Wieder einmal nach Nepal! Nur wir zwei, ohne Träger und Guide. Die Manaslu Umrundung ist seit dem letzten Jahr als Lodgetrekking möglich und führt durch tibetisch besiedeltes Gebiet, dabei noch weitgehend unberührt von großen Besucherströmen.
Bei meiner nepalesischen Nachbarin Tsering ist im Sommer die Verwandtschaft aus Nepal zu Besuch. Ihr Schwager Kami hat in Kathmandu ein Reiseunternehmen und wird uns die Permits und ein Jeep besorgen, mit dem wir zum Berg kommen. Tserings Schwester Pemba ist auch hier, das Wiedersehen mit ihr sehr herzlich. Wir haben bereits zweimal in ihrer Lodge in Namche Bazar schöne Tage verbracht. So biete ich Pemba an, ihr überschüssiges Gepäck nach Nepal mitzunehmen, sie uns dann das Wohnen in ihrem im Herbst leer stehendem Haus in Kathmandu. Darauf freue ich mich besonders.
Am 6. Oktober fliegen wir endlich. Die erste Nacht in Kathmandu verbringen wir im Hotel Horizon im Touristenviertel Thamel. Kamis Frau Doma bringt uns am Abend die Permits und holt das Gepäck für Pemba ab. Beim nächtlichen Spaziergang durch die engen Gassen umhüllt uns die vertraute hinduistisch-touristische Atmosphäre. Angekommen, wie schön! Das Abendessen in einem romantisch mit farbigen Glühbirnen beleuchteten Hinterhof schmeckt vorzüglich. Zwei schöne Nepalesinnen spielen dazu auf Sitar und kleinen Trommeln unermüdlich so lange, bis der Stromausfall ihren Verstärker verstummen lässt. Beim Essen wie auf der Straße sind erstaunlich wenige Touristen. Wieso, wir haben doch Hochsaison?
7. Oktober, Kathmandu – Arkhet Bazar
Der Jeep ist um sechs in der Früh wirklich da. Er fährt uns zuerst zu Pembas Haus, wo wir die Kleidung für “nach dem Trek” deponieren. Und Pemba ist noch da! Sie bleibt noch einen Monat länger mit ihren drei Kindern in der Stadt, bevor sie ins Internat gehen und Pemba nach Namche zurückfliegt. Ich lasse mir die Adresse dieses Hauses aufschreiben, sie schreibt nur Chandol, das ist das Viertel hier, Straßennamen kennt sie aber nicht. Es gibt tatsächlich nirgends Straßenschilder oder Nummern, arme Postboten.
Tropische Vegetation bei Arughat
Der Morgenverkehr ist dicht, so schlängeln wir uns langsam durch die Stadt und anschließend durch die umliegenden Hügel. Die Straße ist eng, kurvenreich und voller geschmückter und überladener Laster. Es ist ja die Hauptroute nach Indien und die zweitgrößte Stadt Nepals – Pokhara. Üppige Vegetation verdeckt tiefe Blicke in schluchtartige Täler, in die sich die ganze Autoschlange bewegt. Die Konversation mit unserem Fahrer ist nicht sehr ergiebig. Die Antwort auf meine Frage: tapaiko nam ke ho? – wie heißt du, werde ich mir gut merken, denke ich. Er heisst wie ein Putzmittel von S. Bald weiß ich aber nicht mehr, ob es Sunil oder Somat war.
Die Abzweigung in die Berge ist nicht mehr asphaltiert, die Fahrbahn ist auf zwei tiefe Furchen im jetzt getrockneten Schlamm reduziert. Gut das wir nicht zur Regenzeit da sind. Endstation am frühen Nachmittag – Arughat. Wir stärken uns mit dhal bhat – Reis mit Linsensoße, dem Nationalgericht der Nepalesen. Unser Fahrer lehnt die Einladung zum Mittagessen ab, er hat es eilig, nach Einbruch der Dunkelheit ist das Fahren nicht mehr so lustig. So schultern wir das erste Mal unsere ziemlich leichten Rucksäcke (8 bis 10 kg) und schwanken über die Hängebrücke des Buddhi Gandaki. Gandaki heißt ´großer Fluss´, er wird uns bis zu seiner Quelle führen.
Eine der zahllosen Hängebrücken über den Budhi Gandaki
Die heutige kurze Etappe beenden wir in Arkhet Bazar, das einen schmuddeligen Eindruck macht und zwei einfache Lodges bietet. Einquartiert in der besseren von beiden sitzen wir in Plastikstühlen vorm Haus Tee trinkend und zwei Italienern erklärend, dass Deutschland ohne Zweifel keine gemeinsame Grenze mit Italien hat. Mit einen Auge beobachten wir fünf grauhaarige Neuankömmlinge, die in basic Englisch nach Übernachtung fragen. Der Akzent ist unverkennbar, Tschechen. Einer von ihnen kommt zu uns und sagt trocken: und Zdenek Kolar ist auch schon da! Da sind wir platt! Wir kennen uns aus der Hochschulzeit, wir haben Bauwesen und sie Chemie studiert, und zusammen an etlichen Langlaufrennen teilgenommen. Da muss man bis nach Nepal reisen, um alte Bekannte zu treffen.
Die ersten schneebedeckten Riesen tauchen auf
8. Oktober, Arkhet Bazar – Machha Khola
Zum Frühstück gibt es chapati. Es schmeckt ungefähr wie ein zäher Pfannkuchen. Man kann auch tibet bread bekommen, ein rundes, aufgeplustertes und in viel Fett ausgebackenes Teil, oder den teigigen pancake, der zwar auch fett ist, aber trotzdem gut schmeckt. Obligatorisch sind auch Rühreier, scrambled eggs.
