Selbst in den frühen 2000er-Jahren waren die Nachrichtenmedien noch »Gatekeeper«, als ihr Publikum sich auf die Fähigkeiten der Reporter und die Erfahrung der Nachrichtenorganisation verließ, als die Mitarbeiter eines ganzen Redaktionsteams ihre Einschätzungen nach demselben Handbuch trafen. Der Auftrag lautete, die Öffentlichkeit zu schützen; unsere Werte und Grundsätze waren in zahllosen Sitzungen herausgearbeitet und auf Papier festgehalten worden. Gemäß einem dieser Grundsätze hörten sich die Journalisten die verschiedenen Seiten eines Themas an und fassten ihre Erkenntnisse zusammen, um der Öffentlichkeit bei der eigenen Entscheidungsfindung zu helfen. Dieser Pakt war uns heilig.
Es herrschte zudem ein Gleichgewicht zwischen Marktkräften und Verantwortlichkeit. Journalisten und Nachrichtenorganisationen waren für alles, was veröffentlicht und ausgestrahlt wurde, rechtlich verantwortlich – sowohl für die Produktion der Nachrichten als auch, und das ist entscheidend, für die Art und Weise, wie sie verbreitet wurden: wie oft ein Publikum eine Nachricht sah, welche Schlagzeile darüber erschien, wie sensationsheischend die Schrift oder die Bilder wirkten, wie fair und unvoreingenommen die verwendete Sprache war. Zwischen den Geschäftsführern und den Journalisten existierte eine Mauer, die verhinderte, dass diejenigen im Unternehmen, die finanzielle Interessen verfolgten, Einfluss auf die Nachrichten selbst nehmen konnten.
Was die Zuschauer sahen, war, was wir alle sahen. Alle lasen dieselben Artikel, sahen dieselben Fernsehberichte. Wir waren uns über die Fakten einig. Obwohl das visuelle Medium emotionaler war als das gedruckte, gab es ethische Grenzen des Machbaren, im Gegensatz zur Ausgestaltung und den Algorithmen der sozialen Medien heute.
Es ging nicht darum, einen Streit oder einen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen, sondern darum, eine besser informierte Bürgerschaft zu schaffen, die für das Funktionieren einer Demokratie unerlässlich ist. Journalisten waren Teil einer demokratischen Kultur des Zuhörens, der Diskussion und des Kompromisses. Abgesehen von der rechtlichen Verantwortlichkeit, gab es auch eine moralische – nämlich, einen Beitrag zu einer besseren Zukunft zu leisten.
Auch das Verständnis dafür, wie Macht funktioniert, wurde konkreter. Wir wussten, dass alle Regierungen versuchten, diejenigen zu vereinnahmen, die die Wahrheit sagten, und die Narrative zu kontrollieren. In den meisten Demokratien war der Journalismus die vierte Gewalt, die ihre Macht aus dem Willen des Volkes ableitete, dem Wunsch nach Wissen, um sich eine Meinung über das eigene Leben, das eigene Land und die politische Führung zu bilden. Im Gegenzug für diesen Zugang zu den Herzen und Köpfen der Menschen gewährte der Staat den Journalisten Zugang. Im besten Fall ist diese Beziehung ein System gegenseitiger Kontrolle. Im schlimmsten Fall wird der Zugang davon abhängig gemacht, ob ein Journalist die vom Staat gewünschten Geschichten erzählt.
In den meisten Nachrichtenkonzernen herrschte ein interner Kampf zwischen den Geschäftsführern, die auf der richtigen Seite der Macht stehen mussten, und der unabhängigen Redaktionshierarchie, die sich den Menschen verpflichtet fühlen musste. Das war eine weitere gegenseitige Kontrollfunktion.
Nun streiche man all das und ersetze die Nachrichtenorganisationen durch Technologieunternehmen, welche die Rolle des Gatekeepers zum Schutz von Fakten, Wahrheit und Vertrauen weitgehend aufgegeben haben. Diese Unternehmen begrüßen eine Allianz mit der Macht, die ihnen Marktzugang und Wachstum garantiert, weil ihr Anreizsystem auf Macht und Geld beruht. In der Vergangenheit waren die Informationen, die wir alle erhielten, vor den Interessen der Konzerne geschützt. Selbst im Falle einiger Konzernmedien waren Informationen nur in geringem Maße von Eigeninteressen beeinflusst. Bei den heutigen Technologieunternehmen indes sind die Informationen, die man erhält, direkt vom Profitstreben der Konzerne bestimmt.
Dies ist der Wandel, den wir gerade erleben.
Am 20. Januar 2001 wurde Gloria Macapagal Arroyo, eine in den USA ausgebildete Wirtschaftswissenschaftlerin, als vierzehnte Präsidentin der Philippinen vereidigt.
Jeder neue Präsident war eine Reaktion auf den vorherigen gewesen: erst Laissez-faire, dann Kontrolle. Auf die einfache Hausfrau und Heldenwitwe Cory Aquino folgte Fidel Ramos, der ehemalige General, der Marcos gestürzt und dann Aquino erst als Militärchef und später als Verteidigungsminister geholfen hatte, Putschversuche abzuwehren. Auf Ramos folgte Joseph Estrada, ein Filmstar.
Als Estrada mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert wurde, ging das philippinische Volk auf die Straße, um ihn zu stürzen, was manche als zweite People-Power-Bewegung bezeichneten. Aber Estrada war kein Diktator wie Marcos; er war demokratisch gewählt worden und hatte ein Amtsenthebungsverfahren überstanden. Waren die Proteste ein Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit? Wo war die Grenze zwischen der Intelligenz der Masse und der Herrschaft des Pöbels?
Das Militär, das inzwischen zu einem politisierten mächtigen Königsmacher geworden war, ließ Estrada im Stich und unterstützte seine Vizepräsidentin Gloria Arroyo als Präsidentin. Die Proteste katapultierten Arroyo in eine unruhige Präsidentschaft, doch mit diesen Ereignissen begann sich das Vermächtnis der Bürgerrechtsbewegung zu verändern. In einer Live-Schaltung bezeichnete ich das Ganze als »Bastardisierung von People Power«. Arroyo amtierte bis zum Ende von Estradas Präsidentschaft und gewann anschließend selbst die Wahl, sodass sie nahezu ein Jahrzehnt im Amt blieb. Doch sie hinterließ ein Land, das durch die anhaltenden Korruptionsvorwürfe gegen sie erschüttert war. Die Menschen wussten, dass die alten Missstände keineswegs behoben waren.