen hatten vorher das komplizierte Uhrwerk ausgebaut und in Sicherheit gebracht. 1949 wurde dann das Wahrzeichen Nafplions wieder aufgebaut (Quelle).
Im Hintergrund ist die Palamidi-Festung zu sehen, auf einem 216m hohen Felsen über der Stadt thronend!
Aussicht auf Bourtzi, die Stadt direkt dahinter, am anderen Ende des Golfs, ist Argos, die ihrerseits eine beeindruckende Burg auf einem Hügel hat.
Von der anderen Seite der Festung, nach Süden, sieht man weit in Richtung offenes Meer. Die Rundumsicht machte diese Stelle strategisch so wichtig.
Die Kanonen stammen von den Venezianern, die zunächst die Festungen gebaut hatten. Nach der Eroberung durch die Osmanen 1450 vergrößerten und modernisierten diese die Anlagen weiter.
Der Aufstieg über ca. 980(!) Stufen lohnt sich - Blick von der Palamidi-Festung auf den argolischen Golf, Nafplio und die Acronafplia links davon.
Diese Festung konnten die griechischen Revolutionäre 1822 nach monatelanger Belagerung einnehmen. Von dort konnten sie Acronafplia beschiessen und die sich dort verschanzenden Türken zur Aufgabe zwingen. Es war ein entscheidender Wendepunkt im Griechischen Unabhängigkeitskrieg.
Auf dem vorigen Foto durch die Mauer im Vordergrund gnädig verborgen, sieht man hier am Fuß der Acronafplia ein verlassenes Hotel, das "Xenia", eröffnet 1961, das angeblich bis 2000 in Betrieb war.
Eine unglaubliche Bausünde mitten auf einer historischen Stätte, aus einer Zeit des Aufbruchs und Aufblühens des Massentourismus (und der Hoffnung auf schnelle Dollar) nach dem 2.Weltkrieg, mehr darüber hier.
Über den Dächern von Nafplio. Fette Yachten reihen sich im Hafen dicht an dicht.
Während des Abstiegs kann man auch die üppig wuchernde Natur bewundern, was den Frühling eigentlich zur perfekten Reisezeit macht!
Die Rote Spornblume wächst hier überall aus Mauerritzen und Felsspalten. Sie ist ursprünglich mediterran, kommt aber in Öst. als Neophyt vor.
Auch der Gewöhnliche Asphaltklee kommt vor allem rund ums Mittelmeer vor.
Und auch die Marien-Glockenblume kommt bei uns nur als Zierpflanze vor. Hier sieht man gut, dass es an diesem Tag leicht geregnet hatte.
Angesichts der bewegten Geschichte der Stadt wundert es nicht, dass es hier auch einige Statuen von Befreiungskämpfern gibt, hier eine von Theodoros Kolokotronis, der Hauptanführer des Widerstands im Peloponnes war.
Nach der Befreiung von den Osmanen war er aber auch gegen die Regentschaft von Otto eingestellt, sodass er wegen Hochverrats zum Tod verurteilt wurde. König Otto wandelte die Strafe aber in eine Gefängnisstrafe um und begnadigte ihn schon nach 1 Jahr Haft. Heute gilt er als Held und Symbol für den Widerstand.
In Nafplio gibt es auch das weltweit einzige Komboloi-Museum!
Ein Komboloi ist eine Kette aus Perlen, die auf einer Schnur aufgereiht ist. Die Perlen können aus Bernstein, Horn, Holz, Glas, Metall, Elfenbein, Türkis, etc. sein, die günstigsten sind heute natürlich aus Plastik. Für ein Komboloi aus echtem Bernstein zahlt man ab 100€!
Der Zweck? In Griechenland heute reiner Zeitvertreib und Spielerei von (älteren) Männern, aber Perlenketten (ursprünglich aus Indien oder China stammend) gab und gibt es in vielen Kulturen und Religionen, im Buddhismus, Islam (mit genau 99 Perlen) und als Rosenkranz auch im Christentum.
Teil einer Gebetskette aus China mit Perlen aus Elfenbein, die erleuchteten Jünger Buddhas zeigen, vermutlich Ende 19.Jhd.
Das war es auch schon wieder. Wann wart Ihr zuletzt am Peloponnes und was hat Euch dort gefallen?
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