Da wird Frühstück gekocht
Der Weg ins nächste Dorf war früher für Geländefahrzeuge befahrbar, wie uns auch unsere Karte bestätigt. Jetzt ist er nur noch in Fragmenten erhalten, so verkehren hier so wie früher wieder nur Karawanen mit Mullis und schwerbeladene Träger. Manche wurden für die Touristen angeworben, die haben mit Logos bedruckte Rucksäcke auf dem Buckel. Die für den lokalen Handel arbeitenden Tiere sind aber schöner, oft mit Schmuck auf der Stirn und mit farbig gewebten Säcken an den Flanken. Die Einheimischen transportieren auf dem Rücken große Heuballen, Getreide und auch Holzdielen und Wellblech für ihre Dächer, das Ganze gehalten nur vom breiten Stirnband.
Es ist heiß und schwül, so ergänzen wir den Mineralienverlust mittags mit einer Suppe. Der Weg schlängelt sich im Talgrund entlang der Felsen, mal am linken, mal am rechten Ufer des Buddhi Gandhaki. An steilen Stellen sind oft für Mullis Steinstufen eingebaut. Die Hängebrücken sind alle schon modern, aus Stahlseilen und mit Maschendrahtgeländer. Gesponsert und gebaut von einer Schweizer Firma, wie eine Tafel in der Betonverankerung verrät. In Machha Khola ziehen wir zusammen mit unseren tschechischen Freunden in eine neue Lodge. Vielleicht zwanzig steinerne Häuser gruppieren sich entlang des Weges. In der Dorfmitte ist vor unserem Everest Guest House ein Betonwaschplatz eingerichtet, so können wir das Kommen und Gehen am Wasserhahn beobachten. Die Tschechen haben zum Abendessen momos bestellt, mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Teigtaschen, und beobachten in der Küche die Vorbereitung.
9. Oktober, Machha Khola – Jagat
Mit dem ersten Hahnenschrei um fünf aufzustehen wäre zu früh, wir gönnen uns noch eine halbe Stunde im Schlafsack, bevor es hell wird. Die Übernachtung kostet uns 500 RS, das Abendessen und Frühstück keine 1500 Rs, das sind nicht einmal 20 € für uns beide. Die Sonne scheint vom azurblauen Himmel, und bis wir die nächste Ortschaft Tatopani erreichen, schwitzen wir reichlich. Tatopani bedeutet heißes Wasser, die Mineralquelle sprudelt aus dem Hang in einen steinernen Trog direkt am Weg. Die Nepalesen planschen drin wie fröhliche Enten, wir haben aber keine Lust auf dampfende Badewanne. Lieber erfrischen wir uns im Schatten mit kalten Getränken.
Das Tal ist immer relativ schmal, die steilen Hänge üppig bewachsen. Der Pfad verläuft im grünen Tunnel unter dichtem Bambus und an mächtigen Rhododendren vorbei, zwischen dem zarten Grün tauchen vor uns schneebedeckte Berge auf. Und auch baumgroße Weihnachtssterne. Entlang des Weges wächst etwas unordentliches, es sind aber keine Brennnesseln. Es ist Marihuana. Einfach Unkraut, keine angelegte Pflanzung. In den Baumkronen singen viele Vögel mit den Zikaden um die Wette und an jeder Pfütze flattern große bunte Schmetterlinge. Ein Paradies für Tiere, ein karges Leben für die Menschen hier.
Auf den schmalen Feldern erkennen wir Reis, Hirse, Gerste. Dazwischen Flächen mit rot blühendem Amarant. Die Dörfer sind komplett aus Stein gebaut: Hauswände, Dächer, die gepflasterten Wege. Macht einen ordentlichen Eindruck. Der kleine Ort Jagat sieht wie eine Festung aus. Nette Lodge, der Guide von den Tschechen hat auch für uns ein Zimmer besorgt. Ein kluger Bursche, spricht gut Englisch und sogar etwas Deutsch, da er drei Sommer auf einer österreichischen Berghütte gearbeitet hat. Von ihm erfahren wir, dass man für den Abstecher ins Tsum Valley, ein zur tibetischen Grenze führendes Tal, wohin wir morgen abbiegen wollten, einen speziellen Permit benötigen. Und den haben wir nicht. Mein Fehler, das habe ich nicht gewusst. Da aber Zdenek Probleme mit seinen Plattfüßen hat, ist es vielleicht besser, wenn wir uns auf unsere Hauptaufgabe konzentrieren, die Überschreitung des Larkya Passes.
10. Oktober, Jagat – Deng
Ich überrede Zdenek, Ibuprofen zu nehmen, damit ihm die Füße nicht wehtun. Sonst will er an jeder Ecke aufgeben. In Jagat ist der erste Checkpoint, unsere Namen und Permit Nummern werden in ein dickes Buch eingetragen. Dann verlaufen wir uns auf dem Weg nach **Philim****. Wir queren den Fluss eine Hängebrücke zu früh. Wir würden zwar auch nach **Philim kommen, aber auf etwas beschwerlicherem Weg, so kehren wir auf den von tausenden Hufen ausgetretenen Hauptpfad zurück. Die Träger der Tschechen machen im Dorf Mittag, uns ist es noch zu früh, laut Karte kommt bald wieder eine Ortschaft, Ekle Bhatti. Aber oha! Dort gibt es keine „Gaststätte“. So setzen wir uns auf die Steinbank, die in jedem Dorf als Ablage des doka – Tragekorbes dient, und essen vom Frühstück übriggebliebene chapatis. Die trockenen Dinger lassen sich gut in die Rucksacktasche falten. Dazu gibt es frisches Gebirgswasser, das man in jeder Hütte bekommen kann. Abgepacktes Wasser haben wir nur am Anfang gekauft, hier sind wir schon weit von Verschmutzungen entfernt. Auch möchten wir in dieser herrlichen Landschaft nicht zur Vermehrung vom Plastikmüll beitragen.
