Wir haben leider in der Gesellschaft einen sehr großen Anteil an Menschen, die nicht investiert sind. Ein häufiger Grund den man da hört ist: „Ich habe ja kein Geld“, „Das sind sowieso alles Verbrecher!“, „Ich will nicht zum Großkapital gehören!“. Unterm Strich also jener Teil der Gesellschaft mit dem man eigentlich gar nicht diskutieren muss, weil es sowieso keinen Sinn mehr ergibt und eine Diskussion nahezu sicher veremotionalisiert wird.
Ein weiterer häufiger Grund den ich höre ist, dass man schlichtweg zu wenig Wissen zum Investieren hat. Ein Sachverhalt der sicherlich sehr häufig stimmt und gleichzeitig eben doch vom Mindset her völlig falsch ist. Gerade ich kann diesen Punkt sehr gut nachvollziehen, weil ich ihn selbst Jahrelang mit mir selbst herum getragen habe. Zeit also sich damit einmal zu befassen.
Meine These ist nämlich das es nicht besonders viel Wissen benötigt und die Branche sich zumeist wesentlich komplexer darstellt als sie es eigentlich ist. Da gibt es z.B. die Charttechniker. Diese treten dann im Fernsehen als die Meteorologen der Börse auf, zeichnen überall merkwürdige Linien ein und kreisen irgendwie vor dem Bluescreen hin. Natürlich wirkt dies verstöhrend, aber eben nicht wegen des Wissens.
Den ein Chart sagt nichts über die Zukunft aus, sondern über die Vergangenheit. Ob die Linie von dem zufällig gewählten Punkt auch wirklich so weiter geht, dass wissen aber eben nur die Götter. Und natürlich gibt es psychologische Grenzen, die Interessant sind. Vorwiegend aber weil man begriffen haben muss, dass so viele Leute an sie glauben und sie damit eine selbsterfüllende Prophezeiung werden.
Gleiches gilt auch für die Fundamentalisten (zu denen ich mich zähle), die gerne in Bilanzen herumwühlen und sich allerlei Kennzahlen dort rausholen um die Unternehmen zu vergleichen. Das kann mitunter sehr viel Spaß machen, ist aber für das Investieren auch nicht wirklich notwendig, da auch dies immer nur etwas über die Vergangenheit aussagt.
Die Zahlen können sich natürlich durch Ereignisse komplett ändern. Ein Nintendo stellte mal Spielkarten her und ist jetzt ein internationaler Unterhaltungskonzern. Ein Nokio war mal ein Weltführer für Handys und ist nun… naja… nicht mehr so ganz on top. Auch hier braucht man als Einsteiger also nicht gleich ganze Bücher verschlingen und viel rechnen.
Viele Neulinge haben furchtbare Angst ihr Geld zu verlieren. Das ist verständlich, da jeder von uns der sein Vermögen von Grund auf an selbst aufgebaut hat ganz genau weiß wieviel Fleiß und Preis hinter jedem Euro steckte. Natürlich ist es ein Alptraum wenn man nun davon mal eben 50% verliert.
Hier muss man nur verstehen, dass eben der Kurs nicht der Wert des Unternehmens ist. Als im Corona-Crash die Aktien nach Süden rauschten habe ich keinen Euro verloren, sondern Liquidität. Hätte ich das Geld wirklich zu dem Zeitpunkt gebraucht, wäre es ein Tränenmeer geworden. Brauchte ich aber nicht. Somit konnte ich die Krise aussitzen und stehe nun besser da als zuvor.
Als Arbeitnehmer muss man begreifen, dass ein Aktiendepot eben nur den aktuellen Wert darstellt und nicht wie ein Bankkonto funktioniert bei dem man täglich drauf guckt und sich ausrechnen kann, was man damit kaufen kann. Dies muss man wirklich lernen, allerdings ist dies einfach eine Sache des Mindsets und nicht etwas, dass man wirklich nur mit Genialität erfassen kann.
