Maria Hetzer hat schon unzähligen Kindern aus Belarus eine dringend nötige Sommerfrische in Österreich ermöglicht. Foto: Zur Verfügung gestellt.
Über die 1000 Gesichter
Inspiration hat viele Facetten und noch mehr Gesichter: Künstler, aber auch Lehrer, Trainer, Eltern, Großeltern, Freunde, Nachbarn, Freiwillige inspirieren uns im Alltag, unser Leben und unsere Handlungen zu überdenken und die großen und kleinen Dinge des Lebens anzupacken. Wir alle leben von Inspiration. Wir tragen sie in uns. In meiner Reihe „Die 1000 Gesichter der Inspiration“ möchte ich euch Menschen vorstellen, die mich inspirieren – in der Hoffnung, dass sie mit euch dasselbe tun. Viel Spaß beim Lesen und beim Sich-Inspirieren-Lassen!
Kindern neue Perspektiven ermöglichen
Maria Hetzer, diplomierte Sozialarbeiterin, engagiert sich dafür, dass Kinder aus den durch den SuperGAU in Tschernobyl verstrahlten Gebieten in Belarus drei unbeschwerte Wochen österreichweit in Gastfamilien verbringen können. Über ihre Beweggründe, sich so unermüdlich für dieses Projekt einzusetzen und über ihre Eindrücke aus Belarus, wo sie sich bis zu fünf Mal im Jahr aufhält, erzählte sie mir für euch in diesem Interview.
Steckbrief
Name: Maria Hetzer
Jahrgang: 1959
Beruf: Projektleiterin, Dipl. Sozialarbeiterin
Land: (Nieder-)Österreich
Neue Möglichkeiten und Erholung für das Immunsystem
Zuerst einmal danke, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Sie organisieren jedes Jahr eine Sommerfrische für belarussische Kinder, die aus der Gegend rund um das ukrainische Tschernobyl stammen. Wie hat sich das ergeben?
Ich habe dieses Projekt nicht erfunden, sondern habe Kontakte übernommen, die vor 25 Jahren zwischen dem Land Niederösterreich und der damals ganz jungen selbständigen Republik Belarus bestanden haben. Ein niederösterreichischer Verein, der damals bestand und vor allem wirtschaftliche und kulturelle Kontakte zwischen Niederösterreich und Belarus ermöglichte, begann nach der Katastrophe von Tschernobyl damit, Erholungsaufenthalte für Kinder aus der Republik Belarus in Niederösterreich zu organisieren.
Die Kontakte zwischen Niederösterreich und der früheren belarussischen Teilrepublik der Sowjetunion veränderten sich nach der Auflösung der Sowjetunion. Der Obmann des niederösterreichischen Vereines, ein sehr hoher Landesbeamter, ging in Pension und wollte, dass die bestehenden Kontakte weiter bestehen bleiben und weiter gepflegt werden. Ich habe nicht den gesamten Verein übernommen, sondern mich nur bereit erklärt, die Kindererholungsaktion weiterzuführen. Der frühere Verein wurde aufgelöst. Das war im Jahre 1993. Seit damals engagiere ich mich mit Leib und Seele für diese Kindererholungsaktion, habe sie auf- und ausgebaut, immer wieder verändert und den Erfordernissen der jeweiligen personellen, politischen, und wirtschaftlichen Situation angepasst.
Die Katastrophe von Tschernobyl ist ja nun schon 32 Jahre her. Die Kinder waren damals noch nicht auf der Welt. Inwiefern ist dieses Projekt trotzdem wichtig?
Die Folgen dieser Katastrophe wirken in manchen Bereichen nach wie vor so wie damals. Manche Arten der Strahlung sind mittlerweile nicht mehr wirksam, andere aber schon. Daher ist es nach wie vor wichtig, vor allem Kinder, die in davon betroffenen Gebieten leben, zumindest für eine gewisse Zeit aus diesen Zonen zur Erholung heraus zu holen, damit ihr Immunsystem sich erholen kann. Es ist medizinisch messbar und nachweisbar, in welchem Ausmaß der Körper durch einen mehrwöchigen Aufenthalt im Ausland von Radionukliden gereinigt wird.
Welchen Herausforderungen stehen Sie gegenüber bei diesem Projekt?
Die größte Herausforderung ist es, mit dem in Belarus herrschenden System eine Art der Zusammenarbeit zu finden, die möglichst viel Hilfe ermöglicht, gleichzeitig aber möglichst wenig Zugeständnisse von meiner Seite nötig macht; es ist eine ständige Gratwanderung zwischen zwei Welten.
Was waren die schönsten Momente bislang?
Sehr schöne Momente sind immer dort, vor Ort, in Belarus, wenn die Mütter, Väter, Großmütter und alle Verwandten sich mit Tränen in den Augen bedanken für einen Aufenthalt ihres Kindes in Österreich. Oder auch, wenn frühere Gastkinder, die inzwischen erwachsen geworden sind, sich selbst bei mir bedanken und erzählen, welche Möglichkeiten sie dadurch erlangen konnten. Als Kind konnten sie natürlich nicht verstehen, was da passiert war, als Erwachsene dann aber sehr gut. Die schönsten Momente sind es für mich, wenn Dank zurückkommt, auch wenn das erst nach vielen Jahren passiert.