Eine reichverzierte Stupa
So wie der Pfad bei seinen zahlreichen Aufs und Abs doch allmählich steigt, verändert sich auch die Vegetation. Nahe der Abzweigung nach Tsum Valley kommen wir in lichte Nadelwälder. Eine Szene lässt uns den Hunger vergessen. Am Wegrand haben zwei Männer einen Baum gefällt und machen jetzt Bretter daraus. Dazu haben sie auf dem Hang eine Plattform aufgebaut. Einer steht oben auf dem Stamm, der andere unten, und sägen senkrecht mit einem 2-3 m langen Sägeblatt, sorgfältig entlang eingezeichneter Linien. Exakt. Das frische Holz hat auffällig rote Farbe.
Der Weg führt auf den Talgrund, um auf der anderen Seite der Hängebrücke die verlorenen Höhenmeter wieder gutzumachen. Das ganze Spielchen noch zweimal, und schon sind wir in Deng. Eine lange Mani-Mauer empfängt uns. Die erste. Ein klares Zeichen, dass wie das Gebiet der nepalesischen Gurung verlassen haben und nun bei den Tibetern sind. Die Mauer wird aus aufgeschichteten Steinplatten gebildet, die mit tibetischen Mantras beschriftet sind. Dazu hat jedes Dorf ein Eingangstor, eigentlich ein viereckiges Türmchen, mal mit Buddhas Augen bemalt, mal mit gelben Rüschen. Die Gebetsmühlen dürfen auch nicht fehlen.
Naina, der Guide der Tschechen hat schon wieder ein Zimmer für uns, und abends kümmert er sich in der Küche, dass auch für uns Essen gekocht wird. In den kleinen Lodges kochen die Guides für ihre Gäste selber, hocken alle auch mit den Trägern in der kleinen, aber warmen Küche zusammengepfercht. Wir Trekker sitzen im geräumigen, aber unbeheizten Speisezimmer. Heute merkt man abends schon die Kälte und verkriecht sich nach dem Essen gerne in den wärmenden Schlafsack. Und da sind wir erst in 1.800 m Höhe.
11. Oktober, Deng – Namrung
Das Wetter zeigt täglich das gleiche Muster. Sonnig bis Nachmittag, dann Quellwolken, nachts sternenklar. Es gibt so viele Sterne, das man die bekannten Sternbilder schwer dazwischen nur findet. Die milchig weiße Milchstraße wölbt sich am Himmel. Wenn die Sonne über die Berge ins Tal kommt, ist es gleich warm. Wir brechen als Letze auf, die Tschechen und zwei große Gruppen Franzosen, die wir täglich treffen, sind schon weg. So können wir die einsame Wanderung richtig genießen. Zdenek hat die schmerzenden Plattfüße erfolgreich mit Ibuprofen bekämpft und marschiert mit Gesang auf den Lippen.
Das Singen vergeht uns am Nachmittag in Namrug, wo schon die einzige Lodge voller Franzosen ist. Die Tschechen gehen noch weiter, wir bleiben aber am Dorfende, wo eine weitere Lodge umgebaut wird. Unten kleine dunkle Küche, auf den Balkon geht’s über eine Hühnerleiter, oben führen drei Türen in die Schlafkojen. Alles nackter Stein, und das Fenster hat zwar ein Gitter, aber kein Glas. Für Frischluftzufuhr wird nachts also gesorgt. In 2500 m Höhe. Das warten auf die Fütterungszeit überstehen wir im Schlafsack, essen können wir in der warmen Küche. Die tibetische Hausherrin kümmert sich überhaupt nicht um die Gäste, und ihr kleines, barfüßiges und mit Amuletten behängtes Männlein sitzt in der Ecke auf dem Boden und grinst freundlich. Es sind nur noch vier junge Touristinnen mit ihren Guides da. Wir setzen uns auf zwei leere umgedrehte Eimer und tragen den Guides unseren Menüwunsch vor. Die sind aber von den vier massiv mit ihnen flirtenden Hennen so abgelenkt, dass wir uns um unsere Mägen Sorgen machen. Endlich, endlich haben sie ausgekichert und wir bekommen die Blechteller mit unseren Nudeln.
Abends ist aus den Bergen eine Gruppe von ungefähr zwanzig Kindern herunter gekommen, mit Schulranzen, nur in dünner Kleidung und Turnschuh ohne Socken, aber mit Lachen im Gesicht. Unten bei den hinduistischen Gurung beginnt ein festival, ein zweiwöchiger Fest, und die Kinder kehren mit einem Lehrer aus dem Internat nach Hause. Der Weg dauert zwei Tage. Erst spät abends bekommen sie draußen auf dem Holztisch ihren dhal bhat serviert, den sie nach Landessitte mit den Fingern verspeisen. Schlafen werden sie in einem kleinen Raum, wo auf dem Boden Decken ausgebreitet werden.
12. Oktober, Namrung – Lho
Lho – ein wunderschöner Platz
Die Kinder laufen schon um fünf Uhr früh los. Es ist noch stockdunkel. Um sechs kochen die Guides für ihre Kichertouristinnen diverse Leckerbissen. Für uns bleibt dann ein pancake mit Tee übrig. Marmelade holen wir uns selber aus dem Regal, so können wir doch einigermaßen satt aufbrechen. Das tibetische Männle zeigt uns beim Zahlen einen Sack mit Äpfeln, so kaufen wir zwei Stück dieser Kostbarkeit. Man sagt uns, die tibetische Frau Wirtin ist bussy. Sie kommandiert zuerst einen Helfer und dann zehn Yak Kühe, die zum Melken vor dem Eingang in Reihe aufgebunden wurden.