Aber was wenn man nicht weiß, woher man ein Depot bekommt und die ganzen Steuern? Nun ein neues Depot kann man in 15 Minuten einrichten und ist nicht wesentlich komplizierter als ein Girokonto einzurichten. Das haben die meisten Leute auch geschafft.
Was die Steuern angeht sind Kapitalerträge (bisher zumindest) recht simple. Achtet man etwas darauf was man holt, bekommt man am Ende eine Aufstellung, überträgt die Zeilen in die Steuererklärung und ist dann eigentlich bereits fertig. Natürlich gibt es hier auch immer Ausnahmen, wer aber nur Aktien oder ETFs mit Standort EU kauft, wird überrascht sein, wie steuereinfach dies sein kann.
Wir fassen zusammen, dass man um an der Börse aktiv zu sein, nur sehr wenig Wissen wirklich braucht. Das was man wirklich benötigt und im Laufe der Zeit dringend aneignen sollte, dass ist Erfahrung. Und ich behaupte, dass jemand durchaus 20 Jahre lang Wirtschaft studieren kann und alle Bücher zu dem Thema verschlingen kann und trotzdem ein sehr lausiger Investor sein würde.
Man denke nur mal an einen Sportler, der die ganze Zeit nur die Theorie wälzt. Er mag ein Genie auf dem Gebiet sein und viele Thesen aufstellen können, würde vermutlich aber gegen jeden 0815-Freizeitsportler sofort verlieren.
Genauso verhält es sich auch an der Börse. Hier bekommt man nur dann Zugang, wenn man auch wirklich „Skin in the Game“ hat und wirklich investiert ist. Nur durch Einsatz, gewinnt man Erfahrung, die einen helfen besser zu werden. Es ist daher eine schlechte Idee mit dem 100k-Erbe direkt in die Börse zu springen und wird sicherlich zu herben Verlusten führen.
Aber einfach mal ein paar Tausend Euro auf einem ETF zu schieben, kann Sinn machen. Man muss nichts über die Unternehmen wissen, da man breit im Markt rein geht. Gleichzeitig kann man einmal am Ende des Jahres sehen wie es eigentlich mit der Steuer so abläuft. Man lernt das Depot einzurichten und damit umzugehen. Man hat die Möglichkeit zu sehen, wie man Emotional mit Verlusten und Gewinnen umgehen kann.
Wenn ich Neulingen einen solchen Rat gebe, sind sie oft irritiert. Man soll nur anfangen mit etwas Geld und dann ein Jahr lang mal nur beobachten? Ja, absolut! Und wenn man nicht ein wenig Geld auf der hohen Kante hat? Na, dann nimmt man eben Sparpläne.
Auch ein Bergsteiger fängt nicht gleich mit dem Mt. Everest an, sondern sucht sich etwas in seiner Größenordnung. Trotzdem lernt man dabei etwas und über seine Ausrüstung. Natürlich kann es Sinn machen sich theoretisch zu belesen, aber man muss auch den Absprung in die Praxis schaffen.
Meine Erfahrung zeigt, dass die meisten Leute nach einem Jahr durchaus sehr viel gelernt haben und meist dann auch selbstständig wissen in welche Bereiche sie sich noch mehr Wissen aneignen können. Ja selbst wenn man einen Fehler gemacht hat, kann man daraus sehr viel lernen. Alleine schon, weil man plötzlich merkt, wo man auch noch Defizite hat.
Plötzlich merken sie eben doch, dass man auch andere ETFs mal ansehen sollte oder gehen auch mal eine Einzelwette auf eine Aktie ein. Wichtig ist, dass man Erfahrungen sammelt. Das Wissen in diesem Themenkomplex das man wirklich dafür benötigt sollte eigentlich jeder mündige Bürger aufbringen können, wenn er sich ein wenig damit befasst.