Liebe Leser,
"Du, der Du allein mein Herz kennst, Dich rufe ich zum Zeugen an, dass ich alles, was ich unternahm und befahl, aus keinen anderen Absichten als zum Wohl und Besten meiner Untertanen meinte."
Josef II. am Totenbett (1790)
Kürzlich war ich bei einem Weihnachtskonzert in der von außen recht unscheinbaren Kapuzinerkirche. Im Preis enthalten war eine Besichtigung der Gruft darunter, der Kapuzinergruft, besser bekannt als Kaisergruft, denn hier sind seit über 400 Jahren die Habsburger bestattet.
Das Haus Habsburg hatte jahrhundertelang eine führende Rolle in Europa inne und lenkte fast 650 Jahre die Geschicke von Österreich. Sein Name geht auf die Stammburg Habichtsburg zurück (im heutigen Schweizer Kanton Aargau).
Der erste Regent des Hauses Habsburg, König Rudolf I., wurde 1273 zum König des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Die Herrschaft der Habsburger endete im Jahre 1918 mit dem Rücktritt Kaiser Karls I. als österreichischer Kaiser und König von Ungarn. Danach lebte die Kaiserfamilie im Exil. 1961 leistete Otto von Habsburg, Sohn des letzten Kaisers Karls I., die Verzichtserklärung und durfte wieder nach Österreich einreisen. Er ruht seit 2011 in der Kaisergruft.
Seit 1617 ist die Kaisergruft die Familienbegräbnisstätte der Habsburger. Bis heute ruhen hier unter der Obhut des Kapuzinerordens die sterblichen Überreste von 12 Kaisern und 19 Kaiserinnen und Königinnen und deren Familienmitgliedern, insgesamt 150 Personen (hier eine gute Übersicht) - der wohl exklusivste Friedhof Österreichs. Durch mehrfache Erweiterungen und Umbauten über vier Jahrhunderte wurde die Gruft auf insgesamt zehn Grufträume erweitert.
Hier der "modernste" Teil, der durch die letzte Erweiterung in den 1960ern stammte.
Verwendet wurden Blei-, Zinn- oder Kupfersarkophage, manche wirken angestaubt, das ist aber zum Teil auf eine Versiegelung mit einer Schellackschicht zurückzuführen, die über die Jahrhunderte einen grauen Farbton angenommen hat.
Der Sarkophag von Kaiser Karl VI. (1685-1740). Er war der Vater von Kaiserin Maria Theresia, politisch allerdings wenig erfolgreich. Er war ein Förderer von Kunst und Kultur und stiftete unter anderem die Karlskirche, die prächtigste Barockkirche nördlich der Alpen, und das Stift Klosterneuburg. Er starb vermutlich an einer Pilzvergiftung.
Detail mit einem der 4 gekrönten Totenköpfe, die Maria Theresia nachträglich anfertigen liess, weil ihr der Sarkophag nicht prächtig genug erschienen war. Auffallend auch wieder die Freizügigkeit, die erstaunt angesichts des derzeitigen Umgangs mit Nacktheit.
Das wohl beeindruckendste Grabmal ist der Doppelsarkophag von Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) und ihrem Gemahl Franz Stephan von Lothringen (1708-1765), den die Kaiserin schon im Alter von 36 Jahren in Auftrag gegeben hatte. Es stellt den Höhepunkt der barocken Grabskulptur dar und verbindet Frömmigkeit mit dem absolutistischen Machtanspruch.
Maria Theresia war übrigens vermutlich die erste kaiserliche "Impfbefürworterin" überhaupt (zumindest in Europa). Sie hatte drei ihrer Kinder an die Pocken verloren und war Vorreiterin der Variolation, auch Inokulation genannt, bei der menschliches Pockensekret unter die Haut appliziert wurde. Das war nicht ungefährlich, aber angesichts der grassierenden Pockenepidemie mit hohen Todeszahlen ließ Maria Theresia 1768 eine erste Impfstation in Wien einrichten (mehr über die Anfänge der Impfungen hier). Auf sie ging auch die Praxis zurück, Erkrankte zu isolieren bzw. in Quarantäne zu stellen, Pockenerkrankungen wurden nun auch erstmals zentral gemeldet.
Ansonsten war sie eine große Reformerin und führte unter anderem die allgemeine Schulpflicht ein und dass auch Adel und Klerus Steuern zahlen mussten!
Ihr Sohn und Nachfolger Joseph II. (1741-1790) war ein noch weit radikalerer Reformer (Religionsfreiheit, Aufhebung der Leibeigenschaft,...) als Maria Theresia. Das zeigte sich auch in seiner letzten Ruhestätte, in dem er sich in einem völlig schmucklosen Kupfersarg beerdigen ließ zu Füßen seiner Mutter. Ein Sarg so unscheinbar, dass ich übersehen und kein Foto von ihm gemacht hatte 😃.
Die letzte Ruhestätte von Kaiser Franz Josef I. (1830-1916), zu seinen Füßen links ruht seine Gemahlin Kaiserin Elisabeth (1837-1898), genannt "Sisi", zu seiner rechten sein einziger Sohn, Kronprinz Rudolf (1858-1889).
Der reformunfähige Rekord-Langzeitregent (68 Jahre Regierungszeit!) überlebte beide. Seine Frau starb 1898 durch ein Attentat in Genf und sein Sohn im gleichen Jahr durch Selbstmord. Unter seiner Ägide (aber es waren wohl auch andere, grundlegende Strömungen verantwortlich) kam es letztlich zum Niedergang des Habsburgerreiches, in dem die Sonne nie untergehen sollte...
Sisis Sarg ist einer der wenigen, die geschmückt sind mit Blumenspenden und kleinen Zetteln von Fans. Ein Zeichen für die Beliebtheit, die Elisabeth bis heute in der Bevölkerung genießt.
Die Kaisergruft erinnert daran, dass auch die mächtigsten Menschen sterblich sind und ihrem Schicksal nicht entrinnen können!
Hier noch ein Foto vom Kammermusikkonzert in der über der Gruft befindlichen Kapuzinerkirche.
Übrigens, der Neue Markt, einer der ältesten Plätze Wiens mit dem Donnerbrunnen und wunderbar restaurierten Bürgerhäusern ist alleine einen Besuch wert, aber davon ein andermal.
Quellen: https://www.kaisergruft.com/habsburger
https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Theresia
Kapuzinergruft
Adresse: 1010 Wien, Tegetthoffstraße 2 (Neuer Markt)
Geöffnet täglich zwischen 10h und 18h
Ticket: 13€
Gruftiges im Onlineshop
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