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Rotzfreche kleine Mönche
Im Sonnenschein marschieren wir zufrieden bis Mittag nach Lho. Ein schönes Dorf mit einer neuen Stupa in der Mitte und daneben eine ebenfalls neue Lodge. Wir beschließen hier über Nacht zu bleiben, beziehen gleich ein Zimmer, bevor es hier von Franzosen überschwemmt wird. Auf einem markanten Hügel über den Häusern thront eine Gompa, ein Kloster. Viele flatternde Fahnen weisen den Weg dorthin. Wir gehen den Fahnen und dem Gesang nach. Die kleinen Mönche haben Musikunterricht. Unser Erscheinen veranlasst sie zum Herumalbern, was den Mönchslehrer gar nicht stört. In zwei offenen Lauben sitzen weitere Schüler auf den Boden: Lesen und Mathe sind dran. Auf den umliegenden Terrassenfeldern arbeiten weitere kleine Mönche. Sie laufen uns mit großen Säcken auf dem Rücken entgegen den Hang hinauf und rufen: potato. Und lassen sich begeistert fotografieren, um sich gleich im Display anschauen zu können.
Die Sonne versteckt sich langsam hinter den Wolken, der eisige Wind kommt. Aus Dächern der Steinhäuser steigt Rauch auf, es wird Abendessen gekocht. Wir haben auch schon Hunger. Heute brauchen wir uns keine Sorgen machen, in dieser Lodge kocht ein Profi, der unsere Bestellung auch rechtzeitig liefert. Leider ist es in dem aus Beton gefertigten Gastraum recht zugig und kalt, so liegen wir schon um halb acht im Bett.
13.Oktober, Lho – Samagaon
Die heutige kurze Etappe beginnt mit Fotografieren des Klosters, seines goldenen Eingangstores und des im Hintergrund das erste Mal erscheinenden Manaslu mit seinen 8.163 m. Das Tal weitet sich, wir kommen auf ein Hochplateau. Da thront Shyala, ein Ort wie eine unwirkliche Filmkulisse. Wir sind im Mittelalter angekommen. Häuser aus grob behauenen Steinen, unten Stall, oben über eine Leiter der einzige Wohnraum. Zwischen den Häusern flanieren grasende Mullis, eine buntgeschmückte Yak Karawane bringt Ware, lachende Kinder mit Rotznasen laufen herum. Die ganz kleinen haben hinten an der Hose einen Schlitz. So spart man sich Windeln. Die ganze Szene wird von strahlend weißen Sieben- und Achttausendern umschlossen. Wir können uns nicht sattsehen.
Auch die nächste Ortschaft Sama ist überwältigend. Eine steinerne Stupa mit gelbem Türmchen und gütlich in alle Himmelsrichtungen schauenden Augen Buddhas krönt das Erlebnis. Wir bleiben ein Stück weiter in Samagaon. Das sind zwei fertige Lodges, eine im Bau und das Checkpoint. Wir bekommen einen Verschlag in der alten Lodge, die besseren Zimmer sind schon alle voller Franzosen. Der alte Ortskern liegt abseits des Weges und nach unseren Erkundungen scheint er fast unbewohnt. Wenn wir vom Rundgang durchs Dorf zurück sind, steht auch der Hof voller Franzosenzelte. Das gibt es nicht!
Beim Abendessen sind wir Nichtfranzosen an einem Tisch zusammengequetscht. Einer davon ist ein Kolumbianer, der vom Manaslu kommt. Den Gipfel hat er leider wie die meisten Bergsteiger in dieser Saison nicht geschafft. Sein Kumpel ist dort oben verschollen geblieben, sie haben ihn auch mit Hubschrauber nicht gefunden. Auch hat der Kolumbianer erzählt, dass sie oft entlang der Aufstiegsstrecke Spuren vom Schneeleoparden gesehen haben. Und einmal ist das scheue Tier sogar seelenruhig am Camp vorbeispaziert. Biologen aus der ganzen Welt bemühen sich mit großem Aufwand, die ein paar noch lebenden Tiere in dem Himalaya zu sehen, und die Schneeleoparden gucken sich lieber die Bergsteiger an.
14.-15. Oktober, Samagaon – Samdo
In dieser Höhe gibt es keine Bäume mehr. Die trockenen Grashänge unter den Schneebergen sind mir herbstlich rot gefärbten Berberitzensträuchen verziert. Die heutige kürzere Etappe erlaubt uns viele Stopps zum Fotografieren. Der Manaslu zeigt sich mit seinem spitzen Doppelgipfel von seiner schönsten Seite.
Samdo liegt malerisch auf einem Plateau, nur leider auf fast 4.000 m
Mittags sind wir schon in Samdo, wo wir ein dunkles steinernes Zimmer beziehen. Nachmittag gilt der Erkundung des Dorfes. Hier auf 3.800 m leben ganzjährig tibetische Familien mit ihren Yaks, ernähren sich vom mageren Ertrag der umliegenden Terrassenfelder. Auf den Dächern wird das bisschen Reisig zum Heizen und Kochen aufbewahrt und Maiskolben getrocknet. Wie mag es den Menschen hier im Winter ergehen, in den unverfugten Steinhäusern, nur mit der Wärme von der offenen Kochstelle?
Karge Steinhäuser in Samdo
In der zweiten Lodge des Ortes sehen wir unsere tschechischen Freunde wieder. Zwei von ihnen sind erkältet, trotzdem gehen sie Morgen weiter. Auch ich wache am nächsten Tag mit einer Erkältung auf. Da wir aber einen Ruhetag eingeplant haben, ist es weiter nicht schlimm. Auf den Hausberg Samdo Peak muss aber Zdenek ohne mich gehen. Ich versuche bei anderen Trekkern Nasivin aufzutreiben, leider vergeblich. Aspirin und hot lemon sind also meine einzige Medizin. Die Mittagsstunden verbringe ich liegend auf der Wiese, von der Sonne gewärmt und vom Schlafsack gegen den scharfen kalten Wind geschützt. Alles ist besser als den ganzen Tag in dem feuchtkalten Verlies zu liegen.