Nicht nur das Leben in den Gastfamilien, sondern auch die Gemeinschaft ist für die Kinder ein wichtiges Erlebnis. Foto: Zur Verfügung gestellt
Die Kommunikation ist ja oft begrenzt, weil die wenigsten österreichischen Gasteltern russisch oder belarussisch sprechen. Was erzählen die Gasteltern, inwiefern hat der Besuch ihr Leben verändert?
Die Gastfamilien erzählen mir vor allem, dass es ihren eigenen Kindern sehr gut tut zu erfahren, dass nicht alle Kinder im selben Wohlstand aufwachsen wie bei uns. Vor allem die belarussischen Kinder, die aus kleinen, entlegenen Dörfern kommen, sind sehr bescheiden und dankbar für Dinge, die bei uns oft selbstverständlich sind. Für die Gastfamilien selbst ändert sich meist nicht viel, denn sie haben schon bei der Anmeldung eine bestimmte Lebenseinstellung, die es möglich macht, ein Kind oder zwei bei sich in der Familie aufzunehmen wie ein eigenes Kind. Das sind von Vornherein ausgesuchte Familien mit besonders hohem sozialen Engagement.
Sie organisieren ja auch einen Gegenbesuch der Gasteltern in Belarus. Nehmen das viele Gasteltern in Anspruch und wie erleben sie diese Reise?
Es ist nur ein kleiner Teil der Gastfamilien, der mit mir nach Belarus kommt. In den letzten Jahren bestand meine Delegation aus ca. 20-25 Personen. Alle Teilnehmer sind immer sehr beeindruckt von der Gastfreundschaft in Belarus, alle sind auch fast überrascht über die positive Einstellung der Leute, über die Schönheit des Landes, auch der Hauptstadt Minsk, weil bei uns leider so gut wie nie Positives über Belarus zu sehen oder zu hören ist. Belarus hat sich in den letzten 20 Jahren sehr zum Positiven verändert. Ich bin pro Jahr zwei bis fünf Mal in Minsk und in den Dörfern und kann das selbst beobachten. Die Medienberichte über Belarus sind bei uns leider immer negativ, oft nicht richtig und erzeugen ein falsches Bild.
Was waren Ihre Eindrücke von Ihrer ersten Reise nach Belarus?
Ich habe bei meinem ersten Besuch in Belarus nur die Hauptstadt Minsk gesehen. Damals war ich nicht in den Dörfern. Wenn man aber nur Minsk gesehen hat, dann kann man nicht sagen, man hat Belarus kennengelernt. Das stimmt erst dann, wenn man auch in den Dörfern, weit weg von Minsk gewesen ist. Denn der Unterschied zwischen Minsk und dem Landleben ist riesengroß. In manchen Bereichen beträgt der Unterschied einige Jahrzehnte. Aber das gilt nicht für alle Bereiche: Zum Beispiel haben alle jungen Leute, auch jene am Land, ein Mobiltelefon - ein billiges aus China. Das kleine Stück Privatland wird aber nach wie vor mit dem Pferd bearbeitet. Das größte Statussymbol in den Dörfern ist ein Flachbildfernsehgerät, auch wenn es gleichzeitig kein Fließwasser und kein WC im Haus gibt, sondern nur ein Plumpsklo im Garten.
Ich habe mich in Belarus immer sehr wohl gefühlt, weil es mich gerade in den Dörfern in eine Welt bringt, die mich zurück versetzt in meine früheste Kindheit. Minsk aber war und ist eine Metropole wie viele andere (mitteleuropäischen) Hauptstädte auch.
Aus der Familie Urvertrauen, Kraft und Möglichkeiten schöpfen
Bitte vervollständigen Sie diese sieben Sätze spontan.
- Belarus ist… im Lauf der letzten 25 Jahre zu meiner zweiten Heimat geworden. Ich fühle mich dort sehr wohl und habe viele Freunde dort.
- Österreich ist… mein Heimatland.
- Gastfamilien sind… ganz besondere Familien, die alle etwas gemeinsam haben – das ist nicht unbedingt materieller Wohlstand, aber ein großes, gutes Herz, eine besonders soziale Einstellung.
- Liebe ist… eine unbeschreibliche, unendliche, positive Macht, die Unmögliches möglich macht, Unlösbares lösen kann, zu ungeahnten Kräften führt.
- Familie ist… ein Ort der Geborgenheit, aus dem man Urvertrauen, Kraft und seine Möglichkeiten schöpfen kann. Eine liebevolle Familie in der Kindheit und Jugend gibt Kraft und Energie für ein ganzes Leben.
- Ich liebe was ich tue, weil… ich meine Möglichkeiten und Talente ausschöpfen kann zum Wohle der betroffenen Kinder und deren Familien.
- Meine goldene Regel ist… Bleibe immer du selbst! Höre immer auf deine eigene innere Stimme!
Danke für das Interview!
Sponsor_innen und Gastfamilien gesucht!
- Du möchtest dieses Projekt unterstützen? Frau Hetzer sucht noch nach Gastfamilien - aber auch nach Leuten, die die Reise der Kinder finanziell unterstützen möchten. Jeder Euro zählt! Mehr Informationen findest du auf der Website des Projekts: www.belarus-kinder.net
- Achtung - es gelten geänderte Fristen für all jene, die gerne noch ein Kind bei sich aufnehmen möchten:
Für den 1. Termin bis 5. Juni 2018
Für den 2. Termin bis 20 Juni 2018
Für den 3. Termin bis 2. Juli 2018
Die belarusischen Kinder freuen sich auf eine Sommerfrische in Österreich, die ihr ihre Eltern niemals ermöglichen könnten. Foto: Zur Verfügung gestellt