In dem Buch "Bluff" von Manfred Lütz geht es um Lebenslügen, denen wir Menschen gerne und oft erliegen. Wir halten diese Welten für Wahrheiten, dabei sind sie aber laut dem Autor nicht die eigentliche Wirklichkeit.
In seinem Hauptberuf als Psychiater und Psychotherapeut muss er täglich die Menschen aus ihren selbstgebauten Gefängnissen befreien.
Aber auch wir "Normalen" haben uns von dieser eigentlichen Wirklichkeit oftmals weit entfernt. Umso härter werden wir dann "ent-täuscht", wenn dann diese Blasen platzen.
Welt-Konstrukte
Der Autor nimmt sich viele dieser Welt-Konstrukte vor und zerlegt sie genüsslich. Auch ich persönlich durfte Federn lassen, nämlich als es um die Wissenschaft ging.
Wissenschaft bezeichnet im Kern die Analyse von Phänomenen. Daraus werden wiederholbare Gesetzmäßigkeiten abgeleitet. Bei den essentiellen Lebensfragen versagt diese Methodik. Den Sinn des Lebens kann die Wissenschaft nicht beantworten.
(Die Wissenschaft erklärt die Vokabeln des Universums, aber nicht deren Grammatik - Harald Lesch).
Und versucht sie es doch, verlässt sie ihren Kompetenzbereich und driftet in eine Ideologie ab.
Einer der Glaubenssätze der Wissenschaftsideologie lautet:
"Das Bewusstsein ist nichts anderes als ein Zusammenspiel der Neuronen."
Dieser Satz ist u.a. aus folgenden Gründen falsch:
- Das Bewusstsein hat sehr wohl andere Aspekte als nur die physikalischen, chemischen oder biologischen. Z. B. dass ein Mensch fühlt ist ebenso eine Wahrheit, die aber mit dem genannten Glaubenssatz außen vor gelassen wird.
- Das Bewusstsein ist sicherlich (zumindest in der uns wahrnehmbaren Welt) an das Gehirn gekoppelt, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass das Gehirn das Bewusstsein auch erzeugt. Andere (mystische, religiöse) Theorien sind genauso gültig, bis eine von ihnen bewiesen oder widerlegt ist. Und selbst wenn das Gehirn das Bewusstsein auch erzeugen würde, gäbe es immer noch Unterschiede zwischen dem Gehirn (als Maschine) und dem Bewusstsein (als fühlender Geist). Das Bewusstsein bleibt also (vorerst) ein Geheimnis. Gute Wissenschaftler erkennen auch ihre Grenzen und würden daher diesen Glaubenssatz nicht formulieren.
"Nichts anderes als ..."
Immer dann, wenn jemand formuliert: "Das ist (letztendlich) nichts anderes als …" lügt er. Denn die Welten bestehen immer aus verschiedenen Aspekten. Eine solche Aussage ist Teil einer Ideologie und verbietet das Andersdenken.
Ich habe versucht, das Buch mit einem Bild darzustellen.
Es zeigt die Welten, in denen wir Menschen uns gerne verstricken und behaupten, dass dies die Wirklichkeit sei.
Es gibt natürlich Interdependenzen. Wer z.B. in unserer westlichen Kultur wirtschaftlich versagt, dem kann es dann auch im "wirklichen Leben" kalt und hungrig werden.
Schwachpunkte:
Wie wirklich ist diese eigentliche Wirklichkeit?
Nun der Tod ist sicherlich nicht wegzudiskutieren. Aber er betrifft auch nur die Individuen und deren Angehörigen und ich lebe derzeit. Das ist auch (zum Zeitpunkt des Schreibens) wahr. Und wenn jemand gerade weder tot, krank noch verliebt ist, sondern kurz davor seinen Job zu verlieren, dann ist das Thema eben auch eine Realität.
Die Welt von Manfred Lütz ist auf das Individuum bezogen. Aber wir leben nun mal auch in Systemwelten, die man zwar ändern kann, aber es oftmals nicht tut. Da kann man noch so Atheist sein, wenn die Umgebung aus Inquisitoren besteht, landet man auf dem Scheiterhaufen.
Fazit
Im Kern geht es Manfred Lütz darum, dass wir erkennen, dass diese aufgelisteten Welten letztendlich künstlich sind. Ob Karriere, Fußball, Weihnachten, Religionen, Konsumismus,… all das kann uns zu 100% gefangen nehmen. Wir schaffen es oft dann aus eigener Kraft nicht mehr, andere Wahrheiten zu sehen. Und das ist gefährlich für das Individuum (es wird krank oder leidet unnötig) oder im Extremfall für die Gesellschaft (z.B. Impfverweigerer oder radikale Terroristen). Derjenige, der das frühzeitig erkennt hat Vorteile und kann rechtzeitig abspringen.
Das Buch ist humorvoll geschrieben und eine Horizonterweiterung für die meisten von uns. Mir hat das Lesen jedenfalls Spaß gemacht und ich kann das Buch mit 5 von 5 Sternen nur weiter empfehlen.
Achim Mertens