16. Oktober, Samdo – Dharamsala
In der Früh fühle ich mich besser, Zdeneks gestrigen Vorschlag, einen Träger zu nehmen, finde ich nicht gut. Ich will alleine zurechtkommen. Mit Stirnband über dem Mund gegen die kalte Luft, mit langsamen Schritten, geht es vorwärts, der letzten Übernachtung vor dem Pass entgegen. Es wird spannend, ob wir dort tatsächlich Schlafplätze bekommen. Dharamsala, wie die Stelle in 4.400 m Höhe heißt, war früher nur eine Zeltwiese, seit dem letzten Jahr steht dort eine Unterkunft. Angeblich für 60 Personen. Wenn es stimmt, sollte es reichen.
Auch in der Sonne ist es nicht warm. Die letzte Schlafmöglichkeit vor dem Larkya La
Am Mittag heißt uns Dharamsala willkommen. Zwei längliche Steinhäuser in den spärlich mit trockenem Gras bewachsenen Hang eingebettet, dahinter ein Großzelt für die Träger. Das Zimmer hat eine Blechtüre und ein Wellblechdach, innen eine Pritsche für drei Personen, mit Matratze. Lehmboden mit Plastikplane drauf. Mehr als eine Nacht möchte ich in diesem Verschlag nicht verbringen. Trotzdem ist es wahrscheinlich bequemer als es die Einheimischen haben. Innen ist es kalt, aber das Mäuerchen vor der Türe ist von der Sonne erwärmt. Wir bestellen das Frühstück für halb sechs. Alle anderen frühstücken um halb fünf, dazu ist Zdenek aber nicht bereit. Nur meine Warnung, dass ich mit meiner Erkältung Morgen bestimmt langsam gehen werde, lässt ihr ein Kompromiss schließen. Sonst würde er erst um acht aufbrechen.
Ich esse eine große Portion mashed potatoes mit einem Stück unserer Salami, dazu bestellen wir die obligatorische große Thermoskanne mit Tee.
17. Oktober, Dharamsala – Larkya La – Bimtang
Der Pass ist 5.160 m hoch. Also es gilt 600 Höhenmeter zu überwinden. In der Nacht hat es angefangen zu schneien. Wir brechen als die Letzten auf, ungefähr eine halbe Stunde nach den anderen. Es ist dunkel, neblig, windig und es schneit. Kein schöner Start in den „Gipfeltag“, bei uns Passtag. Mit unseren Stirnlampen folgen wir den Spuren im Schnee. Sie ziehen sich weglos entlang der Randmoräne. Mit zunehmendem Licht hört der Schneefall auf und wir können uns an den Stangen orientieren, die an markanten Stellen angebracht sind. Ein alter Träger ruht sich aus, sein großes Paket mit Metallstühlen und Tisch an einem Steinblock angelehnt. Er zeigt uns eine Gruppe behörnter Tiere, die über uns im Schnee nach fressbarem graben. Bergziege oder Bergschaf? Keine Ahnung, auf jeden Fall etwas Wildes. Sonne und Wind reißen Löcher in die tiefen Wolken und zaubern auf dem Steinmeer der Moräne goldene Muster.
Und immer mit einem Lächeln
Endlich gehen wir nicht als die Letzten, das hat mir in meinem Zustand nicht gefallen. Ich bin doch durch die Erkältung angegriffen, mit innerem Druck im Kopf und voller Nase kann ich schwer atmen. Die eisige Luft macht es mir nicht leichter. Ich stolpere über die Steine, was den Zdenek 300 m unter dem Pass veranlasst, mich zu entmündigen. Er nimmt mir meinen Rucksack! Ich bin überhaupt nicht einverstanden, er ist aber mit beiden Rucksäcken schneller als ich ohne, so muss ich mich fügen. Schade, schade! Mein Rucksack hat keine 8 kg gehabt, der hat mich bestimmt nicht gebremst. Und ich durfte nicht aus eigener Kraft den Pass bestiegen.
Endlich auf dem Larkya-La, 5.106 m
Auf dem Larkya La lösen wir eine große Gruppe Franzosen ab, die nach einer Brotzeit den Abstieg beginnt. Die höchste Stelle ist wie überall in den buddhistischen Gebieten mit großem Steinhaufen markiert, von dessen Gipfel unzählige Fahnen flattern. Wir sind hier auf dem Gletscher, aber der ist vollständig mit einer Schicht Steinen und Staub bedeckt. Als Beweis, dass ich doch bei Sinnen bin, mache ich mit Selbstauslöser ein Foto von uns. Der Abstieg beginnt steil über eine Flanke aus losem Gestein, bis man auf eine alte Randmoräne stößt, wo schon ein schmaler Trampelpfad erkennbar ist. Die Moräne zieht sich im langen Bogen nach links. Unendlich, scheint mir. Mit der abnehmenden Höhe taucht wieder Vegetation auf, wir bewegen uns auf einem rot-grün-gelbem Teppich aus Moosen und niedrigem Gestrüpp. Einmal noch zeigt uns die Sonne die Farben, dann beginnt es leicht zu schneien. Und hinter dem weißen Vorhang taucht weit vor uns die Lodge. Ich bewege mich in Zeitlupe auf sie zu, Zdenek wartet geduldig. Nach 9,5 Stunden sind wir endlich da. Ein schönes Zimmer in einer Holzhütte, ein Bett und Tasse hot lemon. Was kann ich mir mehr wünschen? Erschöpft schlafe ich sofort ein, werde erst abends zum Essen geweckt. Der Speiseraum ist neu, in der Mitte steht ein glühender Bullofen. Das erste mal in diesen Bergen ist es beim Essen warm! Ist das ein Genuss!
