Nachbarschaftsrivalitäten wuchsen sich zu einem Stadtkrieg aus: In den Straßen Jakartas schlitzten sich Männer mit Macheten gegenseitig auf. Die Szenen sinnloser Tötungen und Enthauptungen machten mir klar, dass Suhartos Unterdrückung wie ein Dampfkochtopf gewirkt hatte und dass das Vertuschen von Gewalt nur noch mehr Gewalt zur Folge hatte.
Live-Dreh für CNN auf dem Dach des Sari Pan Pacific Hotels in Jakarta, Mai 1998. Wir berichteten rund um die Uhr und schliefen höchstens drei bis vier Stunden pro Nacht.
In West-Kalimantan kamen bei ethnischen Auseinandersetzungen zwischen Maduresen und Dayak Hunderte von Menschen ums Leben. Die Dayak waren einst als Kopfjäger von Borneo bekannt. Sie glaubten, dass man die Kraft eines Feindes in sich aufnähme, wenn man ihm den Kopf abschlug und seine Leber aß. Dieser alte, traditionelle, animistische Glaube blühte immer noch – und wurde nie angesprochen, denn unter Suharto war es verboten, über Themen im Zusammenhang mit Herkunft, Religion oder Ethnie zu reden. Solche Dinge waren zu »emotional«, zu kontrovers, und in einer Gesellschaft, in der die Ordnung weitgehend vom Militär durchgesetzt wurde, war es »unnötig«, über strittige Themen zu diskutieren und zu debattieren, weil das alles nur noch schlimmer machte.
An einem Wochenende sah ich, wie acht Menschen von randalierenden, feiernden Gruppen von Männern geköpft wurden, die farbige Stirnbänder trugen, welche ihre ethnische Gruppe kennzeichneten. Ein andermal ging ich auf ein Feld hinaus, wo eine Gruppe von Jungen Fußball spielte. Sie schienen eine Menge Spaß zu haben. Dann erkannte ich, dass der Ball, den sie herumkickten, der Kopf eines alten Mannes war.
Im muslimisch-christlichen Ambon forderte die religiöse Gewalt in etwas mehr als einem Jahr über viertausend Menschenleben. Bis 2002 stieg die Zahl der Toten auf mehr als zehntausend. Ich erinnere mich, dass ich einmal die von den Kämpfen erschöpften Menschen, die in durch muslimische oder christliche Kontrollpunkte getrennten Enklaven leben, fragte, wie es zu dieser Gewalt gekommen sei – in der Hoffnung, dass die Suche nach den Ursachen dazu beitragen könnte, die Gewalt zwischen den Gemeinschaften zu beenden. Die Antwort, die ich erhielt, war stets dieselbe: »Das waren Leute von außerhalb, nicht wir.«
So hieß es immer, wenn Gewalt ausbrach. Der Sog des Mobs setzte jegliche Selbstkontrolle außer Kraft und erlaubte den Menschen, ihre schlimmsten Seiten auszuleben. Was ich in Indonesien sah, war etwas, was ich auch auf den Philippinen beobachtet hatte und später in Ländern auf der ganzen Welt sah, wenn die Macht der Desinformation das Denken und Verhalten der Menschen beeinflusste, die häufig weniger gebildet oder mit dem Internet weniger vertraut waren. Bildung entscheidet über die Qualität einer Regierungsführung. Eine Investition in die Bildung trägt erst nach einer Generation Früchte. Ebenso bekommen die Länder die Auswirkungen einer Vernachlässigung der Bildung erst eine Generation später zu spüren. Dies bestimmt ihre Produktivität, die Qualität ihrer Arbeitskräfte, ihre Investitionen und letztlich ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP). Der Haushaltsposten eines Landes für das Bildungswesen ist eine Investition in seine Bevölkerung.
Die Fähigkeit, zu unterscheiden und zu hinterfragen, die sowohl für den Journalismus als auch für die Demokratie von entscheidender Bedeutung ist, wird mit durch Bildung bestimmt. Journalisten und Nachrichtenorganisationen spiegeln die Macht des Volkes wider, seine Führer zur Verantwortung zu ziehen. Das bedeutet, dass sich die Qualität einer Demokratie letztlich auch an der Qualität ihres Journalismus ablesen lässt.
Meine journalistischen Erfahrungen waren die Norm unter den Kolleginnen und Kollegen meiner Generation, weil ich in das goldene Zeitalter unseres Berufsstands hineingewachsen war, als die Nachrichtenorganisationen ihren Mitarbeitern ausreichend Ressourcen und Schutz boten.
Ich liebte meinen Job. Reporterin zu sein verlieh meinen Zwanzigern und Dreißigern einen Sinn; ich hatte immer die Deadline im Blick, war voller Adrenalin und lernte viel über die Welt. Ich hatte das Privileg, einige der heikelsten Momente im Leben vieler Menschen mitzuerleben und zu filmen: Tragisches und Freudiges, ungeschönt. Das gemeinsame Erleben solcher Momente schuf echte Verbindungen, wenn ich es als das Privileg betrachtete, das es war. Ich habe mich auf jede Situation eingelassen, um zuzuhören und zu lernen, um offen und verletzlich zu sein – denn guter Journalismus beginnt mit Vertrauen. Die Gesprächspartner müssen einem vertrauen, und durch die eigenen Beiträge muss man sich das Vertrauen des Publikums erarbeiten.
Ich fühlte mich auf allen Ebenen gefordert: körperlich, intellektuell, sozial und spirituell. In intellektueller Hinsicht erwarb ich Fachwissen, indem ich Geschichten über längere Zeiträume hinweg verfolgte und von Politik zu Wirtschaft, Regierungsführung, Sicherheit, Klima, nachhaltiger Entwicklung und vielen anderen Themen wechselte.
Auf sozialer Ebene knüpfte ich ein Netz von Quellen, bis ich Insiderinformationen darüber sammeln konnte, wie und warum Entscheidungen getroffen wurden. Ein Reporter ist nur so gut wie seine Quellen; das ist der Unterschied zwischen Pressekonferenzen und unabhängigen Recherchen. Ehrlichkeit, eine klare Abgrenzung und die Bitte um Erlaubnis für das, was man öffentlich preisgeben möchte, sind für die Pflege von Quellen unerlässlich.