Kapitel 4
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Die Mission des Journalismus
Ehrlich bleiben
Auf dem Weg zu einem heimlichen Interview mit der Falintil-Guerilla in Osttimor, Anfang 1999. Was von der Telefonzelle aus nach oben zeigt, ist eine Satellitenschüssel. Ich benutzte den Kompass, um eine Sichtlinie für die Übertragung zu finden und Atlanta mitzuteilen, dass unser Fahrzeug bei der Überquerung eines Flusses in einer abgelegenen Gegend liegen geblieben war.
Nach einigen Jahren dieses hektischen Lebens war ich wieder einmal auf einem kurzen Heimaturlaub in Atlanta, als mich mein Chef bei CNN, Eason Jordan, in sein Büro bat. Eason kannte und verstand Asien; unter seiner Führung wurden asiatisch-amerikanische Frauen als Büroleiterinnen eingestellt, angefangen bei mir. Er sagte, er wolle dafür sorgen, dass die Gesichter, die aus Übersee berichteten, die Länder widerspiegelten, aus denen wir sendeten. Einen Großteil dessen, was ich als Journalistin erreicht habe, verdanke ich den Chancen, die er mir bot.
An jenem Tag aber hatte er etwas anderes zu sagen – er stellte mir ein Ultimatum: »Maria, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie sehr lange für Ihre Geschichten brauchen«, begann er. »Ich gebe Ihnen sechs Monate Zeit, und wenn es nicht besser wird, müssen wir Ihren Vertrag neu überdenken.«
Ich war schockiert. Als ich nach Manila zurückkehrte, stellte ich mein Leben um und verlagerte meinen Schwerpunkt weg von Probe und hin zu CNN. Unter anderem aufgrund dieses Gesprächs mit Eason wurde das Büro in Manila innerhalb eines Jahres zum produktivsten CNN-Büro unserer Größe.
Dass ich mit den Fehlern von Facebook anfangs so nachsichtig war, lag unter anderem daran, dass CNN damals noch »Chicken Noodle News« genannt wurde – ein Sender, über den die Veteranen lachten. Erst ein paar Jahre später waren wir weltweit führend im Bereich zuverlässiger und aktueller internationaler Nachrichten. Ich weiß also, was die schnelle Vergrößerung einer Organisation mit sich bringt; jeder hat mal einen Erfolg und mal einen Misserfolg. Mit einem guten Team und einem guten Arbeitsablauf trifft man häufiger, als man danebenschießt. Eine gemeinsame Mission, die von einer starken Führungspersönlichkeit formuliert wird, ist jedoch von entscheidender Bedeutung.
Eason war der Ansicht, dass dieser Erfolg unserem Chef, Ted Turner, zu verdanken sei:
24
»Teds Standpunkt war nie ›Wir müssen so viel Geld wie möglich verdienen‹. Er sorgte sich wirklich um die Welt und betrachtete die Nachrichten als das Beste, was man für den Planeten tun kann.« Ted beschloss, dass kein Ort auf der Welt »fremd« sein solle, also verhängte er gegen jeden, der dieses Wort verwendete, eine Geldstrafe von einem Dollar.
Zudem herrschte in jenen frühen Tagen ein hoher Standard an faktenbasierten, reportageorientierten Nachrichten. Von 1980, als CNN an den Start ging, bis 1996, als die meinungslastigeren Fox News und MSNBC in den Vereinigten Staaten anliefen, hatte CNN keine Konkurrenz durch andere 24-Stunden-Nachrichtensender, vor allem nicht durch solche mit völlig anderen Standards in der Berichterstattung. CNN war seriös und berichtete weltweit.
Etwa drei Wochen nach meinem Gespräch mit Eason bot mir CNN meine erste Story außerhalb der Philippinen an – in Singapur. Die Reise erwies sich als aufschlussreiche Erfahrung. Ich liebte es, Fragen zu stellen, die nach Antworten verlangten, Menschen zu treffen und neue Kulturen und Systeme kennenzulernen. Als unser Büro anfing zu reisen, erweiterte sich mein Aufgabengebiet um Malaysia, Brunei und Indonesien. Ich habe nie einen Auftrag abgelehnt, selbst wenn ich um zwei Uhr morgens einen Anruf bekam, dass ich nach Neu-Delhi fliegen solle. Wir hatten nicht nur die erforderlichen Visa in unseren Pässen, sondern waren auch bereit, in aller Herrgottsfrühe einen Flug zu nehmen. Wenn in Asien etwas passierte, gehörte es zur Standardprozedur, für mein Team Visa für Pakistan, China, Südkorea oder Japan zu beantragen.
Irgendwann im Jahr 1994 beauftragte mich Eason, Nachforschungen darüber anzustellen, was für die Eröffnung eines Büros in Jakarta erforderlich wäre. Den Zahlen nach waren damals China, Indien, die Vereinigten Staaten und Indonesien die bevölkerungsreichsten Länder der Welt. »Warum in aller Welt haben wir kein Büro in der bevölkerungsreichsten muslimischen Nation der Welt?«, fragte er.
Zu diesem Zeitpunkt waren mir zwei Dinge wichtig geworden: der Brückenschlag zwischen den Welten und die Thematisierung nicht-westlicher Kulturen. Ich sah mich selbst als Vermittlerin, als Berichterstatterin für den Westen aus Ländern des globalen Südens. Ich wollte, dass sich beide Kulturen in den Geschichten wiederfanden: die Protagonisten meiner Beiträge und mein Publikum (die Kluft ist oft groß). Es war nicht meine Aufgabe, über Menschen, Ereignisse oder Bräuche zu urteilen; das wäre anmaßend gewesen. Nur wenn man den Kontext kennt und das Verhalten einer Gesellschaft oder eines Volkes im Laufe der Zeit beobachtet, ist man in der Lage zu beurteilen, was geschieht.
Die internationalen Medien wurden von einer definitiv westlichen Perspektive beherrscht.