18. Oktober, Bimtang – Goa
Es geht mir wieder gut. Wir lassen alle Franzosen abziehen, dann verlassen auch wir diese farbigen Holzhütten, die man vom Baustil eher an der Nordsee vermuten würde. Unter der Moräne führt uns eine halb zerfallene Holzbrücke übers Wasser in einen Märchenwald. Saftig grüne Flechten wehen an Ästen riesiger Tannen, dazwischen schimmern die gewaltigen Gletscher des Manaslu. Jetzt zeigt er sich von der anderen Seite, keine Doppelspitze, sondern ein mächtiger Bergrücken. Viele Wasserfälle stürzen ins Tal, um dort den Fluss Dudh Khola (was Milchfluss bedeutet) zu bilden. Übernachtung in Goa, einer einsamen Lodge am Wegrand. Wir haben sie nur mit vier Australiern für uns, oh herrliche Ruhe, und als Krönung gönnen wir uns das erste Mal hot shower. Das ist ein Eimer heißes Wasser, das man in einem Verschlag über sich gießen kann. Der Eimer reicht für uns beide, wir sind bescheiden. Nach zehn Tagen Katzenwäsche.
19. -20. Oktober, Goa – Tal
Die hohen Berge lassen wir hinter uns, jetzt wird es nur noch ein Spaziergang. Grünes Tal mit uralten Tannen und Kiefern, am Wegesrand breitet sich wieder ungeniert Marihuana aus. Auf einer ebenen Stelle Tikie, ein Mittelalterdorf mit engen Gassen und ein paar basic lodges. Noch etwas tiefer, wo unser Weg in das Manangtal mündet, liegt Dharapani. Die letzte Tibetersiedlung für uns und gleichzeitig der Ausgangspunkt für den Anapurna Trek. Zum Abschied von „klein Tibet“ besuche ich die wunderschöne Gompa. Wände herrlich bemalt mit vielen auf Wolken und Lotusblüten schwebenden Buddhas, auf dem Altar seine geschmückte goldene Statue, in der Ecke von der Decke hängender großer Gong.
Manaslu von Süden
In Dharapani beginnt die mit Jeeps befahrbare Piste. Das hat zur Folge, dass hier viele Lodges, Geschäfte und Restaurants die einzige Straße säumen. Große Karawanen von beladenen Mullis kommen uns entgegen. Und frische Trekker, die die Anapurna Umrundung vor sich haben. Zum Glück können wir dem Gegenstrom bald über eine Hängebrücke ausweichen, um nach Tal zu kommen. Ein Ort, der nur aus lauter Lodges besteht und um den es jetzt ruhiger geworden ist, seitdem auf der anderen Flußseite die Piste errichtet wurde. Viele Unterkünfte stehen leer oder haben nur drei vier Gäste.
Und hier erwischt es Zdenek. Erkältung. So beschließen wir einen Ruhetag einzulegen. Zdenek verbringt ihn liegend in unserem schönen Zimmer des Paradise Hotels, einer zweistöckigen Lodge. Ich vertreibe mir die Zeit mit Dorferkundung und Studieren eines zerfledderten Exemplars von Lonely Planet, um uns auf den Aufenthalt in Pokhara nach dem Trek zu informieren.
21. Oktober, Tal – Bahundanda
Zdenek geht es wieder gut. Aufbruch nach scrambled eggs zum Frühstück. Am Dorfausgang stehen Bagger, wahrscheinlich wird eine Brücke zu der Fahrtpiste auf dem anderen Ufer gebaut. Das wird das Ende der Beschaulichkeit, aber bringt Tal vielleicht wieder mehr Touristen.
Die Tiere brauchen täglich Futter
Die steilen Felswände, durch die sich bis jetzt der Fluss seinen Weg gebahnt hat, weichen zurück. Schmale Reisfelder tauchen auf, immer mehr, bis wir durch ein hellgrünes Amphitheater laufen. Der Pfad wird vom hohen Bambus gesäumt. Vögel, Schmetterlinge, Eidechsen, die Hänge sind voller Leben.
Unser Versuch, in Jagat ein Mittagessen zu bekommen, scheitert. Kein Koch. Wegen dem hinduistischen festival, da wird nicht richtig gearbeitet. Hier sind wir in das Gebiet der Gurung zurückgekommen, und die sind Hinduisten. Statt Mittagessen gibt es am Dorfrand frisch gepressten Orangensaft.
Schmale Reisterrassen
Der Hauptweg durchs Dorf
Unser heutiges Ziel, das Dorf Bahudanda, thront auf einem Bergdrücken. Der Weg nach oben hat viele Stufen, 200 m führt er schnurstracks zum Himmel. Zwei Jungs, die mit einer Milchkanne ins Tal laufen, um ihre Büffelkuh zu melken, wittern Kundschaft in uns. Der eine dreht um und geht nun mit uns nach oben, in die Lodge seiner Familie. Er preist es auf Englisch: sie haben Eigenproduktion, alles organic, Gemüse organic, Reis organic, Milch organic. Auch hier hat der Kampf um den Touristen also begonnen. Die Lodge ist sauber, hat Lehmwände und Lehmboden, sauber gekehrt. Essen wird an einer offenen Veranda eingenommen. Da wir außer drei Indern, die in Plastikturnschuhen zu dem Anapurna gehen wollen, die einzigen Gäste sind, setzt sich der Lodgevater abends zu uns. Er hofft mit uns ein Geschäft zu machen. Statt Morgen mit dem Bus nach Pokhara zu fahren (die Fahrer sollten auch während des Festes betrunken sein), kann man in drei bis vier Tagen über die Berge dorthin laufen. Wunderschön, einsame Dörfer, herrlicher Blick auf die Achttausender. Zeigt uns auch die Karte. Er würde uns begleiten, aber weil gerade festival ist, muss er leider einen Zuschlag verlangen. 100 $ will er. Mich würde es sehr reizen, abseits der Touristenpfade durchs Nepal zu wandern, aber der Weg kreuzt viele Höhenlinien. Zu viele? Wir sind nach der Umrundung doch etwas müde. Die Karte soll es aber auch unten an der Straße geben, so können wir in Bhulbhule noch überlegen, ob wir es alleine wagen.
Der alltäglich obligatorische Stromausfall lässt das Thema wechseln. So wie auf dem Buddhi Gandhaki, sind auch hier etliche kleine Wasserkraftwerke. Unser Wirt weiß genau, wie viel MW welcher liefert und wer ihn gebaut hat: den kleinen die Deutschen, den größeren die Inder. Es reicht aber nur für ein paar bescheidene Sparlampen. Immerhin.
Die neue Strasse nach Dharapani
22. Oktober, Bahudanda – Bhulbhule
Heute früh wird hier eine Zeremonie abgehalten: ein Ziegenbock wird geopfert. Ja, die Hindus mögen es blutig. Der Lehmboden vorm Haus wird mit frischem Lehm bestrichen, der Zeremonienmeister malt magische Zeichen auf die Erde, zündet Räucherstäbchen an und murmelt Gebete. Dann wird das Tier gebracht, nichts böses ahnend, bekommt noch ein Ziegenleckerli. Erst wenn er auf einen Haufen Reisig geschoben wird, wird er bockig. Ich erwarte, dass er hingelegt wird und ihm die Halsader durchgeschnitten wird, der Wirt hat ihm aber mit einem einzigen Hieb mit seinem großen khukri Messer den Kopf abgetrennt. Ende, kurz und bestimmt schmerzlos.
Ich finde Zdenek auf mich am Dorfrand warten, er kann kein Blut sehen. Und dann geht es zick zack zwischen den Reisterrassen ins Tal. Unten am Fluss liegt wie ein Juwel die Ortschaft Nagdi. Grüne Wiese mit Bächlein, Lodges mit blühenden Gärten, Tische unter schattigen Lauben locken zur Rast. Eingebettet zwischen den grünen Hängen, gekrönt vom weiß strahlendem Manaslu. Trotzdem keine Gäste, auch hier hat die neue Straße die zahlende Kundschaft weggelockt. Für uns ist es leider zum Essen noch zu früh, so drehen wir uns nur öfter um nach diesem Paradies.
Bhulbhule ist von weitem nicht so schön wie Nagdi. Schattig am Fluss liegend, mit dem staubigen Busparkplatz im Nacken. Der Bus fährt nach Besi Sahar, dort muss man umsteigen. Die Idee mit dem Wandern über die Berge hat Zdenek verworfen. Er will nicht mehr laufen. Überhaupt nicht mehr, auch nicht nach Besi Sahar, was nur drei Stunden weit wäre. So übernachten wir direkt an der Hängebrücke, die das alte Do**rf vom Parkplatz trennt. Ich gehe am Nachmittag an dem Pfad Richtung **Besi Sahar spazieren und entdecke abseits des Weges ein verträumtes kleines Dörfchen, das zwischen den Reisterrassen am Hang klebt.
In unserer Lodge wimmelt es wieder von Franzosen. Diesmal frische Lieferung, die starten zum Anapurna. Wieso sind hier so viele Franzosen? Und immer in Riesengruppen. Zum dinner ergattern wir Platz unter einer Laube, romantisch beim Kerzenschein. Ja, Stromausfall, passt aber zu unserem Abschied. Wir sind hier am Ende unserer Wanderung. Schade, es war schön. Werden wir so etwas noch mal unternehmen?
23. Oktober, Bhulbhule – Pokhara
Pokhara
Bevor der Bus abfährt, schaffe ich noch eine Ziegenhinrichtung. Im Bus sind wir alleine. Auf dem staubigen Parkplatz in Besi Sahar auch. Im Kiosk gibt es nur Tee und fette ausgebackene Teigteile, auf den Bänken langweilt sich die Dorfjugend. Nichts sieht danach aus, dass von hier ein Bus fahren sollte. Angeblich erst um elf. Hoffentlich, nach den herrlichen Bergen möchten wir in diesem verstaubten Loch nicht landen. Der Bus kommt tatsächlich. Gleich geht es los, verkündet der Fahrer. Aus dem gleich ist eine Stunde, die weitere Stunde verbringen wir im „Zentrum“, wo Passagiere erst zusammengetrommelt werden müssen. In weiteren Ortschaften hat sich das Fahrzeug dermaßen gefüllt, dass wir eingeklemmt zwischen den Leibern und Gepäck am Fenster kleben. Leider am offenen Fenster, so steigen wir bei einbrechender Dunkelheit in Pokhara mit beginnender Mittelohrentzündung (Zdenek) und entzündeten Nebenhöhlen (ich) aus. Das in Lonely Planet ausgewählte Hotel Nirwana im Touristenviertel Lake Side ist besetzt, der hilfsbereite Rezeptionist findet für uns ein anderes. Leider nur für eine Nacht, aber immerhin. Den Tag beenden wir in einer europäisch anmutenden Pizzeria.
24.-27. Oktober, Pokhara
Machapuchare aus dem Hostelfenster
Wir ziehen in das nahe Hotel Eagle Nest um. Zdenek schluckt Antibiotika und liegt im Bett, von dem er eine herrliche Aussicht auf vier Achttausender hat. Ich halte mich mit Nasivin (endlich eine Apotheke!) und Aspirin über Wasser. Angeschlagen wie wir sind, unternehmen wir kleine Ausflüge auf umliegende Hügel, ich schlendere durch das touristische Lake Side, und fahre mit den Lokalbussen zu den ein paar Sehenswürdigkeiten, die es in Pokhara gibt. Zdenek nutzt mittags das warme Solarwasser und wirft seinen dichten weißen Bart ab. Gleich sieht er gesünder aus. Nach drei Tagen Ruhe ist es Zeit nach Kathmandu zurückzufahren.
28.-30.Oktober, Kathmandu
Der Morgenbus braucht 8 Stunden, um die 200 km nach Kathmandu zu bewältigen. Wir werden irgendwo auf der umtriebigen Ringstraße ausgespuckt. Die Taxifahrer scharen sich gleich um uns. Einer behauptet, er wüsste, wo Chandol ist. Die Straße, wo Pemba wohnt, kann er aber nicht finden, so telefoniert er mit ihr und lässt sich navigieren.
Sie empfängt uns in ihrem großen neuen Haus im neunepalesischem Stil: Türmchen, Erker, Balustraden, Säulen. Gelb strahlt es in der Abendsonne. Ein Prachtbau. Pemba bewirtet uns gleich mit Milchtee. So muss ihn Zdenek endlich auch probieren, wo er sich die ganze Zeit in den Bergen dagegen gewehrt hat. Die drei Kinder von ihr werden uns vorgestellt: die Jungs Pasang, Sonam und die Tochter Tsering. Wir werden nicht wie geplant hier wohnen, aber im Haus ihres Mannes. Sein Bruder Nima wird dort mit uns übernachten. Er ist en netter Kerl, leider spricht er außer Nepali keine andere Sprache. Das Haus liegt nicht weit von Pembas und ist von außen schlicht und innen im Stil der tibetischen Bürgerhäuser eingerichtet: eine große zentrale Halle mit Bänken rund um die Wände. Ähnlich wie der Hauptraum in ihrer Thamserku Lodge in Namche, wie wir uns gleich erinnern. Wir bekommen das schönste Zimmer, das elterliche Schlafzimmer mit eigenem Bad.
Am nächsten Tag freuen wir uns in die Stadt. Durbar Square, Chetrapati, Thamel. Die bekannten Gerüche und Geräusche umschließen uns, wir sind so vertieft in das Wiederentdecken des Altbekannten, dass wir aus Versehen an dem Zahlhäuschen vorbeigehen. Eintritt in das Altstadtzentrum. Das war das letzte Mal noch nicht da. Die Innenstadt sieht aufgeräumter aus, kein Chaos am Durbar Square, es ist jetzt Fußgängerzone. Dafür hat es aber mehr Museumscharakter. Das Leben pulsiert hier nicht mehr so wie früher. Nur an den heiligen Schreinen herrscht Andrang, Butterlampen werden angezündet, orangefarbene Blütenketten aufgehängt und die Statuen von Ganesh, Bhairaw, Shiva bis zur Unkenntlichkeit mit rotem Farbstaub eingeschmiert.
Im Touristenviertel Thamel möchten wir uns wieder baumwollene bedruckte Stoffe kaufen, die uns zu Hause als Tischdecke unser geliebtes Nepal nicht vergessen lassen. Die Stoffläden, die früher an jeder Ecke waren, sind aber weniger geworden. Warum? Mögen die Touris die wunderschönen Muster nicht mehr? Wir suchen uns dennoch vier Stück aus, natürlich mit Mandala-Muster. Feilschen muss auch sein, das überlässt aber Zdenek mir.
Thamel sieht ordentlicher aus, die früher mit Pfützen, Schlamm und Unrat bedeckten Straßen sind nun gepflastert, Abfälle sind auf Haufen zusammengekehrt. Ein Laden neben dem Anderen, viele neue Hotels haben die lauschigen Hinterhöfe ausgefüllt. Touristen sehen wir aber nicht so viele wie damals, da hat es hier nur so gewimmelt. In der ganzen Innenstadt fahren keine Tuk-tuks mehr, die früher stinkend die Straßen verstopft haben. Nur die Kabel der Elektoleitungen hängen durch die Straßen, um sich an den Knotenpunkten zu verheddern. Wie früher. Auch das Hotel Norbu Lingha, in dem wie die beiden früheren Male übernachtet haben, steht unverändert da. Nur der Preis hat sich vervierfacht. Darum sind wir dort nicht abgestiegen. Die Zugangsstraße zu ihm, wo der Metzger auf dem nackten Boden Tiere geschlachtet hat und wir in Sandalen über die Blutlachen springen mussten, ist auch schon gepflastert. Ja, Fortschritt.
Durbar Square
Am Abend haben wir Pemba, ihre drei Kinder und Nima zum Essen in ein Restaurant eingeladen. Sie führt uns um die Ecke in ein modern mit Plastiktischen eingerichtetes Lokal, wo wir Momos bestellen und Pemba die übrig gebliebenen Hähnchengelenke von Tserings Teller aufisst. Obwohl wir sie eingeladen haben, lässt sie uns bezahlen, erst wenn wir versprechen, uns Morgen von ihr einladen zu lassen. Die gute Seele.
Vor dem Schlafengehen habe ich im Bad zwei Schluck Wasser aus dem Wasserhahn getrunken. Großer Fehler. Es hat in meinem Inneren eine Revolution verursacht. Innerlich gereinigt stehe ich am Morgen mit zittrigen Beinen auf. Der letzte Tag. Und die letzte Chance, die wunderschöne Bodnath Stupa wieder zu besuchen. Als Verabschiedung vom Nepal. Ich schaffe es, am Nachmittag muss ich mich aber entkräftet ins Bett legen. Das Abendessen mit Pemba müssen wir absagen.
So kommt sie am Abend zu uns ins Haus. Mit ihrem Schwager Kami, mit dem wir abrechnen müssen für den Jeep und die Permits, und mit Tsering. Kami legt uns Katas um den Hals und Pemba schenkt mir eine große Packung guten Tees. Und zwei Taschen für ihre Schwester in Marktoberdorf. Gemeinsames Foto, Umarmungen, Abschied. Ja, Pemba Chuteen, wir würden dich gerne in Namche besuchen, danke für die Einladung. Mach´s gut, bleib immer so fröhlich, thank you, thank you for all, good bye.
Abschied
Morgen früh fliegen wir nach Hause. Helena
Manaslu Circuit
[//]:# (!worldmappin 28.65066 lat 84.63312 long Manaslu Citcuit, Samdo d3scr)
[//]:# (!worldmappin 28.34790 lat 84.89737 long Manaslu Circuit, Jagat d3scr)
[//]:# (!worldmappin 28.56100 lat 84.74030 long Manaslu Circuit, Lho d3scr)
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